Splitterbrötchen (DCCXVII)

Ich weiß gerade nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: über das Wahlergebnis in Großbritannien oder über die Berichterstattung darüber.

Neue Obsession: „The Crown“ auf Netflix. Derartigen Holzhammer-Kitsch muss man einfach mögen.

Beim Tagesspiegel wettert der mit Gehör gesegnete Hannes Soltau gegen die Blockflöte. Ich schließe mich ihm an. Blockflöten sind keine Musik- sondern Folterinstrumente.

„Der Zwischenhandel ist an allem Schuld!“ jammern kleine Verlage und Buchhändler, die von den ruppigen Methoden von Libri (listet scheinabr wahllos Bücher von Kleinverlagen aus, die so nur noch mit Mühe – wenn überhaupt – über den Buchhandel zu beziehen sind. Das Problem ist nicht allein ein Zwischenhändler, der sein Quasi-Monopol dazu benutzt, sich den Markt zurechtzubiegen. Das Problem ist eine fortschrittsfeindliche Branche, die sich seit Jahren jeglicher Neuerung verweigert.

Der kulinarische Wochenhöhepunkt blieb unfotografiert: geröstetes frisches Graubrot mit getrüffelter Salami. Den Runner-Up hab ich aber im Bild: Lammhaxe beim Lieblingsitaliener.

Ist es vielleicht doch ganz einfach? Wählen die Menschen zur Zeit Politiker, von denen sie sich versprechen, dass sie es anders machen als die bisherigen? Egal wofür sie stehen? Hauptsache, es geht nicht so weiter wie bisher?

 

 

Splitterbrötchen (DCCXVI)

„Der weltweit beliebteste Hartkäse mit geschützter Ursprungsbezeichnung.“ Mehr Sexiness in einem Claim geht wohl nicht.

Das Verkünden des eigenen Standpunkts ist kein Argument, der Austausch von Standpunkten keine Diskussion.

Ein sicheres Zeichen für fortschreitendes Altern: Straßen entlang gehen und rekapitulieren, „was alles früher hier war“.

Das Wort der Woche ist natürlich „Advents-Leasingrate“.

Ein paar Folgen der ersten Staffel von „Gilligan’s Insel“ nach über 50 Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Schrecklich albern. Aber zum Teil immer noch schrecklich komisch. Handwerklich top. Geniale Figurenkonstellation, makelloses Timing. Wenn soviel bei Laurel & Hardy geklaut wurde, MUSS ja was Gutes dabei rauskommen.

Falls jemand noch ein Weihnachtsgeschenk sucht: „111 Fußballorte, die man im Ruhrgebiet gesehen haben muss“ von Fußball-Blogger Trainer Baade ist ein tolles, mit Herzblut geschriebenes Buch für Freunde des „Beautiful Game“. Wenn man’s beim Trainer direkt bestellt, hilft man ihm aus einer Finanzamts-Klemme.

 

Splitterbrötchen (DCCXV)

Große Aufregung um ein Startup, dass Friday-for-Future-Anhänger nächstes Jahr gegen Eintritt ins Olympiastadion locken will, um dort diversen Rednern zu lauschen, über Petitionen abzustimmen und diese dann zu unterzeichnen. Die Abzocke regt mich gar nicht auf, die find ich in ihrer Unverfrorenheit sogar ein wenig charmant. Aber jungen Menschen zu suggerieren, man könne die Dinge verändern, in dem man irgendwo abhängt und schließlich was unterschreibt, ist fahrlässig.

Für das Erstaunen der Woche sorgte der ansonsten nur eher mittelmäßig geschätzte Jan Böhmermann, der die beste sozialdemokratische Rede der letzten 25 Jahre gehalten hat. Dass Satiriker Sozialdemokratie mittlerweile besser hinkriegen als Genossen sollte der SPD zu denken geben.

