Nächstes Schild

Das beste Schild der letzten Woche hab ich leider verpaßt, weil ich keine Kamera dabei hatte. Auf alle Fälle offerierte der NP-Discounter marktschreierisch „Kochwurstspezialitäten im Ring!“ Ich frage mich, was man sich von einem dermaßen bizarren Kampfsport-Event verspricht. Eine Lyoner mit zwei Handschuhen an den Enden versehen und sie gegen eine Dampfwurst antreten lassen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das durchsetzt. Genauso wenig wie das „Gastpferdeboxen“, dass ein Landgasthof in der Lüneburger Heide unlängst offerierte. Ich habe den Veranstalter übrigens angemailt, um zu fragen, wie er denn den Kleppern die Handschuhe anziehen wolle, habe aber niemals Antwort erhalten. Merkwürdig.
Wie dem auch sei, ein Foto hab ich parat. Das typische, mal eben schnell dahinimprovisierte Schild, um der Kundschaft zu zeigen, wo’s langgeht. Kurz, knapp, und leider überhaupt nicht sinnstiftend.
Toilettenbenutzung

Mangel

Heute in der Printausgabe des Tagesspiegel gefunden:
„Personaler beklagen Mangel an geeigneten Bewerbern : Obwohl es in der Regel viele Bewerber auf freie Stellen gibt, sind oft zu wenige mit dem passenden Profil dabei. So klage rund die Hälfte der deutschen Personalmanager über einen Mangel an geeigneten Bewerbern, teilte die Unternehmensberatung Kienbaum mit.“
Ach ja? Es gibt tatsächlich zu wenig hoch belastbare Unter-Dreißig-Jährige mit mindestens zwanzig Jahren Berufserfahrung, die bereit sind, als Einstieg in die neue Stelle erstmal ein Jahr lang als unbezahlter Praktikant zu arbeiten? Das kann ich ja gar nicht glauben!

Ausgerechnet das Kohlröschen!

Wie ich soeben aus dem Videotext erfahrenen habe, ist das Schwarze Kohlröschen vollkommen überraschend Orchidee des Jahres geworden und löst damit das Brandknabenkraut als Würdenträger ab. Für Kenner der Szene ist das natürlich eine faustdicke Überraschung. Experten hatten das Waldvöglein oder die Apulische Ragwurz ganz vorn notiert, die ganz Mutigen haben sich Außenseiterchancen für das Dendrobium oder die Gewürzvanille ausgerechnet, aber dieses überraschende Votum muss alle selbsternannten Experten düpiert haben. Ich jedenfalls bin heilfroh, dass der vollkommen unerträgliche Gelbe Frauenschuh leer ausgegangen ist, und hoffe nur, dass dem sympathischen Kohlröschen diese Auszeichnung, die vielleicht doch ein oder zwei Jahre zu früh kommt, nicht zu Kopfe steigt.

Magic Moments

Und mal wieder Tennis gespielt. Die Opposition servierte, und dem Aufschläger fiel das Racket aus der Hand, nachdem er den Ball getroffen hatte. Als mein Partner den Return vor Aufregung ins Netz haute, blieb für einen Moment die Zeit stehen.
Ja, es war Satzball für uns.
Ja, wir haben dann den Satz noch verloren.
Ja, wir haben auch das Match verloren.
Nein, ich wollte meinen Partner nicht umbringen.

Wer ist hier die Unterschicht?

