Aus der Krise gelernt

Wie wir mittlerweile alle wissen, hat die Wirtschaftskrise, deren Folgen wir jetzt alle zu spüren bekommen, damit begonnen, das Banken jede Menge Kredite an Leute vergeben haben, die sie niemals zurückzahlen konnten. Anschließend wurde mit diesen faulen Krediten auch noch Handel getrieben, das Weitere ist bekannt.
Da ich jetzt immer wieder lese, dass Unternehmen sich beklagen, dass es schier unmöglich sei, von Banken noch einen Kredit zu bekommen, gehe ich davon aus, dass die Geldinstitute aus diesem Desaster gelernt haben und Kredite nicht mehr dermaßen leichtfertig vergeben.
Und als die citibank Deutschland heute so freundlich und großzügig war, mir ein geschmackvolles Popup-Fenster mit einem Online-Kreditrechner zu spendieren, machte ich die Probe aufs Exempel. Haben die Jungs von der Citibank noch die oberfaulen Kredite im Programm? Also den Kreditrechner auf Anschlag gefahren, 50.000 Öcken will ich haben, bißchen Bewegungsgeld muss schon sein, alle Schiebeschalter auf rechts und 400 Euro Monatsverdienst angegeben. Die werden doch nicht…

Kredit 400

Brave citibank Deutschland! Gleich gemerkt, dass ich nicht kreditwürdig bin. Nee, is klar. 400 ist zuwenig. Wenn man fuffzichtausend Öcken will, da muss man schon deutlich mehr Nettoeinkommen haben. Mehr als 600 Öcken auf alle Fälle. Sagt die citibank Deutschland. Wie wär’s mit 650?

Kredit 650

Öha, der Kreditrechner ist noch Subprime-Oldschool und nimmt’s. 947,93 Euro zurückzahlen bei einem Monatseinkommen von 650 Euro. Wie in der guten alten Zeit! Vermutlich ein nostalgischer Insider-Scherz. Wäre ja geradezu zynisch, wenn man so einen superfaulen Kredit heutzutage beantragen könnte.

KRedit beantragen

Uuuups.

Rentner aus Gummi

Über den stählernen Überlebenswillen unserer Berliner Senioren habe ich vor einigen Monaten berichtet. Heute wurde mir eine andere herausragende Eigenschaft der rüstigen Rentner unserer Stadt plastisch vor Augen geführt: die außergewöhnliche Flexibilität, mit der sie sich geschmeidig wie ein Schlangenmensch auch auf blitzschnell eintretende Wechselfälle des Lebens einstellen.
Um kurz vor neun suchte ich heute die Ausgabestelle des Bürgeramtes Friedrichshain/Kreuzberg auf, weil ich meinen neuen Personalausweis abholen wollte. Im dritten Stock angekommen stand ich vor einer verschlossenen Tür mit heruntergelassener Jalousie. Ratlos zückte ich meinen Abholzettel und stellte fest, dass die Ausgabestelle donnerstags erst um 11 öffnet.
„Wenn Sie wat abholen wollen, die Ausjabestelle macht um neun Uhr uff!“ dröhnte mir plötzlich die welterfahrene Jovialität von ca. 75 Jahren Kreuzbärch ins Ohr.
„Wirklich?“, wagte ich zu erwidern. „Auf dem Abholschein steht donnerstags ab 11…“
„Det sind die ollen Abholscheine. da steht det noch falsch druff. Die machen um 9 Uhr uff, det können Se mir jlooben.“
„Sind Sie sicher?“
„Wäre ick sonst hier?“
Konnte ja sein, dass er sich wirklich auskannte. Es waren nur noch zwei oder drei Minuten bis neun, die Zeit konnte ich investieren, um zu sehen, ob er recht hatte.
Es wurde neun Uhr. Nebenan wurde die Tür der Wartemarkenausgabestelle geöffnet. Die Tür, vor der wir beide warteten, blieb zu. Ich zog die Augenbrauen hoch und sah den sich auskennenden Senior fragend an. Der schwieg jedoch lastend und starrte angestrengt in eine andere Richtung.
In diesem Moment öffnete sich die Fahrstuhltür, ein junger Mann stürzte heraus und rüttelte an der verschlossenen Tür der Ausgabestelle. Da fand der vermessene Veteran seine Sprache wieder: „Sie sind zu früh, junger Mann! Donnerstags machen die erst um 11 Uhr uff!“
Ja. Doch. Der Mann kennt sich aus.

Splitterbrötchen (LXXXVII)

Allgemein gilt das RTL-Dschungelcamp als der Punkt, an dem die Prominenz aufschlägt, wenn es nicht mehr weiter runter geht. Sätze wie „Wir trafen La Toya Jackson in Weil am Rhein, wo sie einem Europapokalspiel im Rollhockey als Stargast beiwohnte.“ (RTL Weekend vom 15.2.) eröffnen jedoch eine vollkommen neue Dimension.