Gekalauerte Namen für Friseur-Salons sind grundsätzlich schwer erträglich, aber „CHaarraktHair“ sprengt die Grenzen zivilisierten Umgangs.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war – natürlich – der erste Gänsebraten des Jahres, als Runner-Up ging ein Stück geröstetes Graubrot mit Knochenmark 1 und grobem Salz durchs Ziel.

An alle Kommentatoren, die gerade den SPD-Mitgliedern vorwerfen. falsch gewählt zu haben: Auch wer Mehrheitsentscheidungen nicht respektiert, beschädigt die Demokratie.

Es gibt diese Witze, über die ich mich tagelang vor Lachen ausschütten kann, außer mir aber buchstäblich niemand. Diese Woche kam wieder so ein Teil an:
„Sagt der Barkeeper: ‚Tut mit leid, Zeitreisende werden hier nicht bedient.‘ Da geht die Tür auf und…“ Saukomisch, oder?

Falls irgendwer, der die letzten paar Jahre unter einem Stein verbracht hat, immer noch glaubt, es gäbe eine irgendwie „Gemäßigte“ AfD: Nein. Es sind Nazis. Belegbar.

Nur ganz wenige Menschen können mit ihrer Unterschrift die Dinge verändern. Und die haben sich alle keine Eintrittskarte gekauft.

 

Splitterbrötchen (DCCXIV)

Einen einsamen Gipfel des durch Dummheit induzierten Wahnsinns erklomm ein Edeka-Mitarbeiter, bei dem ich mich (mal wieder) über die „Edeka“-Aufkleberchen auf diversen Gemüsen beschwerte. „Aber die müssen sie nicht abmachen, die sind essbar“, entgegnete mir der unrettbar idiotierte Mann. Sehr aufschlussreich. Ich soll also Papier fressen, um die Marke „Edeka“ zu stärken. Warum? Warum?

Meinem lieben Freund Harald Effenberg bin ich zu großem Dank verpflichtet, denn er hat mich auf Adrian McKinty aufmerksam gemacht. Freunden der Spannungsliteratur mit politischem Hintergrund möchte ich besonders die Sean-Duffy-Reihe ans Herz legen, die im Nordirland der 80er Jahre spielt. Duffy ist ein faszinierender Protagonist. Ansonsten zähle ich die Stunden, bis in einer Woche der neue Pendergast erscheint.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war die unfotografierte Eröffnung der Raclette-Saison. Den Runner-Up hab ich allerdings im Bild. Ein selbstgeklöppeltes, ziemlich gelungenes Lammkarree.

Thema Idiotie: Twitter. Haben die üblichen Verdächtigen wirklich niemanden, der ihnen sagt, wie lächerlich diese Einfältigkeit wirkt, mit der den immer gleichen Provokationen die immer gleichen Empörungs-Rituale folgen? Macht ein gruppengesteuerter Beißreflex wirklich so viel mehr Spaß als selbstständiges Denken und Debattieren?

Splitterbrötchen (DCCXIII)

Kultureller Wochenhöhepunkt: eine Hommage an Ulrich Roski im Tipi am Kanzleramt. Was hab ich gelacht, vor allem, als das längst vergessene Wort „Blödelbarde“ fiel. Roski war ein Genie, nichts weniger. Jeder, der nach den 70er Jahren zum Zwecke der Publikumsbelustigung gereimt hat, hat irgendwie bei Roski geklaut.

Bei SpOn eine Headline gelesen, die mich umgehauen hat: „Wie ich es endlich schaffte, meine Wohnung aufzuräumen“ Endlich hab ich begriffen, wie Qualitätsmedien arbeiten.

Kulinarische Offenbarung der Woche: Gebratener Rosenkohl mit gehackten Pistazien und Granatapfelkernen, Superrezept nach Petra Holzapfel. Die unfotografierte Entenkeule, die’s dazu gab, war auch nicht übel.

Vielleicht sollte sich der ein oder andere politische Kommentator mal die Frage stellen, ob es in demokratischem Sinne wirklich sinnvoll und richtig ist, SED-Ergebnisse (95%+)auf Parteitagen grundsätzlich zu bejubeln und Mandatsträgern, die mit knappen Mehrheiten gewählt wurden, ebenso grundsätzlich Schwäche zu unterstellen.

