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Fußball, Tennis und andere Torheiten

Magic Moments

Und mal wieder Tennis gespielt. Die Opposition servierte, und dem Aufschläger fiel das Racket aus der Hand, nachdem er den Ball getroffen hatte. Als mein Partner den Return vor Aufregung ins Netz haute, blieb für einen Moment die Zeit stehen.
Ja, es war Satzball für uns.
Ja, wir haben dann den Satz noch verloren.
Ja, wir haben auch das Match verloren.
Nein, ich wollte meinen Partner nicht umbringen.

Tennis, anyone?

Tennisball

Man müsste im Tennisclub einfach mal erzählen, dass Firma XYZ jetzt einen Tennisball auf den Markt gebracht hat, der durch neuartige Microfaser-Technologie o.ä. garantiert keinen Abdruck im Sand hinterläßt, der bei strittigen Bällen als Entscheidungshilfe dienen könnte.
Wäre wirklich interessant, wer von den Kollegen sich nach der genauen Modellbezeichnung und Bestellmöglichkeiten erkundigt…

Übrigens… danke an Photocase für das schöne Bild!

Pflichtfilm

Eine dringende Empfehlung für jeden Menschen, der – wie ich – mit heißem Herzen die Geschicke der deutschen Fußballnationalmannschaft (die niemand, niemand, wirklich NIEMAND „Nati“ nennen darf) verfolgt, ist „Deutschland – Ein Sommermärchen“ von Sönke Wortmann, der uns bereits „Das Wunder von Bern“ schenkte, einen Film, der mit Peter Lohmeyers einsamem Fallrückzieher von auf der Wäschewiese eine der bewegendsten Kinoszenen überhaupt enthält, ist genau wie die genialen 4 Wochen der WM 2006: Locker. Ironisch. Und gar nicht pathetisch.
Und der Film liefert uns zwei wichtige Erkenntnisse:
1. Mit Frings, diesem coolen Sauhund, hätten wir die Squadra Azzurra locker noch während der regulären Spielzeit zerniert.
2. Jürgen Klinsmanns Rücktritt wird verständlich. Diese Motivationsmasche hätte er keinesfalls weitere zwei oder gar vier Jahre durchgehalten. Seine Kabinennummern sind der eigentliche Brüller des Films. Irgendwie wirkt Klinsmann auf mich wie ein Stuttgarter Kaufhaus-Filialleiter, der die Belegschaft auf den bevorstehenden Schlußverkauf einschwört.
Wie auch immer. Manni Breuckmann sieht es ähnlich: „Wenn du’s auf den Kern reduzierst: Er hat sie heiß gemacht. Macht jeder Kreisligatrainer.“

Die Stimme

Der folgende Text befaßt sich mit meinen Erfahrungen als engagierter, fachorientierter Fan der deutschen Nationalmannschaft vor dem heimischen Fernsehschirm. Folgerichtigerweise trägt er den Titel:

Wie ich wahnsinnig wurde

oder

Hearing Franz Beckenbauer

Es geschah am 30.7. 1966 in der 101ten Spielminute. Ja, genau. Das dritte Tor, das selbstverständlich keines war. ENGLISCHE Computerwissenschaftler haben beinahe 30 Jahre gebraucht, um mittels komplizierter Techniken das zu beweisen, was ich als 9jähriger im Bruchteil einer Sekunde mit bloßem Auge erkannt hatte: Der Ball hatte nicht in vollem Umfang die Torlinie überschritten. Trotzdem gab der Schiedsrichter das Tor, das deutsche Team brach – vollkommen verständlich! – auseinander und mußte das 4:2 hinnehmen. Wenig später wurde das Spiel abgepfiffen, England war Weltmeister und ich hatte begonnen, wahnsinnig zu werden.
Ich hatte den Glauben an die Gerechtigkeit im Fernsehen verloren. Man muß verstehen, daß zu dieser Zeit das Fernsehen für einen Neunjährigen DIE Instanz für Gerechtigkeit in der Welt war. Mein Zugriff auf das Medium TV war auf Sendungen beschränkt wie “Am Fuß der blauen Berge”, “Lassie” oder – an hohen kirchlichen Feiertagen – “Familie Hesselbach”. Diese Serien – die alle davon handelten, daß die Gerechtigkeit immer siegt – folgten ausnahmslos einer bestimmten, heute noch gültigen Spannungs-Dramaturgie, die ich im Folgenden anhand einer typischen “Lassie-Folge” in Beziehung zum WM-Endspiel 66 setzen möchte.

1. Exposition: Das Thema der Folge wird vorgestellt.
Lassie: Lassie ertappt einen Hühnerdieb auf der Nachbarfarm. Das Thema der Folge ist also die Entlarvung des Hühnerdiebs.
WM 66: Haller schießt das 1:0. Das Thema des Endspiels war also: Deutschland wird Weltmeister.

2. Plotpoint 1: eine überraschende Wendung, die die eigentliche Handlung auslöst.
Lassie: Der Hühnerdieb entkommt und muß verfolgt werden.
WM 66: Die Engländer machen den Ausgleich.

3. Die Krise
Lassie: Trotz aller Bemühungen von Timmy und Lassie gelingt es dem Hühnerdieb – einem abgefeimten Unsympathen – den Verdacht auf Timmys Vater zu lenken.
WM 66: Die Engländer gehen 2:1 in Führung

4. Lösung der Krise
Lassie: Es gelingt Timmy und Lassie, die Unschuld von Timmys Vater zu beweisen und den wahren Übeltäter zu entlarven.
WM 66: Wolfgang Weber macht in letzter Sekunde das 2:2.

