Diebchen mit Schmandsauce

Für die Diebchen (4 Portionen) benötigen Sie: 750g rohe Kartoffeln, 750g gekochte Pellkartoffeln, 3-4 Eier, 1 Tasse Mehl, 300g Ahle Worscht, ¼ l Milch, Salz, Pfeffer, Muskat, evtl. Majoran. Die Schmandsauce (ebenfalls 4 Portionen) bereiten Sie aus 250g geräuchertem, durchwachsenem Speck, 2-3mittelgroßen Zwiebeln und ¾ l Schmand zu. Die Diebchen: Rohe Kartoffeln schälen, reiben und gut ausdrücken (Schweinearbeit). Pellkartoffeln ebenfalls reiben und mit den roh geriebenen Kartoffeln, dem Mehl, der Milch, den Eiern, Pfeffer, Salz, Muskat und evtl. Majoran zu einem festen Kloßteig verarbeiten. Ahle Worscht würfeln. Klöße formen, dabei in die Mitte jedes Kloßes zwei bis drei bis vier Wurstwürfelchen geben. In kochendes Salzwasser werfen und ohne zu kochen gar ziehen lassen (ca. 20 Minuten, die Diebchen sind gar, wenn sie oben schwimmen). Währenddessen würfeln Sie den Speck und die Zwiebeln für die Schmandsauce, lassen den Speck in einer Pfanne aus, geben die Zwiebeln dazu und lassen Sie bei mittlerer Hitze garen bzw. leicht bräunen. Den Schmand in eine Schüssel geben, die Speckzwiebelmischung oben drauf und zu den Diebchen servieren. Anmerkung für Nichteingeweihte: „Ahle Worscht“ ist das Gold Nordhessens. Es handelt sich um eine luftgetrocknete Mettwurst, die sowohl frisch (relativ weich) als auch nach längerer Reifezeit (knüppelhart) genossen werden kann. In der Qualität gibt es Riesenunterschiede. Adressen von Fleischern, die sich besonders gut auf die Zubereitung dieser Spezialität verstehen und diese evtl. auch ins Exil verschicken, werden unter Kennern hoch gehandelt. Die Adressen selbstschlachtender Bauern, die IMHO die beste „Ahle Worscht“ herstellen, werden strikt geheimgehalten, um nicht teilen zu müssen. Seit einiger Zeit wird (zumindest hier in Berlin) mit der Bezeichnung „Ahle Worscht“ arges Schindluder getrieben. In diversen Supermärkten und sogar in einem Laden namens „Hessenland“ hat man versucht, mir unter dieser Bezeichnung luftgetrocknete Blut- bzw. Leberwurst anzudrehen. Den Frevlern klingen hoffentlich heute noch die Ohren!

Grie Soß (Grüne Sauce) aus Nordhessen

Für vier Portionen benötigen Sie: 2-3 hartgekochte Eier, ¾ Liter Schmand (besser, weil fetter: Creme Fraiche), 1 Eßlöffel Senf, etwas Essig, Salz, Pfeffer und möglichst viel frischen Borretsch, Kresse, Kerbel, Schnittlauch, Sauerampfer, Pimpinelle und Petersilie. Eier und Kräuter feinhacken, mit dem Schmand, dem Senf, einem Schuß Essig verrühren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Sehr gut zu Pellkartoffeln, gekochtem Rindfleisch oder Spargel.

Die schnelle Hollandaise

Nie wieder Angst vor der Sauce Hollandaise und ihren “Verwandten” (Bearnaise, Mousseline usw.). Vergessen Sie alles, was Sie bisher in Kochbüchern über die Hollandaise gelesen haben: umständliches Schmelzen und Klären der Butter, mit 3 Händen gleichzeitig Topf im Wasserbad festhalten, tropfenweise Butter einrühren und immer fleißig mit dem Schneebesen rühren. Das alles ist vollkommen überflüssig. Sie benötigen (pro Portion) 1 Eigelb, evtl. etwas Weißwein, 80-120g Butter, Salz, Pfeffer, Zitronensaft und den elektrischen Handrührer. Die Butter in kleine Würfel schneiden und bis zur Verwendung in den Kühlschrank (wenn’s pressiert, ins Tiefkühlfach) stellen. Eigelb (evtl. mit einem Schuß Weißwein) in einen Topf geben, denselben bei schwacher bis mittlerer Hitze auf die heiße Herdplatte stellen und mit dem Elektrorührer bei mittlerer Geschwindigkeit rühren. Wenn die Eigelbe heiß werden (Fingerprobe) oder zu steigen beginnen, nach und nach die kalten Butterwürfel unterrühren. Wenn alle Butter verbraucht und die Sauce die gewünschte Konsistenz hat, vom Herd nehmen und noch 2-3 Minuten weiter rühren, damit die Sauce abkühlt und nicht – durch die im Topf “gespeicherte” Hitze – doch noch gerinnt. Mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft abschmecken. Fertig.

Die Stimme

Der folgende Text befaßt sich mit meinen Erfahrungen als engagierter, fachorientierter Fan der deutschen Nationalmannschaft vor dem heimischen Fernsehschirm. Folgerichtigerweise trägt er den Titel:

Wie ich wahnsinnig wurde

oder

Hearing Franz Beckenbauer

Es geschah am 30.7. 1966 in der 101ten Spielminute. Ja, genau. Das dritte Tor, das selbstverständlich keines war. ENGLISCHE Computerwissenschaftler haben beinahe 30 Jahre gebraucht, um mittels komplizierter Techniken das zu beweisen, was ich als 9jähriger im Bruchteil einer Sekunde mit bloßem Auge erkannt hatte: Der Ball hatte nicht in vollem Umfang die Torlinie überschritten. Trotzdem gab der Schiedsrichter das Tor, das deutsche Team brach – vollkommen verständlich! – auseinander und mußte das 4:2 hinnehmen. Wenig später wurde das Spiel abgepfiffen, England war Weltmeister und ich hatte begonnen, wahnsinnig zu werden.
Ich hatte den Glauben an die Gerechtigkeit im Fernsehen verloren. Man muß verstehen, daß zu dieser Zeit das Fernsehen für einen Neunjährigen DIE Instanz für Gerechtigkeit in der Welt war. Mein Zugriff auf das Medium TV war auf Sendungen beschränkt wie “Am Fuß der blauen Berge”, “Lassie” oder – an hohen kirchlichen Feiertagen – “Familie Hesselbach”. Diese Serien – die alle davon handelten, daß die Gerechtigkeit immer siegt – folgten ausnahmslos einer bestimmten, heute noch gültigen Spannungs-Dramaturgie, die ich im Folgenden anhand einer typischen “Lassie-Folge” in Beziehung zum WM-Endspiel 66 setzen möchte.

1. Exposition: Das Thema der Folge wird vorgestellt.
Lassie: Lassie ertappt einen Hühnerdieb auf der Nachbarfarm. Das Thema der Folge ist also die Entlarvung des Hühnerdiebs.
WM 66: Haller schießt das 1:0. Das Thema des Endspiels war also: Deutschland wird Weltmeister.

2. Plotpoint 1: eine überraschende Wendung, die die eigentliche Handlung auslöst.
Lassie: Der Hühnerdieb entkommt und muß verfolgt werden.
WM 66: Die Engländer machen den Ausgleich.

3. Die Krise
Lassie: Trotz aller Bemühungen von Timmy und Lassie gelingt es dem Hühnerdieb – einem abgefeimten Unsympathen – den Verdacht auf Timmys Vater zu lenken.
WM 66: Die Engländer gehen 2:1 in Führung

4. Lösung der Krise
Lassie: Es gelingt Timmy und Lassie, die Unschuld von Timmys Vater zu beweisen und den wahren Übeltäter zu entlarven.
WM 66: Wolfgang Weber macht in letzter Sekunde das 2:2.

5. Plotpoint 2: eine überraschende Wendung kurz vor Schluß, die zum Höhepunkt der Handlung führt.
Lassie: Der Hühnerdieb entkommt ein weiteres Mal, entführt Timmy und sperrt ihn in eine brennende Windmühle ein, um den einzigen Zeugen für seine Untaten auf meuchelmörderische Weise zu beseitigen.
WM 66: Der Schiedsrichter gibt das berüchtigte Nicht-Tor. Es steht 3:2 für England.

6. Das Happy-End
Lassie: Lassie befreit Timmy in letzter Sekunde aus der brennenden Windmühle, der Hühnerdieb wird gefaßt und seiner gerechten Strafe zugeführt.
WM 66: Nun ja. Korrekt wäre wohl gewesen: Uwe Seeler, Uns Uwe, der auf Erden wandelnde Titan der Kampfkraft, macht in unnachahmlicher Weise den Ausgleich, alles findet sich mit einem Wiederholungsspiel ab, und in letzter Sekunde gelingt Franz Beckenbauer, dem jugendlichen Künder froher, lichter Fußball-Zeiten das 4:3. Stattdessen… nun ja.