DFB-Niersbach lobt Dietmar Hopp: „Wir müssen froh sein, dass er sein Geld nicht in Kunsthallen oder Museen steckt.“ Müssen wir nicht auch froh sein,  dass der liebe Gott kein Gehirn in Wolfgang Niersbach gesteckt hat?

Wieso glaubt die ARD, Heinz Erhardt dadurch ehren zu können, dass man Ina Müller auf ein Sofa setzt und Olli Geißen nachmachen lässt?

Das kommt mir livisch vor

Seit heute weiß ich, dass ich den Kampf gegen die Altersparanoia möglicherweise verlieren werde. Diese bittere Erkenntnis kam mir bei der Lektüre eines Artikels über bedrohte Sprachen im heutigen Tagesspiegel. Unter anderem las ich dort, dass nur noch ein einziger Lette die Sprache Livisch beherrsche.
Ich weiß nicht, was andere Zeitungsleser gedacht haben, als sie von dieser interessanten Tatsache lasen. Der eine hat vielleicht erwogen, ein Komitee zur Rettung der livischen Sprache ins Leben zu rufen. Einem anderen ist vielleicht die Idee zu einem an ältere Hitchcock-Filme erinnernden Drehbuch gekommen, in dem ein in livisch geschriebenes Geheimdokument jenem Letten eine zentrale Rolle in einem weltumspannenden Agentenwettrennen zuweist.
Da ich offensichtlich doch der Sohn meines Vaters – eines Mannes, der das Misstrauen gegen Gott und die Welt zur eigenständigen Kunstform erhoben hatte – bin, war meine Reaktion eine ganz andere. Das erste, was mir durch den Kopf schoss, war: „Wenn dieser Kerl angeblich der letzte auf der Welt ist, der livisch spricht… wer hat das eigentlich überprüft? Und – verdammt noch mal – wie?“

Tote Hose

Nur ein paar Fragen, chér Effjott, angesichts der unsterblichen Zeilen, die Sie heute veröffentlicht haben:

Es erstaunt mich überhaupt nicht, dass Schiesser pleite geht. Die Unterhose des Mannes hat keine gesellschaftliche Bedeutung. Weil es die Mama-Unterhose ist, weil die Unterhose der Bestandteil der Emanzipation ist. Am glücklichsten über die Pleite von Schiesser werden die Frauen sein.
Endlich haben sie ihren Mann ohne Unterhose.

  1. Ist es sehr spät geworden, gestern Abend in der Paris Bar?
  2. Haben Sie wieder den alten Streit mit Udo („Slip oder Boxer“) aufgewärmt?
  3. Gab’s anschließend – wie immer – reichlich Versöhnungsgrappa?
  4. Haben Sie dann, auf dem Nachhauseweg, noch so einen kleinen Schlenker gemacht, in die Siewissenschon-Bar?
  5. Und ist Ihnen später daheim aufgefallen, dass Sie dort vergessen haben, ein bestimmtes Kleidungsstück wieder anzulegen?

Ich frag ja nur. Nix für ungut.

Splitterbrötchen (LXXXV)

Eigentlich dachte ich, dass mich keine Suchmaschinenanfrage mehr verblüffen kann. Allerdings… nun ja, die Suche nach „Automechanikertorte“ ist natürlich herzallerliebst. Wenn es dem Mechaniker gelingt, alle Zündkerzen auf der Torte auszupusten, darf er sich was wünschen, nicht wahr?

Früher oder später musste es soweit kommen: Ein offenbar vollkommen merkbefreiter Beta- bis Alpha-Blogschmreiber bezeichnet Cut & Paste als „neue Kulturtechnik“. Da kann man dem digitalen Feuilleton nur eine große Zukunft prophezeien.

Und schließlich schickte mir ein gewisser Ottokar Lehmann per Mail eine frohe Botschaft: „Wir verwandeln ihr einfaches Schreibvermögen in ein professionelleres.“ Das freut mich natürlich sehr.

Splitterbrötchen (LXXXIV)

Das Bücherlesen scheint tatsächlich auszusterben. Wird schwer werden ohne.

Es muss wirklich nicht immer Leberwurst sein, aber  etwas namens „Bio-Bärlauch-Streich“ (!) von einer Firma namens „Zwergenwiese“ (!) würde ich mir nur in einer akuten Notlage auf die Stulle schmieren. Korrigiere mich: Nein, auch dann nicht!

Twitter ist ein Zeitvertreib für Nerds mit Konzentrationsdefiziten, sonst nix.

Das Konzept der „Bad Banks“ finde ich toll. Kann man bei so einem Laden eigentlich unbürokratisch ein Giro eröffnen? Mit ’nem richtig fetten Dispo?

Es gehört Format dazu, zu erkennen, dass man kein Format hat. Deshalb ist Selbsterkenntnis niemals eine kleine Leistung.