Splitterbrötchen (DCCCLXIII)

Die besten Bücher sind die, die einem helfen, Dinge zu verstehen, die man schon glaubte, verstanden zu haben.

Nun hat auch Stephen Sondheim seinen Frieden. Jeder, der in den letzten Jahrzehnten am Musiktheater gearbeitet hat und über zwei Ohren und ein Gehirn verfügt1, ist von ihm beeinflusst worden. Außer gewissen Dramaturgen, die meinten, er hieße „Ach ja“ mit Vornamen und würde einen Doppelnamen führen, weil er mit einer Frau namens „Sowasläufthiernicht“ verheiratet wäre. Ein kleiner Nachruf-Vergleich macht den Unterschied zwischen der Sondheim-Rezeption im englisch- und im deutschsprachigen Raum deutlich:
New York Times:  „Stephen Sondheim, one of Broadway history’s songwriting titans, whose music and lyrics raised and reset the artistic standard for the American stage musical,“
Tagesspiegel Online:  „Im Laufe seiner langen Karriere als Komponist und Texter wirkte er an weiteren Musical-Erfolgen wie ‚Sweeney Todd‘, ‚Gypsy‘ oder ‚Sunday in the Park with George‘ mit.“

Für Impfgegner halte ich eine Reaktionsskala von Kopfschütteln bis Verachtung bereit. Aber wenn Wichtigtuer mit dem bedauernden Kopfschütteln beginnen, weil man ja leider, leider keine andere Wahl habe, als Menschen zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen, schüttelt mich der Brechreiz.

(singt): „It’s the fiiiinaaal Lockdown!“

Wenn im Maschinenraum Ruhe ist, macht man sich Sorgen um den Heizer.

Was ganz erstaunlich ist: Dass der Ministerpräsident eines Landes wie Bayern, in dem das Virus so wütet wie in wenigen anderen, sich immer wieder Zeit nimmt, um verlogenen, depperten Quatsch zu tweeten.

Ein anderer Ministerpräsident, der des Landes Thüringen, hat laut SPIEGEL herausgefunden, dass manche seiner Landeskinder es ablehnen, „wenn Kapitalisten zum Impfen aufrufen. Den russischen Sputnik-V-Impfstoff würden sie freilich nehmen. Auch hätten die Gründer des Impfstoff-Unternehmens Biontech ausländische Wurzeln, was manchem nicht passe.“ Es wird immer schwerer, keine Vorurteile zu haben.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war ein selbstgeklöppeltes Kalbs-Blanquette, bei dem ich statt der üblichen Kalbsbrust Bäckchen verwendet habe. Wirklich tolles Ergebnis, fantastisch saftiges Fleisch, aromatische Sauce.

Jahrelang an den Schalthebeln der Macht gesessen haben und jetzt von einer Regierung, die noch nicht im Amt ist, „schnelle Maßnahmen“ fordern. Genau mein Humor.

 

 

Splitterbrötchen (DCCCLXII)

In meinem letzten Online-Kurs hatte ich insgesamt 11 Teilnehmer, 4 von diesen 11 waren ungeimpft. Keiner dieser Menschen ist Coronaleugner oder Impfskeptiker: Sie hatten die Notwendigkeit einer Impfung bisher nicht als oberste Priorität angesehen und deshalb immer wieder hinausgeschoben. Eine Teilnehmerin erzählte mir, sie habe in den letzten 5 Monaten 4 Impftermine nicht wahrgenommen, weil immer etwas mit ihrem Kind dazwischen kam (musste überraschend von der Schule abholen, Babysitter sagt ab, sowas). In dieser Krise ist die Kommunikation ein fast so großes Problem wie das Virus selbst.
Am Freitagabend half mir die Trattoria Sicilia in der Beckerstraße, ein wissenschaftliches Projekt, das sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt hat, erfolgreich mit einem definitiven Ergebnis abzuschließen. Der beste Pizza-Belag ist Steinpilz-Gorgonzola. Zeitgleich wurde die Frage nach dem kulinarischen Wochenhöhepunkt geklärt.

Diese Woche war es so weit: Der Käsestullen-Irrsinn hat die Schallmauer durchbrochen, über eine Million Menschen haben mein potthässliches, komplett lieblos erstelltes Foto von einem Baguette aus einem Pariser Imbiss angeschaut. Ich danke allen Menschen, die mich auf dieser Erfolgswelle zum Gipfel getragen haben.1

Wenn sich im Hühnerstall alle über ungelegte Eier aufregen würden, gäbe es schon lange keine Eier mehr.

