Splitterbrötchen(CXXVII)

Weihnachten wird unterschätzt.

Kurz vor den Feiertagen wurde im Büro eine neue Türklingel – unter anderem mit Farbmonitor – installiert. Abschließend überreichte mir der Handwerker ein Handbuch, dass mir die Benutzung der neuen Türklingel erklärt. Handbücher für Türklingeln – der Preis des Fortschritts kommt mir manchmal ziemlich hoch vor.

Erkenntnis beim Kofferpacken: Knüllen ist das neue Falten.

Weihnachten wird überschätzt.

Splitterbrötchen (CXXVI)

Berufserfahrung: Nach über 30 Jahren Theater erkenne ich eine Intrige ca. eine Woche, bevor sie dem Intriganten einfällt.

Wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, kann ich sehr schlagfertig sein.

Laut Fa. Tchibo hat Christian Rach einen „interaktiven Toaster“. Nuja, Erfolg macht einsam. Wird wohl nötig sein.

Al Banos Weihnachten

Vor zwei oder drei Jahren las ich in irgendeinem vorweihnachtlichen Wartezimmer in irgendeiner seriösen Gesellschaftszeitschrift („Die Grüne Frau“ o.ä.), dass dem „italienischen Troubadour“ Al Bano   ein trauriges Weihnachtsfest bevorstünde: Statt im Familien- oder Freundeskreis zu feiern, würde der Star sich in die Kapelle auf seinem Weingut begeben, um dort bittere Tränen der Einsamkeit zu vergießen.
Dieser Artikel hat mein Leben und meine Einstellung gegenüber dem Weihnachtsfest grundlegend verändert. Assoziierte ich früher mit diesem Fest lecker Plätzchen, Gänsebraten und geschmückte Tannenbäume, denke ich jetzt unwillkürlich an leicht rundliche Italo-Popper, die in zugigen Kapellen vor sich hinschniefen. Fragt mich jemand „Was macht ihr denn zu Weihnachten?“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen: „Wir machen uns selbstverständlich Sorgen um Al Bano!“. Und jüngst habe ich mich sogar bei dem Gedanken ertappt, bei iTunes irgendeinen Al-Bano-Titel herunterzuladen, um dem Künstler mein Mitgefühl zu signalisieren.
Nicht nur aus finanziellen Gründen habe ich dann aber doch beschlossen, das Problem auf eine andere Weise anzugehen. Nachdem ich mehrfach aus dem erweiterten Bekanntenkreis von einem Mangel an „frischen, modernen Weihnachtsgedichten“ erfahren habe, habe ich kurzerhand selbst eins geschrieben und den verständlichen Weltschmerz Al Banos in den Mittelpunkt gestellt, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen und einen besinnlichen Kontrapunkt zum Weihnachtskommerz zu schaffen.
Ursprünglich wollte ich das Gedicht zum Heiligabend veröffentlichen, habe mich aber entschlossen, es jetzt schon der Öffentlichkeit zu übergeben, damit die Kinder, die es vor dem Weihnachtsbaum aufsagen möchten, genügend Zeit zum Auswendiglernen haben.

Al Banos Weihnachten

Wenn Weihnachtstrubel tobt in allen Gassen,
Mag einer nicht das Kirchenschiff verlassen.
Al Bano ist’s, der einsam wacht,
In dieser trauten, heiligen Nacht.
Er schaut bestürzt aufs Weltgeschehen,
Glaubt kaum, was seine Augen sehen,
Die Träne quillt aufs Seidenhemd,
Wie ist ihm diese Welt so fremd.

Wie kann ein Held mit zahlreichen Pokalen
Nur Stammgast sein in Bumslokalen?
Wie kommt ein Mann wie Tiger Woods
In diesen ganzen Porno-Schmutz?
Für Frau und Kinder, die bedröppelt gucken,
Genügte ihm ein Schulterzucken:
Der Tiger ist am mächtigsten allein!
Doch wo locht er am Heiligabend ein?

Auch bei den Kastelruther Spatzen
Hört Bano Weihnachtsträume platzen.
Trompeten-Walter weiß genau:
Ein Spanier klaute meine Frau!
Statt sattem Glühweinkorken-Knallen
Hört Al das Trübsal aus der Tröte schallen.
Die Frau beim Spanier ruft „Olé“!
Spatz Walter tut die Seele weh.