5. Plotpoint 2: eine überraschende Wendung kurz vor Schluß, die zum Höhepunkt der Handlung führt.
Lassie: Der Hühnerdieb entkommt ein weiteres Mal, entführt Timmy und sperrt ihn in eine brennende Windmühle ein, um den einzigen Zeugen für seine Untaten auf meuchelmörderische Weise zu beseitigen.
WM 66: Der Schiedsrichter gibt das berüchtigte Nicht-Tor. Es steht 3:2 für England.

6. Das Happy-End
Lassie: Lassie befreit Timmy in letzter Sekunde aus der brennenden Windmühle, der Hühnerdieb wird gefaßt und seiner gerechten Strafe zugeführt.
WM 66: Nun ja. Korrekt wäre wohl gewesen: Uwe Seeler, Uns Uwe, der auf Erden wandelnde Titan der Kampfkraft, macht in unnachahmlicher Weise den Ausgleich, alles findet sich mit einem Wiederholungsspiel ab, und in letzter Sekunde gelingt Franz Beckenbauer, dem jugendlichen Künder froher, lichter Fußball-Zeiten das 4:3. Stattdessen… nun ja.

Ein festgefügtes Wertesystem von hoher dramatischer und moralischer Qualität war von einem Schweizer Schieds- und einem russischen Linienrichter zerschmettert worden.
Ein anderer als ich hätte aus der ganzen Malaise wohl die Erkenntnis gezogen, daß es keine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, hätte eine vielversprechende Karriere als Zyniker in Betracht gezogen und wäre schließlich zum Kabarett oder gar – schrecklicher Gedanke! – zum Feldhockey gegangen.
Ich jedoch wollte und konnte mich mit dem ungeheuerlichen Vorfall im Wembley-Stadion nicht abfinden. In den nächsten Tagen begann ich eifrig die Tageszeitungen zu studieren und aufmerksam die Tagesschau zu verfolgen. Ich rechnete fest mit dem Eingreifen eines übergeordneten Gerichtshofes, aus Den Haag, von der UNO, ganz egal woher, Hauptsache, daß wieder Gerechtigkeit einkehrte in die Welt.
Pustekuchen. Was ich zu sehen bekam, war das Foto des mit gesenktem Haupt den Platz verlassenden Uwe Seeler. In mindestens hundertfacher Ausfertigung. Und dann, als dieses Foto – wie damals üblich – mit mehrtägiger Verspätung auch noch in den Seiten unserer Lokalzeitung, der Werra-Rundschau, aufkreuzte, ging ich endgültig mental über die Wupper.
Seitdem habe ich keine Fernsehübertragung eines Spiels der deutschen Nationalmannschaft mehr versäumt. Ich saß (und sitze!) jedesmal wie gebannt vor dem Fernsehschirm und habe nur einen Gedanken: Das darf nie wieder passieren. Nie wieder darf ausgerechnet Uwe Seeler so vom Platz gehen. Lieber Gott, bitte, bitte, laß nie wieder zu, daß Uwe Seeler so vom Platz gehen muß.
Nach dem Halbfinale der WM 1970 gegen Italien begann ich logischerweise an der Existenz Gottes zu zweifeln. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht ausführlicher dazu äußern, die Wunde ist noch zu frisch, der Schmerz sitzt noch zu tief. Deshalb nur soviel: der Schiedsrichter, der diese himmelschreienden Unsportlichkeiten zu verantworten hatte, ein Mexikaner mit verdächtig japanischem Namen, ist heute Ehrenvorsitzender der Internationalen Schiedsrichtervereinigung. Gerechtigkeit? Ist doch für’n Arsch.
Ab diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich abseits des Fußball verstärkt mit Nietzsche. Etwa gleichzeitig geriet ich in die Pubertät. In dieser kritischen Phase der Entwicklung ist man wohl besonders anfällig für Gedankengut der radikaleren Sorte, und so wäre ich wohl in den Niederungen des defaitistischen Nihilismus versunken, wenn nicht ein blonder Engel in mein Leben getreten wäre, der meinem Denken und Fühlen Sinn und Perspektive gab. Ich spreche jetzt übrigens nicht von meiner ersten Freundin sondern – selbstverständlich – von Günther Netzer. Gott, diese seligen Jahre zwischen 70 und 72, als er aus der Tiefe des Raumes zu kommen pflegte. Wenn er raumgreifenden Schritts Richtung gegnerisches Tor eilte, seine blonde Mähne seidig im Wind flatterte und er schließlich mit geradezu tödlicher Sicherheit den unmöglich scheinenden, öffnenden Paß spielte, den wir Fans immer, der Gegner jedoch nie erwartete… dann saß ich vor dem Fernseher undwußte, daß nichts schief gehen konnte. Ich meine, ich wußte es wirklich. Ich war mir vollkommen sicher, daß die deutsche Nationalmannschaft unbesiegbar ist, solange ein Günther Netzer in ihren Reihen steht. Mit Wohlgefallen registrierte ich denn auch im Jahre 74, das Helmut Schön Günther Netzer einwechselte, als Jürgen Sparwasser das infame 1:0 für die DDR geschossen hatte. Um dem Ganzen auch noch die Krone aufzusetzen, war dieser Treffer übrigens noch nicht mal mit einer Regelwidrigkeit verknüpft gewesen, doch dies nur nebenbei. Netzer betrat also für die letzten zehn Minuten das Spielfeld, Ausgleich und Führungstreffer waren also praktisch nur noch eine Formsache. Wen scherten Netzers Übergewicht, sein Aktionsradius von der Größe eines Bierdeckels, Netzer würde es richten. Zehn Minuten später… war das Spiel vorbei. Gottseidank hatte Uwe Seeler seine internationale Karriere bereits beendet, so daß mir der o.g. Anblick wenigstens dieses Mal erspart geblieben ist.