Wenn wir hier in Deutschland auf ein Problem aufmerksam werden, dann versuchen wir als allererstes, herauszufinden, wer daran schuld ist. Nicht, dass jemals irgendein Problem durch Herausfinden seines Urhebers gelöst worden wäre, aber es ist ja auch viel einfacher und unterhaltsamer, mit dem Finger auf einen Schuldigen zu zeigen, als sich ernsthaft Gedanken über Ursachen und Lösungen des jeweiligen Problems zu machen.
Jetzt haben die Knalldeppen von SPD und CDU eine sogenannte Unterschicht entdeckt und schieben sich gegenseitig die Schuld an deren Existenz zu. Jahrelang die Talkshows mit Wortketten vollgemüllt, die sie selber nicht verstanden haben: „Schmerzhafte, aber notwendige Einschnitte“ – „Umbau des Sozialstaats“ – „Preis der Globalisierung“… Und jetzt stellen diese Phrasendrescher überrrascht fest, dass Menschen in Armut geraten, wenn man ihnen ihre alten Arbeitsplätze wegnimmt und keine neuen schafft. Mein Gott, dass konnte doch kein Mensch ahnen, dass da ein Zusammenhang besteht!
Obwohl die meisten Führungskräfte von SPD und CDU offenbar rettungslos überfordert sind, wenn sie gleichzeitig spazieren gehen und einen Kaugummi kauen sollen, können sie sich aber trotzdem zeitgleich über zwei verschiedene Dinge wundern. So haben haargenau die gleichen Hanseln, die offenbar keinen Zusammenhang zwischen Jobabbau und Arbeitslosigkeit erkennen konnten, jetzt die Bedrohung durch die Neonazis entdeckt. Bravo!
Obwohl es über dreißig Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut daran, wie unser Gemeinschaftskundelehrer Habba Fritsche uns damals in weniger als fünf Minuten den Zusammenhang zwischen Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und dem Aufsteig der NSDAP erläuterte. Man musste schon ein Denk-Kräppel von astronomischer Blödheit sein, um diesen einfachen, folgerichtigen, logischen Zusammenhang nicht im Bruchteil einer Sekunde zu begreifen. Dennoch muss es wohl Leute gegeben haben, die damit geistig überfordert waren. Die sind nämlich Politiker geworden. Sie zählen jetzt zur Führungselite dieses Landes und nehmen sich heraus, die Menschen, die sie ins Unglück gestürzt haben, als „Unterschicht“ zu bezeichnen.
Damals, in der Schule, bei Habba Fritsche und Kollegen, haben die Dummköpfe meist ängstlich geschwiegen, wenn der Lehrer sie aufforderte, vor die Klasse zu treten und ihre Erkenntnisse öffentlich vorzutragen. Heute plärren sie jeden geschichtslosen Unfug in die Gegend, weil sie sogar zu blöde sind, um Angst vor schlechten Zensuren zu haben.
Letztendlich sind die Begriffe falsch gewählt. Nicht die in die Armut geratenen bzw. getriebenen Menschen sind ein Problem, das man als „Unterschicht“ bezeichnen kann. Das Problem sind die Angehörigen einer geistigen und moralischen Unterschicht, von denen wir uns regieren lassen.

Festhalten!

Ausrede vor Gericht: „Handy stützt wackeligen Kiefer“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten
„Dem 36-Jährigen aus dem thüringischen Sondershausen, der mit einem Handy am Steuer erwischt worden war, ließ er die Ausrede nicht durchgehen. Der Mann hatte vor dem Gericht angegeben, er habe das Telefon als Stütze für seinen wackeligen Unterkiefer benötigt.

Der Richter verurteilte den Fahrer zu 40 Euro Bußgeld. Außerdem soll die Führerscheinstelle seine Fahrtauglichkeit prüfen. ‚Wer angeblich die rechte Hand beim Autofahren fürs Festhalten seines Kiefers benötigt, nimmt nur eingeschränkt am Straßenverkehr teil‘, hieß es in der heute veröffentlichten Begründung.“

Manchmal sind es Nuancen, die über ein Urteil entscheiden. Wenn der Mann gesagt hätte „Ich hab im Autoradio gerade die neuesten Nachrichten zur Unterschichtdebatte in der SPD gehört. Dabei fiel mir die Kinnlade dermaßen herunter, dass ich sie mit dem Handy abstützen mußte, um eine Verletzung zu vermeiden.“, wäre ein Freispruch unvermeidlich gewesen. Und Kurt Beck hätte die Gerichtskosten tragen müssen.

John

John - Imagine

Am 8. Dezember 1980 saß ich nachmittags in meiner ersten Berliner Wohnung in der Skalitzer Straße 32 am Schreibtisch. Schöne Wohnung. Hellblau gestrichene Wände, Ikea-Regale, Rattanbett. Bastmatten auf den Dielen. Und alle paar Minuten donnerte die Linie 1 durch meine beiden Zimmer, denn die Wohnung lag Vorderhaus erster Stock.
Das Telefon klingelte, mein lieber Bruder Thomas, der leider auch schon lange nicht mehr lebt, war dran. „Ich hab’s gerade im Radio gehört, jemand hat John Lennon erschossen.“
Das konnte nicht sein. Thomas mußte sich verhört haben. Irgendjemand anders ist erschossen worden, aber doch niemand von den Beatles. Nicht John. Auf keinen Fall John. Ruhig bleiben. Ganz ruhig nachdenken. Welcher Musiker hat einen Namen, der so klingt wie John Lennon? War da nicht dieser Typ von Fleetwood Mac, der so ähnlich hieß? Bestimmt war es der Kerl von Fleetwood Mac …
Es gab damals noch kein Internet und keine durchsendenden Nachrichtensender. Ich mußte bis zur vollen Stunde warten, bis mir die SFB-Nachrichten die letzte Hoffnung raubten. Ich würde tatsächlich für den Rest meines Lebens ohne John Lennon auskommen müssen.
Ich hatte meine Hand schon am Plattenregal, wollte irgendeine Beatles-Platte auflegen, oder „Imagine“ oder meinetwegen sogar die unsägliche „Live Peace in Toronto“, aber ich ließ es dann sein. Es würde in Zukunft sehr still sein ohne John Lennon und seine Songs. Besser, ich fing an, mich daran zu gewöhnen.
Und so hockte ich ein paar Stunden auf der Bastmatte zwischen meinen blauen Wänden. Saß einfach nur da, und lernte, wie riesenhaft die Stille sein kann, wenn etwas zu Ende geht. Die Linie 1, die alle paar Minuten durch meine beiden Zimmer fuhr, machte kein Geräusch.