Wo sonst Schneeflocken leise rieseln
Sieht Al Jens Lehmann an die Bande pieseln,
Pam Anderson macht einen Dschinn,
Herr Ackermann Rekordgewinn.
Al Bano sitzt allein in der Kapelle,
Verdrückt ein Tränchen auf die Schnelle.
Er kennt sich nicht mehr ein und aus,
Die Welt, sie ist ein Irrenhaus!

Splitterbrötchen (CXXV)

Mehrheit und Mittelmaß fangen beide mit „M“ an.

Tiger Woods will auf Golf verzichten, um sein Familienleben zu retten. Wäre der Verzicht auf Cocktail-Kellnerinnen nicht wesentlich sinnvoller?

Eine Abstimmung löst kein Problem, sie reduziert es lediglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Die Erkenntnis, dass man sich nur weiterentwickeln kann, wenn man sich gelegentlich überfordert fühlt, sollte eine Binsenweisheit sein.   Da muss man nicht viele Worte drüber machen.

Eine Gruppe kann allenfalls über die Beliebtheit eines Einzelnen entscheiden, niemals über seine Eignung.

Splitterbrötchen (CXXIV)

Mann der Woche ist Tiger Woods. Ich wusste gar nicht, was für eine aufregende Sportart er betreibt.

Den Beruf der Woche ist „Cocktailkellnerin“. Wenn man es in dieser rasant fortschreitenden Welt zu etwas bringen will, muss man sich spezialisieren.

Die Formulierung der Woche gelang der BILD, in dem sie den Mann der Woche als „Schniedel“ Woods bezeichnete.

Und die Innovation der Woche erfand Mrs. Woods bzw. ihre Anwälte: Sich im Ehevertrag eine „Bleibeprämie“ auszubedingen ist im wahrsten Sinne des Wortes herzallerliebst.

Was erlaube Koch?

Nu regen sich alle auf, dass es dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch gelungen ist, den Vertrag von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender nicht verlängern zu lassen. „Berlusconi! Berlusconi!“ schreit jetzt sogar Spiegel Online, und tut dem biederen Koch zuviel der Unehre an: An Silvios riesigen Unterhaltungswert (Mädels, Medien und Moneten) reicht der nun bei weitem nicht heran.
Was mich jedoch nachhaltig irritiert: Wieso kann es sich in Deutschland ein hochrangiger Politiker erlauben, einen bekannten Journalisten derart lange, ausdauernd und sehr, sehr öffentlich anzugehen? Hätte während der langen Monate, in denen Koch Brenders Abgang betrieben hat, ein Berater oder Kochs eigene, innere Stimme ihm nicht sagen müssen: „Momentchen mal, Roland! Du legst dich hier mit einem bekannten Journalisten an. Wenn du so weitermachst, stürzen sich Brenders Kollegen wie die Hornissen auf dich. Die fangen an zu recherchieren, die lesen die Akten, die nehmen deine ganze Karriere unter die Lupe, drehen jedes Steinchen um, das du am Wegesrand liegen gelassen hast… und irgendwas werden sie schon finden. Wenn du auf diese Weise an Brenders Stuhl sägst, sägst du an deinem eigenen.“
Was hat Kochs innere Stimme ihm wohl geantwortet: „Lass sie ruhig recherchieren, ich bin zwar seit dreißig Jahren in der Politik, bin aber immer ehrlich und anständig geblieben, und so oft ich meinen Mund geöffnet habe, eine Lüge ist ihm nie entwichen?“ oder „Sowas wie Solidarität oder Ehre bei Journalisten? Während einer galoppierenden Medienkrise, in der jeder um seinen Job fürchtet? Mach dich nicht lächerlich. Rückgrat findet man an vielen Orten, aber nicht in einer Redaktion. Und außerdem: wer von diesen Schreibern der traurigen Gestalt hierzulande kann denn wirklich investigativ arbeiten? Die, dies konnten, sind tot, die, dies können, machen den Sport oder die Klatschspalten.“
Ist der deutsche Journalismus wirklich so harmlos, wie Roland Koch ganz offensichtlich denkt? In einem halben Jahr werden wir es wissen. Wenn Koch dann noch im Amt ist.