Heute morgen, ca. 8 Uhr 15, an der Ecke Großbeerenstr./Yorckstr. Arglos biegt eine Rentner um die Ecke und wird beinahe von einer rücksichtslos auf dem Trottoir daherfahrenden Radfahrerin auf die Hörner gekommen. Die Frau verreißt den Lenker, verfehlt den Rentner um Haaresbreite und radelt ohne ein Wort der Entschuldigung weiter.
Der Rentner, der noch nicht einmal vor Schreck zusammengezuckt ist, verzieht keine Miene und sagt in diesem unnachahmlich maulig-sanften Berliner Unzufriedenheits-Tonfall: „Wenn se fliejen könnten, würden se ooch noch von oben kommen.“
Ich bin so unsagbar stolz auf Berlin, die Stadt, in der ich leben darf. Welche andere Stadt auf der Welt bringt dermaßen unerschrockene Senioren hervor?
Archiv des Monats: September 2008
Splitterbrötchen (LXVI)
„Riesenschwein terrorisiert Rentnerin“ – „Zug überrollt Paar beim Sex“ – „Frau bringt 15-Kilo-Baby zur Welt“
In dieser Woche hat Spiegel-Online der Beliebigkeit im Web mit echtem Premium-Content getrotzt.
Die Ursache der meisten Missverständnisse könnte tatsächlich in unterschiedlichen Erwartungshaltungen liegen.
Wall-E ist unglaublich kitschig. Wie eigentlich jedes Meisterwerk.
Gibt es eigentlich schon Lisbeth-Salander-Fan-T-Shirts? Kaffee-Tassen? Mousepads? Wenn nein, warum nicht?
Wenn man aufhören würde, zu glauben keine Zeit zu haben, sich auf andere Menschen einzulassen, wäre schon viel gewonnen. Ebenso viel wie durch die Einschränkung des exzessiven Gebrauchs erweiterter Infinitive.
Die Überweisung
Ganz Deutschland lacht über die KfW-Bank, die dümmste Bank der Welt. Mal eben 350 Millionen Euro an die insolvente Lehman Brothers Bank überwiesen und damit in den Orkus gejagt. Wie kann denn das passieren? Während Politiker noch lautstark nach Aufklärung rufen
„Wir wollen genaueste Aufklärung darüber, wie es zu der Überweisung von 350 Millionen Euro an die Pleite-Bank Lehman kommen konnte“, sagte SPD-Haushaltsexperte Schneider…
ist der Netzecke längst die Klärung des Falls gelungen. Unsere nimmermüden Rechercheure haben die toten Briefkästen der Republik abgeklappert und sind fündig geworden. Das nachfolgende Gesprächsprotokoll dokumentiert in eindrucksvoller Weise ebenso die Mechanismen internationaler Finanzmärkte wie die bodenständige Entscheidungskultur deutscher Geldinstitute:
– Was ist denn als nächstes dran?
– Einmal 350 in die USA, an die Lehman-Brüder.
– Lehman-Brüder? Seit wann sind wir denn im Privatkundengeschäft?
– Kommt mir auch komisch vor.
– Schau nochmal genau nach, bitte.
– Kein Irrtum möglich. Lehman Brothers. Das ist englisch und heißt auf deutsch: die Lehman Brüder. Oder Gebrüder Lehman.
– Woher kannst du denn so gut englisch?
– Ich war auf ’ner Schulung. Wirtschaftsenglisch. 3 Wochen. In Singapur.
– Doll. Muss ich auch mal machen. Aber Wirtschaftsenglisch hin oder her: Die kommen mir spanisch vor, diese Lehman-Brüder. Ich ruf mal oben an, ob das seine Richtigkeit hat.
– Genau. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
– Hallo? Hier Leinberger, ich muss mal ganz dringend den Herrn Schröder sprechen. Ist mir ganz egal, ob der gleich ein wichtiges Meeting hat, wir haben hier eine Überweisung… Ja, Herr Schröder, schön, dass Sie Zeit haben, der Herr Fleischer und ich, wir rätseln darüber, warum wir irgendwelchen Privatkunden in den USA dreihundertfünfzig… Wie die heißen? Das sind die Gebrüder Lehman… Wie? Natürlich kenn ich mich aus im… Nu schreien Sie doch nicht so… Eine Bank? Die Lehman-Brüder haben eine Bank? Ach so. Wie heißt denn diese Bank? Wie? Wenn Sie so schreien, versteh ich kein Wort… Ach, die Bank heißt Lehman Brothers. Aufgelegt. Au weh. Das war jetzt gar nicht gut.