Splitterbrötchen (DCCXII)

Unerhörte Ansage im ICE: „Zur Stabilisierung unserer Pünktlichkeitslinie wurden wir auf die Schnellfahrstcke umgeleitet und werden unseren nächsten Halt 10 Minuten früher erreichen.“

Unerhörte Rede der Verteidigungsministerin, die meinte, dieses Land müsste sich – so ganz generell – militärisch mehr engagieren und eine eigene militärische Strategie auch an entfernten Orten der Erde verfolgen, um den Machtansprüchen anderer Staaten entgegenzutreten. Ich bin komplett anderer Ansicht und halte nichts davon, deutsche Soldaten in die Welt zu schicken, um Tod und Zerstörung in weit entfernte Länder zu exportieren. Auch ist mir nichts von Machtansprüchen anderer Staaten bekannt, denen man militärisch begegnen müsste. Als friedliebender Bürger antworte ich Frau Kramp-Karrenbauer mit einem Habe-Kerkeling-Zitat: „Isch möschte das nischt.“

Den Tweet der Woche schuf Lars Reineke: „Hin und wieder kam es vor, dass die Azteken den Gott der Unbeständigkeit verehrten: Abundzuma.“

Falls jemand wissen möchte, was ich am 9. November vor 30 Jahren gemacht habe… das hab ich schon vor 12 Jahren hier reingeschrieben.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt wäre mein Geburtstagsessen beim Lieblings-Italiener gewesen, Antipasti und Filetto mit Gorgonzola-Sauce, Medium Rare, wie ich‘s am Liebsten esse. Das machen sie dort ganz wunderbar. Doch dann schob sich an diesem Wochenende eine gute, alte Bekannte auf Platz 1…

Früher war nicht alles schlecht, es war nur viel schlimmer.

Noch unerhörter als AKKs säbelrasselnde Hunnenrede finde ich die gleichmütige Zustimmung der Presse zu ihrem bellizistischen Geschwurbel.

Splitterbrötchen (DCCXI)

Nachdenklich machende Meldung im Tagesspiegel: „Frau betäubte Patienten ohne Ausbildung“. Wenn man „Patienten“ durch „Stammgäste“ ersetzt, ist das doch ein ganz normaler Vorgang.

Am Thüringer Wahlabend untergegangen: Höcke erzählt in der ARD, dass die „Parteiendemokratie“ am Ende sei. Und die Moderatorin hakt nicht nach, fragt nicht, widerspricht nicht. Tja.

Schreib ich damit Songs für die Lichtorgel, oder was?

Im Prinzip können nur Menschen aus der Geschichte lernen, die die entsprechenden Ereignisse selbst miterlebt haben. Menschen, denen man „von früher“ erzählt, lernen nix. Man geht ihnen eher auf den Zeiger.

Name für eine Pferdemetzgerei in Wien: Lippizzeria.

DPD kann weder Pakete zustellen noch mit Kunden kommunizieren, so meine Erfahrung. Offenbar besteht der USP dieses Unternehmens ausschließlich in „Scheiße bauen“. Erstaunlich, dass man damit Geld verdienen kann.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt: Pasta mit Seeteufel und chön charf. In aller Bescheidenheit: Nobody does it better.

Heute sind’s die Smartphones, früher waren’s die Taschenrechner. Hat seinerzeit die Einführung des Abakus eigentlich auch eine kulturelle Erosion ausgelöst?

 

Splitterbrötchen (DCCX)

Auf Facebook entdeckt: „Natürlich ernähre ich mich bewusst. Bewusstlos geht ja nicht.“

Gibt es schöneres Tage als Montag? – Ja. Insgesamt sechs.

