Splitterbrötchen (LXII)

Die Fischfilets waren „angenehm zurückhaltend paniert“, schreibt Frau Binder vom Tagesspiegel. Interessant. Wie paniert man angenehm zurückhaltend? Drei Brösel pro Quadratzentimeter? Ab wann paniert man penetrant?

Laut einer Selbstmordstatistik bringen sich immer weniger Deutsche um. Spätestens morgen sollte einem Sat1-Selbstmord-Experten auffallen, dass das daran liegt, dass keine Wiederholungstäter in diese Statistik auftauchen.

Erkenntnis nach der „Langen Nacht der Museen“: Schieben, Schubsen und Versuchendurchanderemenschendurchzugehen ist unter kulturell interessierten Menschen mittlerweile vollkommen akzeptabel.

Schon als Shakespeare „All the world’s a stage, and all the men and women merely players“ schrieb, war das vermutlich ein Klischee. Heute mehrt sich von Tag zu Tag die Zahl der Schmieranten, die Dialog-Fetzen nachplappern, die sie nicht verstehen.

Danke!

Es gibt Momente, da bin ich von einer derartigen Glückseligkeit erfüllt, dass ich auf die Knie sinken, den Namen meines Schöpfers lobpreisen, tausend Kerzen in einer x-beliebigen Kirche anzünden und ein ums andere Mal ausrufen möchte: „Danke, Herr, dass du mich in einer Zeit leben lässt, in der es das Internet gibt!“
Denn ohne das Internet gebe es http://www.ulmen.tv nicht.

Yes, we can!

Sagt mal, Ihr Amis,

wie ich heute der Zeitung entnehmen muss, habt ihr euren Obama wirklich verinnerlicht und wollt fundamental was ändern:

Das erste Mal seit 1992 hat ein Land bei Olympia mehr Goldmedaillen als die USA geholt. Was seinerzeit der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gelang, schafften diesmal die Chinesen. China gewann 51, die USA gewannen 36 Mal Gold…
In den amerikanischen Medien aber wird Chinas Erfolg als symptomatisch für Chinas Aufstieg zu der Weltmacht gesehen. Chinas politische Führer könnten sich freuen, schreibt Bob Hunter, Kolumnist beim „Columbus Dispatch“. Sie wären die perfekten Gastgeber gewesen und hätten der Welt ihre Überlegenheit gezeigt. Das sei bitter, denn: „Damit hat China seine Methoden gerechtfertigt.“ China sei eine „Sportmacht“, die sich etabliert habe, schreibt Gordon Monson im „Salt Lake Tribune“. „Vor London müssen wir etwas ändern.“

Von China lernen heißt also Siegen lernen. Das USOC will tatsächlich in den nächsten 4 Jahren zu chinesischen Methoden greifen, also – ich nenne mal nur die erfolgreichsten – den Kommunismus einführen, flächendeckend die Umwelt plätten, in großem Stil Andersdenkende drangsalieren, wegsperren und umbringen und in den Ausweispapieren junger Sportlerinnen herumradieren.
Und diesen ganzen Aufwand wegen 15 lumpiger, erschwindelter Goldmedaillen? Da wär doch sogar ein Krieg preiswerter. Naja, ihr müsst das wissen.