Ein festgefügtes Wertesystem von hoher dramatischer und moralischer Qualität war von einem Schweizer Schieds- und einem russischen Linienrichter zerschmettert worden.
Ein anderer als ich hätte aus der ganzen Malaise wohl die Erkenntnis gezogen, daß es keine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, hätte eine vielversprechende Karriere als Zyniker in Betracht gezogen und wäre schließlich zum Kabarett oder gar – schrecklicher Gedanke! – zum Feldhockey gegangen.
Ich jedoch wollte und konnte mich mit dem ungeheuerlichen Vorfall im Wembley-Stadion nicht abfinden. In den nächsten Tagen begann ich eifrig die Tageszeitungen zu studieren und aufmerksam die Tagesschau zu verfolgen. Ich rechnete fest mit dem Eingreifen eines übergeordneten Gerichtshofes, aus Den Haag, von der UNO, ganz egal woher, Hauptsache, daß wieder Gerechtigkeit einkehrte in die Welt.
Pustekuchen. Was ich zu sehen bekam, war das Foto des mit gesenktem Haupt den Platz verlassenden Uwe Seeler. In mindestens hundertfacher Ausfertigung. Und dann, als dieses Foto – wie damals üblich – mit mehrtägiger Verspätung auch noch in den Seiten unserer Lokalzeitung, der Werra-Rundschau, aufkreuzte, ging ich endgültig mental über die Wupper.
Seitdem habe ich keine Fernsehübertragung eines Spiels der deutschen Nationalmannschaft mehr versäumt. Ich saß (und sitze!) jedesmal wie gebannt vor dem Fernsehschirm und habe nur einen Gedanken: Das darf nie wieder passieren. Nie wieder darf ausgerechnet Uwe Seeler so vom Platz gehen. Lieber Gott, bitte, bitte, laß nie wieder zu, daß Uwe Seeler so vom Platz gehen muß.
Nach dem Halbfinale der WM 1970 gegen Italien begann ich logischerweise an der Existenz Gottes zu zweifeln. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht ausführlicher dazu äußern, die Wunde ist noch zu frisch, der Schmerz sitzt noch zu tief. Deshalb nur soviel: der Schiedsrichter, der diese himmelschreienden Unsportlichkeiten zu verantworten hatte, ein Mexikaner mit verdächtig japanischem Namen, ist heute Ehrenvorsitzender der Internationalen Schiedsrichtervereinigung. Gerechtigkeit? Ist doch für’n Arsch.
Ab diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich abseits des Fußball verstärkt mit Nietzsche. Etwa gleichzeitig geriet ich in die Pubertät. In dieser kritischen Phase der Entwicklung ist man wohl besonders anfällig für Gedankengut der radikaleren Sorte, und so wäre ich wohl in den Niederungen des defaitistischen Nihilismus versunken, wenn nicht ein blonder Engel in mein Leben getreten wäre, der meinem Denken und Fühlen Sinn und Perspektive gab. Ich spreche jetzt übrigens nicht von meiner ersten Freundin sondern – selbstverständlich – von Günther Netzer. Gott, diese seligen Jahre zwischen 70 und 72, als er aus der Tiefe des Raumes zu kommen pflegte. Wenn er raumgreifenden Schritts Richtung gegnerisches Tor eilte, seine blonde Mähne seidig im Wind flatterte und er schließlich mit geradezu tödlicher Sicherheit den unmöglich scheinenden, öffnenden Paß spielte, den wir Fans immer, der Gegner jedoch nie erwartete… dann saß ich vor dem Fernseher undwußte, daß nichts schief gehen konnte. Ich meine, ich wußte es wirklich. Ich war mir vollkommen sicher, daß die deutsche Nationalmannschaft unbesiegbar ist, solange ein Günther Netzer in ihren Reihen steht. Mit Wohlgefallen registrierte ich denn auch im Jahre 74, das Helmut Schön Günther Netzer einwechselte, als Jürgen Sparwasser das infame 1:0 für die DDR geschossen hatte. Um dem Ganzen auch noch die Krone aufzusetzen, war dieser Treffer übrigens noch nicht mal mit einer Regelwidrigkeit verknüpft gewesen, doch dies nur nebenbei. Netzer betrat also für die letzten zehn Minuten das Spielfeld, Ausgleich und Führungstreffer waren also praktisch nur noch eine Formsache. Wen scherten Netzers Übergewicht, sein Aktionsradius von der Größe eines Bierdeckels, Netzer würde es richten. Zehn Minuten später… war das Spiel vorbei. Gottseidank hatte Uwe Seeler seine internationale Karriere bereits beendet, so daß mir der o.g. Anblick wenigstens dieses Mal erspart geblieben ist.
Ich war vollkommen verzweifelt, zumal auch der Fußball, den die deutsche Nationalmannschaft mir 1974 anbot, so gar nicht meinen Erwartungen entsprach. Statt des rauschhaften Kombinationsfußball der Netzer-Ära bot man… ja, wie soll man das jetzt in der Rückschau nennen? Zweckhaft brutales Herumgestolper?
Zum ersten Mal begann ich, an der deutschen Nationalmannschaft zu zweifeln. Warum sollte ich mich eigentlich an wunderschönen Sommertagen vor den Fernseher hocken, um diese zweckorientierten Tölpel-Kicker zu beobachten, ihnen die Daumen zu drücken, in Schweiß auszubrechen, zu schreien, zu toben, zu krakeelen, kurz, all das tun, was ich in den letzten acht Jahren bei jedem Länderspiel getan hatte? Warum? Wo lag der Sinn des Ganzen?
Ein damals veröffentlichtes Buch des Journalisten Hermann Schreiber klärte mich auf: ich war im Alter von 17 Jahren in die sogenannte Midlife Crisis geraten. Und das während eines WM-Turniers! Mir war klar, daß ich mich sofort in Behandlung begeben mußte und begann, diverse Sanatorien anzurufen. Auf meine Frage, ob den Patienten der verschiedenen Institutionen die WM-Spiele der deutschen Elf via Fernsehraum zugänglich gemacht würden, reagierte man mit Ablehnung bzw. Unverständnis.
Meine psychische Krise spitzte sich dramatisch zu. Kurz vor dem ersten Zwischenrundenspiel gegen Jugoslawien begann ich, Stimmen zu hören. Oder – genauer gesagt – eine Stimme, die – mit deutlich bayrischem Akzent gebetsmühlenartig wiederholte: “Es ist doch ganz einfach. G’winnen müss ma. Egal wie. Darum geht’s beim Fußball. Daß man g’winnt. Der Rest ist allweil egal. Schaun’n mer mal…”
Diese Stimme wies mir den Weg aus meiner seelischen und fußballerischen Sinnkrise: Fußball muß gar nicht schön sein. Vor allen Dingen nicht, wenn er von der deutschen Nationalmannschaft gespielt wird. Hauptsache, sie gewinnen. Und sie gewannen. Fragen Sie mich bloß nicht, wie. Auf alle Fälle kann ich beschwören, daß ich unmittelbar nach dem Finale, während der Siegerehrung, die Stimme wieder gehört habe. “Hab I’s net g’sagt?!” dröhnte es in meinem Schädel. Tagelang. Danach war gottseidank a Rua.
Bis zum Finale der EM 76. Während des Elfmeterschießens war die Stimme wieder da. Uli Hoeneß lief an… da hörte ich sie deutlich rufen: “Körper über den Ball, Uli! Körper über den Ball!” Vergebens. Hoeneß geriet in Rücklage, und nach dem Ball wird heute noch auf Belgrader Balkonen – vergeblich – gefahndet. “Sogar a Sechz’ger hätt‘ den neibracht!” grantelte die Stimme und verstummte für lange Zeit.
Nun brach eins der düstersten Kapitel meines Lebens an: die WM 78. Während Mannschaften wie Argentinien und Holland begeisternden Fußball anboten, kamen aus dem deutschen Lager in Ascochinga unter Leitung des schon deutlich entrückten Helmut Schön und seines immer naßforscher werdenden Assistenten Jupp Derwall ausschließlich fußballerische Dubiosigkeiten. Der damalige Mannschaftskapitän, Hans-Hubert Vogts, über den noch ausführlicher zu reden sein wird, gab auf den Pressekonferenzen erste Kostproben seines rhetorischen Talents, das zumindest qualitativ zum damaligen Katastrophen-Fußball paßte. Zu all dem schwieg die Stimme. Das einzige was ich hörte (und heute immer noch höre) ist Edi Fingers grauenhaftes Krakeelen (“Tor! Tor! I werd narrisch…”). Im Nachhinein ist das Schweigen der Stimme nur allzu leicht zu verstehen: Scheiß-Fußball und trotzdem gewinnen hat noch irgendwas. Scheiß-Fußball und dann auch noch gegen die Ösis rausfliegen ist einfach nur Scheiße.
Danach folgten feucht-fröhliche Zeiten mit “HalloichbinderJupp” Derwall. Trotz einer einigermaßen unglaublichen Siegesserie, die mit dem Einstellen des Rekords der legendären Breslau-Elf und dem Gewinn der EM 80 endete, konnte ich mich für diese Elf nie so recht erwärmen. Das typische Nationalelf-Feeling (lausiger, aber unglaublich erfolgreicher Fußball) war zwar vorhanden, aber irgendwie hatte ich nie das Gefühl, daß wir (die Nationalelf und ich) uns sportlich auf internationaler Ebene bewegten. Die Ära Derwall hatte einfach etwas entschieden Laubenpieperisches. Die Stimme schien übrigens meiner Meinung zu sein. Bei Horst Hrubeschs (“Manni Banane, ich mit’m Kopp, zack!”) entscheidendem Kopfballtreffer im EM-Finale 80 gegen Belgien hörte ich kurz, aber deutlich: “Ja so ein Dusel! Des gibt’s ja net!” Kurz und schlecht, die ganze Angelegenheit kam mir entschieden spanisch vor, was dortselbst dann auch fürchterlichst bestätigt wurde.
1982. Die WM in Spanien. Gijon. Dieses unwürdige Geschiebe ausgerechnet gegen die Ösis, wo wir doch vier Jahre zuvor gegen die… Wir lagen doch schon Einsnull vorne… da hätte man doch… Okay, ich weiß. Schlecht spielen und weiterkommen. Aber so… Und ausgerechnet gegen die Ösis… So groß kann kein Schwamm sein, der da drüber geht. Die Stimme schwieg. Lastend. Bist zum Halbfinale gegen Frankreich, als Battiston allein mit dem Ball auf Toni Schuhmacher zulief. Als Schuhmacher aus seinem Kasten eilte, um Battiston ein Leids anzutun, riefen die Stimme und ich total synchron: “Der wird doch nicht… das kann er doch nicht machen…” Er machte. Battiston landete im Krankenhaus und wir – mal wieder “irgendwie” – im Finale. Ausgerechnet gegen Italien. Die Rechnung bezüglich des Halbfinales 1970 ist nach dem total vergurkten 82er Finale offener denn je!
Aus schwärzester Verzweiflung stürzten mich Derwall und seine Mannen anläßlich der 84er EM in Frankreich in… äh, ja, noch schwärzere Verzweiflung. Von dem begeisternden Fußball der Franzosen um Platini bekam ich wg. akuter Tränenblindheit nullnix mit. Aber hinterher war wenigstens Schluß mit Juppsig, und der Franz wurde Teamchef.
Plötzlich teilte die ganze Nation mit mir das Phänomen der Stimme. Sie war allgegenwärtig und lehrte uns erneut, uns für grottenschlechten Fußball zu begeistern, solange er erfolgreich war. Dies gelang dem Franz durch einen in der Sport- und Kunstgeschichte einmalig dastehenden Crossover: durch die Verbindung von Fußball und Kabarett.
Uiiuiiuii, die WM 86! Der Suppenkasper mit der Gurkentruppe in Mexiko. Wohl bei keinem Turnier liefen dermaßen dubiose Spielerpersönlichkeit mit dem “Adler auffer Brust” auf. Eder? Jakobs? Förster? Nach jedem Spiel legte ich die Video-Kassette von “Butch Cassidy and the Sundance Kid” ein, um Paul Newman fassungslos den Satz “Was sind das für Kerle?” sagen zu hören. Nichtsdestotrotz: für fußballerische Defizite wurde man durch die Berichte aus dem Mannschaftslager reichlich entschädigt: Grüppchenbildung, Puffbesuche, Stein-Rauswurf, und Egidius Braun spielte die Orgel. Beinahe wären Sie sogar Weltmeister geworden, wenn Sie nach dem 2:2 gegen Argentinien hinten dicht gemacht hätten. In der Verlängerung wäre alles drin gewesen, ich bin mir heute noch sicher, so eine Scheiße, die Argentinier waren doch platt, und Lothar hatte den Maradona quasi abgemeldet, alles hätte gepaßt… beinahe hätte der Franz mit diesen Brachialballverstolperern tatsächlich den Titel geholt. Chapeau!
Seine absolute Genialität als Trainer bewies der Franz bei der EM 88 im eigenen Land. Er schenkte ein ganzes Turnier und den möglichen Titel einfach ab, um den ungeliebten Wolfram Wuttke loszuwerden. Wuttke, zu dieser Zeit auf einem der zahlreichen Zenithe seines Könnens und als Fußballer durchaus genial (da undankbar, faul und frech), hätte dem Beckenbauerschen Konzept (Erfolg durch dubiosen Fußball) existentiell gefährlich werden können, da er (wenn er wollte, was nicht allzu oft vorkam) durchaus brillanten Fußball zu spielen in der Lage war. Also kam er – folgerichtigst – niemals zum Einsatz, mußte sich aber jeweils 90 Minuten lang auf der Tartan-Bahn warmlaufen, während seine minderbegabten Kollegen auf dem Rasen herumstümperten. Nach dem Aus gegen die Niederlande im Halbfinale (Koeman, wegen der Geschichte mit Olafs Trikot haben wir immer noch eine Rechnung offen!) war zwar die Europa-Meisterschaft, aber auch Wuttke kein Thema mehr. Der Weg war frei für den Titelgewinn 1990.
Bei diesem Turnier in Italien gelang es dem Franz unter anderem, mit dem gängigen Vorurteil aufzuräumen, die Deutschen seien eine sich stetig steigernde Turniermannschaft. Selbstverständlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Begeisterndes Eröffnungsspiel gegen den Jugo, kurzes Aufflackern fußballerischen Vermögens im Achtelfinale gegen die Niederlande (Eat this, Koeman!), ansonsten baute die Mannschaft während des Turnierverlaufs kontinuierlich ab: grenzenloser Krampf gegen die Tschechoslowakei, glückliches Elfmeterschießen gegen England und schließlich war es im Finale nur durch eine Schwalbe des ansonsten recht trefflichen Ruuiii Völler möglich, den grenzenlos enttäuschenden Argentiniern ein Tor reinzudrücken. Egal. Der Titel war da, 16 Jahre nachdem ich die Stimme zum ersten Mal gehört hatte. Alles war gut geworden. Mein verpfuschtes Leben im Dienste der deutschen Nationalmannschaft hatte einen Sinn gehabt.
Für eine rauschende Ballnacht. Denn dann trat der Franz und mit ihm die Stimme zurück. Ich hab seitdem nix mehr von ihm gehört, außer äußerst sporadischen akustischen Postkarten, in denen er mir mitteilte, daß es gerade in Kitzbühel sehr schön ist, daß er sein Handicap verbessert habe, oder er schickte mir einen Gruß aus Burkina Faso, wo er gerade dafür warb, die WM 2006 nach Deutschland zu holen.

