Gegen die Angst

„Liebe Jungs, herzlich willkommen auf der Friedrich-Wilhelm-Schule! Damit wir uns gleich richtig verstehen: in drei Jahren ist die Hälfte von euch weg, und Abitur machen höchstens 10 Prozent.“ Mit diesen Worten wurde ich – zehn Jahre war ich damals jung – von meinem ersten Klassenlehrer auf dem Gymnasium meiner Heimatstadt begrüßt. Damit war dann auch die Marschroute für die nächsten neun Jahre vorgegeben: Uns wurde Angst eingejagt, ordentlich Druck gemacht. Damit wir gehorchten und ackerten. Und die Nummer funktionierte sehr gut. Wir bekamen solchen Schiss, dass wir gehorchten und ackerten wie die Weltmeister. Eine Weile lang. Irgendwann hält man den durch dauerndes Angst Machen ausgelösten Druck nicht mehr aus und sucht sich ein Ventil. Wir fingen damals an zu bescheißen. Spickzettel, Vorsagen, Abschreiben, das war nur der Anfang. Und das machten auch die Besten von uns, obwohl sie es eigentlich nicht nötig hatten. Man beschiss nicht nur, um bessere Noten zu bekommen. Das Gefühl, den damals allmächtigen Lehrer übers Ohr hauen zu können, war wunderbar. Man spürte eine große Erleichterung, wenn man es einmal getan hatte. Und tat es dann immer wieder. Weil es Spaß machte. Ungefähr achtzig Prozent meiner Abiturnoten – ja, ich gehörte zu den zehn Prozent – sind durch zum Teil ausgefeilte Betrugsmethoden zustande gekommen. Ich hab sogar im Sport-Abi beschissen. Weil ich es konnte.

Die Parallelen zur aktuellen pandemischen Lage sind unübersehbar, nicht wahr?

Damals und heute

Mitte der 70er Jahre wurde die Bundesrepublik Deutschland von einer linken Terrorgruppe bedroht, der „RAF“ (vormals Baader-Meinhof-Gruppe). Die Reaktion des Staates auf diese Bedrohung war eindeutig. Fahndungsplakate mit den Fotos der Terroristen waren in den Städten plakatiert. An jedem Bahnhof hingen diese Plakate, in Post- und Bankfilialen, an Litfaßsäulen, es gab – meiner Erinnerung nach – keinen öffentlichen Ort, an dem diese Plakate nicht hingen. Die Polizei zeigte große Präsenz. Anlasslose Personenkontrollen waren an der Tagesordnung, ich (damals Anfang 20, langhaarig) wurde mindestens einmal pro Woche von einer Polizeistreife angehalten und musste meinen Ausweis vorzeigen, der umgehend auf Echtheit überprüft wurde. Meistens guckte ich bei diesen Kontrollen in die Mündung einer auf mich gerichteten Waffe. Die Polizisten waren nervös, schließlich konnte jeder ein Terrorist sein. Nachdem Polizisten einen letztlich unschuldigen Terrorverdächtigen durch seine geschlossene Wohnungstür erschossen hatten, hatte ich mir angewöhnt, meinen Ausweis in der Hand zu halten, wenn ich spätabends nach Hause ging. Lieber nicht in die Tasche fassen müssen, sonst denken die Bullen womöglich, ich würde eine Waffe ziehen…

Ich war in dieser Zeit auch viel auf der Autobahn unterwegs. Ich war mit einer Theatergruppe auf Tour, die in Jugendzentren und auf Festival alternatives Kinder- und Jugendtheater machte. Pro Monat spulten wir schonmal ein paar tausend Kilometer ab, alle paar hundert Kilometer setzte sich eine Polizeistreife vor uns, winkte uns heraus, kontrollierte uns, unseren Tourbus und unsere Ladung. Auch an unseren Auftrittsorten suchte die Polizei regelmäßig nach Terrorverdächtigen.

Auch das öffentliche Leben wurde damals von den Bemühungen des Staates dominiert, dem Terror Einhalt zu gebieten. Auf Linke und Liberale wurde öffentlich massiv Druck ausgeübt, sich von linken Terroristen und ihrem Umfeld zu distanzieren. Theater setzten daraufhin geplante Produktionen ab, z. B. von Camus‘ „Die Gerechten“ oder von Schillers „Die Räuber“, weil sie – m. E. zu Unrecht – Nachteile befürchteten. Ein 1977 entstandener Episodenfilm, „Deutschland im Herbst“ beschreibt das durchaus beängstigende Klima sehr gut.