Tschö.
Der Chris

Klassiker

Bratwurst

Ja, wenn ich diese Anzeige von Fa. Reichelt sehe, dann werden wehmütige Erinnerungen wach. Wie mein Vater mir auf der Kirmes meine allererste traditionelle Chili-Lemon-Bratwurst kaufte und mir die Geschichte dieses Klassikers unter den gebrühten, gecutterten Wurstwaren erzählte: Wie Leonardo da Vinci erste Pläne einer Wurst mit exotischen Gewürzen zeichnete, jedoch ins Visier der Inquisition geriet und die geheime „Bruderschaft der Chili-Lemon-Bratwurst“ gründete, die sein Wurstgeheimnis über die Jahrhunderte hinweg bewahrte. Wie dann der Soldatenkönig Friedrich-Wilhelm I. Mitglied der Bruderschaft wurde, das Geheimrezept stahl und seine Leibgarde mit einer entsprechenden Spezialdiät („Meine langen Kerls sollen hohe Mützen tragen, in denen sie mindestens 6 Chili-Lemon-Bratwürste ständig mit sich führen können.“) praktisch unbesiegbar machte. Wie Friedrich-Wilhelm II. einer Ranküne Voltaires zum Opfer fiel, den Kartoffelanbau forcierte und die Schlacht von Kunersdorf verlor, weil seine entkräfteten Truppen vergeblich um Chili-Lemon-Bratwürste flehten. Und wie dann schließlich bei der Märzrevolution 1848 das Chili-Lemon-Bratwurst-Rezept erstmals öffentlich gemacht wurde und die Chili-Lemon-Bratwurst endlich ihren Siegeszug durch alle gesellschaftlichen Schichten Deutschlands antreten konnte.
Aber auch modernere Legenden ranken sich um diesen Wurstklassiker: Wie Max Schmeling den Rückkampf gegen Joe Louis verlor, weil der amerikanische Zoll seine Chili-Lemon-Bratwürste beschlagnahmt hatte. Wie amerikanische Soldaten nach dem 2. Weltkrieg begannen, mit den „Frauleins“ zu fraternisieren, weil die so unvergleichliche Chili-Lemon-Bratwürste grillen konnten. Wie Paul McCartney vor dem Star Club in Hamburg seine erste Chili-Lemon-Bratwurst verspeiste und sofort den Song „Sgt. Chili’s Lemon Hearts Club Band“ schrieb, der wenige Jahre später – textlich leicht abgewandelt – Weltruhm erlangte. Wie Paul Breitner und Gerd Müller nach dem Erringen der Weltmeisterschaft 1974 noch am selben Abend ihren Rücktritt erklärten, weil die DFB-Funktionäre ihnen die Chili-Lemon-Bratwürste weggegessen hatten. Und wie die wackeren DDR-Bürgerrechtler ein ums andere Mahl betonten „Entweder die Chili-Lemon-Bratwurst kommt zu uns oder wir kommen zur Bratwurst!“ und so die Mauer zum Einsturz brachten…
Ach, es gibt so viele Geschichten, in denen die Chili-Lemon-Bratwurst die heimliche Hauptrolle spielt… So ist das eben. Mit Klassikern.

Splitterbrötchen (LXI)

Der Spammer der Woche heißt Nuttipol Buckbee.

Schöne Wahrheit aus einem Internetforum: „Der normale mitteleuropäische Mann verträgt kein Gemüse.“

Seit einer Weile fangen alle Intercity-Züge an, bestialisch nach heißem Metall zu stinken, wenn er bremst. Die Zugbegleiter sagen, dass liege an den Bremsscheiben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Deutsche Bahn vor einem Jahr noch geruchlose Bremsscheiben verwendet hat.

Idee für eine neuartige Dienstleistung, die man einem veganen Zielpublikum anbieten könnte: Gemüseflüsterer.