Der Rest ist Schweigen.

Kurs: Wie man beim Tennis bescheißt

1. Warum offensichtliches Bescheißen nichts bringt.
Jeder Tennisspieler kennt den “Moment der Versuchung”. Meist tritt er bei einem engen Match auf, möglicherweise sogar bei einem “Big Point”. Der Gegner setzt einen unter Druck, man bringt die Bälle gerade noch so zurück, der Druck wird immer stärker und schließlich setzt das eklige Monster auf der anderen Seite zum Winner an. Der Ball zischt longline die Linie runter, man kommt nie und nimmer mehr dran, der Ball wird lang, immer länger… Schwein gehabt! Der geht ins Aus! Und dann kratzt das Dreckding doch noch knapp die Linie… aber einen Abdruck macht er nicht. Und wenn ich den Ball jetzt einfach ausgebe?
Tun Sie’s nicht. Ihr Gegner weiß, daß Sie beschissen haben. Nur äußerst unerfahrene Spieler lassen sich von derartigen Unsportlichkeiten aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Sie bauen durch solche Aktionen den Gegner auf, der sofort merkt: “Aha! Ich bin klar besser, der Dödel weiß sich nicht mehr anders zu helfen. Das Match hab ich im Sack.” Und noch schlimmer: Sie wissen, daß Sie beschissen haben. Sie wissen, daß Sie Ihrem Gegner anders nicht beikommen können. Das macht Sie wütend und nicht ihn. Und wenn Sie wütend werden, wird Ihr Spiel schlechter, nicht seins. Sie werden erneut bescheißen müssen, Ihr Gegner wird spätestens nach der dritten offensichtlichen Fehlentscheidung – zu Recht – einen Schiedsrichter verlangen, und dann sind Sie allein mit Ihrer Ohnmacht und Ihrer Wut. Sie sehen: Durch solche Aktionen erreichen Sie gar nichts, außer daß nach einer Weile niemand mehr mit Ihnen spielt. Warum also zu solchen Mitteln greifen? Es gibt zahlreiche andere – vollkommen legale – Methoden, starke oder schwache Gegner aus dem Rhythmus zu bringen…

2. Hilfe! Ich muß gegen einen saustarken Gegner spielen!
Die Clubmeisterschaften stehen unmittelbar bevor, die Hälfte der 1. Mannschaft ist in Urlaub und Sie rechnen sich Chancen aus, endlich einmal die zweite oder gar die dritte Runde zu erreichen. Frohgemut gehen Sie zum Clubhaus, um die Auslosung zu studieren… und die dämliche Frau des Volltrottels von Zeugwart hat Sie in der 1. Runde Ihrem Angstgegner zugelost. Der Kerl steht in der Rangliste 5 Plätze über Ihnen, Sie haben zigmal gegen ihn verloren, Ihre Chancen sind so groß wie die eines Schneeballs im Hochofen… Stop! Wenn Sie so an die Sache herangehen, haben Sie das Match in der Tat bereits verloren. Betrachten Sie das Match von der Warte Ihres Gegners. Der freut sich, daß er in der 1. Runde einen leichten Gegner zugelost bekommen hat. Ihr Gegner wird das bevorstehende Match auf die leichte Schulter nehmen und keinen weiteren Gedanken verschwenden außer: “Den? Den schlag ich sowieso!” Hier liegt Ihre Chance. Bereiten Sie sich professionell auf dieses Match vor. Setzen Sie sich gemütlich in den Sessel und lassen Sie die letzten Matches gegen Ihren Gegner Revue passieren. Wie hat er seine Punkte gegen Sie gemacht? Wie hat er Sie dazu gebracht, Fehler zu machen? Hätten Sie diese Fehler vermeiden können? Haben Sie Gelegenheiten verpaßt, Ihn zu Fehlern zu zwingen? Wo liegen die Schwächen Ihres Gegners? Können Sie aus diesen Schwächen Kapital schlagen? Entwerfen Sie einen konkreten Spielplan, wie Sie – theoretisch – den übermächtigen Gegner bezwingen könnten. Vereinbaren Sie ein freundschaftliches Match gegen einen anderen Spieler und versuchen Sie, diesen Spielplan durchzuziehen. Trainieren Sie diesen Spielplan. Nehmen Sie eventuell eine oder zwei Trainerstunden. Arbeiten Sie mit dem Trainer an den Schlägen, die Sie brauchen, um diesen Spielplan durchzuziehen.
Jetzt sind Sie bereit für Ihren Gegner. Verabreden Sie sich mit Ihm für – sagen wir – 17 Uhr. Sie kommen spätestens um 15 Uhr 30 auf die Anlage. Machen Sie sich gründlich warm, auch wenn Sie das sonst nicht tun. Schlagen Sie sich – mit einem Freund oder mit einem Trainer – eine halbe Stunde lang locker ein. Spielen Sie anschließend einen lockeren Satz. Ziehen Sie dabei Ihren Spielplan durch. Anschließend gehen Sie unter die Dusche, ziehen sich frische Tennis-Sachen an, steigen in Ihr Auto, und fahren ein paar mal um den Block, so daß Sie 5 Minuten zu spät kommen. Machen Sie einen abgehetzten Eindruck. Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Gegner dafür, daß Sie wegen beruflichem oder privatem Streß zu spät gekommen sind. Stapeln Sie tief. Sagen Sie ihm, daß Sie das Match “nur schnell hinter sich” bringen wollen. Schlagen Sie vor, das Einschlagen abzukürzen oder ganz darauf zu verzichten (“Ich verlier ja sowieso…”). Wenn Ihr Gegner sich trotzdem einschlagen will, machen Sie beim Einschlagen ABSICHTLICH einige Fehler. Schlagen Sie abwechselnd absichtlich ins Netz bzw. ins Aus. Einerseits wird ihr Gegner denken, daß Sie nicht gut drauf sind, andererseits ist das eine sehr gute Methode, sich auf eine gute Länge einzupendeln. Wenn schließlich das Match beginnt, wird Ihr Gegner äußerst siegessicher sein. Er schlägt sie “sowieso”; und außerdem haben Sie offensichtlich auch noch einen schlechten Tag erwischt. In Wirklichkeit können Sie siegessicher sein: Sie haben sich gut vorbereitet, Ihr Gegner überhaupt nicht. Sie wissen, was Sie erwartet, er nicht. Wenn es Ihnen jetzt gelingt, Ihren Spielplan durchzuziehen und Ihn unter Druck zu setzen, dann muß er schon sehr, sehr gut sein, um überhaupt zu merken, was hier abgeht. Möglicherweise haben Sie ihn schon “im Sack”, bevor er überhaupt merkt, daß er in Schwierigkeiten ist.
Diese TSHG-Methode (Tief Stapeln, Hoch Gewinnen) funktioniert natürlich nur bei Gegnern, die Sie gut kennen. Sollten Sie gegen einen starken Gegner spielen müssen, gegen den Sie bisher selten oder gar nicht gespielt haben, kann auch die umgekehrte Methode von Erfolg gekrönt sein: Bereiten Sie sich ebenso gewissenhaft vor, aber verbreiten Sie im Vorfeld des Matches ungebremstes Selbstvertrauen. Klopfen Sie Ihrem zukünftigen Gegner gönnerhaft auf die Schulter, erzählen Sie von Ihrer kürzlichen – selbstverständlich mit zahlreichen Triumphen verbundenen – Leistungsexplosion und äußern Sie die Hoffnung, daß es für ihn nicht allzu bitter wird. Schließen Sie (in Hörweite Ihres Gegners) mit Ihren Freunden diverse Wetten ab, in denen es nur um die Höhe Ihres Sieges geht. Am Tag des Matches selbst verfahren Sie ebenfalls wie bei der oben beschriebenen TSHG-Methode (gründlich vorbereiten, zu spät kommen etc.), aber natürlich mit dem Unterschied, daß Sie vor Selbstvertrauen nur so strotzen. Kommentieren Sie beim Einschlagen unbedingt gönnerhaft die Schläge Ihres Gegners (“Gar nicht schlecht!” – “Na bitte, es wird doch!”)! Nach dem Einschlagen, kurz bevor das Match beginnt, zücken Sie Ihr Handy, rufen irgendwen an und bestätigen einen Termin in einer Stunde (“So wie’s aussteht, schaff ich das dicke!”). Wenn Sie bis jetzt alles richtig gemacht, hat Ihr Gegner entweder völlig unbegründeten Respekt vor Ihnen, oder er steht kurz vor einem Wutanfall. Beides kann Ihnen auf dem Platz einen ziemlichen psychologischen Vorteil bringen, aber Vorsicht! Bei dieser Methode müssen Sie ziemlich schnell ziemlich deutlich führen. Wenn Ihr Gegner merkt, daß Sie nur geblufft haben, wird’s meistens ganz schnell zappenduster…

