Splitterbrötchen (XXXVIII)

„Wichtig ist, dass man morgens in den Spiegel schauen kann. Und das kann ich.“, gab Mirko Slomka zu Protokoll. Toll. Andererseits: Wer kann das nicht?

Wo wir bei Slomka sind: Wieso hat der sich am Mittwoch angezogen wie ein Unterbösewicht in einem Italo-Western? Wie die schwarz gekleidete Type, die immer die Ohrfeigen-Kaskaden von Terence Hill einsteckt?

Wenn ich die armen Raucher sehe, die auf der Straße stehen, an ihren Zigaretten ziehen und sich nervös umgucken, dann muss ich schaudernd daran denken, dass die Deutschen es wie kein zweites Volk verstehen, Minderheiten auszugrenzen.

Dass zwischen Macht und Verantwortung im Idealfall ein Zusammenhang bestehen sollte, scheint nur einer erstaunlich geringen Zahl von Politikern klar zu sein.

Finanzprobleme regeln wir mit links

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Am Wochenende wird sich das Schicksal der SPD entscheiden. Netzeckenleser erinnern sich: Kurt Beck hatte die SPD vor ein paar Wochen bei einer Chicago-Partie an Oskar Lafontaine verloren. Seit zehn Tagen täuscht Beck eine Grippe vor, um in Ruhe für die Revanche im Online-Poker trainieren zu können. Beck steht als Herausforderer alleine da, die anderen sozialdemokratischen Spitzenpolitiker haben andere Interessen, aber auch Oskar Lafontaine hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie ein sensationelles Gesprächsprotokoll dokumentiert, das ich – wieder einmal – weltexklusiv in der Netzecke veröffentliche.

„Drei… zwei… eins… meins! Ich fass es nicht! Ein Traum wird wahr!“
„Was ist denn, Oskar?“
„Ich hab mir gerade auf ebay Kurt Becks Briefmarkensammlung geschossen. Mit allen Wohlfahrtsmarken aus den 60er Jahren!“
„Kurt Beck verkauft seine Briefmarkensammlung?“
„Kurtchen hat ein Liquidätsproblem, er braucht dringend Bares, wenn er morgen gegen mich die SPD beim Online-Poker zurückgewinnen will. Zwanzigtausend muss man für den Einstieg am VIP-Table hinlegen, hähähä.“
„Und deswegen versteigert Kurt seine Briefmarkensammlung?“
„Und die Pannini-Alben seiner Kinder, den Fiat Panda seiner Frau und eine olle Kienzle-Zwiebel, die er für die Taschenuhr von August Bebel hält…“
„Hält? Ist das nicht die echte?“
„Die echte hab ich natürlich behalten. Ich konnte doch intellektuellen Gnomen wie Schröder, Platzeck oder Beck, die sich in meinen übergroßen Fußspuren verirren, nicht Augusts Uhr anvertrauen!“
„Ääääh… nur mal so nebenbei gefragt, Oskar… woher nimmst du denn deine zwanzigtausend?“
„Gregor, ich bitte dich. Ich zocke grundsätzlich nicht mit eigenem Geld, ich war mal Finanzminister. Die zwanzigtausend für mich muss die Linkspartei abdrücken.“
„Ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll, Oskar, lieber Genosse Oskar…“
„Immer wenn du ‚Lieber Genosse‘ sagt, fangen bei mir alle Alarmglocken an zu schrillen.“
„Es könnte sein, dass wir ein kleines Liquiditätsproblem haben…“
„Das kann nicht sein, Gregor. Wenn du das Klimpergeld nicht in der Tasche hast, dann jettest du eben zackzack nach Zürich und holst ein bißchen was von dem, was die PDS dort deponiert hat. SED-Parteivermögen, Nazigold, Bernsteinzimmer…“
„Oskar! Dass ausgerechnet du diese Ammenmärchen aufwärmst!“
„Entschuldige, aber mit Ammenmärchen verdiene ich meinen Lebensunterhalt.“
„Oskar, klipp und klar…“
„Öha. Immer wenn du ‚klipp und klar“ sagst, hast du die Nebelwerfer schon in Stellung gebracht.“
„Wir haben keine zwanzigtausend.“
„Dann muss ich die SPD wohl kampflos an Kurt Beck zurückgeben.“
„Kann man denn da gar nichts machen? Irgendwas auf Pump? Meinethalben auch ein ungedeckter Wechsel…“
„Die Nummer funktioniert nur aus der Regierungsverantwortung heraus.“
„Dann bin ich ratlos, Oskar. Die Partei hat das Geld nicht.“
„Hab ein bißchen Vertrauen. Sehe ich etwa aus wie einer dieser Schlangenöl-Verkäufer, die Hühner auf heißen Herdplatten tanzen lassen und dafür Eintritt verlangen?“
„Offen gestanden: ja.“
„Gregor, sei doch ein bißchen kreativ…“
„Immer, wenn meine Kreativität gefragt ist, soll ich was Illegales machen.“
„Quatsch illegal. Du fährst einfach an den Tegernsee, klingelst bei Schalck-Golodkowski…“
„Laut Parteitagsbeschluss müssen wir ‚Du weisst-schon-wer‘ oder ‚Der, dessen Name nicht genannt werden darf‘ sagen.“
„… und sagst, dass die Leichen nur im Keller bleiben, wenn er schnell mal zwanzigtausend rüberrubbelt.“
„Hm. Ich soll tatsächlich Scha… Du-weißt-schon-wen erpressen?“
„Ein häßliches Wort. In der Politik sagen wir überzeugen.“
„IHN erpressen. Auweh!“
„Ich brauch das Geld doch nur geborgt. Morgen, für zwei, drei Stunden… Online-Poker gegen Beck ist eine todsichere Sache, da KANN ich gar nicht verlieren.“
„Okay, überredet.“
„Du fährst zu Schalck?“
„Nein. Ich flieg nach Zürich.“

