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Eschwege im Johannisfest-Sommer 2015

Willkommen

Bratwurst

Nordhessische Ressourcen. Dies ist die letzte Bratwurst von Wagner in der Luisenstraße, die ich genießen dürfte. Der Ruhestand sei ihnen gegönnt. Trotzdem fühle ich im Stich gelassen.

Seebaer

Neustadt

Die Neustadt im Johannisfest-Fieber.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Die Schulfahne der Friedrich-Wilhelm-Schule beim Maien-Zug. Auch ich hatte mal das höchst zweifelhafte Vergnügen, sie zu tragen. Nicht zu zweit, wie das heutzutage gemacht wird. Allein. An einer langen, schweren Fahnenstange. Von Eschwege nach Grebendorf und zurück. Eine der sinnlosesten Aktionen, an denen ich je teilgenommen haben.

Riesenrad

Der Dreiklang des Werdchens, der Festwiese: Kettenkarussell, Riesenrad und der Leuchtberg dahinter. Seit Jahrzehnten das gleiche Arrangement.

HausEschwege war einmal ein Anziehungspunkt für Architekten mit Sinn für das Schöne.

Friseur

Heute scheint die Stadt in der Hand kalauernder Friseure zu sein.

Reiter

Die Johannisfest-Reiter erfrischen sich vor dem Traditionslokal „Zur Struth“. Wie die Tradition es erfordert, wird die Erfrischung aus kleinen Gläsern und mehrfach zu sich genommen.

AKEBulli

Bier

So ist das hier. Getrunken wird immer. Prost.

Are you kidding?

Foto: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
By Photo: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
Vor ca. 20 Jahren habe ich für einen englischen Kollegen Recherchen angestellt: Er brauchte Berlin-spezifische Informationen für ein Stück, das er schreiben wollte, ich hab für ihn die Archive abgeklappert und tatsächlich konnte ich die ein oder andere Sache zutage fördern, so dass er schließlich nach Berlin kam, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Wir verbrachten zwei sehr anregende Tage miteinander, ich führte ihn herum und dabei kamen wir auch am leerstehenden Schiller-Theater vorbei.

»What‘s that?«, fragte er.
»That used to be something like our National Theatre.«
»Used to be?«
»It‘s closed.«
»But why?«
»No money.«
»Are you kidding? You‘re one of the richest countries in the world!«

In dem Augenblick habe ich mich plötzlich sehr geschämt, Bürger dieser Stadt und dieses Landes zu sein. Auch weil ich erst dann wirklich begriffen habe, wie kleingeistig die Schließung des Schiller-Theaters gewesen ist. Wieso verdammt nochmal hat dieses Land, in dem täglich Millionen und Milliarden verdient werden, die paar Puseratzen für Kultur nicht übrig?

Der Satz des Kollegen geht mir seitdem nicht mehr aus dem Ohr. Ich werde oft, viel zu oft an ihn erinnert. Gerade dieser Tage muss ich wieder sehr oft an ihn denken. Wenn ich sehe, dass diesem stinkreichen Land die schwarze Haushaltsnull wichtiger ist als das Leben von tausenden Menschen, die im Mittelmeer elend verrecken. Weil die Ressentiments konservativer Wähler, die ihre Gartenzwerg-Idylle durch ein kilometerweit entferntes Flüchtlingsheim bedroht sehen, wichtiger genommen werden als die elementarsten Grundsätze der Mitmenschlichkeit. Weil wir lieber mit dem Finger zeigen als die helfende Hand zu reichen.

»Are you kidding? You‘re one of the richest countries in the world!«

Die Anlässe sich zu schämen werden nicht weniger.

„Schon 2009“

Ich habe einmal miterleben müssen, wie ein Kollege während einer Theateraufführung einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt. Wir hatten gerade noch in der Garderobe locker geplaudert, den üblichen Unsinn, den man in Theatergarderoben so erzählt, haben dann dann das Zeichen vom Inspizienten bekommen und sind zum Auftritt gegangen. Wir waren zu dritt und spielten vollkommen unwichtige Nebenrollen, Knallchargen, Stichwortgeber für den Protagonisten. Nichts Anstrengendes, einer von vielen Bread-and-Butter-Jobs. Wir standen am Auftritt, es waren vielleicht noch 30 Sekunden bis zu unserem Stichwort, da fiel der Kollege plötzlich um. Wir bückten uns, um ihm aufzuhelfen, da begann er mit schriller Stimme zu kreischen, robbte in panischer Angst vor uns weg und rief um Hilfe. Auf Französisch.

