{"id":11319,"date":"2024-12-21T20:07:25","date_gmt":"2024-12-21T19:07:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/?p=11319"},"modified":"2024-12-26T11:14:07","modified_gmt":"2024-12-26T10:14:07","slug":"der-akkord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/","title":{"rendered":"Der Akkord"},"content":{"rendered":"<p>Mein Leben teilt sich in die Zeit vor dem Akkord und nach dem Akkord. Die Rede ist von dem einleitenden Gitarrenakkord von \u201eA hard day\u2019s night\u201c, gespielt von George Harrison auf einer 12seitigen Rickenbacker<span id='easy-footnote-1-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-1-11319' title='and with a little help from his friends \u2026( &lt;a href=&quot;https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Hard_Day%27s_Night_(song)#Opening_chord)&quot;&gt;https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Hard_Day%27s_Night_(song)#Opening_chord&lt;\/a&gt;)'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Es war der erste Beatles-Song den ich h\u00f6rte, und er hat mein Leben ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich war damals acht Jahre alt und hasste es, zum Friseur zu gehen. Denn der Friseur, zu dem man mich alle vier bis sechs Wochen schickte, im &#8222;Salon S.&#8220; in der Friedrich-Wilhelm-Stra\u00dfe, lie\u00df mir immer die abgeschnittenen Haare in den Nacken rieseln, wo sie ein fieses Juckwerk anrichteten. Ich versuchte mich, wann immer es ging, vor dem Friseurbesuch zu dr\u00fccken, vergeblich. Mein Vater hielt auf Ordnung, der Junge musste mit anst\u00e4ndigem Haarschnitt zur Schule gehen.<\/p>\n<p>Dann las ich in unserer Lokalzeitung, der Werra-Rundschau, einen Artikel \u00fcber \u201ePilzk\u00f6pfe\u201c. Damit waren Mitglieder einer englischen Musikgruppe namens \u201eThe Beatles\u201c gemeint, die im Verweigern von Friseurbesuchen offensichtlich wesentlich erfolgreicher waren als ich. Diese Musiker begannen, mich zu interessieren. Leider konnte ich mir die Musik, die diese Gruppe machte (\u201eBeat-Musik\u201c, lt. Werra-Rundschau) nicht anh\u00f6ren. \u00dcber die Radioapparate unseres Haushalts waren nur der Hessische Rundfunk und die infamen Ost-Sender zu empfangen, der riesige Funkschatten, den der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoher_Mei%C3%9Fner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hohe Mei\u00dfner<\/a> warf, verhinderte den Empfang von Sendern wie Radio Luxemburg, die dieser neuen Musik aufgeschlossener gegen\u00fcberstanden als der HR, der von morgens bis zu meiner (fr\u00fchen) Bettzeit nur schwer ertr\u00e4gliche Schlagermusik absonderte.<\/p>\n<p>Dann entdeckte ich im Schaufenster von \u201eMusikhaus Schneider\u201c<span id='easy-footnote-2-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-2-11319' title='das in den n\u00e4chsten Jahren zum Fixpunkt meines musikalischen Universums werden sollte'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> diese Platte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-11322\" src=\"https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/wp-content\/pixelboxx-mss-67212693.webp\" alt=\"\" width=\"536\" height=\"402\" srcset=\"https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/wp-content\/pixelboxx-mss-67212693.webp 536w, https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/wp-content\/pixelboxx-mss-67212693-300x225.webp 300w, https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/wp-content\/pixelboxx-mss-67212693-400x300.webp 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px\" \/>Die waren tats\u00e4chlich viel l\u00e4nger nicht beim Friseur gewesen als ich. Die Platte musste ich haben, klar. Aber damals kostete eine Langspielplatte bei Frau Schneider (und \u00fcberall) satte <del>22<\/del> 18 DM<span id='easy-footnote-4-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-4-11319' title='. Diese Summe schien zun\u00e4chst unerreichbar f\u00fcr einen achtj\u00e4hrigen Jungen, der kein Taschengeld bekam&lt;span id=&#039;easy-footnote-3-11319&#039; class=&#039;easy-footnote-margin-adjust&#039;&gt;&lt;\/span&gt;&lt;span class=&#039;easy-footnote&#039;&gt;&lt;a href=&#039;https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-3-11319&#039; title=&#039;&#039;&gt;&lt;sup&gt;3&lt;\/sup&gt;&lt;\/a&gt;&lt;\/span&gt;\u201cTaschengeld? Du bekommst hier zu essen und zu trinken, soviel wie du willst. Wozu brauchst du Taschengeld?