Splitterbrötchen (DCCXXXV)

Der Tweet der Woche kam von Conny Chaosqueen: „Und plötzlich sind wir alle wieder 16. Die Haare sind lang, das Benzin ist billig und wir haben alle Hausarrest!!!!“

„Aktuell, fachlich, kritisch“ – der „kicker“ ist dieser Tage hundert Jahre alt geworden. Ich habe das Fachorgan jahrzehntelang gelesen1, meistens wegen der verlässliche kalauernden Headlines. Obwohl die stark vorhersehbar waren. Als beispielsweise der HSV vor einigen vielen Jahren Gerd-Volker Schock anstelle Willi Reimanns zum Cheftrainer berief,  hatte ich vollkommen richtig prophezeit, dass der „kicker“ das mit der Headline „Schock für Reimann!“ vermelden würde. Anschließend versuchte ich, mit Fußballinteressierten Wetten abzuschließen, dass das Fachblatt Schocks unvermeidliche Demise mit der Schlagzeile „Schock: Schwere Not!“ einläuten würde. Es wollte niemand dagegen halten. Zu Recht, natürlich.

Die eigentliche Krise wird erst nach der Krise kommen.

Es ist sicher eine gute Idee, sich aufzuschreiben, was zur Zeit gemacht wird, wer zur Zeit was macht, wer nichts macht und wer welche Position bezieht. Wenn der ganze Spuk vorbei ist2 werden alle versuchen, die Corona-Geschichte umzuschreiben. Da werden Heldenepen und, Schurkenstücke erdacht werden, von denen zur Zeit nichts zu sehen ist. Ratlosigkeit wird in Tatkraft umgedichtet werden, verdutztes Schweigen in Besonnenheit. Die Wirklichkeit, die wir jetzt erleben, wird nicht mehr auftauchen.

Mein Shopping-Verhalten hat sich verändert.

Beim BR bemängeln sie, dass Söder sich noch nicht zur Kultur in Virus-Zeiten geäußert hat. Ich fürchte, dahinter steckt Kalkül. Irgendwann wird’s an den wirtschaftlichen Wiederaufbau gehen. Und dann können sich Politiker publikumswirksam als „Macher, die keine Tabus kennen“ profilieren, indem sie mit der Axt an die Kulturhaushalte gehen: „Jeder muss Opfer bringen.“ Natürlich nicht um Geld zu sparen, um Himmelswillen, dazu sind die Kultur-Etats viel zu klein, es geht nur ums Ranwanzen an bildungsferne Wähler: „Der zeigt’s den faulen Künstlern!“ Es könnte sehr bitter werden.

Fa. Groupon ist unter dem Virus-Druck mental zusammengebrochen. Sie haben gerade versucht, mir unter dem E-Mail-Betreff „Vermisst du das Nachtleben? Wetten, Du kannst auch vom Sofa Spaß haben?“ ein Disney+-Abo und personalisierte Foto-Tassen zu verkaufen.

Der definitive Song zum Lockdown:

Erst empfahl mir Facebook so hartnäckig, die Seite eines Schützenvereins zu liken, dass ich öffentlich vermutete, Zuckerberg wolle in Europa die Volksbewaffnung vorantreiben. Dann folgte eine überraschende Kehrtwende: Zuckerbergs Schergen forderten mich auf, statt mit den Schützen nun mit  freiwilligen Feuerwehrleuten aus Niederösterreich zu sympathisieren. Kann es sein, dass Facebook zur Zeit ein wenig planlos agiert?

Hefe ist das neue Gold, in einigen Supermärkten ist sie ausverkauft bzw. wird streng rationiert. Beim Edeka in der Körnerstraße war sie merkwürdigerweise im Überfloss vorhanden.

Ich hab aber keine gekauft. Daniele in der „Trattoria Sicila“ hat genug Hefe. Und Spinat. Und Gorgonzola. Und sorgte damit für meinen kulinarischen Wochenhöhepunkt,

Irritation über das Vorpreschen Sachsens in Sachen Maskenpflicht. Hätte das nicht einem Bundesland vorbehalten bleiben sollen, in dem der Karneval stärkere Tradition hat?

Die Absurdität der aktuellen Situation wird mit Abstand am Besten durch die aktuellen „Doppelpass“-Talkshows bei Sport1 versinnbildlich. Da sitzen dann 5 bis 6 Experten in einem leeren Studio und reden über keinen Fußball. Samuel Beckett wäre entzückt.

 

  1. und aus Protest damit aufgehört, als man der greisen Herausgeber-Legende  Karl-Heinz Heimann seine „Scheinwerfer“-Kolumne weggenommen hat, nur weil er gestorben war. Den Unterschied hätte doch niemand gemerkt!
  2. ich fürchte, frühestens in einem Jahr

Ein Gedanke zu „Splitterbrötchen (DCCXXXV)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.