In solchen Momenten läufst du auf reinem Adrenalin, wir nahmen den armen, sich heftig wehrenden Mann zwischen uns und schafften ihn in den Garderobengang, wo bereits andere Kollegen zusammengelaufen waren. „Krankenwagen, sofort“ riefen wir denen zu, setzten den Mann auf einen Stuhl und sprinteten zurück auf die Bühne, um den Knallchargen-Auftritt improvisiert zu zweit zu erledigen. Wenn die Aufführung läuft, gibt es nichts wichtigeres als die Aufführung. „The Show must go on“, sagen die Engländer.

Von einer vollkommen normalen Alltagssituation bis zu einem erschütternden Zusammenbruch, von dem ich noch heute gelegentlich träume, hat es damals gerade mal zwei Minuten gedauert. Daher versteht man vielleicht, dass ich angesichts von Schlagzeilen wie „Lufthansa wusste seit 2009 von der Depression des Co-Piloten“ noch nicht mal mehr den Kopf schütteln mag. Wie kenntnislos, dumm und zynisch muss man sein, um so einen Mist zu schreiben und zu titeln?

Der Kollege hat sich übrigens erholt und nach einer Therapie wieder als Schauspieler gearbeitet. Inzwischen habe ich ihn aus den Augen verloren.

 

Kurzdurchsage wg. Impfung, Impfangst, Voodoo

Ich hatte als Kind neben anderen Kinderkrankheiten unter anderem Mumps und Masern. Das war richtig Scheiße. Eltern, die ihre Kinder nicht dagegen (und gegen andere Krankheiten) impfen lassen, können sich aussuchen, was ich von ihnen halte:
a) Vollidioten
b) Kriminelle
c) kriminelle Vollidioten
Bei Entscheidungsschwierigkeiten würde ich vorschlagen, c) zu nehmen. Damit ist man auf der sicheren Seite.

Wie übrigens auch mit einer Impfung.

 

Ursachen für Pegida

So ca. 1992 war das, da habe ich ein Jahr lang für das Kleist-Theater in Frankfurt/Oder gearbeitet und im Auftrag der Intendantin, Frau Preuß, zwei Stücke für das Haus geschrieben. Während dieser Zeit spielte das Theater ein Paar GRIPS-Stücke, die – wen wundert’s? – wie die Feuerwehr liefen und von vielen Schulklassen über Wochen im Voraus ausgebucht waren. Bloß ein GRIPS-Stück wurde meist vor lediglich halb vollen Rängen gespielt, in „Ein Fest für Papadakis“ kam keine einzige Schulklasse. Die Dramaturgie fragte bei mehreren Lehrern nach, warum das Stück nicht gebucht würde. Die Antwort war bei allen die gleiche: „Dann müssten wir ja die Ausländerrfeindlichkeit thematisieren. Nein, das tun wir uns hier nicht an.“

Die Schüler dieser Lehrer gehen jetzt montäglich auf die Straße.

Das Schweigen im abgeholzten Walde

Die Jahre 1969 bis 1972 wird wohl niemand vergessen können, der sie miterlebt hat. Die SPD7FDP-Koalition hatte die CDU nach 20 Jahren Regierung abgelöst, und Willy Brandt und Walter Scheel machten sich daran, das Land vom ultrakonservativen Muff zu befreien. Es wurde nicht nur mehr Demokratie gewagt, es wurde ein vollkommen neues Verhältnis zu unseren Partnern in Osteuropa definiert, die man nicht mehr nur als gemeingefährliche Gegner im Kalten Krieg sehen wollte, sondern mit denen man in Zukunft partnerschaftlich umgehen wollte.