Die dicke Rippe

Das Lieblingsgericht meiner Kindheit und Jugend. Festtage für die ganze Familie, wenn „Rippchen“ auf den Tisch kamen. „Rippchen“, das war die dicke Rippe vom Schwein, vom unvergleichlichen Fleischermeister Gebauer aus der Pontanistraße gepökelt und geräuchert. Eine schlichtweg sensationelle rustikale Köstlichkeit, mit krachend-knuspriger Kruste und unvergleichlich saftigem Fleisch. Und einfach zuzubereiten noch dazu! Die dicke Rippe ungewürzt in den Bräter verfrachtet, eine oder zwei kleingeschnittene Zwiebeln dazu (verspielte Naturen jubeln der Rippe noch einen geriebenen Apfel unter), ein Tässchen heisses Wasser angießen, Deckel drauf und ab damit in den mit mindestens 240 Grad beinahe auf Volllast laufenden Backofen. Nach einer halben Stunde wird der Deckel entfernt und die Rippe regelmäßig begossen, und nach einer oder anderthalb Stunden (das hängt davon ab, wie dick die dicke Rippe ist) ist sie fertig. Während das Fleisch ausruht, kann, wer möchte, mit Sahne und Saucenbinder aus dem Bratfond eine Sauce machen, mach kann sich aber auch so auf Vegetariers Alptraum stürzen. Sauerkraut als Beilage ist traditionell, bei meiner lieben Mutter gab es meist Salzkartoffeln und Erbsenmöhrengemüse dazu, Kartoffelsalat wäre eine denkbare Alternative. Bier ist als Begleiter unerläßlich, in der Heimat natürlich das beste Bier der Welt!
Doch einen Wermutstropfen muss ich – leider – zur dicken Rippe reichen. Sie schmeckt nicht mehr wie früher. Das Geheimnis ihrer unvergleichlichen Delikatesse war eine mittig in das Fleisch eingebettete, leicht faserige Fettschicht, die den modernen Schweinen leider weggezüchtet wurde. Und die nichts, aber auch gar nichts mit den wabbeligen Fettschichten moderner Zuchtschweine zu tun hatte.
Diese Fettschicht sorgte nicht nur dafür, dass das Fleisch saftig blieb, während die hohe Ofenhitze für die knusprige Kruste sorgte, nein, das schmelzende Fett durchtränkte das Rippenfleisch mit einem einzigartigen, unvergleichlichen Aroma. Angesichts der heutigen Fett-Phobie scheint es kaum glaublich, dass meine Geschwister und ich uns bei Tisch um die fettesten Stücke regelrecht stritten. Und doch war es so.
Ich fürchte, die dicke Rippe meiner Kindheit ist Geschichte. Was habe ich nicht schon alles versucht, um dieses Gericht mit dem heutzutage angebotenem Schweienfleisch zu rekreieren. Die Hitze reduziert, die Garzeit verlängert, die Niedertemperaturmethode ausprobiert… mehr als akzeptabel waren die Ergebnisse leider nicht.
Doch wie man so schön sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Mutige Fleischer feiern Erfolge mit der Wiederentdeckung urtümlicher Schweinerassen wie dem Mangalitza-Schwein … Vielleicht kommt man ja irgendwie in Berlin an die dicke Rippe von so `nem Viech ran… Und mein guter Freund Heiko Wolff hat einen Räucherofen auf dem Balkon stehen. Und Pökeln kann ja auch nicht so schwer sein…
Auch mit fuffzich muss man sich noch Ziele setzen.

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