Ich war vollkommen verzweifelt, zumal auch der Fußball, den die deutsche Nationalmannschaft mir 1974 anbot, so gar nicht meinen Erwartungen entsprach. Statt des rauschhaften Kombinationsfußball der Netzer-Ära bot man… ja, wie soll man das jetzt in der Rückschau nennen? Zweckhaft brutales Herumgestolper?
Zum ersten Mal begann ich, an der deutschen Nationalmannschaft zu zweifeln. Warum sollte ich mich eigentlich an wunderschönen Sommertagen vor den Fernseher hocken, um diese zweckorientierten Tölpel-Kicker zu beobachten, ihnen die Daumen zu drücken, in Schweiß auszubrechen, zu schreien, zu toben, zu krakeelen, kurz, all das tun, was ich in den letzten acht Jahren bei jedem Länderspiel getan hatte? Warum? Wo lag der Sinn des Ganzen?
Ein damals veröffentlichtes Buch des Journalisten Hermann Schreiber klärte mich auf: ich war im Alter von 17 Jahren in die sogenannte Midlife Crisis geraten. Und das während eines WM-Turniers! Mir war klar, daß ich mich sofort in Behandlung begeben mußte und begann, diverse Sanatorien anzurufen. Auf meine Frage, ob den Patienten der verschiedenen Institutionen die WM-Spiele der deutschen Elf via Fernsehraum zugänglich gemacht würden, reagierte man mit Ablehnung bzw. Unverständnis.
Meine psychische Krise spitzte sich dramatisch zu. Kurz vor dem ersten Zwischenrundenspiel gegen Jugoslawien begann ich, Stimmen zu hören. Oder – genauer gesagt – eine Stimme, die – mit deutlich bayrischem Akzent gebetsmühlenartig wiederholte: “Es ist doch ganz einfach. G’winnen müss ma. Egal wie. Darum geht’s beim Fußball. Daß man g’winnt. Der Rest ist allweil egal. Schaun’n mer mal…”
Diese Stimme wies mir den Weg aus meiner seelischen und fußballerischen Sinnkrise: Fußball muß gar nicht schön sein. Vor allen Dingen nicht, wenn er von der deutschen Nationalmannschaft gespielt wird. Hauptsache, sie gewinnen. Und sie gewannen. Fragen Sie mich bloß nicht, wie. Auf alle Fälle kann ich beschwören, daß ich unmittelbar nach dem Finale, während der Siegerehrung, die Stimme wieder gehört habe. “Hab I’s net g’sagt?!” dröhnte es in meinem Schädel. Tagelang. Danach war gottseidank a Rua.
Bis zum Finale der EM 76. Während des Elfmeterschießens war die Stimme wieder da. Uli Hoeneß lief an… da hörte ich sie deutlich rufen: “Körper über den Ball, Uli! Körper über den Ball!” Vergebens. Hoeneß geriet in Rücklage, und nach dem Ball wird heute noch auf Belgrader Balkonen – vergeblich – gefahndet. “Sogar a Sechz’ger hätt‘ den neibracht!” grantelte die Stimme und verstummte für lange Zeit.
Nun brach eins der düstersten Kapitel meines Lebens an: die WM 78. Während Mannschaften wie Argentinien und Holland begeisternden Fußball anboten, kamen aus dem deutschen Lager in Ascochinga unter Leitung des schon deutlich entrückten Helmut Schön und seines immer naßforscher werdenden Assistenten Jupp Derwall ausschließlich fußballerische Dubiosigkeiten. Der damalige Mannschaftskapitän, Hans-Hubert Vogts, über den noch ausführlicher zu reden sein wird, gab auf den Pressekonferenzen erste Kostproben seines rhetorischen Talents, das zumindest qualitativ zum damaligen Katastrophen-Fußball paßte. Zu all dem schwieg die Stimme. Das einzige was ich hörte (und heute immer noch höre) ist Edi Fingers grauenhaftes Krakeelen (“Tor! Tor! I werd narrisch…”). Im Nachhinein ist das Schweigen der Stimme nur allzu leicht zu verstehen: Scheiß-Fußball und trotzdem gewinnen hat noch irgendwas. Scheiß-Fußball und dann auch noch gegen die Ösis rausfliegen ist einfach nur Scheiße.
Danach folgten feucht-fröhliche Zeiten mit “HalloichbinderJupp” Derwall. Trotz einer einigermaßen unglaublichen Siegesserie, die mit dem Einstellen des Rekords der legendären Breslau-Elf und dem Gewinn der EM 80 endete, konnte ich mich für diese Elf nie so recht erwärmen. Das typische Nationalelf-Feeling (lausiger, aber unglaublich erfolgreicher Fußball) war zwar vorhanden, aber irgendwie hatte ich nie das Gefühl, daß wir (die Nationalelf und ich) uns sportlich auf internationaler Ebene bewegten. Die Ära Derwall hatte einfach etwas entschieden Laubenpieperisches. Die Stimme schien übrigens meiner Meinung zu sein. Bei Horst Hrubeschs (“Manni Banane, ich mit’m Kopp, zack!”) entscheidendem Kopfballtreffer im EM-Finale 80 gegen Belgien hörte ich kurz, aber deutlich: “Ja so ein Dusel! Des gibt’s ja net!” Kurz und schlecht, die ganze Angelegenheit kam mir entschieden spanisch vor, was dortselbst dann auch fürchterlichst bestätigt wurde.