Diese neue Ostpolitik politisierte das ganze Land. Sowohl die Befürworter dieser Politik als auch ihre Gegner meldeten sich täglich zu Wort, die Zeitungen druckten seitenweise Statements von Befürwortern und Gegnern, die Kolumnisten schrieben täglich neue (manchmal nicht ganz so neue) Kommentare zum Thema Ostpolitik und Ostverträge. Das ging drei Jahre lang so, bis zur „Willy-Wahl“ 1972, auf die dann der Guillaume-Kater folgen sollte.

Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ich will an eine elektrisierende, öffentliche Debatte erinnern , die ein Volk begeistert und nicht gespalten hat, wie die damalige Opposition nicht müder wurde zu behaupten. Wenn sich damals, sagen wir 1971, über 60 echte Hochkaräter des öffentlichen Lebens, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler und etliche echte politische, kulturelle und/oder intellektuelle Schwergewichte zu Wort gemeldet und einen Grundsatzappell zur Ostpolitik veröffentlicht hätten,  wäre presse- und fernsehmäßig Großalarm gewesen. Interviews, Kommentare, Diskussionsrunden… die öffentliche Debatte wäre erst so richtig losgegangen.

Am Freitag letzter Woche haben sich hierzulande über 60 echte Hochkaräter des öffentlichen Lebens, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler und etliche politische, kulturelle und/oder intellektuelle Schwergewichte zu Wort gemeldet und einen Grundsatzappell zur Ostpolitik veröffentlicht, nachzulesen hier, bei ZEIT Online. Obwohl die Ukraine-Krise und unser Verhältnis zu Russland und Putin ein Thema ist, dass die Bürger dieses Landes brennend interessiert, haben ARD und ZDF diesen Appell mehr oder weniger totgeschwiegen, wie Stefan Niggemeier schreibt. Und auch in den Presseveröffentlichung, die ich (online und auf Papier) verfolge, war dieser Appell so marginalisiert worden, dass ich ihn schlichtweg übersehen habe, ich bin erst durch Niggemeiers Blogposting darauf aufmerksam geworden.

Ich verstehe nicht, warum die öffentlich-rechtlichen Sender und die Presse, die sich angeblich so sehr nach steigender Auflage sehnt, diesen Appell nicht aufgegriffen haben. Keine Interviews mit den Unterzeichnern gebracht haben. Keine Pro und Contras gebracht haben. Das ganze oft nicht einmal kommentiert haben sondern über 60 Menschen, deren Ansichten normalerweise ernst und wichtig genommen werden, einfach ignoriert haben. Bei ZEIT Online, die den Appell immerhin online veröffentlicht hat, sieht man das Dilemma: Der Text ist auf enormes Interesse gestoßen und hat eine Debatte initiiert, über 1500 Kommentare sind auch bei der ZEIT rekordverdächtig. Doch taucht der Appell auf der Startseite unter „meistkommentierte Artikel“ auf? Nein. Merkwürdig, nicht wahr? Erinnert an das Totschweigen der Mollath-Debatte am gleichen Ort.

Die von 1969 bis 1972 geführte öffentliche Debatte über die Ostpolitik hat dieses Land nachhaltig und sehr zum Positiven verändert. Das Abwürgen eine ähnlich wichtigen Debatte, die von den Bürgern anscheinend gewünscht wird, wird dieses Land wiederum verändern. Und nicht zum Positiven.

Bull Shot

Berthold Beitz habe ich nicht gekannt. Aber ich habe als junger Mann etliche Male mit ihm am gleichen Bar-Tresen gesessen oder gestanden. Das war anfangs der 70er Jahre, als unsere Familienurlaube uns nach Sylt führten und ich meine Mutter abends nach Kampen begleitete, wo sie bei Karlchen ihren Stammplatz hatte und ihren „Old Fashioned“ zu trinken pflegte.

Karlchen in Kampen war damals die beste Bar Deutschlands, betrieben von Karl Rosenzweig, dem vermutlich besten Barkeeper der Welt und einem der weisesten, freundlichsten Menschen, die ich je kennenlernen dürfte. Hier trafen sich einige berühmte und viele nicht berühmte Menschen, tranken Karlchens sensationelle Cocktails und genossen die entspannte, heitere Atmosphäre, die nur Karlchen verbreiten konnte. Herrgott, Karlchen ist vor bald dreißig Jahren gestorben, aber sein einmaliges keckerndes Lachen hab ich immer noch im Ohr. Was für ein genialer Ort war diese Bar!