Zur Zeit haben wir ein hierzulande ein massives Problem mit Terror von rechts. Es gibt rassistisch und antisemitisch motivierte Anschläge mit zahlreichen Opfern, politische Morde, rechte Terrornetzwerke wurden aufgehoben… Die Demokratie wird durch rechten Terror bedroht, aktuell werden über 500 politische Straftäter aus der rechten Szene polizeilich gesucht.

Ich habe vor vierzig Jahren miterlebt, mit welcher Härte sich dieser Staat gegen Terroristen wehren konnte. Ich verstehe nicht, warum er es heute nicht tut.

Das letzte Foto von Notre Dame

Vor ein paar Tagen, am 8. März waren wir in Paris und gingen bei bestem Wetter die Seine entlang spazieren. Als ich Notre Dame so vor mir liegen sah, griff ich zum Smartphone, um ein Foto zu machen. „Lass doch den Quatsch!“, dachte ich dann, „Notre Dame hast du schon so oft fotografiert.“ Ich hab das Foto dann doch gemacht und bin diesmal sehr froh, dass ich nicht auf mich gehört habe.

Die winkende Frau

Dieses Jahr wird es 30 Jahre her sein, dass die Grenze zwischen der BRD und der DDR gefallen ist. Das ist eine ziemlich lange Zeit, und immer öfter höre ich jetzt Menschen erzählen, dass es in der DDR gar nicht so übel war. Okay, das mit der Mauer und dem Schießbefehl und der fehlenden Reisefreiheit und der Stasi war irgendwie doof. Aber immerhin war die DDR antifaschistisch. Und menschliche Wärme wurde da ganz großgeschrieben. Da war nicht alles schlecht in der DDR. Diesen Menschen möchte ich gern von Frau H. erzählen.

1961 lebte Frau H. schon ein paar Jahre lang in Eschwege, einer Kleinstadt in Nordhessen. Geboren war sie in Kella, einem thüringischen Dorf 5 bis 6 Kilometer von Eschwege entfernt. Als Frau H. ihren Mann Fritz geheiratet hatte, war sie nach Eschwege gezogen und hatte ihre Schwester, die in Kella verheiratet war, dort zurückgelassen.

Aber das war ja nicht schlimm. Zwar lag Eschwege jetzt in der BRD und Kella in der DDR, trotzdem war Kella nicht weit weg, irgendwie konnte man sich immer besuchen, die paar Kilometer… Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre begann die DDR dann, Grenzanlagen zu errichten. Zäune, Wachtürme, Minenfelder, Sperrgebiete. Kella war so ein Sperrgebiet. Wer dort wohnte, durfte nicht hinaus. Und wer nicht dort wohnte, bekam keine Besuchserlaubnis. 1961 ging mit der Mauer das letzte Schlupfloch zu. Die Schwestern H. durften sich nicht wiedersehen.

Man nimmt an, dass der Name „Kella“ von Kehle kommt, einer anderen Bezeichnung für Schlucht, denn Kella liegt in einem sehr engen Tal. Oben, auf dem Meinhard, da war Westen. Von dort konnte man runter ins Tal sehen, nach Kella hinein.

Also begann Frau H., sich sonntags auf den Weg zu machen. Sie lief zu Fuß die 2 Kilometer nach Grebendorf und stieg dann weitere 3 bis 4 Kilometer den Meinhard hinauf, bis sie Kella sah. In Kella war am Sonntag keine Menschenseele auf der Straße zu sehen. Die Fenster der kleinen Häuser waren zu, die Läden geschlossen.

Trotzdem begann Frau H. zu winken. Vielleicht konnte ihre Schwester ja doch irgendwie, irgendwann mal nach oben lugen und sie sehen. Sehen, dass sie winkte. Dass ihre Schwester sie nicht vergessen hatte. Dass sie nach wie vor zusammengehörten.

Frau H. ging jeden Sonntag zu diesem Aussichtspunkt auf dem Meinhard. 5 bis 6 Kilometer hin und die gleiche Strecke zurück. Bei jedem Wetter. Und jeden Sonntag winkte sie, mindestens eine halbe Stunde lang. Ungefähr ein halbes Jahr lang. Bis der Brief kam.