Der Naumann-Brief – Das Original

Seit einigen Tagen kursieren Zitate eines angeblichen Briefs, den Michael Naumann an Kurt Beck geschrieben haben soll, durch die etablierten Medien. Insider der Sozialdemokratie und Kenner der politischen Szene haben starke Zweifel an der Echtheit dieses Dokuments. Zurecht, wie die Netzecke bestätigen kann. Das im SPIEGEL, in der FAZ und in der Werra-Rundschau zitierte „Dokument“ kann niemals aus der Feder eines Feingeists wie Michael Naumann stammen, der sich als in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat lieber die Hand abhacken würde, als sich seinem Parteivoritzenden gegenüber unsolidarisch zu verhalten. Tatsache ist: Naumann hat am Montag nach der Hamburg-Wahl tatsächlich einen Brief an Beck geschrieben, dessen Inhalt jedoch wesentlich brisanter ist als der der zahnlosen, hingeschluderten Fälschung. Der Netzecke ist es – wie immer – eine Freude und Ehre – für politischen Zündstoff zu sorgen, deshalb veröffentlichen wir jetzt – ungekürzt – den echten Naumann-Brief.

Hamburg, den 25.2.07

Lieber Kurt,

bitte entschuldige, dass ich erst jetzt wieder zur Feder greife, das Wort an Dich richte und auf Deinen Brief antworte, den Du Mitte Februar an mich abgesandt hast, aber das „Wahlkampfgedöns“ – wie Gerhard es zu nennen beliebt – hat in den letzten Wochen meine Zeit gefressen.

Nun aber zum Anlass meines Schreibens, unserem gemeinsamen Hobby, der Philatelie. Du berichtetest mir, dass Du nunmehr auch den letzten Satz Wohlfahrtsmarken aus den 60er Jahren deiner Sammlung einverleiben konntest, sowohl postfrisch als auch blitzsauber abgestempelt. Da kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, lieber Kurt! Das sind die Momente im Leben eines Philatelisten, für die sich all die Mühe, der Aufwand und die entsagungsvolle Anstrengung des Briefmarkensammelns lohnen. Ich bin mir sicher, dass Du – um dieses herausragende Ereignis zu feiern – ein Fläschchen Dornfelder geköpft hast, und sicher nicht den billigen, den Deine Frau immer aufmacht, wenn Gäste kommen.

Ich selber stagniere zur Zeit, zu vieles ist liegen geblieben. Ich bin noch mit dem Zählen meiner „Notopfer Berlin“-Marken beschäftigt, dann will ich mich dem Ablösen der vielen 10-Pfennig Theodor-Heuss-Marken widmen, die bei mir überall herumfliegen, um dann endlich, endlich an die Fehlerkorrektur des neuen Michelkatalogs zu gehen. Unglaublich, was sich die Redaktion da wieder für Schlampereien erlaubt hat!

Abschließend möchte ich Dir noch einmal ganz herzlich dafür danken, dass Du Dich – trotz des hohen politischen Risikos für Dich selbst – an unsere Absprache gehalten und eine Öffnung der SPD nach links betrieben hast. Ohne dieses Manöver hätte ich am Ende die Wahl in Hamburg gewonnen und gar keine Zeit mehr für meine Briefmarkensammlung gehabt. Das ging Spitz auf Knopf, aber Du hast es gerade noch mal hin bekommen, Chapeau!

Stimmt es übrigens, dass die Idee für diese Schlitzohrigkeit ursprünglich von Oskar stammt? Als er mit einer ganz ähnlichen Nummer die 90er Bundestagswahl abgeschenkt hat, weil er keinen Bock darauf hatte, die undankbaren Jammer-Ossis zu sanieren?

Wie dem auch sei, es hat geklappt, ich kann endlich wieder zu Lupe und Pinzette greifen, und das verdanke ich nur Dir.

Das werde ich Dir nie vergessen.

Mit philatelistischen Grüßen

Dein Markentauschfreund Michael

P.S.: Ich hab gehört, dass bei Dir eine Grippe im Anflug ist. Damit ist nicht zu Spaßen, lieber Kurt! Kurier die sofort und gründlich aus, damit nichts nach bleibt. Um die Partei mach Dir keine Sorgen: Die Spitzengenossen stehen wie ein Mann hinter Dir.

Die politische Landschaft Deutschlands wird nie mehr so sein, wie sie mal war.

Splitterbrötchen (XXXVII)

Die Fußballkommentare Wolf-Dieter Poschmanns ähneln mehr und mehr dem Rauschen bei schlechtem Radio-Empfang: störend, überflüssig, unvermeidlich.

Es gibt nur wenige Menschen, die ein spannenderes Leben führen als ein Paranoiker.

Eben in der U-Bahn mitgehört: „Kreuzberg ist mir zu spießig, zu yuppiehaft.“ Hm. Gibt es überhaupt noch Yuppies? Heißen die nicht mittlerweile irgendwie anders?

Bescheuerte Frage im Restaurant: „Den Salat mit Dressing?“ Fragt man zurück, was denn die Alternative wäre, bekommt man unfehlbar „Mit Essig und Öl“ zu hören. Als ob das kein Dressing wäre.

Wenn man wichtig sein will, langt es nicht, sich selbst für wichtig zu erklären. Man muss schon gelegentlich etwas wichtiges tun.

Nochmal Paranoia: Hat eigentlich schon mal jemand versucht, eine Verschwörungstheorie in die Praxis umzusetzen?