3. Um Gotteswillen! Der trifft ja heute alles!
Auch diese Situation kennen Sie sicherlich zur Genüge: Ihrem Gegner gelingt einfach alles. Seine Aufschläge donnern unerreichbar in die Ecken, seine Stops tropfen direkt hinter dem Netz ab, und selbst Notbälle bringt er irgendwie so zurück, daß Sie gerade eben nicht mehr drankommen. Wenn Sie jetzt denken: “Heute ist eben nichts mehr für mich drin…”, dann können Sie tatsächlich aufgeben. Sie müssen verhindern, daß Ihr Gegner auf diesem Niveau weiterspielt. Und das können Sie nur, indem Sie Ihn dazu bringen, nachzudenken.
a) Loben Sie ihn tot!
Machen Sie ihm beim Seitenwechsel Komplimente über seinen stärksten Schlag: “Mein Gott, hast du eine Rückhand! Für solch eine Rückhand würde ich töten!” Er wird – zu recht – sehr stolz auf seine Rückhand sein und – hoffentlich! – bei seiner nächsten, leichten Rückhand etwas mehr, vielleicht sogar zuviel riskieren. Das Ding geht ins Netz, er wird ein wenig irritiert sein, vielleicht noch eine leichte Rückhand verschlagen… und auf einmal ist seine stärkste Waffe weg. Sie sind wieder im Match.
b) Sagen Sie eine absurde Unwahrheit!
Nehmen wir an, Ihr Gegner hetzt Sie von einer Ecke des Platzes in die andere. Während Sie mit hochrotem Kopf und vernehmlich hechelnd die Seiten wechseln, sagen Sie: “Das läuft ja heute überhaupt nicht bei mir. Naja, wenigstens forderst Du mich läuferisch nicht allzusehr. Wenn ich jetzt auch noch in die Ecken rennen müßte…” Im schlechtesten Fall werden Sie das Spiel sowieso verlieren. Im günstigsten Fall wird Ihr Gegner darüber nachdenken, was Sie mit diesem abstrusen Mumpitz eigentlich gemeint haben, Fehler machen und Sie – vielleicht – zurück ins Match bringen.
c) Die Plaudertasche
Wenn alle Ihre Versuche nichts fruchten, Ihren Gegner zum Nachdenken über sein Spiel zu bewegen, müssen Sie eben versuchen, ihn auf tennisfremde gedankliche Wege zu bringen. Fangen Sie bei der Wechselpause an, über Gott und die Welt zu schwafeln! Quallen Sie ihn voll! Knabbern Sie ihm ein Ohr ab! Erzählen Sie ellenlange Witze ohne Pointe! Holen Sie Ihre Brieftasche hervor und zeigen Sie ihm verwackelte Fotos Ihrer Kinder! Machen Sie ihn mit den Feinheiten des Bierdeckelsammelns vertraut! Der Mann muß vor dem nächsten Seitenwechsel zittern!
d) Das ganze Leben ist ein Quiz.
Eine besonders heimtückische Variante der Plaudertasche ist das Quiz. Stellen Sie Ihrem Gegner beim Seitenwechsel eine ganz harmlose Frage, für deren Beantwortung er ein Weilchen in seinem Gedächtnis herumkramen muß, beispielsweise: “Sag mal, gestern im Clubhaus tauchte die Frage auf, gegen wen Boris Becker 1985 in Wimbledon im Halbfinale gewonnen hat…” Wenn er “Moment, ich hab’s gleich!” sagt, gehört der nächste Punkt Ihnen. Im unpassendsten Moment des nächsten Ballwechsels wird ihm “Anders Jarryd!” durch den Kopf schießen, und er wird unweigerlich einen Fehler machen. Jetzt nicht nachlassen! Nachlegen! “Wo wir gerade beim Thema sind, gegen wen hat Micha Stich eigentlich damals die ATP-WM gewonnen?” Um sein auf Hochtouren laufendes Gedächtnis wieder in den Griff zu bekommen, muß Ihr Gegner schon ein wahrer Zen-Künstler sein…

4. Gegen einen Gesunden habe ich noch nie gewonnen…
Die folgende Methode habe ich auf die harte Tour kennengelernt. Ich spielte gegen einen stärkeren Gegner, hatte aber einen guten Tag erwischt. Meine Bälle hatten eine gute Länge, ich konnte ihn über die Rückhand unter Druck setzen, ins Laufen bringen und schließlich mit Geduld den Punkt herausspielen. Den 1. Satz hatte ich 6:4 gewonnen, im 2. Satz lag ich schnell mit einem Break vor, alles sah gut aus, als mein Gegner einen längeren Ballwechsel plötzlich unterbrach, sich an den Oberschenkel griff und zur Bank humpelte. Er kramte in seiner Tennistasche herum, förderte eine Tube Salbe zutage, schmierte seinen Oberschenkel ein und legte sich einen Tape-Verband an. Ich fragte besorgt (1. Fehler) nach, ob er wirklich weiterspielen wolle. Er machte eine abwehrende Handbewegung, murmelte etwas von einer “alten Geschichte”, die ihm “gelegentlich zu schaffen macht”, und humpelte schmerzverzerrten Gesichts zurück an die Grundlinie. Während des nächsten Spiels lief er nach mehreren Bällen nicht mehr, griff sich mehrere Male an den Oberschenkel und jammerte vor sich hin. Er begann mir leid zu tun (2. Fehler). Trotzdem gewann ich auch dieses Spiel. Ich fühlte mich immer noch sehr sicher (3. Fehler). Beim Seitenwechsel erkundigte ich mich erneut nach seiner Verletzung (4. Fehler). Er zuckte mit den Schultern und meinte, es “für ein paar Schläge noch mal probieren” zu wollen. Mir wurde die ganze Sache peinlich (5. Fehler), und ich schaltete einen Gang zurück (6. und entscheidender Fehler). Ich begann daraufhin (logisch) Fehler zu machen und verlor die nächsten beiden Spiele. Nun war ich entschlossen, die Sache zu beenden und versuchte, wieder “volle Pulle” zu gehen. Zu meiner grenzenlosen Überraschung trat bei dem Schwerverletzten urplötzlich eine Wunderheilung ein, er lief wieder wie ein Hase, nahm mir den 2. Satz und schließlich ganz locker (weil ich begann, mich schwarz zu ärgern) das Match ab. Diese Methode habe ich seitdem in unzähligen Variationen immer wieder erlebt. Da brachte einem Spieler seine Mutter (geniales Manöver!) Medikamente auf den Platz, da wurde plötzlich ein Blutdruckmeßgerät aus der Tennistasche geholt, das ging (ungelogen!) bis zum Simulieren einer Herzattacke vor dem gegnerischen Matchball. Ignorieren Sie deshalb grundsätzlich Verletzungen oder anderen Wehwehchen Ihres Gegners! Wenn’s nicht geht, soll er aufgeben. Wenn er sich zum Aufschlag oder Return an die Grundlinie begibt, ist er genauso fit wie Pete Sampras, auch (oder gerade) wenn seine Frau lautstark jammernd am Handy hängt und seinem Hausarzt seine erhöhte Pulsfrequenz durchtelefoniert.
Eine absolut meisterhafte Variante dieser Mitleidstour kenne ich leider nur vom Hörensagen: vor Beginn eines Forderungsspiels teilte der allgemein als chancenlos eingestufte Geforderte seinem Gegner mit, er habe dieses Match eigentlich kampflos aufgeben wollen. Am gestrigen Abend habe Ihm nämlich seine Frau nach langjähriger, glücklicher Ehe offenbart, daß sie ihn wegen seines besten Freundes verlassen werde. Er sei daher eigentlich nicht in der Lage, zu spielen, aber “vielleicht bringt’s mich ja auf andere Gedanken”. Sein zutiefst erschütterter Gegner brachte selbstverständlich keinen geraden Ball mehr übers Netz. Muß ich noch erwähnen, daß die angeblich schnöde Gattin eine Stunde später im Clubhaus auftauchte, um ihrem Gemahl mit Küßchenlinksküßchenrechts zu seinem 6:0, 6:1 zu gratulieren? Kann man diese Geschichte glauben? Aber ja. Tennisspielern ist alles zuzutrauen.