Der Brief von ihrer Schwester aus Kella. Die schrieb, Frau H. möge bitte nicht mehr zum Winken kommen. Sie und ihre Familie hätten mittlerweile ernste Schwierigkeiten wegen der Winkerei. Es wäre besser, wenn das in Zukunft unterbliebe.

Frau H. ist fortan nur noch zwei, drei Mal im Jahr zu dem Aussichtspunkt gegangen und hat nach Kella runtergesehen. Gewunken hat sie nie wieder. Frau H. und ihre Schwester starben, bevor die Grenze 1989 wieder aufging. Sie haben sich nie wiedergesehen.

Das war die DDR. Ein Staat, der Angst vor einer winkenden Frau hatte. Da war nichts Gutes.

 

Wie ich einmal ein Zitat fälschte

Ich habe vor langer Zeit, als es noch kein Internet gab, ein Musical („Rotes Koma“) geschrieben. Damals war Schreiben noch ein eher mühseliges Geschäft, denn für vieles, was man heutzutage sekundenschnell mit ein paar Klicks recherchieren oder nachschlagen kann, musste man seinerzeit eine Bibliothek aufsuchen. Das machte ich damals einmal in der Woche, um dort meine angesammelten Rechercheaufgaben abzuarbeiten. Klappte ganz gut. Bis auf ein Mal…

Ich brauchte in dem Musical, in dem ein Sleeping Prince aus dem Jahr 1968 in einem West-Berliner Off-Theater aufwachte, um eine neue Revolte anzuzetteln 1 ein Lenin-Zitat, das in eine bestimmte Richtung wies. Meine persönliche Handbibliothek war in Sachen Lenin ein bisschen dünn bestückt, also schrieb ich die vorläufige Dialogzeile „Wie Lenin schon sagte: ‚Den richtige Mann an den richtigen Ort!'“ ins Libretto und machte mir eine Notiz, in der Bibliothek nach einem passenden echten Lenin-Zitat zu suchen. Leider hatte ich mir die Notiz wohl nur geistig gemacht, denn auf der ersten Leseprobe riss es mich beinahe vom Stuhl, als ich „Den richtigen Mann an den richtigen Ort!“ hörte. Um Himmelswillen, das Platzhalter-Zitat stand immer noch im Libretto. Ich musste sofort… oder wenigstens zeitnah… ganz, ganz bald… in die Bibliothek…

Anders als viele Menschen denken, hat der Autor während der Proben einer Musical-Uraufführung noch jede Menge zu tun, obwohl er das Stück schon Monate vorher scheinbar fertig gestellt hat. Musical ist Team-Arbeit, da arbeiten Regie, Choreographie, Komponist und Autor zusammen, bis das Stück „passt“. „Ich brauche hier noch einen Dialog während der ersten 8 Takte des Intros.“ – „Hier muss noch ein Mittelteil hin, so 4 Zeilen, möglichst ABAB, kannst du das mal schnell machen?“ – „Die Pointe geht im Musikeinsatz unter. Können wir was machen wie Pointe-Lacher-Überleitung?“ – „Der Gag ist schön,. funktioniert aber nicht. Ich mach einen neuen…“ Man schreibt während der Proben beinahe mehr als am Schreibtisch2 Wie dem auch sei, ich vergaß das Lenin-Zitat, bis ich es auf der 1. Hauptprobe wieder hörte: „Den richtigen Mann an den richtigen Ort!“

Mist. Immer wieder vergessen. Jetzt noch den Text des Schauspielers ändern und eventuell sein Nervenkostüm ruinieren? Keine Option! Außerdem hatte der Satz einen so schönen Rhythmus… Den würde ein korrektes Zitat vermutlich kaputt machen… Ach, was soll’s. Das Ding bleibt drin. Vielleicht merkt’s ja keiner.

Es merkte tatsächlich keiner, obwohl das Stück mehrfach nachgespielt wurde. Im Gegenteil, in zwei Kritiken wurde ich ausdrücklich für meine intimen Lenin-Kenntnisse gelobt, weil ich eben nicht auf das sattsam bekannte „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“- das in dieser Forum übrigens auch nicht von Lenin ist – ausgewichen war. Ich schämte mich ein bisschen.

  1. ja, es war ein ziemlich fetziges Stück
  2. Die besten Pointen fallen einem immer kurz vor der Generalprobe ein. Wirklich.