– Wieso?
– Der meinte, wir hätten wissen müssen, dass das ’ne Bank ist. Hat mir ’n ganz schönen Anschiss verpasst…
– Find ich ungerecht, wie der sich verhält. Man kann nun wirklich nicht jede Bank kennen.
– Er hat was gemeint von „in den Nachrichten“.
– Guck ich schon lang nicht mehr. Nur Panikmache. Könnte ich ja keine Nacht mehr schlafen, wenn ich Nachrichten gucken würde.
– Äh, wir sollten jetzt doch die Überweisung fertig machen. Der Schröder wird fuchsteufelswild wenn…
– Du, ich seh gerade…
– Was?
– Das sind keine 350 Euro, die wir an diese Lehman Brüder schicken sollen. Da hängen noch ein paar Nullen an der 350 dran…
– Viele?
– Sehr viele. Vielleicht sollten wir nochmal bei Herrn Schröder anrufen und fragen…
– Bitte. Gerne. Aber diesmal rufst du an und holst dir den Anschiss ab. Mein Bedarf ist gedeckt.
– Och nö. Auf Anschiß hab ich jetzt gar keinen Bock. Komm, wir hauen das Ding raus, egal wie. Wird schon seine Richtigkeit haben.
– Meinst du?
– Und außerdem können wir jederzeit sagen, dass wir ganz oben nachgefragt haben. Und dass der Herr Schröder selbst bestätigt hat, dass das ’ne Bank ist, wo wir den Zaster hinschießen.
– Hast recht. Da kann wirklich nichts passieren.
Kürbis aus dem Ofen
Gestern gab’s Bio-Hokkaidos im Angebot, und da die Ankunft des Herbsts sich endgültig nicht mehr leugnen läßt, hab ich zugeschlagen und das erste Herbstgemüse des Jahresauf den Tisch gebracht. Und endlich dieses Rezept für Kürbisspalten aus dem Ofen ausprobiert. Hokkaido also entkernt und in dünne Spalten geschnitten, in eine Schüssel verfrachtet, gesalzen, gepfeffert, ein paar großzügige Schwuppe Olivenöl drüber, mit den Händen vermengt und dann auf einem mit Backpapier ausgelegten Backblech ausgebreitet. In den auf 180 Grad vorgeheizten Ofen geschoben, nach einer halben Stunde rausgeholt, mit Zitronensaft beträufelt, Mahlzeit!
Fürs nächste Ma(h)l: Spalten ruhig etwas dicker schneiden. Die dünnsten (2-3mm) waren schon nach einer Viertelstunde gar. Und anfangen, mit Gewürzen zu experimentieren. Ingwer. Kreuzkümmel. Sowas. Ganz erstaunlich war, wie sehr die Kürbisspalten im Ofen zusammengeschnurrt sind. Der Hokkaido von der Größe eines Kinderballs hat knapp als Beilage für 2 gereicht.
Splitterbrötchen (LXV)
„Sie sind reich und prominent. Sie haben alles. Sie sind Milliardäre. Was ist ihr Geheimnis?“ fragt Guido Knopp in ZDF-History. Ist doch ganz einfach, Herr Knopp. Das Geheimnis der Milliardäre ist die riesige Menge Schotter, die die auf ihren Konten haben.
Siebecks achtzigster Geburtstag wäre so eine schöne Gelegenheit gewesen, die 12 Folgen seiner legendären Kochsendung auf DVD herauszubringen. Wäre gewesen. Schnarchsäcke.
Email ist not enough! Gestern die erste Potenzmittel-Werbung per Snailmail erhalten. Wie soll das weitergehen? Was sage ich, wenn der erste Viagra-Vertreter vor der Tür steht?
Hm. Seit ca. einem Jahr (geschätzt) habe ich nix mehr mit Estragon gekocht. Warum eigentlich? Ich mag Estragon
Siebeck zum Achtzigsten
Wolfram Siebeck wird heute 80. Auch wenn ich mich in letzter Zeit ein wenig über ihn geärgert habe, ich war, bin und bleibe ich einer der größten Fans dieses Mannes. Das erste Kochbuch, das ich erwarb, war von Siebeck. Nach wie vor habe ich mehr Bücher von Siebeck im Regal als von jedem anderen Autor, der sich mit Essen und Trinken befasst.