5. Im Notfall bleibt nur der Griff in den Giftschrank.
Sicherlich haben Sie es schon gemerkt: Während man meine ersten Ratschläge noch unter die Rubrik “schlitzohriges Verhalten” einordnen konnte, sind wir mittlerweile bereits tief in – ich formuliere bewußt beschönigend – einer Art sportlicher Grauzone. In seltensten Fällen kann es notwendig werden, sogar diese Grauzone zu verlassen und sich ganz der dunklen Seite der Macht hinzugeben. Machen wir uns nichts vor: wenn Sie mit Ihrer Mannschaft Verbandsspiele bestreiten, zählt im Kampf um Auf- oder Abstieg jeder Punkt. Und wenn’s eng wird, wird auch Ihr Gegner nicht zimperlich sein. Wenn’s ganz eng wird, probieren Sie folgendes:
a) Die Thomas-Muster-Variante
Wenn’s für ihn nicht so gut lief, hat der “Alpen-Boris” seinem verdutzten Gegner beim Seitenwechsel schon mal ein gepflegtes “Schleich Di, Du Oasch, Di moach i nieda!” entgegengedonnert. Wenn der Gegner daraufhin verdattert und verunsichert zur Grundlinie schlich (“Was hat der gegen mich?”), hatte Herr Muster sein Ziel bereits erreicht. Die nächsten zwei, drei Punkte hat er gemacht… Im Verein sollte man mit flagranten Beleidigungen jedoch eher vorsichtig sein. Einem Profi kann es schließlich ziemlich egal sein, ob er beliebt ist oder nicht. Die anderen können sich ja nicht weigern. gegen ihn zu spielen… Spieler, die selbst nicht genug Mumm für “Muster-haftes” Rowdytum haben, rekrutieren zu diesem Zweck übrigens gern Verwandte und Bekannte. In Hörweite wird dann schon mal ein guter Freund postiert, der im geeigneten Moment lautstarke Zweifel z.B. am Lebenswandel der Mutter des Gegners äußert.
b) Pardon, mein Fehler!
Sie schlagen Ihren 1. Aufschlag mit hundertachtzig auf die Rückhand Ihres Gegners. Der haut Ihnen Ihren Superservice als unerreichbaren Return um die Ohren. Erkennen Sie die sportliche Leistung Ihres Gegners an? Quatsch! Geben Sie sich selbst einen Fußfehler und bestehen Sie darauf, einen 2. Aufschlag zu machen. Ihr Gegner kann nichts dagegen tun (außer einen Schiedsrichter verlangen), wird darüber aber dermaßen wütend werden, daß er ein paar unforced errors produzieren wird.
c) Der falsche Aufschlag
Sie bereiten sich zum 1. Aufschlag vor. Sie stehen an der Grundlinie, fixieren zum letzten Mal Ihren Gegner, lassen den Ball noch einmal auftippen… Halt! Irgendwas scheint mit dem Ball nicht zu stimmen. Sie ziehen die Stirn in Falten, lassen den Ball nochmals auftippen, schütteln ihn ein wenig neben Ihrem Ohr (rasselt da vielleicht was drin?), schließlich zucken Sie ratlos mit den Schultern und spielen ihn Ihrem Gegner von unten ins Aufschlagfeld zu. Während er den Ball mit der Hand auffängt und zu untersuchen beginnt, sagen Sie seelenruhig “15 : 0” und beginnen, sich auf Ihren nächsten Aufschlag vorzubereiten.
d) Die Rollstuhl-Nummer
Diese „Mutter aller üblen Tricks“ hat mir ein Tennisfreund aus Niedersachsen zugemailt. Zu Auswärtsspielen, wo sie der gegnerischen Mannschaft noch unbekannt sind, fährt diese Mannschaft nämlich prinzipiell zu siebt. Der 7. Mannschaftsteilnehmer wird allerdings scheinbar nicht eingreifen können, der sitzt im Rollstuhl und wird von einem anderen, drahtigen, außergewöhnlich fitten Mannschaftsmitglied rührend umsorgt. Dem Gegner wird mit mitleidigem Kopfschütteln klar gemacht, dass der im Rollstuhl sitzende trotz dieses „furchtbaren Unfalls“ gerne „dabei sein“ möchte. Nun, die ersten Einzel sind gespielt, die 2, die 4, die 6 sind durch. Es wird Zeit, dass die Nummer 1 auf den Platz geht. Ahnen Sie’s? Aber klar, der Typ im Rollstuhl springt auf, tänzelt auf den Platz und schießt seinem völlig fassungslosen Gegner die Bälle um die Ohren.

Mißglückte Romananfänge

Ein spannender Unterhaltungsroman muß drei Dinge haben: Tempo, Tempo und nochmals Tempo. Der Plot muß rasen, der Leser darf nicht zum Atemholen kommen, und dabei kann es nur allzu leicht passieren, daß der Autor nicht mehr zum Nachdenken kommt und dann…

…greift beispielsweise das “Jack-Higgins-Syndrom”. Zur Erklärung: Jack Higgins ist ein irischer Thriller-Autor, der mit Schmökern über angebliche, meist total abgefahrene Nazi-Verschwörungen im 2. Weltkrieg stinkreich geworden ist. Könnte man doch auch mal probieren…

Die Taube steigt auf

Ein Thriller

1.

Ungläubig starrte Admiral Canaris auf seinen Adjutanten.

“Ist Ihnen eigentlich klar, von Falkenbrunn, daß diese Information den Verlauf des Krieges dramatisch verändern kann? Wenn es wirklich stimmt, daß Winston Churchill in 6 Wochen unter strikter Geheimhaltung das St. Mary’s-Hospital aufsuchen wird, um eine Geschlechtsumwandlung vornehmen zu lassen

Manchmal ist es ein einziger Satz, der aus einer schwungvollen Eröffnung explosionsartig die Luft raus läßt:

Angriffsziel Erde

Ein utopischer Roman

1. Kapitel

Laserblitze durchzuckten das nachtschwarze Dunkel des Weltalls. Die Flotte der Sauronier war aus dem Nichts gekommen und attackierte den Sternenkreuzer “Invincible” mit größter Feuerkraft. Die ersten Schutzschilde brachen zusammen, Alarmsirenen heulten und wurden alsbald von den Schreien der Verwundeten übertönt. Langsam, allzu langsam brachten die Photonen-Kanoniere der “Invincible” ihre schweren Geschütze in Stellung und begannen, das Feuer zu erwidern, während die Sauronier mit ihren kleinen, beweglichen Kreuzern Angriffswelle auf Angriffswelle flogen. In den Korridoren der “Invincible” herrschte bereits nach wenigen Minuten das Chaos. In Panik geratene, ziellos hin und her rennende Raumkadetten behinderten die Rettungstrupps in ihrer Arbeit, während ein lebenserhaltendes System nach dem anderen ausfiel. Einzig und allein die Kommandobrücke des Flaggschiffs der terrestrischen Verteidigungsflotte war eine Insel der Ruhe und Entschlossenheit in einem Meer aus Zerstörung und Angst. Admiral Jameson überflog die Anzeigen der Plasma-Schirme und wußte, daß ihm nur noch Minuten wenn nicht gar Sekunden blieben, um das Schlachtenglück zu wenden und das Schiff zu retten. Er mußte dem übermächtig scheinenden Gegner die Intiative entreißen, das Gesetz des Handelns an sich bringen. Entschlossen drückte er einen Knopf.

Der beliebte Kunstgriff des Spannungsromans, den Helden am Anfang in eine scheinbar ausweglose Situation zu bringen, aus der es nach menschlichem Ermessen kein Entrinnen geben kann, birgt noch weitere Gefahren.

Das Gold der Azteken

Ein Abenteuer-Roman

1. Kapitel

Schweißüberströmt bahnte Mike Porter sich mit wuchtigen Schlägen seiner Machete einen Weg durch das verwachsene Geäst des südamerikanischen Dschungels. Er wußte, daß er keine Zeit mehr verlieren durfte. Die sich rasch nähernden, wütenden Schreie der Eingeborenen sagten ihm, daß sie seine Spur aufgenommen hatten. Dank ihrer Kenntnis des Terrains war es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn eingeholt und überwältigt haben würden. Trotzdem zwang er sich zur Ruhe. Ein einziger unbedachter Fehltritt konnte in diesem tödlichen Dickicht bereits sein letzter sein. Und Mikes Geduld schien belohnt zu werden. Kaum merklich begannen die Sonnenstrahlen, das dichte Blattwerk der Vegetation heller zu durchdringen, das Unterholz begann, sich zu lichten. Nur noch wenige Schritte, wenige Machetenhiebe trennten ihn vom freien Gelände, als plötzlich der Boden unter ihm nachgab. Mit dem Mut der Verzweiflung schnellte Mike in die Höhe und griff nach dem nächstbesten Ast, um den Sturz in die heimtückisch getarnte Fallgruppe zu verhindern.

Mit beiden Händen den bedrohlich knirschenden Ast umklammern hing Mike über der Fallgrube, in deren Boden zahlreiche Speere gerammt waren, deren giftgetränkten Spitzen nach oben zeigten. Langsam Zentimeter um Zentimeter gewinnend, begann Mike den Ast entlang in Richtung des rettenden Baumstamms zu hangeln. Plötzlich erstarrte er in seinen Bewegungen. Aus dem dichten Blattwerk des Baumes wand sich eine schwarze Mamba auf ihn zu. Ein Biß von ihr würde ihn binnen Sekundenfrist einen qualvollen Tod sterben lassen.

“Wohin so eilig, Monsieur Porter?” Mikes Kopf fuhr herum. “Viraque! Sie hier?!” zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. “Ich bin mir sicher, cher Monsieur Porter, daß sich in ihrem Rucksack ein Artefakt befindet, daß ich nur zu gerne in meinem Besitz wissen würde…” sagte Viraque aufreizend gelassen, während er seinen Revolver zog und auf Mike richtete. “Niemals, Viraque! Die Aztekenkrone gehört der Wissenschaft!” “Nun, der Wissenschaft wird es ziemlich egal sein, ob ich sie einem lebenden oder einem toten Mike Porter abnehme…”

Während Viraque mit aufreizender Gelassenheit auf Mike Porter zielte, begann die schwarze Mamba, sich an Mikes Arm entlang in seinen offenen Hemdkragen zu winden. Mittlerweile waren auch die ersten Eingeborenen an der Fallgrube eingetroffen und richteten ihre Blasrohre auf ihn, als plötzlich ein aus dem Nichts herabstürzender Meteor

Und manchmal schließlich stellt sich bereits nach den ersten Worten heraus, daß man den sprachlichen Anforderungen eines bestimmten Genres nicht gewachsen ist.

Gräber des Grauens

Ein Schauerroman

1. Kapitel

Einsam schrie das Käuzchen auf dem Friedhof von St. Ingbert.

Unverfilmbare Filmidee

SERVE & VOLLEY

Exposé für einen deutschen Schlagerfilm

John Waters gewidmet.

Laumen, eine badische Kleinstadt, irgendwann Anfang der achtziger Jahre. Im Tennisclub Rot-Weiß findet das alljährliche Clubturnier statt. Alle Honoratioren der Stadt sind aufgetaucht, um dem Finale des Herreneinzels zuzusehen, das in diesem Jahr besonders spannend zu werden verspricht. Der langjährigen Nr. 1 der ersten Herrenmannschaft, Dr. FREDER FREDRIKS, steht der neue Shooting Star des badischen Junioren-Tennisverbandes gegenüber: BORIS BÖCKER.

Der siebzehnjährige BORIS hat sein Spiel in den letzten zwölf Monaten entscheidend verbessern können. Seit einem Jahr wird er nämlich von GÜNTHER BUSCH, genannt GÜNTZI, trainiert, einem tennisbesessenen Exilrumänen, der alles daransetzt, aus BORIS einen erfolgreichen Sportler und einen „blitzsauberen, anständigen Kerl mit gutem Charakter“ zu machen.