Olympische Gänsehaut-Momente V: 100m in 11,9

Da hab ich lange überlegt, ob ich diesen Gänsehaut-Moment in die Netzecke stelle. Schließlich hatte er ja später Nandrolon in der Zahncreme. Ich fiel damals aus allen Wolken, als ausgerechnet Dieter Baumann positiv getestete wurde. Nicht, dass ich naiv bin: Natürlich muss man sich seit einigen Jahrzehnten grundsätzlich bei jeder sportlichen Höchstleistung fragen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber Baumann? Baumann doch nicht! Andererseits: den Quatsch, dass die Stasi (der kenianische Geheimdienst, die Da-Vinci-Bruderschaft, die Söhne Harald Norpoths, you name it) seine Zahncreme manipuliert hätten, den kann er seiner schwäbischen Großmutter erzählen, während sie die Spätzle abseiht.
Wie dem auch sei, 92 in Barcelona war er vielleicht hoffentlich bestimmt sauber, als ihm der größte Gänsehaut-Moment von allen gelang, als er die hundert Meter in 11,9 Sekunden lief. Okay, mögen jetzt manche sagen, 11,9 Sekunden über hundert Meter ist durchaus keine Weltklasseleistung, und diesen Skeptikern gebe ich hundertprozentig recht. Vor seinem Hundert-Meter-Sprint war Baumann allerdings schon 4900 Meter gelaufen, und das sollte ein etwas anderes Licht auf die Sache werfen. Während der letzten Runde hab ich jedenfalls keinen Pfifferling mehr auf Baumann gegeben, gegen die afrikanischen Jungs hatte Dieter doch keine Chance, und dann hat dieser Trottel sich auch noch abdrängen lassen, auf Platz fünf oder wo, jetzt ist nur noch Bronze drin, ach Quatsch, Bronze ist auch weg, Baumann, dummer Versager, kann nur die Alleebäume auf der schwäbischen Alb überholen, hat nix drauf, der Mann. Und dann ging die Lücke auf…

Für Momente wie diesen ist das Wort „unwiderstehlich“ geprägt worden. Ich krieg heute noch Gänsehaut, wenn ich zugucke. Und feuchte Augen.

Olympische Gänsehaut-Momente IV: Entfällt wg. Blödheit

Eigentlich sollte hier jetzt ein charmanter kleiner Text über Frank Busemann stehen. Ich wollte mit einer geschmeidigen Überleitung von „Hollywood Hingsen“ anfangen und dann ohne Umschweife auf die Spiele von Atlanta zu sprechen kommen, wo Busemann einen der unterhaltsamsten Zehnkämpfe aller Zeiten vom Stapel ließ. Nicht nur, dass der junge Herr, der gerade vom Hürdenläufer zum Mehrkämpfer umgeschult hatte, eine schier unglaubliche Serie von Bestleistungen hinlegte, nein, er und sein auf der Tribüne mitfiebernder Vater/Trainer ließen eine Serie von lakonischen Sprüchen vom Stapel, die das sportliche Heldenbrimborium mit knochentrockenem Humor erdeten.
Ein paar dieser Sprüche wollte ich zitieren, und ein wirklich nettes Video hatte ich auch bei Youtube gefunden. Doch dann kam der Donnerstag, mit dem Donnerstag kommt seit Jahrzehnten der Donnerstag-kicker, und im kicker stand ein Interview mit Busemann, der als Grüßaugust der ARD gerade in Peking weilt:

kicker: Wie gefallen Ihnen die Spiele?
Busemann: Ich bin positiv überrascht. Der Chinese ist ein netter, zuvorkommender Mensch. Auch wenn er einen nicht ganz so oft versteht. Alles ist wie erwartet sehr gut durchorganisiert – bleibt nur die Frage, ob das Besondere, das Leichte auf der Strecke bleibt. Aber man kann sich hier wohlfühlen.

Und deshalb fällt der Busemann-Beitrag aus. Über Herrn Busemann schreib ich erst wieder, wenn er gemerkt hat, wo er eigentlich gelandet ist.

It’s alive! It’s alive!

Ich weiß, lieber Effjott, es ist schon eine ganze Weile her, aber vielleicht erinnern Sie sich ja doch an gewisse Veranstaltungen, die Sie als Jugendlicher gezwungenermaßen besuchen mussten. Die fanden regelmäßig in diesem großen, dunklen Gebäude namens „Schule“ statt… genau, diese ätzenden One-Man-Shows, wo sie von so einem arroganten Lümmel von vorne mit unverständlichem Zeugs zugetextet wurden!
Bin ganz ihrer Meinung, Scheiß-Veranstaltungen waren das. Kein Catering, keine Geschenke, keine Mädels, aber Anwesenheitspflicht. Hat einen total runtergezogen. Und dann noch aufpassen? Nicht mit einem Effjott!
Eine dieser Veranstaltungen hieß „Biologie-Unterricht“… Wie meinen? Bescheuerte Bezeichnung, unter der man sich nichts vorstellen kann. Ja. Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden, nach dem, was Sie heute geschrieben haben:

Seltsamerweise denken wir, dass Flugzeuge nicht sterben können (weil sie auch nicht leben). Das Pferd, das erste Verkehrsmittel, durfte sterben, weil es lebte.

