Splitterbrötchen (DLXIX)

Seine Art zu kochen – einfach, geradlinig, mit den besten Produkten der Region, bei aller Finesse immer auch bodenständig – hat meine Ansicht über gutes Essen nachhaltig geprägt, ein vergleichbarer Einfluss war nur Wolfram Siebeck. Bocuses „Cuisine du Marché“ ist seit 40 Jahren mein Grundkochbuch, das ich immer aufschlage, wenn ich mich über ein Produkt, ein Gericht oder die Grundlagen einer Zubereitung schlau machen will. Seine Fernsehserie habe ich geliebt, von der ersten Folge an. Da stellte er seinen damaligen Chefkoch – wenn ich mich recht entsinne –  so vor (sinngemäß zitiert): „Das ist Jacques, mein Chefkoch in meinem Restaurant. Schauen Sie auf den Kragen seiner Kochjacke, da sehen Sie die Tricolore. Die dürfen nur Köche tragen, die die Auszeichnung ‚meilleur ouvrier de France‘ erhalten haben, und die bekommen nur absolute Meister ihres Fachs, Spitzenköche, die zur Elite dieses Berufsstands gehören. Und jetzt schneid mir mal die Zwiebeln klein, Jacques!“

In Sachen Bocuse-Nachrufe hat sich Wolfram Siebeck als Hellseher erwiesen: „Paul Bocuse hat große Verdienste, für die Entwicklung der Grande Cuisine im Allgemeinen und für die französische Gastronomie im Besonderen. Bloß mit der Nouvelle Cuisine hatte er nie etwas am Hut.
Zufälligerweise aber wurde er zur selben Zeit berühmt, als vor den Augen der Gourmets die Nouvelle Cuisine erschien…
Diese Entwicklung, welche einer Revolution gleichkam, wurde in Deutschland mit Paul Bocuse verknüpft, weil niemand von den damaligen Journalisten je bei Bocuse gegessen hatte. Und von Stund an schrieben sie alle voneinander ab, und ich bin sicher, dass noch in seinen Nachrufen (mögen sie noch lange auf sich warten lassen!) vom Erfinder der Nouvelle Cuisine die Rede sein wird.“

Die Schlagzeile der Woche hat Peter Glaser auf Facebook gepostet: „Frau in Sumo-Ringer-Kostüm attackiert ihren Ex-Freund in einer Schwulen-Bar, nachdem Sie einem als Snickers-Riegel verkleideten Mann zugewunken hat“

Zum nächsten Toten:

Peter Wyngarde ist ebenfalls gestorben. Anfang der 70er Jahre war er als Hauptdarsteller der Serien „Departement S“ und „Jason King“ ein Superstar, für mich ist er nach wie vor ein außergewöhnlicher Schauspieler. Ich habe ihn – das muss 73 oder 74 gewesen sein – in London auf der Bühne gesehen, als König von Siam in „The King and I“. Wenn ich mich recht entsinne, hat er die Rolle sehr außergewöhnlich interpretiert, im besten Sinne flamboyant. Wie man diesem Nachruf entnehmen kann, war Wyngarde ein außergewöhnlich mutiger Mann. Dass seine Karriere beendet war, als seine Homosexualität öffentlich gemacht wurde, ist eine Schande.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war eine selbstgeklöppelte Fischsuppe mit Aioli nach meinem Standardrezept. So fotogen ist sie mir allerdings vorher noch nie gelungen.

Die Idiotie der Woche las ich im Tagesspiegel: „Nach Belästigungsvorwürfen gegen den US-amerikanischen Modefotografen Bruce Weber haben die Hamburger Deichtorhallen eine für den Herbst geplante Ausstellung abgesagt. ‚Solange die Vorwürfe nicht geklärt sind, kann man so eine Ausstellung nicht machen‘, sagte Pressesprecherin Angelika Leu-Barthel. Intendant Dirk Luckow ergänzte: ‚Jetzt müssen wir abwarten, was an den Vorwürfen dran ist.‘ Weber habe ihm gegenüber seine Unschuld beteuert. ‚An einer Vorverurteilung des Künstlers wollen wir uns nicht beteiligen.'“
Wie meinen? Die Absage einer großen Ausstellung ist KEINE Vorverurteilung?

Was sich all die Menschen auch nicht klar machen, die die Unschuldsvermutung fröhlich in den Wind schlagen und solche Urteile auf bloße Anschuldigungen hin fällen: Wie intrigant und skrupellos Künstler (insbesondere solche mit kleinerer Begabung) sein können.  Wenn das so weitergeht, kommt RICHTIG was auf uns zu. Salieri, anyone?

 

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