Damals und heute

Mitte der 70er Jahre wurde die Bundesrepublik Deutschland von einer linken Terrorgruppe bedroht, der „RAF“ (vormals Baader-Meinhof-Gruppe). Die Reaktion des Staates auf diese Bedrohung war eindeutig. Fahndungsplakate mit den Fotos der Terroristen waren in den Städten plakatiert. An jedem Bahnhof hingen diese Plakate, in Post- und Bankfilialen, an Litfaßsäulen, es gab – meiner Erinnerung nach – keinen öffentlichen Ort, an dem diese Plakate nicht hingen. Die Polizei zeigte große Präsenz. Anlasslose Personenkontrollen waren an der Tagesordnung, ich (damals Anfang 20, langhaarig) wurde mindestens einmal pro Woche von einer Polizeistreife angehalten und musste meinen Ausweis vorzeigen, der umgehend auf Echtheit überprüft wurde. Meistens guckte ich bei diesen Kontrollen in die Mündung einer auf mich gerichteten Waffe. Die Polizisten waren nervös, schließlich konnte jeder ein Terrorist sein. Nachdem Polizisten einen letztlich unschuldigen Terrorverdächtigen durch seine geschlossene Wohnungstür erschossen hatten, hatte ich mir angewöhnt, meinen Ausweis in der Hand zu halten, wenn ich spätabends nach Hause ging. Lieber nicht in die Tasche fassen müssen, sonst denken die Bullen womöglich, ich würde eine Waffe ziehen…

Ich war in dieser Zeit auch viel auf der Autobahn unterwegs. Ich war mit einer Theatergruppe auf Tour, die in Jugendzentren und auf Festival alternatives Kinder- und Jugendtheater machte. Pro Monat spulten wir schonmal ein paar tausend Kilometer ab, alle paar hundert Kilometer setzte sich eine Polizeistreife vor uns, winkte uns heraus, kontrollierte uns, unseren Tourbus und unsere Ladung. Auch an unseren Auftrittsorten suchte die Polizei regelmäßig nach Terrorverdächtigen.

Auch das öffentliche Leben wurde damals von den Bemühungen des Staates dominiert, dem Terror Einhalt zu gebieten. Auf Linke und Liberale wurde öffentlich massiv Druck ausgeübt, sich von linken Terroristen und ihrem Umfeld zu distanzieren. Theater setzten daraufhin geplante Produktionen ab, z. B. von Camus‘ „Die Gerechten“ oder von Schillers „Die Räuber“, weil sie – m. E. zu Unrecht – Nachteile befürchteten. Ein 1977 entstandener Episodenfilm, „Deutschland im Herbst“ beschreibt das durchaus beängstigende Klima sehr gut.

Zur Zeit haben wir ein hierzulande ein massives Problem mit Terror von rechts. Es gibt rassistisch und antisemitisch motivierte Anschläge mit zahlreichen Opfern, politische Morde, rechte Terrornetzwerke wurden aufgehoben… Die Demokratie wird durch rechten Terror bedroht, aktuell werden über 500 politische Straftäter aus der rechten Szene polizeilich gesucht.

Ich habe vor vierzig Jahren miterlebt, mit welcher Härte sich dieser Staat gegen Terroristen wehren konnte. Ich verstehe nicht, warum er es heute nicht tut.

2 Gedanken zu „Damals und heute

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