Was machst du zu Siebecks Achtzigstem, habe ich mich gefragt. Irgendwas von Siebeck kochen und abfotografieren? Quatsch. Siebeck kocht möglicherweise besser als ich, mit Sicherheit können sie bei ZEIT und Feinschmecker besser fotografieren (die haben die besseren Fotoapparate). Was über Siebeck schreiben? Quatsch. Niemand schreibt über Essen, Trinken und Siebeck so grandios, gallig und gut wie Siebeck. Deshalb heute, zum Achtzigsten, meine Lieblings-Siebeck-Zitate:
Thema Angst:
„Ob es sich um muslimische Einwanderer, Schwule oder um gefüllten Saumagen handelt, der deutsche Bürger weiß, wovor er sich fürchtet.“ Stern Nr. 14/2008
Thema Hausfrau:
„Schlecht kochen kann jeder, aber nur die deutsche Hausfrau schafft es, darauf noch stolz zu sein.“ Playboy
Thema Elite:
„Das ist wieder der Hartz-IV-Vorwurf. Ich schreibe doch nicht für diese Leute. Für die bin ich ein Unfall. Wenn ich die Sportseite aufschlage, verstehe ich auch nichts.“ Zeitmagazin 39/2008
Thema Heston Blumenthal:
„Wenn Blumenthal der beste Koch der Welt ist, dann bin ich eine Bratwurst.“ ARD-Interview, 2005
Thema Ente im Tour d’Argent:
„In meinen kulinarischen Phantasien verliert sie jedenfalls ihre Ähnlichkeit mit einem napoleonischen Adler und ähnelt nun eher Donald Duck.“ Kochbuch für Anspruchsvolle
Thema Bier:
„Im Sommer hier, wenn es glühend heiß ist, dann schütte ich mir schon mal eins gegen den Durst. Wasser ist ja immer so ein bißchen läppisch.“ Zeitmagazin 39/2008
Thema Genuß:
„Bekennen sich Revolutionäre wie Danton offen zum kulinarischen Genuß, wird ihnen dies automatisch um Vorwurf gemacht und gilt beim späteren Prozeß als strafverschärfend. Ist aber ein Massenmörder wie Hitler Vegetarier, so bringt niemand seine Schandtaten mit diesem Umstand in Zusammanhang.“ Zeitpunkte, Siebecks Sinne
Splitterbrötchen (LXIV)
Aus einer ebay-Auktionsbeschreibung (Konzertkarten): „Dieser unvergessliche Abend ist eine Gelegenheit für Jedermann. Die Lokation Berlin kompletiert damit dieses kulinarische Highlight.“ Danke für den Hinweis, liebe Kirsten!
In der Disziplin „tränentreibende Styling-Unfälle“ fährt Tempelhof zur Zeit einen wackeren Angriff gegen den scheinbar unangreifbaren Spitzenreiter Neukölln. Kreuzberg dümpelt unentschlossen in pink vor sich hin.
Wenn man sich mal die Erdinger-Werbespots mit dem Firlefranz anguckt: Die stoßen immer nur mit dem Zeugs an. Trinken sieht man keinen.
Den Kalauer des Monats entnehme ich deich.tv: „Was macht denn dein Kleiner?“ – „Der? Wird Mittwoch getauft.“ – „Das ist aber kein schöner Name.“
Gestern auf den „Kreuzberger festlichen Tagen“: alle zwanzig Meter ein Imbiss. Und in jedem Imbiß gibt’s die gleichen Bratwürste, Nackensteaks und Bouletten aus dem Großhandel. Sogar die Schilder, auf denen sie angepriesen werden, sind identisch. Hm. Wenn ich daran denke, wie wir uns früher beim Johannisfest auf dem Werdchen ausgetauscht haben, an welchem Stand die beste Bratwurst zu finden ist…
Der Berliner Kurier läuft bei der Produktion pulitzerpreiswürdiger Premium-Schlagzeilen zu Höchstform auf. Highlights dieser Woche: „Pflüger: Fahrstuhl zum Schafott“ und „Hitler heimlich zurück!“
Wo ist meine Zeit?
Es gibt Momente, die einen minuten- oder gar stundenlang verstummen lassen. Einfach weil man so erstaunt, überrascht und schockiert ist, dass man eine ganze Weile braucht, bis man Fassung und Sprache wieder gewonnen hat. Einen solchen Moment habe ich heute erlebt.