Wenn Gehirne altern: Erst fiel mir der Film ein, wo Eastwood und Burton eine Steilwand hochkraxeln, um irgendwelchen Nazis heimzuleuchten. Nach ein paar Minuten hatte ich den Originaltitel, „Where Eagles Dare“. Nur ein halbes Stündchen später war ich dann beim deutschen Titel angelangt: „Agenten sterben einsam“. Bei meinen cineastischen Erinnerungsversuchen ist mir immerhin noch der Name des Nachbarsjungen eingefallen, den ich ständig vergesse. „Duda Dings“ heißt der vielversprechende junge Mann.

Beim Anschauen von „tick, tick… Boom!“ ist es mir wieder bewusst geworden: die Songs, Lyrics und Stücke von Julian Larson und ich sind inkompatibel, ich finde keinen Zugang zum Werk dieses Mannes. Der Film als solcher ist durchaus grandios, Regie und Hauptdarsteller sollten Nominierungen für Academy Awards sicher haben, aber Larson als Künstler bleibt mir fremd. Ist wohl meine Schuld, nicht die des Films.

Ob jemand Held oder Schurke ist, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus.

War komplett schockiert, als ich erfuhr, dass es tatsächlich etwas namens „Webinar“ gibt. Ich dachte bisher immer, dass da jemand „Weinbar“ schreiben wollte und einen Tippfehler gemacht hat.

Splitterbrötchen (DCCCLXI)

Zwischen G-Shock und Gehstock liegen nur ein paar Jahre.

Weltidee! Humorvoll-melancholische Serie über einen charmanten Lebemann, der in München während des Lockdowns Damenbekanntschaften sucht. Arbeitstitel: „Corona Franze – die ewige Inzidenz“.Zum Karl Lauterbach wird der Franz „Spatzl“ sagen.

Kulinarischer Höhepunkt der Woche war ein selbst fabrizierter „Dippehase1. Diese heimatliche Leckerei hatte ich unverständlicherweise seit Jahren nicht gekocht, es war ein großer Spaß (sowohl das Kochen als auch der Verzehr). Da Dippehase zu den am wenigsten fotogenen Gerichten weltweit gehört, gibt’s ein Foto vom Runner-Up, einer ausgezeichneten Tapas-Platte aus dem „Tapas España“ in der Rheinstraße, die ich mir – wie immer – mit der geduldigsten, besten Gemahlin von allen teilte.

Mitglieder einer geschäftsführenden Regierung, die die Mitglieder einer noch nicht amtierenden Regierung für die Zustände im Land verantwortlich machen, haben ganz offensichtlich charakterliche Probleme.

Betrachten Sie bitte die Herrschaften auf diesem Foto. Wäre einer dieser Männer auch nur auf die Idee gekommen, sich an einer Casting-Show zu beteiligen? Hätte einer dieser Männer den Hauch einer Chance gehabt, bei einer Casting-Show auf einen vorderen Platz zu kommen? Wenn Sie diese beiden Fragen richtig beantwortet haben, wissen Sie, warum ich nicht verstehe, weshalb irgendjemand sich Casting-Shows anschaut.

Ein „Lockdown für Ungeimpfte“ wird genauso wenig funktionieren wie eine Impfpflicht. Das kann ihnen jeder beliebige Vorsitzende eines noch so kleinen Vereins sagen. Man kann nur Dinge anordnen, die man auch durchsetzen kann bzw. deren Durchsetzung man kontrollieren kann. Ist so. Gibt keine Ausnahmen.

Splitterbrötchen (DCCCLX)

Zum Älterwerden stehe ich wie Politiker zu Corona: Ich versuche seit langem nicht mehr, irgendetwas zu begreifen und staune nur noch über steigende Zahlen.

Kultureller Wochenhöhepunkt war das atemlose Durch-Bingen der FC-Bayern-Doku „Behind the Legend“ auf amazon prime. Folgende Erkenntnisse habe ich gewonnen:
Oliver Kahn hat die Betonung unwichtiger Worte zur Kunstform erhoben.
Brazzo kann wenigstens jovial.
Ich möchte nie, nie, nie ein Bier mit Thomas Müller trinken gehen, dem wäre ich nervlich nicht gewachsen.

