Are you kidding?

Foto: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
By Photo: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
Vor ca. 20 Jahren habe ich für einen englischen Kollegen Recherchen angestellt: Er brauchte Berlin-spezifische Informationen für ein Stück, das er schreiben wollte, ich hab für ihn die Archive abgeklappert und tatsächlich konnte ich die ein oder andere Sache zutage fördern, so dass er schließlich nach Berlin kam, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Wir verbrachten zwei sehr anregende Tage miteinander, ich führte ihn herum und dabei kamen wir auch am leerstehenden Schiller-Theater vorbei.

»What‘s that?«, fragte er.
»That used to be something like our National Theatre.«
»Used to be?«
»It‘s closed.«
»But why?«
»No money.«
»Are you kidding? You‘re one of the richest countries in the world!«

In dem Augenblick habe ich mich plötzlich sehr geschämt, Bürger dieser Stadt und dieses Landes zu sein. Auch weil ich erst dann wirklich begriffen habe, wie kleingeistig die Schließung des Schiller-Theaters gewesen ist. Wieso verdammt nochmal hat dieses Land, in dem täglich Millionen und Milliarden verdient werden, die paar Puseratzen für Kultur nicht übrig?

Der Satz des Kollegen geht mir seitdem nicht mehr aus dem Ohr. Ich werde oft, viel zu oft an ihn erinnert. Gerade dieser Tage muss ich wieder sehr oft an ihn denken. Wenn ich sehe, dass diesem stinkreichen Land die schwarze Haushaltsnull wichtiger ist als das Leben von tausenden Menschen, die im Mittelmeer elend verrecken. Weil die Ressentiments konservativer Wähler, die ihre Gartenzwerg-Idylle durch ein kilometerweit entferntes Flüchtlingsheim bedroht sehen, wichtiger genommen werden als die elementarsten Grundsätze der Mitmenschlichkeit. Weil wir lieber mit dem Finger zeigen als die helfende Hand zu reichen.

»Are you kidding? You‘re one of the richest countries in the world!«

Die Anlässe sich zu schämen werden nicht weniger.

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