1982. Die WM in Spanien. Gijon. Dieses unwürdige Geschiebe ausgerechnet gegen die Ösis, wo wir doch vier Jahre zuvor gegen die… Wir lagen doch schon Einsnull vorne… da hätte man doch… Okay, ich weiß. Schlecht spielen und weiterkommen. Aber so… Und ausgerechnet gegen die Ösis… So groß kann kein Schwamm sein, der da drüber geht. Die Stimme schwieg. Lastend. Bist zum Halbfinale gegen Frankreich, als Battiston allein mit dem Ball auf Toni Schuhmacher zulief. Als Schuhmacher aus seinem Kasten eilte, um Battiston ein Leids anzutun, riefen die Stimme und ich total synchron: “Der wird doch nicht… das kann er doch nicht machen…” Er machte. Battiston landete im Krankenhaus und wir – mal wieder “irgendwie” – im Finale. Ausgerechnet gegen Italien. Die Rechnung bezüglich des Halbfinales 1970 ist nach dem total vergurkten 82er Finale offener denn je!
Aus schwärzester Verzweiflung stürzten mich Derwall und seine Mannen anläßlich der 84er EM in Frankreich in… äh, ja, noch schwärzere Verzweiflung. Von dem begeisternden Fußball der Franzosen um Platini bekam ich wg. akuter Tränenblindheit nullnix mit. Aber hinterher war wenigstens Schluß mit Juppsig, und der Franz wurde Teamchef.
Plötzlich teilte die ganze Nation mit mir das Phänomen der Stimme. Sie war allgegenwärtig und lehrte uns erneut, uns für grottenschlechten Fußball zu begeistern, solange er erfolgreich war. Dies gelang dem Franz durch einen in der Sport- und Kunstgeschichte einmalig dastehenden Crossover: durch die Verbindung von Fußball und Kabarett.
Uiiuiiuii, die WM 86! Der Suppenkasper mit der Gurkentruppe in Mexiko. Wohl bei keinem Turnier liefen dermaßen dubiose Spielerpersönlichkeit mit dem “Adler auffer Brust” auf. Eder? Jakobs? Förster? Nach jedem Spiel legte ich die Video-Kassette von “Butch Cassidy and the Sundance Kid” ein, um Paul Newman fassungslos den Satz “Was sind das für Kerle?” sagen zu hören. Nichtsdestotrotz: für fußballerische Defizite wurde man durch die Berichte aus dem Mannschaftslager reichlich entschädigt: Grüppchenbildung, Puffbesuche, Stein-Rauswurf, und Egidius Braun spielte die Orgel. Beinahe wären Sie sogar Weltmeister geworden, wenn Sie nach dem 2:2 gegen Argentinien hinten dicht gemacht hätten. In der Verlängerung wäre alles drin gewesen, ich bin mir heute noch sicher, so eine Scheiße, die Argentinier waren doch platt, und Lothar hatte den Maradona quasi abgemeldet, alles hätte gepaßt… beinahe hätte der Franz mit diesen Brachialballverstolperern tatsächlich den Titel geholt. Chapeau!
Seine absolute Genialität als Trainer bewies der Franz bei der EM 88 im eigenen Land. Er schenkte ein ganzes Turnier und den möglichen Titel einfach ab, um den ungeliebten Wolfram Wuttke loszuwerden. Wuttke, zu dieser Zeit auf einem der zahlreichen Zenithe seines Könnens und als Fußballer durchaus genial (da undankbar, faul und frech), hätte dem Beckenbauerschen Konzept (Erfolg durch dubiosen Fußball) existentiell gefährlich werden können, da er (wenn er wollte, was nicht allzu oft vorkam) durchaus brillanten Fußball zu spielen in der Lage war. Also kam er – folgerichtigst – niemals zum Einsatz, mußte sich aber jeweils 90 Minuten lang auf der Tartan-Bahn warmlaufen, während seine minderbegabten Kollegen auf dem Rasen herumstümperten. Nach dem Aus gegen die Niederlande im Halbfinale (Koeman, wegen der Geschichte mit Olafs Trikot haben wir immer noch eine Rechnung offen!) war zwar die Europa-Meisterschaft, aber auch Wuttke kein Thema mehr. Der Weg war frei für den Titelgewinn 1990.
Bei diesem Turnier in Italien gelang es dem Franz unter anderem, mit dem gängigen Vorurteil aufzuräumen, die Deutschen seien eine sich stetig steigernde Turniermannschaft. Selbstverständlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Begeisterndes Eröffnungsspiel gegen den Jugo, kurzes Aufflackern fußballerischen Vermögens im Achtelfinale gegen die Niederlande (Eat this, Koeman!), ansonsten baute die Mannschaft während des Turnierverlaufs kontinuierlich ab: grenzenloser Krampf gegen die Tschechoslowakei, glückliches Elfmeterschießen gegen England und schließlich war es im Finale nur durch eine Schwalbe des ansonsten recht trefflichen Ruuiii Völler möglich, den grenzenlos enttäuschenden Argentiniern ein Tor reinzudrücken. Egal. Der Titel war da, 16 Jahre nachdem ich die Stimme zum ersten Mal gehört hatte. Alles war gut geworden. Mein verpfuschtes Leben im Dienste der deutschen Nationalmannschaft hatte einen Sinn gehabt.
Für eine rauschende Ballnacht. Denn dann trat der Franz und mit ihm die Stimme zurück. Ich hab seitdem nix mehr von ihm gehört, außer äußerst sporadischen akustischen Postkarten, in denen er mir mitteilte, daß es gerade in Kitzbühel sehr schön ist, daß er sein Handicap verbessert habe, oder er schickte mir einen Gruß aus Burkina Faso, wo er gerade dafür warb, die WM 2006 nach Deutschland zu holen.