Kulinarischer Wochen-, evtl. Jahreshöhepunkt war ein Geburtstags-Dreigang beim Lieblingsfranzosen, zu dem die beste, geduldigste Gemahlin von allen mich eingeladen hatte: Linsen-Pastinaken-Creme, Seeteufel mit Gartengemüse (oben), Genoise mit Beeren (unten), dazu der leckere Chardonnay von Madame Gigi… ein Fest.

An Serien mit gewalttätigen Inhalten herrscht bei den Streamingdiensten nun wahrlich kein Mangel. Kaum kommt aber eine Serie wie „Squid Game“ daher, die gewalttätige Action mit einem dezidiert antikapitalistischen Standpunkt verbindet, wird davor gewarnt.

Exzentriker, die Tücksicht auf ihre Marotten einfordern, sind keine Exzentriker, sondern hundsordinäre Nervensägen.

Ich freue mich schon sehr auf meine Booster-Impfung, denke aber nicht im Traum daran, mich mit einer schnöden Bratwurst abspeisen zu lassen.

Meistens geht es wirklich nur darum, irgendwie durchzukommen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Splitterbrötchen (DCCCLIX)

Die Welt durch aufgeregte Tweets verändern – es ist so einfach!

Meinen Ansprechpartner bei der Bank kannte ich mal persönlich. Wir waren nicht befreundet, aber wir schickten uns Weihnachts- und Geburtstagskarten und machten netten Smalltalk am Telefon, bevor wir über Gelddinge sprachen. Dann war mein Ansprechpartner bei der Bank eine Dame oder ein Herr, deren Namen ich auf dem Kontoauszug las. Mit denen redete ich, wenn ich etwas wollte, was sich online nicht bewerkstelligen ließ. Jetzt heißt mein Ansprechpartner „Team Privatkunden“.

Ich werde ab sofort jedes dritte Glas Wein eines Abends als „Booster-Wein“ bezeichnen.

Auch wenn man etwas Dummes lediglich sagt, um ein Zeichen zu setzen, bleibt es doch etwas Dummes.

Man wirft Markus Lanz ja gern Eitelkeit und Arroganz vor, weil er seine Gäste gern und ausdauernd unterbricht. Für die Hälfte der Unterbrechungen mag das stimmen. Bei der anderen Hälfte sehe ich eher einen Moderator, der verzweifelt versucht, seine Gesprächspartner vor sich selbst zu retten.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt waren eine Pizza Frutti di Mare sowie das selbstgeklöppelte, mit ordentlich Wums versehene Chili-Öl, das beim Lieblings-Italiener erstmalig dazu auf den Tisch gestellt wurde und beim Verzehr des Pizza-Randes sinnstiftend wirkte.

Die üblichen Bedenkenträger machen sich Sorgen, weil Kinder auf den Schulhöfen die Spiele aus „Squid Game“ nachspielen. Nun, „Squid Game“ basiert auf Kinderspielen. Solange die lieben Kleinen auf Polizeisprecher Thilo Calbitz hören („Es ist grundsätzlich ungünstig, Tötungsdelikte nachzuspielen.“) ist doch alles im grünen Bereich.

Wenn mir vor vierzig Jahren jemand erzählt hätte, dass Katarina Witt mal versuchen würde, mir Geriatrika zu verscheuern, hätte ich ihn für bekloppt erklärt.

Splitterbrötchen (DCCCLXIII)

Äh, Firma Skoobe? „Das sind die idealen Bücher für windiges Lesewetter“? Euer Ernst? Bücher für „windiges Lesewetter“?

Dein eisigen Gipfel der Höchstkomik hat Torsten Sträter in der letzten Folge der 2. Staffel von „Last One Laughing“ erklommen, als er bei einem Kurzauftritt die Bildbeschreibung „Udo will hupen“1 vorlas. Textvorlage und Vortrag waren absolut makellos. Ich wäre beinahe vor dem Fernseher erstickt.

Hausverbot beim Italiener? Kein Problem! „Kann ich die Penne all‘ arrabiata auch mit Pellkartoffeln statt Nudeln haben?“

Idee für einen im Post-Milieu angesiedelten Horrorfilm: Frankierenstein.

