West-Berlin

Wenn mich jemand fragt, wie das in „West-Berlin“ war, dann erzähl ich gern, wie ich den Fall der Mauer erlebt habe. Also, am 9. November 1989 war ich im Theater, im Freien Schauspiel in der Neuköllner Pflügerstr. Dort wurde „Rotes Koma“ gespielt, ein Musical, zu dem ich das Libretto geschrieben hatte (die Musik hatte der unvergleichliche Ulrich Güldner komponiert) und in dem ich eine kleine Rolle (einen ausgeklinkten Theaterwissenschaftsstudenten im 23. Semester namens Max Reinhardt) spielte. Es war ca. 19 Uhr 15, die Mauer war seit einer Viertelstunde offen, was keiner von uns wusste. Wir schminkten uns und sprachen über die bevorstehende Vorstellung. Was man halt im Theater so redet, eine Viertelstunde bevor der Lappen hochgeht.
Da wurde ich ans Telefon gerufen und ging etwas unwillig ins Büro. Was konnte denn kurz vor der Vorstellung so wichtig sein, dass man mich im Theater anruft? Eine schlechte Nachricht konnte es ja nicht sein, damit werden Schauspieler ja bis nach der Vorstellung verschont, was war denn so dringend? Die geduldigste Gemahlin von allen teilte es mir mit: „Die Mauer ist offen.“
Öha. Rums. Doll. Während Calli Calmund schon auf dem Weg war, um Andreas Thom nach Legokusen zu lotsen, brauchte ich noch ein, zwei Minuten, um das zu begreifen. Nuja, sachte ich dann, wird sich das Leben jetzt wohl grundlegend ändern. Schön, in so spannenden Zeiten zu leben. Ich ging zurück in die Garderobe, hob meine Stimme und verkündete: „Die Mauer ist offen.“
Ich will verdammt sein, wenn auch nur ein Puderquast für einen Sekundenbruchteil still gehalten worden wäre. „Ach ja?“ sagte Jürgen H. wenn ich mich recht entsinne. Stefan N. merkte wohl, dass ich eine andere Reaktion erwartet hatte, sagte dann: „Tolle Sache, Chris, wirklich, aber meinst du nicht, dass meine Pointe in der Rosa-Szene besser kommt, wenn ich ’nur‘ statt ‚Idee‘ betone?“ Bevor ich antworten konnte, wurden wir von Beate P. unterbrochen: „Ich bin sehr unzufrieden mit meinem vorletzten Auftritt. Ich brauche da einfach zwei, drei Sätze mehr…“
Immer wenn ich irritiert bin, habe ich eine gewisse Tendenz, mich zu wiederholen. Ich wandte mich erneut ans Ensemble und rief: „Ich bin mir nicht sicher, ob das jeder mitgekriegt hat, DIE MAUER IST WEG!“
Nikola J. schaltete sich ein. „Jaja, schon gut, sag mal, muss ich heute im Finale unbedingt das hohe C singen? Ich bin etwas belegt, und wenn ich stattdessen eine Terz tiefer… das merkt doch keiner…“
Ja, genauso war West-Berlin. Ein Haufen Schauspieler, die nur die nächste Vorstellung im Sinn hatten. Das hatte natürlich eine gewisse sympathische Unaufgeregtheit was historische Momente anbelangt zur Folge, war andererseits aber durchaus ein bißchen irritierend. Wie dem auch sei,der West Rest ist Geschichte.

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1 Gedanke zu „West-Berlin

  1. Nach dem Fall der Mauer konnten die Einwohner der Deutschen Demokratische Republik am 18. März 1990 zum ersten Mal frei wählen. Es waren die einzigen freien Wahlen in der Historie der Deutschen Demokratische Republik, jedoch für die Einwohner waren diese ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Freiheit. Etliche Jugendliche wissen allerdings gar nicht mehr, was die DDR eigentlich war.

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