Der Rest ist Schweigen.

Kurs: Wie man beim Tennis bescheißt

1. Warum offensichtliches Bescheißen nichts bringt.
Jeder Tennisspieler kennt den “Moment der Versuchung”. Meist tritt er bei einem engen Match auf, möglicherweise sogar bei einem “Big Point”. Der Gegner setzt einen unter Druck, man bringt die Bälle gerade noch so zurück, der Druck wird immer stärker und schließlich setzt das eklige Monster auf der anderen Seite zum Winner an. Der Ball zischt longline die Linie runter, man kommt nie und nimmer mehr dran, der Ball wird lang, immer länger… Schwein gehabt! Der geht ins Aus! Und dann kratzt das Dreckding doch noch knapp die Linie… aber einen Abdruck macht er nicht. Und wenn ich den Ball jetzt einfach ausgebe?
Tun Sie’s nicht. Ihr Gegner weiß, daß Sie beschissen haben. Nur äußerst unerfahrene Spieler lassen sich von derartigen Unsportlichkeiten aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Sie bauen durch solche Aktionen den Gegner auf, der sofort merkt: “Aha! Ich bin klar besser, der Dödel weiß sich nicht mehr anders zu helfen. Das Match hab ich im Sack.” Und noch schlimmer: Sie wissen, daß Sie beschissen haben. Sie wissen, daß Sie Ihrem Gegner anders nicht beikommen können. Das macht Sie wütend und nicht ihn. Und wenn Sie wütend werden, wird Ihr Spiel schlechter, nicht seins. Sie werden erneut bescheißen müssen, Ihr Gegner wird spätestens nach der dritten offensichtlichen Fehlentscheidung – zu Recht – einen Schiedsrichter verlangen, und dann sind Sie allein mit Ihrer Ohnmacht und Ihrer Wut. Sie sehen: Durch solche Aktionen erreichen Sie gar nichts, außer daß nach einer Weile niemand mehr mit Ihnen spielt. Warum also zu solchen Mitteln greifen? Es gibt zahlreiche andere – vollkommen legale – Methoden, starke oder schwache Gegner aus dem Rhythmus zu bringen…