Habe mich gefragt, was meine Mutter wohl gesagt hätte, wenn ich ihr vor 50 Jahren erzählt hätte, dass es mal „Aufräumcoaches“ geben wird.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war eine handwerklich perfekte Parmigiana im „Bergamotto“ am S-Bahnhof Friedenau. Eigentlich ist das ein einfaches Gericht, aber wenn man’s wirklich gut machen will, muss man sich ziemlich anstrengen. Ich scheitere regelmäßig.

Was nicht jeder weiß: Zu Reiswaffeln schmeckt am besten ein gereifter, ausdrucksstarker Pinot Noir eines großen Jahrgangs, vor allem, wenn man die Reiswaffeln durch ein medium rare gebratenes Filet ersetzt.

Die Euphorisierungsversuche der zukünftigen Koalitionäre machen mich misstrauisch.

Wenn man keine Meinung hört, die einem auf den Zeiger geht, herrscht offensichtlich keine Meinungsfreiheit.

Ich verstehe nicht, warum Julian Reichelt wegen dieser Frauengeschichten entlassen worden ist. Man hätte ihn wegen der menschenverachtenden Zeitung, die er gemacht hat, entlassen müssen.

Der Lese-Stolperer der Woche: Akku-Hochentaster

Dicke Leseempfehlung: „Die Anomalie„: Was so passiert, wenn ein elektromagnetischer Wirbelsturm ein Flugzeug nebst Passagieren dupliziert. Das ist verblüffend konsequent durchdacht, sehr klug und sehr amüsant.

 

 

Splitterbrötchen (DCCCLXII)

Die verschnappatmete Empörung über Frau Heidenreich ist nicht nachzuvollziehen. Das Vermischen von sehr klugen und sehr dummen Dingen ist seit Jahren ihr Markenkern. Else Stratmann war niemals eine Kunstfigur, Elke Heidenreich war, ist und bleibt Else Stratmann.

Hätte es in den frühen 70er Jahren soziale Netzwerke und Handys mit Fotofunktion gegeben, würde ich heute mit einer Papiertüte auf dem Kopf in einem fernen Land sitzen, vor Angst geschüttelt, dass mich jemand wiedererkennt.

Eine recht überzeugende Erklärung für die Impfskepsis in kleinen Teilen der Bevölkerung hat Tobias Blanken auf Twitter gepostet: „Da hat man über Jahre Angst vor Gentechnik geschürt, Homöopathie von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlen lassen, das Heilpraktiker-Unwesen goutiert und die Kinder auf ’ne Waldorfschule geschickt, aber dann darüber wundern, warum so viele Deutsche Impfen für Teufelszeug halten.“

Ich hätte allerdings eine noch einfachere Erklärung parat: Je unglaubwürdiger Politiker sich machen, desto skeptischer reagieren Menschen, wenn diese verlogenen Pappnasen ihnen die Impfung empfehlen.

Wer effizient diskutieren möchte, klebt dem Gegenüber einfach ein Etikett an. Das spart die Mühe, sich mit dem Gedankengut desjenigen auseinanderzusetzen, und damit wertvolle Zeit. Man kann gleich mit dem Beleidigen beginnen.

Unfotografierter kulinarischer Wochenhöhepunkt war ein ohne jeden Firlefanz gebratenes Entrecote mit Knoblauch-Bohnen. Zusammen mit Aioli und einem Zweigelt von der Dankbarkeit war das – trotz aller Einfacheit –  ganz großes Kino.

Das „deutsche Küchenwunder“ in den 70er Jahren beruhte auf dem Gegenteil von Einfachheit. Und wurde von dem unsterblichen Wolfram Siebeck, für den ich einmal kochen durfte, vorangetrieben. Eine extrem klickenswerte Online-Schau der Staatsbibliothek Dresden hat mir diese Woche ein paar wunderbare Stunden beschert.

Doch dann hat Sarah-Lee Heinrich versucht, sich gegen Elke Heidenreichs Vorwürfe zur Wehr zu setzen (gehört einer Generation an, die nicht liest) und natürlich prompt Frau Heidenreich in ihren Vorurteilen bestätigt: „Zuletzt habe ich Die Tribute von Panem gelesen, den neuen Teil. Außerdem engagiere ich mich seit ein paar Jahren politisch. Und dafür verwende ich eigentlich ziemlich viele Worte.“ Einen infantilen Quatsch wie „Panem“ lesen ist bei Heidenreichs ja quasi nicht lesen.