Ursache und Wirkung

Vor gut 25 Jahren schrieb ich zwei Theaterstücke für das Kleist-Theater in Frankfurt/Oder. Während ich an den Stücken arbeitete, war ich oft dort und sah mir natürlich fast alle Stücke im Repertoire an. Wie damals viele Theater in den neuen Ländern spielte auch das Kleist-Theater viele Stücke vom Grips-Theater nach. Die kannte da noch keiner, das waren Super-Stücke, der Erfolg beim Publikum war praktisch vorprogrammiert. Auch am Kleist-Thetaer war der Saal immer bruchvoll, wenn was vom Grips gespielt wurde.

Nur bei „Ein Fest für Papadakis“ nicht, einem Stück, dass sich explizit gegen Ausländerfeindlichkeit richtet. Da war der Saal lotterleer. Ich fragte in der Dramaturgie nach, da sagte man mir, dass die Schulen „das einfach nicht buchen“ würden.

Ich sprach daraufhin ein paar der Lehrer an, die mit ihren Klassen zu den anderen Grips-Stücken ins Theater kamen, und fragte sie, warum sie „Papadakis“ nicht buchten. Die Antwort war immer gleich: „Ach, DAS Stück. Da müssten wir im Unterricht das mit den Ausländern thematisieren. Was meinen Sie, was wir dann von den Eltern zu hören bekommen…“

Die Kinder, die damals „Ein Fest für Papadakis“ nicht zu sehen bekamen, sind heute ca. 40 Jahre alt. Genauso alt wie die Nazis, die derzeit in Chemnitz randalieren.

Die offizielle Zahl

Nicht erst seit dem letzten Wochenende, als die AfD und ihre Gegner in Berlin demonstrieren, spekuliert man gern über die tatsächliche Teilnehmerzahl bei Demonstrationen, auch bei der Tagesschau wurde das heute thematisiert.

Ich kann dazu eine kleine Geschichte beitragen. Vor ungefähr 45 Jahren (ja, ist lange her) arbeitete ich in einer Initiative mit, die für ein Jugendzentrum in meiner Heimatstadt kämpfte. Es war uns gelungen, eine öffentliche Demonstration durch die Eschweger Innenstadt zu organisieren1, und wenige Tage vor der Demo warnte mich ein ehemaliger Mitschüler, der ein paar Jahre zuvor eine Demonstration gegen die Notstandsgesetze organisiert hatte: „Pass auf, was die in der Zeitung über die Teilnehmerzahl schreiben, bei uns haben die damals nur die Hälfte angegeben.“

Ich beherzigte den Ratschlag, stellte mich bei der Abschlusskundgebung neben den Redakteur der Werra-Rundschau und zählte mit ihm die Anwesenden durch. Wir waren uns einig, das bei der Schlusskundgebung über 800 Leute anwesend waren und ca. 650 Menschen demonstriert hatten.

Zwei Tage später las ich dann in der Zeitung, dass „ungefähr 350 Jugendliche“ demonstriert hatten. Ich staunte nicht schlecht, und rief den Redakteur an, mit dem ich die Demonstrierenden ja GEZÄHLT hatte. Der meinte ungerührt, dass die Zahl „350“ von der Polizei gekommen sei, und wenn’s von der Polizei kommt, dann sei das eben die „offizielle“ Zahl.

  1. War gar nicht so einfach, damals. Demos galten damals automatisch als von der „sogenannten DDR“ ferngesteuerter Umsturzversuch.

Flibbertigibbet

In den sechziger Jahren verbrachte meine Familie den Sommerurlaub meistens in Bournemouth. Schönes Seebad, toller Park (die „Lower Pleasure Gardens“), herrlicher Strand und zum Hotel musste man nur über die Straße gehen. Und die Eltern kauften mir englische Comics, damit ich Ruhe gab die Sprache lernte. Ich war gern in Bournemouth.

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Doch dann kam 1965. In Bournemouth regnete es Strippen, und so beschlossen meine Eltern, mit mir ins Kino zu gehen. In Bournemouth gingen sie gern mit mir ins Kino. In England durte man damals nämlich im Kino rauchen. Welcher Film gezeigt wurde, war ihnen einigermaßen wurscht. Hauptsache, der Film war jugendfrei, so dass ich mit rein durfte und sie eine Weile lang in Ruhe rauchen konnten. Der einzig jugendfreie Film, der 1965 in Bournemouth lief, war „The Sound of Music“.