2. Hilfe! Ich muß gegen einen saustarken Gegner spielen!
Die Clubmeisterschaften stehen unmittelbar bevor, die Hälfte der 1. Mannschaft ist in Urlaub und Sie rechnen sich Chancen aus, endlich einmal die zweite oder gar die dritte Runde zu erreichen. Frohgemut gehen Sie zum Clubhaus, um die Auslosung zu studieren… und die dämliche Frau des Volltrottels von Zeugwart hat Sie in der 1. Runde Ihrem Angstgegner zugelost. Der Kerl steht in der Rangliste 5 Plätze über Ihnen, Sie haben zigmal gegen ihn verloren, Ihre Chancen sind so groß wie die eines Schneeballs im Hochofen… Stop! Wenn Sie so an die Sache herangehen, haben Sie das Match in der Tat bereits verloren. Betrachten Sie das Match von der Warte Ihres Gegners. Der freut sich, daß er in der 1. Runde einen leichten Gegner zugelost bekommen hat. Ihr Gegner wird das bevorstehende Match auf die leichte Schulter nehmen und keinen weiteren Gedanken verschwenden außer: “Den? Den schlag ich sowieso!” Hier liegt Ihre Chance. Bereiten Sie sich professionell auf dieses Match vor. Setzen Sie sich gemütlich in den Sessel und lassen Sie die letzten Matches gegen Ihren Gegner Revue passieren. Wie hat er seine Punkte gegen Sie gemacht? Wie hat er Sie dazu gebracht, Fehler zu machen? Hätten Sie diese Fehler vermeiden können? Haben Sie Gelegenheiten verpaßt, Ihn zu Fehlern zu zwingen? Wo liegen die Schwächen Ihres Gegners? Können Sie aus diesen Schwächen Kapital schlagen? Entwerfen Sie einen konkreten Spielplan, wie Sie – theoretisch – den übermächtigen Gegner bezwingen könnten. Vereinbaren Sie ein freundschaftliches Match gegen einen anderen Spieler und versuchen Sie, diesen Spielplan durchzuziehen. Trainieren Sie diesen Spielplan. Nehmen Sie eventuell eine oder zwei Trainerstunden. Arbeiten Sie mit dem Trainer an den Schlägen, die Sie brauchen, um diesen Spielplan durchzuziehen.
Jetzt sind Sie bereit für Ihren Gegner. Verabreden Sie sich mit Ihm für – sagen wir – 17 Uhr. Sie kommen spätestens um 15 Uhr 30 auf die Anlage. Machen Sie sich gründlich warm, auch wenn Sie das sonst nicht tun. Schlagen Sie sich – mit einem Freund oder mit einem Trainer – eine halbe Stunde lang locker ein. Spielen Sie anschließend einen lockeren Satz. Ziehen Sie dabei Ihren Spielplan durch. Anschließend gehen Sie unter die Dusche, ziehen sich frische Tennis-Sachen an, steigen in Ihr Auto, und fahren ein paar mal um den Block, so daß Sie 5 Minuten zu spät kommen. Machen Sie einen abgehetzten Eindruck. Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Gegner dafür, daß Sie wegen beruflichem oder privatem Streß zu spät gekommen sind. Stapeln Sie tief. Sagen Sie ihm, daß Sie das Match “nur schnell hinter sich” bringen wollen. Schlagen Sie vor, das Einschlagen abzukürzen oder ganz darauf zu verzichten (“Ich verlier ja sowieso…”). Wenn Ihr Gegner sich trotzdem einschlagen will, machen Sie beim Einschlagen ABSICHTLICH einige Fehler. Schlagen Sie abwechselnd absichtlich ins Netz bzw. ins Aus. Einerseits wird ihr Gegner denken, daß Sie nicht gut drauf sind, andererseits ist das eine sehr gute Methode, sich auf eine gute Länge einzupendeln. Wenn schließlich das Match beginnt, wird Ihr Gegner äußerst siegessicher sein. Er schlägt sie “sowieso”; und außerdem haben Sie offensichtlich auch noch einen schlechten Tag erwischt. In Wirklichkeit können Sie siegessicher sein: Sie haben sich gut vorbereitet, Ihr Gegner überhaupt nicht. Sie wissen, was Sie erwartet, er nicht. Wenn es Ihnen jetzt gelingt, Ihren Spielplan durchzuziehen und Ihn unter Druck zu setzen, dann muß er schon sehr, sehr gut sein, um überhaupt zu merken, was hier abgeht. Möglicherweise haben Sie ihn schon “im Sack”, bevor er überhaupt merkt, daß er in Schwierigkeiten ist.
Diese TSHG-Methode (Tief Stapeln, Hoch Gewinnen) funktioniert natürlich nur bei Gegnern, die Sie gut kennen. Sollten Sie gegen einen starken Gegner spielen müssen, gegen den Sie bisher selten oder gar nicht gespielt haben, kann auch die umgekehrte Methode von Erfolg gekrönt sein: Bereiten Sie sich ebenso gewissenhaft vor, aber verbreiten Sie im Vorfeld des Matches ungebremstes Selbstvertrauen. Klopfen Sie Ihrem zukünftigen Gegner gönnerhaft auf die Schulter, erzählen Sie von Ihrer kürzlichen – selbstverständlich mit zahlreichen Triumphen verbundenen – Leistungsexplosion und äußern Sie die Hoffnung, daß es für ihn nicht allzu bitter wird. Schließen Sie (in Hörweite Ihres Gegners) mit Ihren Freunden diverse Wetten ab, in denen es nur um die Höhe Ihres Sieges geht. Am Tag des Matches selbst verfahren Sie ebenfalls wie bei der oben beschriebenen TSHG-Methode (gründlich vorbereiten, zu spät kommen etc.), aber natürlich mit dem Unterschied, daß Sie vor Selbstvertrauen nur so strotzen. Kommentieren Sie beim Einschlagen unbedingt gönnerhaft die Schläge Ihres Gegners (“Gar nicht schlecht!” – “Na bitte, es wird doch!”)! Nach dem Einschlagen, kurz bevor das Match beginnt, zücken Sie Ihr Handy, rufen irgendwen an und bestätigen einen Termin in einer Stunde (“So wie’s aussteht, schaff ich das dicke!”). Wenn Sie bis jetzt alles richtig gemacht, hat Ihr Gegner entweder völlig unbegründeten Respekt vor Ihnen, oder er steht kurz vor einem Wutanfall. Beides kann Ihnen auf dem Platz einen ziemlichen psychologischen Vorteil bringen, aber Vorsicht! Bei dieser Methode müssen Sie ziemlich schnell ziemlich deutlich führen. Wenn Ihr Gegner merkt, daß Sie nur geblufft haben, wird’s meistens ganz schnell zappenduster…