In dem Sommer, von dem ich erzählen möchte, war „Bull Shot“ eins der angesagten Getränke bei Karlchen, also geeiste Rinderconsommé mit Wodka und einigen Gewürzen. Eines Abends erkundigte sich einer der Gäste, woher denn die Consommé für die Bull Shots  käme, und Karlchen erklärte nicht ohne Stolz, dass die selbstverständlich in seiner eigenen Küche zubereitet wurde (man konnte bei Karlchen auch ausgezeichnet essen). Hier hatte Herr Beitz Einwände, ein echter Bull Shot durfte nach seiner Ansicht nur mit „Campbell’s Beef Broth“ zubereitet werden. Wunderbarer Einwand, denn sofort begann der ganze Tresen diskussionsmäßig zu brummen, jeder hatte eine Meinung pro oder contra Campbell bzw. Karlchens „Own“, jeder hatte eine Bull Shot-Geschichte, und natürlich wurden jede Menge Bull Shots getrunken. Am Ende eines langen, schönen Abends meinte Karlchen, dass die Diskussion doch eher akademisch wäre, denn in Deutschland könne man keine Bull Shots mit Campbell’s Beef Broth machen. Die gäbe es hier schlicht und einfach nicht, die bekäme man nur in den USA.

Am nächsten Abend kam Berthold Beitz wieder zu Karlchen. Und hatte einen Karton Campbell’s Beef Broth dabei, den er gerade am Westerländer Flughafen abgeholt hatte, wo der Krupp’sche Firmenjet gelandet war. Selbstverständlich bin ich mir hundertprozentig sicher, dass das ein Zufall war, dass der Krupp’sche Firmenjet an diesem Tag nach New York und Westerland musste, bestimmt waren wichtige Papiere in den USA abzuholen gewesen, und die mussten sofort zu Herrn Beitz gebracht werden, und da traf es sich glücklich, dass der Jet auch noch die Campbell’s-Suppe mitbringen konnte. Ein verantwortungsvoller Unternehmer wie Herr Beitz hätte niemals den Firmenjet nach New York und zurück geschickt, nur um einen Karton Suppe zu holen.

Wenn man das jungenhafte Piraten-Grinsen gesehen hat, mit dem Herr Beitz den Suppenkarton auf Karlchens Tresen gewuchtet hatte, konnte man allerdings zu einer anderen Ansicht kommen. Wie dem auch sei, die Suppendosen wurden im Eisfach schockgefrostet und waren nach ein, zwei Stunden kalt genug für den großen Bull Shot Vergleichstest: Campbell’s vs. Karlchens Köche. Und… Karlchens Köche gewannen. Beinahe einstimmig, sogar Herrn Beitz schmeckte der Bull Shot mit der selbstgemachten Brühe besser. Machte aber nichts. War mal wieder ein toller Abend. Damals. Bei Karlchen.

 

Die Swap-Datei. Oder sowas.