Ich war damals acht Jahre alt. Ich interessierte mich für Batman und Fußball. Ich interessierte mich definitiv NICHT für singende Nonnen, österreichische Barone, ihre schwer erziehbaren Blagen  etc. pp. Spätestens als diese komischen Nonnen etwas von einer Maria sangen, die ein Flibbertigibbet sei, drehte ich augenrollend ab. Furchtbar. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich in diesem endlose drei Stunden langen Schinken gelangweilt habe.

Ein paar Tage später traf die damals über 70jährige Mrs. S. ein. Meine Eltern hatten Mrs. S. ein paar Jahre zuvor am Strand kennengelernt. Daraus war eine echte Freundschaft entstanden. Mrs. S. war eine stolze, mit knorrigem Humor gesegnete Walliserin, für die das Adjektiv „resolut“ erfunden worden war.

Mrs. S. erzählte nun, dass sie letzte Woche in ihrer Heimatstadt Cardiff mit ihrer Freundin im Kino gewesen sei, und einen ganz fantastischen, herzergreifenden Film gesehen habe, „The Sound of Music“. Der wäre auch was für kleine Jungs wie mich, viele Kinder auf der Leinwand, jede Menge Song and Dance, da hätte ich Spaß. Deshalb würde sie mich und meine Eltern gern ins Kino einladen. „Du sagst nicht, dass wir schon drin waren!“; zischte mein Vater mir zu, der es unhöflich fand, die Einladung auszuschlagen. Und so durfte ich mir die sterbenslangweiligen Umtriebe der trällernden Trapp-Famile ein zweites Mal anschauen. Immerhin wusste ich jetzt, dass die Tortur nach der Stelle mit dem Flibbertigibbet nur noch knapp zweieinhalb Stunden lang dauerte. Immerhin, als das Licht im Kino anging, meine Eltern ihre ZIgaretten ausmachten und Mrs. S. Ihr Taschentuch einpackte, war ich froh, diesen Film nie wieder anschauen zu müssen.

Ich Idiot. Ein paar Tage später kam Mrs. S.s Sohn Lance und seine Frau Margaret nach Bournemouth, um ein paar Tage mit ihr zu verbringen. Und – unglaublich, aber wahr – die kannten „The Sound of Music“ noch nicht. „You MUST see this movie!“, rief Mrs. S. „We‘ll go straight away. The boy will accompany us, he adores Julie Andrews…“ Wie? Was? „Ernest?1 Did Christopher just throw me a dirty look?“ – „No! No! He… he always looks a little peculiar when he‘s looking forward to something… Benimm dich, um Himmelswillen!“

Zu meinem eigenen Erstaunen hätte ich das Lied mit dem Flibberdigibbet tatsächlich mitsingen könne. Was ich natürlich nicht tat, sonst wäre Mrs. S. vielleicht auf die Idee gekommen, mit mir täglich in diesen schrecklichen Film zu gehen. Aber das Sound-of-Music-Maß war nach dem dritten Durchgang noch nicht voll. Als nämlich meine Schwester nachkam, um die letzte Urlaubswoche mit uns zu verbringen, erzählte sie Mrs. S. arglos, dass sie „Sound of Music noch nicht kannte. Noch bevor ich sie ein „dummes Flibbertigibbet“ nennen konnte, saß ich mit ihr und Mrs. S. schon wieder im Kino… Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, als die Ferien zu Ende gingen.

12 Stunden Sound of Music können den stärksten Mann aus den Socken hauen, und einen kleinen Jungen erst recht. Trotzdem habe ich diesen Sommer ohne weitere Nachwirkungen überstanden. Ein paar Jahre später habe ich sogar die Kraft gefunden, einmal nachzuschlagen, was „Flibbertigibbet“ eigentlich heißt. Man hat die Wahl zwischen dem freundlichen „Irrwisch“ und dem ehrlichen „alberne Person, die zuviel redet“. Tja, da fällt die Wahl nicht schwer. Übrigens hat dieses Wort sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Mittlerweile habe ich nichts mehr gegen den Film. Im Gegenteil, ich besitze sogar eine DVD, die ich anschaue, wenn ich betrunken oder sentimental oder beides bin. Dann geht die Post ab. »The Hiiiiiiiiiills are alive…«

Am 3. Januar 2018 um 14 Uhr läuft der Film wieder auf arte.

  1. Mein Vater hieß Ernst.