Autofocus

Wenn ich den Zeitungen glauben kann, dann ist das Geheimnis der meisten olympischen Medaillengewinner gelüftet:: sie sind bis zu den Ohren zugedopt können besonders gut fokussieren. Womit nicht gemeint ist, dass sie in der Lage sind, ein Kamera-Objektiv scharf einzustellen (damit wären die meisten wohl überfordert), nein, sie können sich einfach besonders gut auf ihren Sport konzentrieren, in dem sie alles andere ausblenden. Von Steroid-Bolide Michael Phelps zum Beispiel sagt man, dass er beim Wettkampf nur das Wasser sieht, sonst nichts. Er sieht also nichts als Wasser, und dann, ja, dann schwimmt er. Muss wahnsinnig aufregend sein. Wäre nix für mich.
Auf alle Fälle ist der Aufenthalt in Peking sicherlich wesentlich kommoder, wenn man in der Lage ist, das Schicksal von Menschen wie Herrn Ji Sizun auszublenden. Herr Ji Sizun hat nichts weiter getan, als den Worten der chinesischen Machthaber und der Herren vom IOC in Sachen Meinungsfreiheit zu vertrauen. Die beide versichert hatten, dass es möglich wäre, während der Spiele in eigens dafür vorgesehenen „Protestzonen“ in Peking friedlich zu demonstrieren. Alles, was man tun musste, war, die geplante Demonstration anzumelden. Herr Ji Sizun glaubt an Recht und Gesetz, denn er ist Anwalt. Deshalb hat er in der ersten Woche der Spiele einen entsprechenden Antrag gestellt. Nachdem er dies getan hatte, konnte er gerade noch seine Angehörigen telefonisch von „Problemen“ benachrichtigen, dann verschwand er. Niemand hat seitdem etwas von Herrn Ji Sizun gehört.
Es wäre natürlich ein schöner Zug vom IOC, wenn es jetzt den Gastgeber mit gebotenem Nachdruck auf das Einhalten seiner Versprechen hinweisen würde. Was hindert diese feigen, geldgierigen Säcke eigentlich daran, den Despoten „Der Weitsprung findet erst statt, wenn Herr Ji Sizun wieder wohlbehalten aufgetaucht ist und unbehelligt demonstriert hat, wie es zugesichert war“ zu sagen? Ach so, das geht nicht, weil die TV-Sender ordentlich Geld hingelegt haben, damit der Weitsprung pünktlich stattfindet. Und die Sponsoren haben auch ordentliche Summen abgedrückt, die wollen keine „bad news“ im Zusammenhang mit den Spielen Hat Herr Ji Sizun eben die Arschkarte gezogen. Selber Schuld, dass er den Worten von IOC und chinesischer Regierung vertraut hat. Hätte doch wissen müssen, dass das gewissenlose Lügner sind, denen Herr Ji Sizun am Arsch vorbei geht.
Und deswegen interessiert es mich immer weniger, wenn irgendeine fokussierende Schwimmerin zur „Power-Frau“ hochgejubelt wird und Franzi „Ich bin so stolz auf sie!“ kreischt, wenn J. B. Kerner heldenhaft zwischen Peking und Nürnberg pendelt, weil wir ihn bei keinem Event verpassen dürfen und wie’s allüberall so heftig menschelt, wenn’s statt Gold nur Silber, Bronze oder garnix gibt.
Darauf fokussiert man gern. Auf Menschen wie Herrn Ji Sizun eher nicht. Ich hätte nie gedacht, dass Olympische Spiele mich einmal derart ankotzen würden.