KAREN SCHOLZ, die Tochter des Platzwartes, verfolgt das Match aufmerksam. Die 21jährige hochbegabte Medizinstudentin, die sich das Geld für ihr Studium als Sängerin in der Laumener Rockband „The Linesmen“ verdient, drückt natürlich Dr. FREDRIKS, ihrem Verlobten, die Daumen, doch BORIS gewinnt im entscheidenden dritten Satz durch sein druckvolles Serve&Volley-Spiel die Oberhand.

Dem ehrgeizigen Dr. FREDRIKS entgeht selbstverständlich nicht, daß KAREN beginnt, BORIS zu bewundern. Eifersucht und Wut beein-trächtigen FREDRIKs Spiel, so daß BORIS ihn förmlich deklassiert.

Beim Stande von 5:2 für BORIS scheint das Spiel bereits gelaufen zu sein, als BORIS plötzlich unter Sehstörungen zu leiden beginnt. Er sieht plötzlich alles unscharf und verschwommen und schlägt an den einfachsten Bällen vorbei. FREDRIKS kann auf 5:4 verkürzen, doch dann verschwindet BORIS‘ Sehstörung ebenso schnell, wie sie gekommen ist, und der sympathische junge Laumener entscheidet das Match mit einem Hechtflugball für sich.

Bei der Siegerehrung überreicht KAREN BORIS den Pokal, und der lange, intensive Blick, den die beiden Dabei tauschen, überzeugt Dr. FREDRIKS davon, daß seine Eifersucht nicht unbegründet ist.

*

Ein anderer Mann hat das Finale ebenfalls interessiert verfolgt: Der ebenso erfolgreiche wie zwielichtige internationale Tennis-Promoter ION CADILLAC, der seine markanten Gesichtszüge hinter Schnauzbart und Sonnenbrille verbirgt. Er sucht BORIS nach der Siegerehrung in der Umkleidekabine auf. GÜNTZI BUSCH und CADILLAC sind alte Bekannte aus dem rumänischen Daviscup-Team. BUSCH hat BORIS schon oft vor den zweifelhaften, charakterschädlichen Machenschaften des internationalen Tennis-Managements gewarnt, und so verwundert es nicht, daß BORIS das Angebot CADILLACs, Tennisprofi zu werden, ausschlägt. BORIS möchte nach dem Abitur Jura studieren, um später als Rechtsanwalt den Entrechteten und schuldlos ins Unglück Geratenen beizustehen. Während GÜNTZI BUSCH beifällig nickt, verabschiedet sich CADILLAC achselzuckend, überreicht BORIS jedoch seine Visitenkarte, falls er es sich doch noch anders überlegt.

*

Am selben Abend findet im Clubhaus des TC Rot-Weiß der jährliche Vereinsball statt, DAS gesellschaftliche Ereignis überhaupt in Laumen. KAREN spielt mit ihrer Band zum Tanz. Sie singt gerade das Titellied des Films („Serve & Volley“) als BORIS das Clubhaus betritt. Sofort steht er im Mittelpunkt des Geschehens, und auch KAREN scheint ihr Lied nur noch für ihn zu singen, was Dr. FREDRIKS mit höchstem Mißfallen beobachtet.

Eine Stunde später legt KARENs Band eine wohlverdiente Pause ein. KAREN sucht nach BORIS, um ihm nochmals zu seinem phantastischen Spiel zu gratulieren, aber er scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Plötzlich hört sie von den Tennisplätzen, das vertraute „Plopp-Plopp“ der Ballmaschine. Sie eilt nach draußen, wo Sie zu ihrer Verblüffung BORIS findet, der (im Smoking) seine Rückhand trainiert. Sie spricht BORIS an, der ihr schüchtern erklärt, trotz seines gefeierten Sieges noch sehr viel lernen zu müssen. Und da ihm die oberflächliche, lärmende Geselligkeit des Tanzvergnügens auf die Nerven ging, habe er gewartet, bis sie nicht mehr gesungen habe und sich dann heimlich verdrückt, um an seiner Rückhand zu feilen.

KAREN ist beeindruckt. Nicht nur von BORIS‘ Zielstrebigkeit und menschlicher Größe, sondern auch von der Tatsache, daß ihr Gesang ihm offensichtlich gefallen hat. Die beiden kommen sich näher, doch sie werden von Herrn SCHOLZ, KARENs Vater, unsanft unterbrochen, der von niemand anders als Dr. FREDRIKS auf das improvisierte tête-a-tête der beiden aufmerksam gemacht wurde.

Herr SCHOLZ zerrt die widerstrebende KAREN zurück ins Clubhaus. Er hat nicht ein Leben lang für das Medizinstudium seiner Tochter geschuftet, um sie an einen „dahergelaufenen Tennisspieler“ zu verlieren. BORIS bleibt allein zurück und hört von draußen, wie KAREN und ihre Band ein neues Lied anstimmen: „Liebe, die nicht sein darf“.

*

Mehrere Wochen sind vergangen. KAREN hat ein Praktikum an der Klinik von Dr. FREDRIKS begonnen. Dort hat sie die wahre Natur ihres Verlobten erkannt. Dem genialen Mediziner FREDRIKS geht es nicht darum, das Leid der Kranken zu lindern und zu heilen, er ist lediglich am Geld interessiert, wobei er sogar vor dem betrügerischen Fälschen von Krankenkassenabrechnungen nicht zurückschreckt. KARENs Versuche, bei BORIS Rat, Trost und Hilfe zu finden, scheiterten jedoch. BORIS geht ihr seit dem Vereinsball aus dem Weg, da er sich der Tatsache bewußt ist, lediglich ein Tennisspieler aus einfachsten Verhältnissen zu sein. „KAREN hat etwas besseres verdient…“ – die Worte von Herrn Scholz gehen ihm nicht aus dem Sinn. Und weil BORIS KAREN aus tiefster Seele liebt, will er natürlich nur ihr Bestes. Und das bekommt sie, glaubt er, nur an der Seite von Dr. FREDRIKS.

Doch, wie der Zufall es will, KAREN und BORIS begegnen sich in der Klinik. BORIS ist von seinem Hausarzt an Dr. FREDRIKS überwiesen worden, um seinem sich stetig verschlimmernden Augenleiden auf den Grund zu gehen. Doch bevor die beiden Liebenden ein klärendes Wort wechseln können, wird BORIS in Dr. FREDRIKS‘ Sprechzimmer gerufen.

Ihre immer stärker werdende Liebe zu BORIS läßt KAREN das Arztgeheimnis verletzen. Sie lauscht an der Tür und hört Dr. FREDRIKS‘ niederschmetternde Diagnose: BORIS wird unweigerlich erblinden, es sei denn, er läßt eine risikoreiche Operation über sich ergehen. Eine Operation, die überhaupt nur ein Spezialist auf der Welt durchzuführen wagt: Dr. FREDRIKS selbst. Und für diese Operation verlangt er die horrende Summe von 500.000 DM.

Als BORIS mit Tränen in den erblindenden Augen das Sprechzimmer verläßt, will KAREN ihn ansprechen, um ihn zu trösten. Doch er läßt sie einfach stehen. Mit seinem Schicksal muß er allein fertig werden, weiß er doch, daß sein Vater, ein gescheiterter Eisdielenbesitzer, niemals das Geld für die Operation wird aufbringen können.

*

Einige Tage später. In der Laumener Discothek „Vulcano-Ranch-Bar“ (vormals Würzburger Hof) spielen KAREN und ihre Band. Auch BORIS ist anwesend, für den KAREN extra ein Lied geschrieben hat, um ihm in seiner scheinbar ausweglosen Lage Mut zu machen: „Wie Stevie Wonder…“.

Als die Band die ersten Takte dieses Songs intoniert, dessen geschmackvoller Text Möglichkeiten aufzeigt, wie Blinde trotz ihrer Behinderung eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen können, wandern BORIS Gedanken zu all den Menschen, die ihm in den letzten Tagen (vergeblich) beizustehen versuchten. Zu seinem Vater, der ihm mit Tränen in den Augen zwei Kugeln seines geliebten Vanille-Eises von der Konkurrenz spendiert hat, was er sonst nur an hohen kirchlichen Feiertagen zu tun pflegt. Zu seiner Mutter, die ihm rührend unbeholfen ein letztes Mal die Alben mit den Familienfotos zeigen wollte. Und zu dem treuen GÜNTZI BUSCH, der mit ihm in die benachbarte Ortschaft Käsloch gefahren ist, wo eine soziale Stiftung ein Internat für blinde Tennisspieler errichtet hat. Dort hat BORIS Blinde gesehen, die – ihrer Behinderung trotzend – Tennis gespielt haben… Er hat gesehen, wie sie an den einfachsten Bällen vorbeischlugen, über das Netz stürzten und gegen den Schiedsrichterstuhl prallten. Doch so sehr er die menschliche Größe und den ungebrochenen Lebensmut dieser Menschen bewundert, BORIS weiß, daß das nicht sein Schicksal sein kann und darf. Und er faßt einen Entschluß.

Als sie das Lied beendet, suchen KARENs Augen in der rasend applaudierenden Menge nach BORIS. Doch der ist verschwunden.

*

Ganz Laumen ist in Aufregung. Wilde Gerüchte ranken sich um das Verschwinden von BORIS. Splendid Isolation? Freitod? Verzweifelter Versuch, in einer zum Scheitern verdammten Affäre mit Martina Navratilova Vergessen zu finden? KAREN ist ratlos.

In Wirklichkeit ist BORIS zu ION CADILLAC gefahren und hat einen Profi-Vertrag unterzeichnet. Sein ebenso risikoreicher wie kühner Plan ist, das ihm verbleibende Augenlicht zu benutzen, um auf Anhieb das traditionsreiche Tennisturnier von Wimbledon zu gewinnen. Mit dem zu erwartenden Preisgeld will BORIS seine Operation bezahlen und eine Ausbildungsversicherung abschließen, um sich ein späteres Jura-Studium zu ermöglichen.

Dabei hat sich gezeigt, daß der wackere GÜNTZI BUSCH sich in ION CADILLAC getäuscht hat. Hinter der rauhen, bärbeißigen Schale des internationalen Profithais hat sich ein goldener Kern offenbart. CADILLAC hat das Risiko nicht gescheut, seine Agentur mit einem möglicherweise zur Invalidität verdammten Sportler zu belasten. Vielmehr hat er seine weitreichenden Beziehungen benutzt, um BORIS eine der begehrten „wildcards“ für Wimbledon zu besorgen, um ihm die Strapazen des Qualifikationsturniers zu ersparen. Und er hat BORIS das Versprechen geben müssen, niemandem

von seinem Plan zu erzählen. Am allerwenigsten GÜNTZI BUSCH, der BORIS‘ Eintritt ins Profi-Geschäft niemals gutheißen würde, wie BORIS glaubt.