Fackelzüge sind so Frankenstein. Trotzdem: Wer den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr mit Nazi-Aufmärschen gleichsetzt, ist geschichtsvergessen.

Begeisterung über die Wucht von „Keine Zeit zu sterben“. Besonders gelungen: die Sequenz in Kuba. Über das Ende wird zu reden sein (Vorsicht! Am Ende des Links wird gespoilert, dass die Schwarte kracht).

Irgendwer war’s immer.

Paddy Moloney ist gegangen. Ein Gigant wie er brauchte niemals mehr als eine Tin Whistle und ein bisschen Gegend, um zu zaubern..

 

 

Splitterbrötchen (DCCCLXI)

Man hört in letzter Zeit so wenig von den Impfdränglern. Hat sich da was getan?

Die News der Woche: Schamanin verursacht Waldbrand beim Aufkochen von Bären-Urin. Man sollte die ARD-Programmdirektion auf diese Geschichte aufmerksam machen. Das wäre doch ein Stoff für die Ferres (liebenswert-schusselige Schamanin) und Hardy Krüger Jr. (empathischer Ranger, der in letzter Sekunde den Wald rettet und die Schmamanin schließlich – nach mancherlei Wirrungen und einem spirituellen Erlebnis mit seinem verstorbenen Vater, einem hartherzigen Groß-Industriellen – bei der Eröffnung eines Natur-Therapiezentrums in Bad Gastein unterstützt).

Der gesellschaftliche und kulinarische Wochenhöhepunkt fand bei uns Zuhause statt, wir bewirteten Gute Freunde mit Heurigen-Food und Weinen vom Weingut Schaller vom See1. Die geduldigste, beste Gemahlin von allen hatte Speckbrote2 gemacht, ich hatte einen defensiv abgeschmeckten Liptauer und einen Käferbohnen-Salat3 beigesteuert sowie Lardo und geräuchertes Filet vom Mangalitza geschnitten. Star des Abends war der 2019er Patfalu, eine Cuvée aus Cabernet, Zweigelt und St. Laurent.

Da dachte man, die gute, alte antikapitalistischen Parabel wäre total ausgelutscht, und dann kommt „Squid Game“ daher.

Okay, das ganze Unterfangen ist von A bis Z total vorhersehbar und hat so viel Tiefgang wie die Berka bei Niedrigwasser, aber es ist sehr, sehr gut gemacht. Und Folge 6 ist Weltklasse.

Dass manche Leute unterkomplexes Argumentieren für eine intellektuelle Leistung halten, überrascht dann doch.

 

 

 

Splitterbrötchen (DCCCLX)

Diese Splitterbrötchen schreibe ich im Zug zurück von Prag nach Berlin. Drei Tage haben wir in der schönsten Stadt der Welt verbracht.

In den asozialen Medien häufen sich die pathetischen Fragen von Eltern, die wissen möchten, wie sie ihren Kindern diverse Ungerechtigkeiten in der Welt erklären sollen. Herrschaften, es ist nicht eure Aufgabe, euren Kindern Ungerechtigkeiten zu erklären. Eure Aufgabe ist es, eure Kinder darauf vorzubereiten, sich in einer ungerechten Welt behaupten zu können.

Wer gerne Bier trinkt und noch nicht in Tschechien war, kann nicht mitreden. Die Liebe und Sorgfalt, mit denen dort das Bier gepflegt wird, suchen ihresgleichen. Und tatsächlich: Zwischen einem in Deutschland und in Tschechien gezapften Pilsner liegen Welten1.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war dann auch ein Pilsbegleiter: „Tschechischer Teller“ in der „Foodery Czech Slovak„, also geräucherte Wurst, Kassler, Bauchfleisch, Schmorkohl, Knödel. Interessant: die an sich weltmeisterlichen Böhmischen Knödel werden hier oft mit sehr wenig oder gar keiner Sauce serviert. Trotz des wohlschmeckenden Knödels ist das dann eine eher trockene Angelegenheit.

Wenn Schauspieler versuchen, sich zu moralischen oder wissenschaftlichen Instanzen zu erheben, ist immer Vorsicht angesagt. Die Kernkompetenz dieser Menschen vesteht oft im überzeugenden Aufsagen eines Texts und nicht in der geistigen Durchdringung desselben.