„There ain’t no such thing like a free lunch“ ist eins dieser Sprichwörter, mit denen Eltern ihre Kinder nerven. „Es gibt nichts umsonst im Leben“ ist die prosaischere deutsche Variante für die englische Erkenntnis, dass man immer zahlen muss, auch wenn das Mittagessen angeblich gratis war.
Eine Rechnung wird uns dieser Tage präsentiert, und zwar die Rechnung für unsere Bequemlichkeit. Darf ich kurz an die Anfänge der Personal Computer erinnern, an die XTs, ATs und 386er, mit denen man vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren die ersten Schritte in Textverarbeitungen, Spreadsheets etc. machte?
Wenn man damals so ein Ding gekauft (für ein unsinniges Geld übrigens), auf dem Schreibtisch platziert und eingeschaltet hatte… passierte erst mal gar nix. Weil einen nur ein leerer Bildschirm anguckte, auf dem erhellenderweise nur „C:\“ zu lesen war. Ja, genau sowas wie die Windows-Eingabeaufforderung. Die Windows-Eingabeaufforderung hieß damals MS-DOS und war das Betriebssystem, dass man erstmal erlernen musste, denn die PCs wurden mit kryptischen Tastaurkürzeln bedient. Mit „format a:\“ konnte man eine Diskette in Laufwerk A: formatieren, mit „cd arbeit“ in einen Ordner namens „arbeit“ wechseln, sich mit „dir“ den Verzeichnisinhalt anzeigen lassen und mit „wp“ Wordperfect starten, die damals (und vielleicht noch heute) beste Textverarbeitung der Welt. Das war am Anfang etwas kompliziert, weil einem die Befehle ungewohnt und willkürlich erschienen. Was sie aber gar nicht waren. Wenn man sich einmal mit der Funktionsweise eines solchen PCs auseinander gesetzt hatte, und gerafft hatte, dass „cd“ die Abkürzung für „change directory“ und „format“ die Abkürzung für „format“ war, ging einem das GeDosse ganz flott von der Hand.
Und man wusste haargenau, warum der Rechner was tat. Wenn das Diskettenlaufwerk oder die Festplatte ansprang, dann nur aus dem Grund, weil ich dem Rechenknecht gesagt hatte, dass er etwas speichern oder laden sollte. Auch wenn man mit einer Textverarbeitung oder einer Tabellenkalkulation arbeitete, wusste man eigentlich immer genau, was der Rechner tat.
Das war nicht schwer, aber die meisten Menschen, die anfingen, mit Computern zu arbeiten stöhnten, wie schwer und unbegreiflich doch diese PCs wären.
Und dann kam Windows (bzw. dieses Mac-Zeugs). Einfach mit der Maus draufzeigen und klicken. Ist heute Standard, war damals sowas wie die erste Mondlandung. Kein Mensch musste mehr Tastaurbefehle auswendig lernen oder die Funktionsweise des Dingenskirchen verstehen, den er da bediente.
Mir war das unheimlich. Wenn Windows lief, ratterte plötzlich meine Festplatte los, ohne dass ich ihr das Losrattern erlaubt hatte. „Ist die Swap-Datei. Oder sowas“, erklärten einem die Windows-Experten. Auf die Frage, was denn „oder sowas“ sein könnte, kam nur ein Achselzucken.
Ich hab mich an DOS geklammert, bis es nicht mehr ging. Ich wollte die Kontrolle über meinen Rechner nicht aufgeben. Aber 1996 oder 97 war es soweit, ich warf den letzten Rechner, dessen Funktionsweise ich hundertprozentig verstanden hatte, auf den Müll und kaufte einen mit Windows 95. Die Auftraggeber bestanden darauf, dass ich meine Texte mit einer hundertprozentig kompatiblen Windows-Textverarbeitung lieferte, und soweit ging mein Starrsinn dann doch nicht, dass ich gutes Geld ablehnte.
Und bald war auch mein Unbehagen wegen der dauernden Festplattenzugriffe und anderer Merkwürdigkeiten in Windows 95 (davon gab es viele!) verschwunden. War ja wirklich bequemer, und was dieses Betriebssystem nun ganz genau auf meinem Rechner veranstaltete, musste ich ja nun wirklich nicht wissen, solange er die Texte ausspuckte, die ich vorher eingetippt hatte. War eben die Swap-Datei. Oder sowas.
Und heute sitzen wir alle an Kisten, die alle irgendwie mit dem Internet und untereinander vernetzt sind, und außer ein paar tausendprozentigen Geeks und Nerds weiß eigentlich keiner, was die Kiste, an der er sitzt, tatsächlich macht. Könnte die Swap-Datei sein. Oder sowas. Wobei „sowas“ ein Virus sein kann. Oder die NSA. Oder die Briten, die Chinesen, die bräsigen Onkels in Strickjacken vom WDR-Computerclub oder eine Kombination aus allem. Wir wissen’s nicht, und wir werden’s nicht mehr herausbekommen. Wir wollten’s ja unbedingt einfach und bequem haben.
Es hat zwar ein paar Jahrzehnte gedauert, aber jetzt ist der Kellner mit der Rechnung für den Gratis-Lunch gekommen.