3. Um Gotteswillen! Der trifft ja heute alles!
Auch diese Situation kennen Sie sicherlich zur Genüge: Ihrem Gegner gelingt einfach alles. Seine Aufschläge donnern unerreichbar in die Ecken, seine Stops tropfen direkt hinter dem Netz ab, und selbst Notbälle bringt er irgendwie so zurück, daß Sie gerade eben nicht mehr drankommen. Wenn Sie jetzt denken: “Heute ist eben nichts mehr für mich drin…”, dann können Sie tatsächlich aufgeben. Sie müssen verhindern, daß Ihr Gegner auf diesem Niveau weiterspielt. Und das können Sie nur, indem Sie Ihn dazu bringen, nachzudenken.
a) Loben Sie ihn tot!
Machen Sie ihm beim Seitenwechsel Komplimente über seinen stärksten Schlag: “Mein Gott, hast du eine Rückhand! Für solch eine Rückhand würde ich töten!” Er wird – zu recht – sehr stolz auf seine Rückhand sein und – hoffentlich! – bei seiner nächsten, leichten Rückhand etwas mehr, vielleicht sogar zuviel riskieren. Das Ding geht ins Netz, er wird ein wenig irritiert sein, vielleicht noch eine leichte Rückhand verschlagen… und auf einmal ist seine stärkste Waffe weg. Sie sind wieder im Match.
b) Sagen Sie eine absurde Unwahrheit!
Nehmen wir an, Ihr Gegner hetzt Sie von einer Ecke des Platzes in die andere. Während Sie mit hochrotem Kopf und vernehmlich hechelnd die Seiten wechseln, sagen Sie: “Das läuft ja heute überhaupt nicht bei mir. Naja, wenigstens forderst Du mich läuferisch nicht allzusehr. Wenn ich jetzt auch noch in die Ecken rennen müßte…” Im schlechtesten Fall werden Sie das Spiel sowieso verlieren. Im günstigsten Fall wird Ihr Gegner darüber nachdenken, was Sie mit diesem abstrusen Mumpitz eigentlich gemeint haben, Fehler machen und Sie – vielleicht – zurück ins Match bringen.
c) Die Plaudertasche
Wenn alle Ihre Versuche nichts fruchten, Ihren Gegner zum Nachdenken über sein Spiel zu bewegen, müssen Sie eben versuchen, ihn auf tennisfremde gedankliche Wege zu bringen. Fangen Sie bei der Wechselpause an, über Gott und die Welt zu schwafeln! Quallen Sie ihn voll! Knabbern Sie ihm ein Ohr ab! Erzählen Sie ellenlange Witze ohne Pointe! Holen Sie Ihre Brieftasche hervor und zeigen Sie ihm verwackelte Fotos Ihrer Kinder! Machen Sie ihn mit den Feinheiten des Bierdeckelsammelns vertraut! Der Mann muß vor dem nächsten Seitenwechsel zittern!
d) Das ganze Leben ist ein Quiz.
Eine besonders heimtückische Variante der Plaudertasche ist das Quiz. Stellen Sie Ihrem Gegner beim Seitenwechsel eine ganz harmlose Frage, für deren Beantwortung er ein Weilchen in seinem Gedächtnis herumkramen muß, beispielsweise: “Sag mal, gestern im Clubhaus tauchte die Frage auf, gegen wen Boris Becker 1985 in Wimbledon im Halbfinale gewonnen hat…” Wenn er “Moment, ich hab’s gleich!” sagt, gehört der nächste Punkt Ihnen. Im unpassendsten Moment des nächsten Ballwechsels wird ihm “Anders Jarryd!” durch den Kopf schießen, und er wird unweigerlich einen Fehler machen. Jetzt nicht nachlassen! Nachlegen! “Wo wir gerade beim Thema sind, gegen wen hat Micha Stich eigentlich damals die ATP-WM gewonnen?” Um sein auf Hochtouren laufendes Gedächtnis wieder in den Griff zu bekommen, muß Ihr Gegner schon ein wahrer Zen-Künstler sein…

4. Gegen einen Gesunden habe ich noch nie gewonnen…
Die folgende Methode habe ich auf die harte Tour kennengelernt. Ich spielte gegen einen stärkeren Gegner, hatte aber einen guten Tag erwischt. Meine Bälle hatten eine gute Länge, ich konnte ihn über die Rückhand unter Druck setzen, ins Laufen bringen und schließlich mit Geduld den Punkt herausspielen. Den 1. Satz hatte ich 6:4 gewonnen, im 2. Satz lag ich schnell mit einem Break vor, alles sah gut aus, als mein Gegner einen längeren Ballwechsel plötzlich unterbrach, sich an den Oberschenkel griff und zur Bank humpelte. Er kramte in seiner Tennistasche herum, förderte eine Tube Salbe zutage, schmierte seinen Oberschenkel ein und legte sich einen Tape-Verband an. Ich fragte besorgt (1. Fehler) nach, ob er wirklich weiterspielen wolle. Er machte eine abwehrende Handbewegung, murmelte etwas von einer “alten Geschichte”, die ihm “gelegentlich zu schaffen macht”, und humpelte schmerzverzerrten Gesichts zurück an die Grundlinie. Während des nächsten Spiels lief er nach mehreren Bällen nicht mehr, griff sich mehrere Male an den Oberschenkel und jammerte vor sich hin. Er begann mir leid zu tun (2. Fehler). Trotzdem gewann ich auch dieses Spiel. Ich fühlte mich immer noch sehr sicher (3. Fehler). Beim Seitenwechsel erkundigte ich mich erneut nach seiner Verletzung (4. Fehler). Er zuckte mit den Schultern und meinte, es “für ein paar Schläge noch mal probieren” zu wollen. Mir wurde die ganze Sache peinlich (5. Fehler), und ich schaltete einen Gang zurück (6. und entscheidender Fehler). Ich begann daraufhin (logisch) Fehler zu machen und verlor die nächsten beiden Spiele. Nun war ich entschlossen, die Sache zu beenden und versuchte, wieder “volle Pulle” zu gehen. Zu meiner grenzenlosen Überraschung trat bei dem Schwerverletzten urplötzlich eine Wunderheilung ein, er lief wieder wie ein Hase, nahm mir den 2. Satz und schließlich ganz locker (weil ich begann, mich schwarz zu ärgern) das Match ab. Diese Methode habe ich seitdem in unzähligen Variationen immer wieder erlebt. Da brachte einem Spieler seine Mutter (geniales Manöver!) Medikamente auf den Platz, da wurde plötzlich ein Blutdruckmeßgerät aus der Tennistasche geholt, das ging (ungelogen!) bis zum Simulieren einer Herzattacke vor dem gegnerischen Matchball. Ignorieren Sie deshalb grundsätzlich Verletzungen oder anderen Wehwehchen Ihres Gegners! Wenn’s nicht geht, soll er aufgeben. Wenn er sich zum Aufschlag oder Return an die Grundlinie begibt, ist er genauso fit wie Pete Sampras, auch (oder gerade) wenn seine Frau lautstark jammernd am Handy hängt und seinem Hausarzt seine erhöhte Pulsfrequenz durchtelefoniert.
Eine absolut meisterhafte Variante dieser Mitleidstour kenne ich leider nur vom Hörensagen: vor Beginn eines Forderungsspiels teilte der allgemein als chancenlos eingestufte Geforderte seinem Gegner mit, er habe dieses Match eigentlich kampflos aufgeben wollen. Am gestrigen Abend habe Ihm nämlich seine Frau nach langjähriger, glücklicher Ehe offenbart, daß sie ihn wegen seines besten Freundes verlassen werde. Er sei daher eigentlich nicht in der Lage, zu spielen, aber “vielleicht bringt’s mich ja auf andere Gedanken”. Sein zutiefst erschütterter Gegner brachte selbstverständlich keinen geraden Ball mehr übers Netz. Muß ich noch erwähnen, daß die angeblich schnöde Gattin eine Stunde später im Clubhaus auftauchte, um ihrem Gemahl mit Küßchenlinksküßchenrechts zu seinem 6:0, 6:1 zu gratulieren? Kann man diese Geschichte glauben? Aber ja. Tennisspielern ist alles zuzutrauen.