„Wir schreiben das Jahr 2191. Der britische Premierminister reist nach Brüssel, um eine Verlängerung des Brexits zu erwirken. Niemand weiß mehr, wie diese Tradition entstanden ist. Trotzdem lockt dieses Spektakel jedes Jahr Scharen von Touristen an.“ Julian Popov auf Twitter.

Schreckliche Qualen durch hartnäckiges Kopfkino, ausgelöst von der BILD-Headline „Penis-Panne bei Giulia Siegel“.

Splitterbrötchen (DCCIX)

Eine Tragödie, die man nicht kommen sieht, ist keine.

Diese Woche in drei Lokalen gegessen, bei denen es zu dunkel war, um das Essen zu fotografieren. Manche Gastronomen gehen einfach nicht mit der Zeit.

Aus der Abteilung „Brillante Ideen, die sogar ich sofort wieder verworfen habe“: Digitales Internet-Kasper-Theater, in dem der beste Freund des Kaspers Whatseppl heißt.

Mich erstaunt die Unerbittlichkeit vieler Menschen, die einem Künstler das Recht auf Irrtum nicht zugestehen. Zumal einige dieser Menschen zum Beispiel mal „Ho Chi Minh“ skandierend durch die Straßen liefen, oder sich gern auf Menschen berufen, die das getan haben. Und die immer noch einen Friedensnobelpreisträger feiern, der routinemäßig Drohnenkrieg geführt und einmal pro Woche eine „Kill List“ unterzeichnet hat.

Wenn ich mich als junger Mensch nur mit Themen hätte auseinandersetzen müssen, die ich damals für angemessen hielt, wäre ich heute deutlich dümmer.

Die Kaisereiche wurde augenscheinlich von Eichen- Prozessionsspinnern angefallen. Beim Warten auf den Bus krieg ich dort nach ein paar Augenblicken monumentalen Juckreiz.

Die Angabe der eigenen Gruppenzugehörigkeit erfordert keinerlei Nachdenken und ist daher dem Argument grundsätzlich unterlegen.

Preise bekommen oft nicht diejenigen, die sie verdient haben, sondern die, die so lange da geblieben sind, dass man sie nicht mehr übergehen kann.

Splitterbrötchen (DCCVIII)

Beim Tagesspiegel sah ich so eine Spontan-Umfrage, ob Girokonten grundsätzlich umsonst sein sollten, oder ob geringe Konto-Gebühren okay sind. 75 Prozent der Teilnehmer waren für grundsätzlich kostenlose Girokonten. Die haben sich damit – in diesen Zeiten – auch für negative Zinsen ausgesprochen.

Wenn wir uns wirklich nicht mehr darauf verständigen können, Werk und Künstler zu trennen, dann war’s das mit der Kultur. Dann können wir auch die Bücher indizieren, die uns derzeit noch genehm sind. Irgendeinen Unsinn wird sie/er schon noch sagen, bevor  der Deckel über ihr/ihm (hier den Namen der/des aktuellen Lieblingsautorin/-autos einsetzen) zuknallt.

Also auch in Florenz: Wagner-Pizza.

Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Hobbykoch Peter Wagner auf SpOn. Aber einen Kochtopf-Test mit dem Lead-In „Im tiefen Tal der Supertöpfe“ zu beginnen, ist wirklich cool.

Zum Werk Peter Handkes hat Thomas Bernhard alles gesagt: „Wenn Handke einen Reiseroman schriebe, würde der Weg von der Haustür zum Gartentor 60 Seiten dauern“ (aus der Erinnerung zitiert)

An der Wand einer Trattoria in Florenz: „Sie können Ihr Bistecca Fiorentina gerne ‚medium‘ oder ‚durchgebraten‘ bestellen. Wir bringen es Ihnen trotzdem ‚blutig‘. Und versuchen Sie gar nicht erst, einen Cappuccino zu bestellen!“

Wer alle Probleme grundsätzlich für lösbar hält, schafft sich Probleme.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt: Bistecca Fiorentina, vor Ort. Blutig.

Florenz ist übrigens eine der schönsten Städte der Welt.