Die Schönheit der Architektur in Prag ist in der Tat überwältigend. Entgegen unserer sonstigen Gewohnheit haben wir Museen und Galerien gemieden, um uns an den schönen Häusern, Brücken und Plätzen satt zu sehen.

Eine Ausnahme haben wir allerdings gemacht: das Museum zu Ehren des legendären Trickfilmpioniers Karl Zeman MUSSTEN wir uns anschauen. Die reine Freude.

Die Fehler und Pannen bei der Wahl in Berlin sind eine Schande, für die Stadt und das Land. Der Rücktritt der Landeswahlleiterin genügt nicht. Politik und Verwaltung müssen endlich glaubhaft Schluss mit der unerträglichen Bräsigkeit machen, mit der hier die legitimen Interessen des Bürgers abgetan werden. Wenn das nicht möglich ist, sollte man den Alliierten wieder die Kontrolle über Berlin geben.

Splitterbrötchen (DCCCLIX)

Seit ein paar Jahren frühstücke ich einmal pro Woche eine Art Porridge, aus Abwechslungsgründen. Ist mal was anderes als mein ewiges Stullenfrühstück. Da mir aber relativ schnell der langweilige Haferbreigeschmack auf den Zeiger ging, habe ich mittlerweile mein Porridgerezept dermaßen verfeinert, dass ich ständig irgendwelche Zutaten vergesse. Warum bin ich nicht in der Lage, in der Küche nicht zu eskalieren?

Historischer Moment: Bei Anne Will nickt Christian Lindner, als Saskia Esken etwas sagt. Die Zeit ist aus den Fugen!

Auf die Frage, was mich daran hindert, CDU zu wählen, fiel mir nur eine Antwort ein: die letzten 16 Jahre.

Die sozialen Medien gehen mir zurzeit gewaltig auf den Keks. Nicht, dass ich den Austausch mit anderen Menschen nicht schätzen würde, ich finde die ständigen Aufforderungen, bei irgendwas mitzumachen oder sich irgendwo einzuordnen unerträglich. Tucholsky hat das alles mal als das vertraute Muh der warmen Heimat Herde bezeichnet. Er wusste warum. Ich fühle mich im Stall auch nicht wohl.

Warum bekomme ich eine E-Mail zum Thema „Schwangerschaft und Fußbeschwerden . wie orthopädische Einlagen helfen“ Warum? Warum ich?

Angeblich läuft ja eine Impfkampagne. Nur wo?

Wenn Angela Merkel gewollt hätte, dass ihre Partei diese Wahl gewinnt, wäre sie vor zwei Jahren zurückgetreten, damit ihr Nachfolger den Wahlkampf mit dem Kanzlerbonus bestreiten kann. Sie hat es nicht getan. Vielleicht, weil ihr klar war, dass ihre Partei nach 16 Jahren Zeit zur Regenration braucht. Vielleicht, weil ihr klar war, dass die Parteien, die ab jetzt regieren, durch Dinge wie die Pandemiefolgen und die Einleitung unangenehmer Klimaschutzmaßnahmen für längere Zeit beschädigt werden. Vielleicht hat Schäuble deshalb dafür gesorgt, dass Laschet Kanzlerkandidat wird. Vielleicht, weil Angela Merkel und Wolfgang Schäuble diese Wahl gar nicht gewinnen wollten.

Und dann begegnete ich den Friedenauer Vätern, die am Freitag ihre Kinder nicht zur Schule, sondern zur Klima-Demo brachten, und ihnen nicht die Schulranzen, sondern die Demo-Schilder trugen. Tja. So protestiert man heute.

Besonders AfD-Wähler sollten nicht per Brief, sondern vor Ort im Wahllokal wählen. So haben sie wenigstens mal Gelegenheit, ein Gymnasium von innen zu sehen.

Wieder kein Foto vom kulinarischen Wochenhöhepunkt: Ossobuco ist einfach nicht fotogen.

Das wird nicht passieren, dass wir alle heute kurz nach sechs vor den Bildschirmen sitzen und rufen: „Wie? Doch der Idiot?“ Nein, das wird nicht passieren… ja… nein… wird schon nicht… ja… nein…