Zur Vorgeschichte: Seit etwas über zwei Jahren telefoniere ich mit einem ziemlich praktischen Nokia-Telefon in der Gegend umher. Praktisch finde ich dieses Telefon unter anderem deshalb, weil ich mit dem Dingelchen auch meinen gesamten Adressenbestand und meinen Terminkalender mit mir herumtragen kann. Und besonders praktisch finde ich, dass ich Adressen und Termine nicht mit meinen Wurstfingern auf den viel zu kleinen Handytasten bearbeiten muss. Das kann ich bequem am PC erledigen, und dann synchronisier ich das mit dem kleinen Telefon.
Damit ich nicht immer ein Kabel mit mir herumtragen muss, hab ich mir – gleich nachdem ich das Handy gekauft hatte – ein preiswertes Bluetooth-Dongle aus ebay geschossen, damit ich kabellos synchronisieren kann. Das funktionierte ebenfalls erstaunlich gut. Software installieren, Dongle rein, Geräte koppeln, fertig. Super.
Aber nur manchmal. Manchmal haben sich PC und Handy einfach nicht erkannt. Da schien kein Neustart zu helfen, weder bei PC noch bei Telefon, da half augenscheinlich nur eins: Geräte entkoppeln, neue Suche nach Bluetooth-Geräten, neues Passwort vergeben, neu koppeln, fertig. Dann ging’s wieder. Nicht direkt eine Katastrophe, aber doch irgendwie lästig.
Gelegentlich, wenn ich in den letzten zwei Jahren etwas Zeit hatte und mich an diese Problematik erinnerte, arbeitete ich an der Lösung. Ich machte mich über verschiedene Bluetooth-Protokolle (oder wie das heißt) schlau, ich datete die Software meines Handys up, ich probierte andere Bluetooth-Treiber aus, durchforstete das Internet nach Leidensgenossen… nichts. Schien eins von diesen Problemen zu sein, mit denen man leben muss. Einer dieser Fälle, wo selbst die Polizei die Akte lieber schließt, als sich weiter im Gestrüpp einer Ermittlung zu verlieren. Trotzdem hab ich immer mal wieder weiter nach einer Problemlösung gesucht, nicht oft, aber in zwei Jahren ist eine gewisse Zahl an Stunden dabei drauf gegangen.
Heute habe ich die Lösung entdeckt. Sie ist auf diesem Foto zu finden.
Genauer gesagt, bei den zwei markierten Tasten. Die obere Taste, genau, die blaue, ist die Taste, mit der man sich in den Menüs des Telefons eine Ebene zurück hangeln kann. Mit der unteren, roten Taste kann man nicht nur Anrufe beenden bzw. ablehnen, man kann auch sofort aus einer verschachtelten, tieferen Menü-Ebene zum Hauptmenü des Handys zurückkehren, wenn man sie drückt. Nett. Praktisch. Spart ein paar Tastenklicks und etwas Zeit.
Es sei denn, man verlässt mit der roten Taste die unterste Ebene des Bluetooth-Menüs. Wenn man das tut, um mit einem Klick ins Hauptmenü zurück zu kommen, finden die Geräte sich nicht. Wenn man die obere Taste benutzt, und zweimal zum Hauptmenü zurück klickt, finden die Geräte sich. Unlogisch, technisch nicht erklärbar, aber es ist so.
Da bin ich heute durch Zufall drauf gekommen. Bevor jemand fragt: Ja, es ist nachvollziehbar. Ich habe nochmal zehn Minuten damit verbracht, ein paar Varianten durchzuspielen. Zurück mit oberer Taste: Verbindung. Zurück mit unterer Taste: keine Verbindung.
Und jetzt würde ich gern von Firma Nokia etwas wissen. Nein, ich möchte bitte nicht erklärt bekommen, woran es liegt, dass die eine Taste augenscheinlich etwas macht oder nicht macht, was sie nicht machen sollte. Das interessiert mich einen feuchten Scheißdreck. Mein Anliegen ist ein anderes.
HEY, IHR GEWISSENLOSSEN GRAUEN HERREN VON NOKIA, IHR UNFÄHIGEN KNALLDEPPEN VON HIWI-INGENIEUREN! WO IST MEINE ZEIT, VERDAMMT NOCH MAL? DIE ZEIT, DIE ICH DAMIT VERBRACHT HABE, EIN BESCHEUERTES PROBLEM ZU LÖSEN, DASS IHR IN DIE WELT GESETZT HABT. WER GIBT MIR MEINE ZEIT ZURÜCK?