5. Im Notfall bleibt nur der Griff in den Giftschrank.
Sicherlich haben Sie es schon gemerkt: Während man meine ersten Ratschläge noch unter die Rubrik “schlitzohriges Verhalten” einordnen konnte, sind wir mittlerweile bereits tief in – ich formuliere bewußt beschönigend – einer Art sportlicher Grauzone. In seltensten Fällen kann es notwendig werden, sogar diese Grauzone zu verlassen und sich ganz der dunklen Seite der Macht hinzugeben. Machen wir uns nichts vor: wenn Sie mit Ihrer Mannschaft Verbandsspiele bestreiten, zählt im Kampf um Auf- oder Abstieg jeder Punkt. Und wenn’s eng wird, wird auch Ihr Gegner nicht zimperlich sein. Wenn’s ganz eng wird, probieren Sie folgendes:
a) Die Thomas-Muster-Variante
Wenn’s für ihn nicht so gut lief, hat der “Alpen-Boris” seinem verdutzten Gegner beim Seitenwechsel schon mal ein gepflegtes “Schleich Di, Du Oasch, Di moach i nieda!” entgegengedonnert. Wenn der Gegner daraufhin verdattert und verunsichert zur Grundlinie schlich (“Was hat der gegen mich?”), hatte Herr Muster sein Ziel bereits erreicht. Die nächsten zwei, drei Punkte hat er gemacht… Im Verein sollte man mit flagranten Beleidigungen jedoch eher vorsichtig sein. Einem Profi kann es schließlich ziemlich egal sein, ob er beliebt ist oder nicht. Die anderen können sich ja nicht weigern. gegen ihn zu spielen… Spieler, die selbst nicht genug Mumm für “Muster-haftes” Rowdytum haben, rekrutieren zu diesem Zweck übrigens gern Verwandte und Bekannte. In Hörweite wird dann schon mal ein guter Freund postiert, der im geeigneten Moment lautstarke Zweifel z.B. am Lebenswandel der Mutter des Gegners äußert.
b) Pardon, mein Fehler!
Sie schlagen Ihren 1. Aufschlag mit hundertachtzig auf die Rückhand Ihres Gegners. Der haut Ihnen Ihren Superservice als unerreichbaren Return um die Ohren. Erkennen Sie die sportliche Leistung Ihres Gegners an? Quatsch! Geben Sie sich selbst einen Fußfehler und bestehen Sie darauf, einen 2. Aufschlag zu machen. Ihr Gegner kann nichts dagegen tun (außer einen Schiedsrichter verlangen), wird darüber aber dermaßen wütend werden, daß er ein paar unforced errors produzieren wird.
c) Der falsche Aufschlag
Sie bereiten sich zum 1. Aufschlag vor. Sie stehen an der Grundlinie, fixieren zum letzten Mal Ihren Gegner, lassen den Ball noch einmal auftippen… Halt! Irgendwas scheint mit dem Ball nicht zu stimmen. Sie ziehen die Stirn in Falten, lassen den Ball nochmals auftippen, schütteln ihn ein wenig neben Ihrem Ohr (rasselt da vielleicht was drin?), schließlich zucken Sie ratlos mit den Schultern und spielen ihn Ihrem Gegner von unten ins Aufschlagfeld zu. Während er den Ball mit der Hand auffängt und zu untersuchen beginnt, sagen Sie seelenruhig “15 : 0” und beginnen, sich auf Ihren nächsten Aufschlag vorzubereiten.
d) Die Rollstuhl-Nummer
Diese „Mutter aller üblen Tricks“ hat mir ein Tennisfreund aus Niedersachsen zugemailt. Zu Auswärtsspielen, wo sie der gegnerischen Mannschaft noch unbekannt sind, fährt diese Mannschaft nämlich prinzipiell zu siebt. Der 7. Mannschaftsteilnehmer wird allerdings scheinbar nicht eingreifen können, der sitzt im Rollstuhl und wird von einem anderen, drahtigen, außergewöhnlich fitten Mannschaftsmitglied rührend umsorgt. Dem Gegner wird mit mitleidigem Kopfschütteln klar gemacht, dass der im Rollstuhl sitzende trotz dieses „furchtbaren Unfalls“ gerne „dabei sein“ möchte. Nun, die ersten Einzel sind gespielt, die 2, die 4, die 6 sind durch. Es wird Zeit, dass die Nummer 1 auf den Platz geht. Ahnen Sie’s? Aber klar, der Typ im Rollstuhl springt auf, tänzelt auf den Platz und schießt seinem völlig fassungslosen Gegner die Bälle um die Ohren.