\u201c \u2013 \u201eNaja, falls ich mir mal was kaufen m\u00f6chte\u2026\u201c \u2013 \u201eWas willst du dir denn kaufen?\u201c \u2013 \u201eWei\u00df nicht &amp;#8230;\u201c \u2013 \u201eNa, siehst du!\u201c \u2013 \u201eVielleicht so eine \u2026 Beatlesplatte?\u201c \u2013 \u201eBeatles? Der Krach von diesen Langhaarigen? Kommt nicht in Frage, schlag dir das aus dem Kopf!\u201c'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>. Doch dann dachte ich ein wenig nach. Ich war &#8211; als Sohn in einem gut situierten b\u00fcrgerlichen Haushalt &#8211; doch nicht ganz mittellos. Ich bekam immer wieder ein bisschen was zugesteckt, Geld f\u00fcr ein Eis oder eine T\u00fcte Waffelbruch&#8230; Wenn ich anfing, das zu sparen, anstatt es sofort wieder auszugeben? Wenn ich 2 Mark im Monat zur\u00fccklegte, h\u00e4tte ich nach elf Monaten die Platte. Eine lange Zeit, aber das Projekt bekam den Anschein von Machbarkeit. Wenn ich vielleicht noch etwas dazu verdienen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen trat ich mit meiner konsternierten Mutter in durchaus komplexe Verhandlungen, die Tarife f\u00fcr meine freiwillige Mitwirkung in Haushaltsangelegenheiten <strong>\u00fcber das \u00fcbliche Ma\u00df hinaus<\/strong> festlegten<span id='easy-footnote-5-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-5-11319' title='Meine \u00fcblichen t\u00e4glichen Verrichtungspflichten (Tisch decken und abr\u00e4umen, Geschirr abtrocknen etc.) musste ich zu meinem gro\u00dfen Verdruss weiterhin gratis verrichten.'><sup>5<\/sup><\/a><\/span>. Meine Mutter erwies sich als Unternehmerstochter als die erwartet harte Verhandlungspartnerin, ich zog als unerfahrener Verhandler erwartbar den k\u00fcrzeren, aber &#8211; um das ganze abzuk\u00fcrzen &#8211; wenn ich mich richtig reinh\u00e4ngte, k\u00f6nnte ich &#8222;A Hard Day&#8217;s night&#8220; in sechs Monaten kaufen.<\/p>\n<p>Ich schaffte es in f\u00fcnf. Frau Schneider staunte nicht schlecht, als ich eine imposante Menge Kleingeld auf ihrem Tresen deponierte, und, nachdem sie mein Erspartes zweimal nachgez\u00e4hlt hatte, h\u00e4ndigte sie mir das erste Beatles-Album meines Lebens aus. Ich trug meinen Schatz nach Hause, schaltete die &#8222;Musik-Truhe&#8220;<span id='easy-footnote-6-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-6-11319' title='So hie\u00df das damals wirklich'><sup>6<\/sup><\/a><\/span> im Wohnzimmer ein, legte die Platte auf und senkte den Tonabnehmer ab. Dann kam der Akkord.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Beatles - A Hard Day&#039;s Night - Official Video\" width=\"584\" height=\"438\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/70QfHtKdh_0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Er traf mich vollkommen unvorbereitet und stellte meine Welt in einer Hundertstelsekunde auf den Kopf. Bis ich diesen Akkord geh\u00f6rt hatte, war ich ein kleiner Junge gewesen, der darauf gedrillt wurde, still zu sein, jederzeit zu gehorchen und sich unterzuordnen. Georges Rickenbacker lehrte mich im Bruchteil einer Sekunde, dass es vollkommen okay war, laut zu sein. Unangepasst. Jung. Frech. Dass es mein Leben war, und dass das nicht unbedingt das sein musste, was mein Vater f\u00fcr mich vorgesehen hatte. Und dass ich in der grandiosesten aller Zeiten lebte, in der eine fantastische Musik wie diese gespielt wurde. Mir war klar, dass es nicht einfach werden w\u00fcrde. Mein Vater war ein ziemlich harter Knochen, mit dem ich in Zukunft einige ziemlich harte K\u00e4mpfe auszufechten hatte. Aber ich war siegesgewiss: Ich hatte ja die Beatles an meiner Seite<span id='easy-footnote-7-11319' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.chris-kurbjuhn.de\/der-akkord\/#easy-footnote-bottom-7-11319' title='Wo sie heute noch sind'><sup>7<\/sup><\/a><\/span>.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter nahm ich im &#8222;Salon S.&#8220; im Friseurstuhl Platz und sagte: &#8222;Einmal K\u00e4mmen, bitte!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Leben teilt sich in die Zeit vor dem Akkord und nach dem Akkord. 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