*

Wimbledon. Auf einem Nebenplatz bestreitet BORIS sein erstes Match in diesem bedeutungsvollen Turnier. Und seine hochfliegenden Pläne scheinen gleich am ersten Tag der inoffiziellen Tennis-Weltmeisterschaft zu scheitern: Zum ersten Mal verspürt BORIS den unmenschlichen Druck des Siegenmüssens, dem Tennisprofis auf der ganzen Welt Tag für Tag ausgesetzt sind. Und er scheint dem Druck nicht gewachsen. Aussichtslos liegt er bereits zwei Sätze und 0:4 gegen den kaltschnäuzigen PETE PAMPERS zurück, als seine Augen hilfesuchend über die Tribüne irren… und dort sieht er niemanden anderes als GÜNTZI BUSCH, der die Absichten seines Zöglings erraten hat und (auf eigene Kosten) nach Wimbledon gereist ist, um ihn zu unterstützen. GÜNTZI BUSCH nickt BORIS aufmunternd zu, und der geht mit neuem Mut auf den Platz.

(Anmerkung: Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, als ob BORIS und GÜNTZI BUSCH sich der unsportlichen Taktik des verbotenen „Coaching während des Matchs“ bedienen. So etwas würde den beiden niemals einfallen. Es geht lediglich um den psychologischen Schub, den BORIS durch die Anwesenheit seines treuen Trainers erhält.)

Und es gelingt BORIS tatsächlich, das Match noch zu kippen. Während er sich an einen von KARENs beliebtesten Schlagern erinnert („Du bist ein Sieger!“) ringt er den verzweifelnden PETE PAMPERS mit einem mitreißenden Fünf-Satz-Sieg nieder. Als er nach dem Matchball die Faust triumphierend emporreißt, schütteln sich auf der Tribüne GÜNTZI BUSCH und ION CADILLAC die Hände… Ein Zeichen, daß dank BORIS ihre jahrelange Fehde nun beendet ist.

*

Das Turnier von Wimbledon nimmt seinen Fortgang. BORIS stürmt von Sieg zu Sieg und ringt einen Favoriten nach dem anderen nieder. ANDRE GEHGASSI, STEFAN BEDBERG, JONNY CIMMORS und WALLY RASUR haben dem unbeugsamen Siegeswillen des erblindenden Newcomers nichts entgegenzusetzen. Morgen muß BORIS im Halbfinale gegen JOHN MECKERNROE antreten.

Doch BORIS‘ Siegesgewißheit hat einen entscheidenden Dämpfer erhalten: Sein Augenleiden hat sich schneller verschlimmert, als Dr. FREDRIKS diagnostiziert hatte. Die Phasen, in denen er unscharf und verschwommen sieht, kommen immer öfters und haben begonnen, sein Spiel zu beeinträchtigen. Er wagt es aber nicht, sich ION CADILLAC oder GÜNTZI BUSCH anzuvertrauen, weil er sich (grundlos) fürchtet, daß große Vertrauen zu enttäuschen, daß die beiden in ihn gesetzt haben.

In der Hoffnung, seine Sorgen in einem Glas Mineralwasser erträn-ken zu können und ein wenig Entspannung zu finden, sucht BORIS in der Nacht vor dem Halbfinale ein Londoner Musiklokal auf. Zu seiner großen Überraschung und Freude erscheint KAREN auf der Bühne und singt (nur für ihn) ein Lied: „Du bist nicht allein…“ Sie hat aus der Zeitung von BORIS‘ Erfolgen erfahren, sich nach einer klärenden Aussprache von Dr. FREDRIKS getrennt und ist nach London gereist, um BORIS die Daumen zu drücken.

Im Nu gewinnt KAREN die Herzen des anspruchsvollen englischen Publikums. Während die Menge noch ihren Sangeskünsten applaudiert, liegt sie bereits in BORIS‘ Armen. Die beiden Liebenden haben sich endlich gefunden.

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KARENs Anwesenheit beflügelt BORIS. Trotz zahlreicher Verbalattacken des Tennisrüpels MECKERNROE gewinnt er das Halbfinale überraschend klar in drei Sätzen. BORIS ist der jüngste Finalist in der Geschichte Wimbledons. Der Sieg und die rettende Augenoperation rücken in greifbare Nähe.

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Finale in Wimbledon! In einer halben Stunde muß BORIS gegen IVAN HENDL antreten. BORIS bereitet sich mit GÜNTZI BUSCH in der Umkleidekabine auf das alles entscheidende Match vor, als die tückische Augenkrankheit erneut und endgültig zuschlägt. Von einer Sekunde auf die andere erblindet BORIS völlig. Resigniert will er den Sieg kampflos dem eiskalten Exil-Tschechoslowaken HENDL zuerkennen, als ION CADILLAC mit einer neuen Hiobsbot-schaft die Kabine stürmt: KAREN ist von einem Unbekannten entführt worden, der sich bereits mit einer Lösegeldforderung an ION CADILLAC gewandt hat: Er verlangt 500.000 DM. Sollte seine Forderung nicht erfüllt werden, so droht KAREN ein Schicksal schlimmer als der Tod.

Durch BORIS geht ein Ruck. Kein Gedanke mehr ans Aufgeben. Er wird auf den Centre Court gehen und versuchen, die Nr. 1 der Weltrangliste, IVAN HENDL niederzuringen. Es geht nicht mehr um sein Augenlicht, es geht um KAREN!

*

Das Finale von Wimbledon ist in vollem Gange. Ein Debakel für BORIS scheint unausweichlich. 6:0, 6:0 hat IVAN HENDL die ersten beiden Sätze für sich entschieden, BORIS‘ Blindheit mit profihafter Kälte ausnutzend. Vor dem dritten Satz stülpt BORIS die Kopfhörer seines Walkmans über, um in der Musik Motivation zu suchen. Und dieses Rezept wirkt. Der Meisterpsychologe GÜNTZI BUSCH hat ihm eine von KAREN besungene Kassette eingelegt: „Liebe ist stärker als die Dunkelheit!“

Von KARENs Gesang nach vorne gepeitscht, beginnt BORIS, nach Gehör zu spielen. Am Schlaggeräusch kann er erkennen, ob der tückische IVAN HENDL eine Topspin-Vorhand oder gar einen Rückhand-Slice wagt. Das satte „Plopp!“ des aufprallenden Balls zeigt ihm die Richtung, in die er laufen muß. BORIS kommt immer besser ins Spiel und entscheidet die nächsten beiden Sätze für sich. Im fünften und entscheidenden Satz gelingt ihm beim Stande von 6:5 ein vorentscheidendes Break.

BORIS hat Matchball! Der auf die Verliererstraße geratene IVAN HENDL setzt sein ganzes Können ein, um seine letzte Chance zu wahren… doch vergeblich. Spiel, Satz und Sieg durch einen bereits zur Legende gewordenen BORIS-BÖCKER-Hechtflugball!

Ungeduldig läßt BORIS die Siegerehrung über sich ergehen. Als ihm die anmutige HERZOGIN VON KENT endlich Pokal und Siegerscheck überreicht hat, stürmt er aus dem Stadion: KAREN muß so schnell wie möglich aus den Klauen des Entführers befreit werden.

*

BORIS sitzt am Steuer eines von ION CADILLAC selbstlos zur Verfügung gestellten Wagens. In seinem Walkman hat er eine Kassette, auf der der Entführer den Weg zum Übergabeort beschrieben hat. Der blinde BORIS steuert den Wagen durch den dichten Londoner Innenstadtverkehr, überfährt rote Ampeln und nimmt Einbahnstraßen in der falschen Richtung. Ein Unfall jagt den nächsten, aber BORIS‘ Auto kommt – wie durch ein Wunder – ohne Schramme aus London heraus und erreicht eine stillgelegte Windmühle, in der der Entführer mit KAREN auf ihn wartet.

*

Als BORIS die Windmühle betritt, wartet ein weiterer Schock auf ihn. Der gemeine Entführer, der neben der gefesselten KAREN auf ihn wartet, ist niemand anderes als Dr. FREDRIKS! Eifersucht und Niedertracht haben ihn zu dieser schändlichen Tat getrieben.

Der gedemütigte BORIS gibt FREDRIKS den Scheck, aber der gewissenlose Schurke ist mit seiner gemeinen Ranküne noch nicht am Ende. Er denkt gar nicht daran, KAREN freizulassen. Er plant, sich mit dem Geld und ihr nach Südamerika abzusetzen, wo er sie mit vorgehaltener Waffe zu Ehe zwingen will. Doch zuerst muß BORIS aus dem Weg geräumt werden.

Als FREDRIKS einen Revolver zieht, fliegt die Tür auf und ION CADILLAC und GÜNTZI BUSCH stürmen herein, die BORIS heimlich gefolgt sind. FREDRIKS drückt ab, doch GÜNTZI BUSCH wirft sich selbstlos vor BORIS und fängt die Kugel mit seinem eigenen Leib ab. ION CADILLAC zieht eine Pistole, die ihm vom britischen Geheimdienst für seine Verdienste geschenkt wurde, und schießt (in Notwehr) auf Dr. FREDRIKS. Der Meisterschütze ION CADILLAC trifft das gefallene medizinische Genie genau zwischen die Augen.GÜNTZI BUSCH haucht in den Armen des fassungslosen BORIS sein Leben aus. Seine letzten Worte sind „Bleib beim Tennis. Hast unserem Sport noch viel zu geben. Mach, was Ion sagt. Gewinn Grand Slam, dann kannst immer noch Anwalt werden. Hast guten Charakter, Boris.“ Dann wird GÜNTZI BUSCH zum großen Schiedsrichter über den Wolken gerufen.

Erschüttert über den scheinbar sinnlosen Tod seines Trainers und Freundes fragt BORIS sich, wie er dessen letzten Auftrag erfüllen kann: Dr. FREDRIKS ist tot, der einzige Arzt, der die rettende Operation hätte durchführen können. Da meldet KAREN sich zu Wort. Während ihres Praktikums hat sie Dr. FREDRIKS des öfteren assistiert, sie traut sich durchaus zu, die Operation durchzuführen. Wenn BORIS gewillt ist, sein Augenlicht einer unerfahrenen Medizinstudentin anzuvertrauen, die gerade erst ihr Physikum bestanden hat…

BORIS zögert keine Sekunde. Er weiß, daß er nirgendwo besser aufgehoben ist als unter KARENs Messer.