5 vor 12 in der U-Bahn
Ein ganz normaler Mittwochabend, auf dem Nachhauseweg seh ich von weitem die O2-Arena, dieses riesige Ufo, das mitten in einer fremden Stadt gelandet ist. Ein paar hundert Meter von dieser Luxusmuschel weg, vor der U-Bahn-Station Warschauer Straße, sitzen die jungen Leute auf der Straße, sie lassen die Flaschen kreisen, 3-4 Hunde sind auch dabei, die kriegen auf die Schnauze, wenn sie bellen, und im Kreis sitzt auch ein Mädchen, das sich eine Spritze in den Arm haut, und die andern tun so, als würden sie’s nicht sehen, und ich auch, ich muss zur U-Bahn, nach Hause.
Auf dem Bahnsteig Warschauer Straße steht diese Frau im schmutzigen Unterrock, wie alt mag die sein, vierzig, fünfzig, sechzig, ich kann’s nicht sagen, und sie singt. Erst frag ich mich, ist das ’ne Opernarie oder ein Kinderlied, was die da singt, und dann denk ich, dass sie das erfindet, so, wie es sich ihr aus der Kehle und der Seele heraus quält, und dann frag ich mich, ob sie wirklich singt, oder ob sie vor Hilflosigkeit heult. Die Lampe blinkt, die Sirene tutet, der Zug fährt gleich, und ich muss nach Hause.
Und am Kotti ist Schluss, Bauarbeiten, entweder Schienenersatzverkehr, oder über Hermannplatz nach Mehringdamm, erstmal Treppe runter, da komm ich an einem Kerl vorbei, der einfach mitten auf den Bahnsteig strullt, einen riesigen Bach, und dann stürz ich nur auf die Rolltreppe zu, wo eine Frau mich fragt, ob es hier zum Schienenersatzverkehr geht. Natürlich muss man runter, wenn man zum Bus will, ist doch klar, aber die hat wohl nur irgendwas gefragt, um dieses ekelhafte Plätschern zu übertönen, richtig dankbar muss ich ihr sein für die dämliche Frage. Bald bin ich zuhause.
Und dann im Zug nach Hermannplatz, kurz bevor er losfährt steigt ein Pärchen ein, sie sah aus, wie… ich weiß jetzt nicht, wie man das politisch korrekt ausdrückt, behindert, zurückgeblieben, eben wie jemand, der sich mit einem kapitalen Dachschaden durchs Leben kämpfen muss, und sie war stockbesoffen. Genau wie der Typ, der sie begleitet hat, riesengroß, mindestens zwei Zentner schwer, den Schädel zur Hälfte kahl rasiert. Als er sich ächzend auf die Bank niederließ, stand die Frau neben ihm auf, zwängte sich an ihm vorbei und stürzte aus dem Waggon raus, solange die U-Bahn noch stand. „Schlampe!“ brüllte der Kerl und stierte verschleiert hinter ihr her, dann holte er eine handvoll Portionsfläschchen Schnaps oder was aus der Tasche, und in den 3 Minuten bis zum Hermannplatz haben er und die Frau mit dem Dachschaden jeder zwei dieser Fläschchen leer gemacht. Sie hat nix gesagt, aber er hat ein paar mal was gebrüllt, ich konnte nicht verstehen, was er da brüllte, ich wollte es auch nicht verstehen. An der nächsten Station, Schönleinstraße, sind viele ausgestiegen. Als die Bahn wieder losfuhr, war der Waggon fast leer, was wollten die denn alle in der Schönleinstraße? Ich will nur noch nach Hause.
Und schließlich am Südstern, da steigt dieser Mann ein, mit einem Gesicht so voller Ekel, so voller Hass, das hab ich noch nicht gesehen, wie dieser Mann die Welt mustert. Dann seh ich, er hat ’ne Tasche dabei, da ist was Schweres drin, was kann das sein? ’ne Wumme? Oder ’ne Granate? Soll ich aussteigen? Quatsch, ich mach mich nicht lächerlich, der nächste Zug kommt erst in zehn Minuten, ich will endlich nach Hause.
Ein ganz normaler Mittwochabend in der Berliner U-Bahn, von Friedrichshain nach Kreuzberg. Das kann nicht viel länger gut gehen.
Unmissverständlich
Schilder sind dazu da, einen Sachverhalt knapp, klar und unmissverständlich… ja, eben zu dingsen. Logisch.