*

Wenige Tage später. BORIS liegt auf demOperationstisch. KAREN will das Skalpell zum entscheidenden Schnitt ansetzen, doch ihre Hände beginnen zu zittern. Die Angst, zu versagen und BORIS für immer zur Blindheit zu verdammen, ist zu groß für KAREN. Doch BORIS, der die Operation nur mit örtlicher Betäubung über sich ergehen läßt, motiviert die schwankende KAREN durch seinen ungebrochenen Glauben an sie. Er (der bei dem unvergessenen GÜNTZI BUSCH in die psychologische Schule gegangen ist) schlägt ihr vor, eins ihrer geliebten Lieder zu singen, um sich quasi auf autogenem Wege zu kräftigen. KAREN stimmt ein Lied an („Das Licht am Ende des Tunnels“) und beginnt, zu operieren.

*

Nach Wochen der quälenden Ungewißheit, ob die Operation nun gelungen ist oder nicht, wird BORIS endlich die Augenbinde abgenommen. Die Operation war ein voller Erfolg, er kann wieder sehen! An seinem Krankenbett stehen ein gerührter ION CADILLAC und KAREN und ihre Band, die dem genesenen BORIS ein Ständchen bringen: „Grand Slam!“ Der gerührte BORIS wendet seinen wiedergewonnenen Blick ab, nur um auf dem Nachtisch ein von ION CADILLAC geschmackvoll gerahmtes Foto von GÜNTZI BUSCH zu sehen. Und faßt scheint es BORIS, als würde der treue GÜNTZI BUSCH ihm aufmunternd zublinzeln.

*

Damit endet der Film. In der männlichen Hauptrolle könnte ich mir übrigens durchaus Boris Becker selbst vorstellen, in der weiblichen Hauptrolle jedoch keinesfalls Meryl Streep.

Als Bauer Paul das Erntedankfest erfand

Vor einigen Jahren fand ich eine kreuzdämliche Ausschreibung eines kirchlichen Filminstituts in meinem Briefkasten. Die cinephilen Pfaffen wollten allen heiligen Ernstes ein Drehbuch für einen Kurzfilm haben, der die Entstehung des Erntedankfests zum Thema haben sollte. Da ich absolut keine Ahnung hatte und habe, wie das Erntedankfest entstanden ist, fühlte ich mich sofort berufen, ein entsprechendes Drehbuch zu verfassen. Aber, wie man so schön sagt, der Stoff bestimmt das Genre. Was auch immer ich versuchte, mein Erntedankfest landete nicht beim Film sondern auf der Bühne, in der vollkommen zu recht in Vergessenheit geratenen Gattung des vage verkroetzten Bauerndramas…

Als Bauer Paul das Erntedankfest erfand

Ein Volksstück

Eine düstere Bauernstube im Mittelalter. Um den Eßtisch herum sitzen BAUER PAUL, seine Frau, die BÄUERIN, seine Mutter OMA PAULA, sein Sohn PAULCHEN und RUPPRECHT, der Knecht. Sie essen eine Wassersuppe aus einer großen Schüssel, die in der Mitte des Tisches steht und beißen gierig in große Brocken dunklen Brots. Kerzen erhellen notdürftig ihre vom Wetter gegerbten Gesichter.

BAUER PAUL: Das war’s. Die Ernte ist eingebracht.

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

PAULCHEN: Ich will ’nen Walkman!

BÄUERIN: Schweig, Bub. Sowas können wir armen Bauersleut uns net leisten.

BAUER PAUL: Außerdem is noch net erfunden.

RUPPRECHT: Jau. Zefix!

OMA PAULA: Ein hartes Stück Arbeit war’s.

BAUER PAUL: Was?

OMA PAULA: Das Einbringen der Ernte. Dummer Bub!

BÄUERIN: (spitz) Mußt du gerad sagen. Während wir auf dem Feld geackert haben, warst du die ganze Zeit bei der Verwandschaft in Alzheim und hast dummes Zeugs geredet!

RUPPRECHT: Jau. Zefix!

OMA PAULA: Das muß ich mir net sagn lassen. Net, solang des noch mein Hof is!

BAUER PAUL: Hast schon lang versprochen, ihn zu überschreiben!

OMA PAULA: Des geht doch net, dummer Bub. Der Schreiber in der Stadt hat gesagt, ich müßt unterschreiben, wenn ich überschreiben will. Des übersteigt meinen Verstand! Bin doch nur ein altes Bauernweib… (schluchzt)

BÄUERIN: Weils net will. Weils uns den Hof net gönnt, dein Drecksmutterl!

PAULCHEN: Ich will ’n Gameboy!

BAUER PAUL: Schweig, Bub! Wir sind arme Leut, wir müssen zufrieden sein, mit dem was wir haben.

OMA PAULA: Ist außerdem auch noch net erfunden!

RUPPRECHT: Jau! Zefix!

PAULCHEN: Des weiß die Oma, daß es einen Gameboy noch net gibt, aber wie man einen Hof überschreibt, des weiß sie net!

OMA PAULA: Bin doch nur ein altes Bauernweib! (greint)

BÄUERIN: Drecksmutterl!

OMA PAULA: Was hat die schieche Schlampe gesagt?!

BAUER PAUL: Nix hat’s gesagt!

BÄUERIN: Hat dein Drecksmutterl mich schieche Schlampe geheißen?

BAUER PAUL: Hat’s net. Gib a Ruh, Frau.

OMA PAULA: Schieche Schlam…

BAUER PAUL: Und du auch, Dr… Mutterl.

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

OMA PAULA: Wenn dein lieber Vater noch wär…

PAULCHEN: Opa ist bei den Englein.

OMA PAULA: Lieber Bub!

PAULCHEN: Oder er ist ein Karnickel auf Sizilien und rammelt in den Tag hinein.

OMA PAULA: Haaaaah! (weint hemmungslos)

BÄUERIN: Was weinst denn so?! Hat er doch schon zu seinen Lebzeiten so gehalten. Kein Rock war sicher vor deinem sauberen Mann, sogar an mir hat er sich vergreifen wolln, an seiner eigenen Schwiegertochter!!

OMA PAULA: Haaaaaaah! (noch hemmungsloser weinend) Und mich hat er nie angrührt!

BÄUERIN: Nie angrührt?! Ha! Und wie bist du dann zu meinem Mann kumma? Dem Schlappschwanz?! Ha?!!

OMA PAULA: (unter Tränen) Der Paul ist doch vom Rupprecht…

Betroffenes Schweigen und Essen.

BAUER PAUL: (zu RUPPRECHT, zögernd) Papa?

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

PAULCHEN: Ich will Farbfernseh!

BAUER PAUL: Schweig, Bub! Siehst net, was für ein Unglück über die Familie kumma is?

PAULCHEN: Nö.

BÄUERIN: Is au recht. Außerdem, ein Farbfernseh is au noch net erfunden!

PAULCHEN: Dann erfind ich’s eben!

BAUER PAUL: Nix da. Bauer wirst! Wie wir alle!

PAULCHEN: Nein, Bauer werd ich net. Ich lauf fort von zuhaus und erfind das Farbfernseh!

PAULCHEN springt auf und läuft aus dem Haus.

OMA PAULA: Waaah! Da geht er hin, mein Paulchen, mein Sonnenschein…

BÄUERIN: Vertrieben hast ihn, mit deinem Geiz! Geblieben wär er scho, hättst den Hof überschrieben! Drecksmutterl!

OMA PAULA: Des muß ich mir sagn lassen! Nach einem Leben nur voll Müh und Arbeit! (schluchzt) Ich geh in die Scheuer und häng mich auf, am höchsten Balken!

BAUER PAUL: Vorsicht, Mutterl. Der ist morsch. Dann stürzst und brichst dir ein Haxl.

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

OMA PAULA: Waaaaah!

OMA PAULA rennt weinend davon.

BÄUERIN: Bist denn von allen guten Geistern verlassen?! Wenn die Alte sich jetzt erhängt, und sie hat uns den Hof net überschrieben, dann fällt er den Schwestern von der Seligen Frau zu. Und wir enden in der Stadt, im Armenhaus!

BAUER PAUL: Der Herrgott wird’s schon richten…

BÄUERIN: Warum bin ich nur geschlagen mit so einem Schlappschwanz von Mann?! Warum ich? Des trag ich net länger! Ich schnür mein Bündel und such mein Glück in der Stadt! Solang die Brüste noch fest und die Waden stramm sind… Freudenmädchen werden ja immer gebraucht.

BAUER PAUL: Frau, du versündigst dich..

BÄUERIN: Des mag sein. Aber in der Stadt krieg ich ein Geld dafür.

Die BÄUERIN steht auf und verläßt entschlossenen Schritts die Bauernstube.

BAUER PAUL: Jedes Jahr geht das so, wenn die Ernte eingebracht ist. Des macht die harte Arbeit, die setzt uns zu. Des is der Streß.

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

BAUER PAUL: Weißt Rupp… Papa, ich denk manchmal, wenn man nach der ganzen Ernterei nicht einfach so dasitzen tät, bei Wassersupp und trocken Brot, wenn man gemeinsam ein Fest feiern tät, um dem Herrgott für die Früchte des Feldes zu danken, dann würd die Mühsal von einem abfallen und es wär eine Ruh bei Tisch. Weißt, nächstes Jahr probieren wir das mal. Gleich morgen geh ich zum Pfaffen und frag ihn, ob er uns eine schöne Rede hält.

RUPPRECHT: Jau. Zefix.

BAUER PAUL: (versonnen) Man könnt‘ es „Erntedankfest“ nennen…

Sie essen. Vorhang.

Ende

Warum sie schreiben

“Ich schreibe, um Freude zu bereiten”
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“Ich schreibe, um etwas festzuhalten, das ich miterlebt habe; sonst wäre es verloren.”
Max Frisch

“Ich schreibe, weil nur die nicht schreiben, die keine Krise haben.”
Herbert Achternbusch

“Ich schreibe, um mich an Dinge zu erinnern, die nie geschehen sind.”
Harry Mulisch

“Ich schreibe, um herauszufinden, warum ich schreibe.”
Christa Wolf

“Ich schreibe, weil ein Leben ohne zu schreiben eine Wirklichkeit ohne Flüge in andere Welten wäre.”
Patricia Highsmith

“Ich schreibe, weil ich eigentlich nur in meinen Texten existiere.”
Joyce Carol Oates

“Ich schreibe, um meine Welt wenigstens für eine Weile unter Kontrolle zu halten.”
T. C. Boyle

“Ich schreibe, um den Raum zu rechtfertigen, den ich auf dem Planeten Erde einnehme.”
John Updike

“Ich schreibe, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.”
William Faulkner

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