Splitterbrötchen (DCCCXIIIL)

Hochinteressant, liebe Redakteure beim Hessischen Rundfunk, hochinteressant. Die Sprache von Erwin Kostedde ist also vergiftet, so vergiftet, dass ihr eine ominöse „Triggerwarnung“ vor seinem Sprachgebrauch aussprecht. Kein Mensch muss vor Kosteddes Sprache gewarnt werden, ihr Arschgeigen. Vergiftet ist etwas ganz anderes, nämlich das, was ihr zwischen den Ohren mit euch rumtragt.

Ach, guck. Veganer Strom.

Leute, die nicht „Worscht“ sagen können oder wollen, bekommen eben keine. So einfach ist die Welt.

Es gibt Sätze aus der Kindheit, die einem ein Leben lang nicht aus dem Ohr gehen. Bei mir ist das unter anderem „Wir machen nur, was wir wollen.“ Das sagte mein Vater immer, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte.

Was bei der ganzen Debatte ums Gendern gern vergessen wird: Es steht nicht gut um die Lesefähigkeit vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger. Eine sehr große Zahl von Menschen ist mit der Lektüre längerer (mehr als zwei Absätze) Texte, die Haupt- und Nebensätze enthalten, schlichtweg überfordert. Solche Menschen scheitern schon an einem kurzen, mit Binnen-I, Stern oder Doppelpunkt gegendertem Text. Sie verstehen ihn schlicht nicht, weil sie diese Schreibweise aus ihren vage erinnerten Schulbüchern und dem Wenigen, was sie täglich lesen, nicht kennen und hören auf zu lesen. Gesprächsangebote über die hinter dem Gendern stehenden Gedanken werden meist brüsk abgelehnt, weil diese Ideen in der Lebensrealität dieser Menschen allenfalls am Rande vorkommen. Diese doch recht große Menge von Menschen 1 wird derzeit eben nicht „mitgemeint“, wenn gegendert wird.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war ein perfekter Dreiklang aus Spätzle, Bergkäse und sehr, sehr gutem Grauburgunder, der mir im „Zehlendorfer Hof“ serviert wurde.

Momentan bin ich im vierten Kapitel des Marlowe-Romans „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ von Benjamin Black2 angekommen, und ich bin über die Buchbeschreibungen in der Presse nicht wenig irritiert. „… trifft Chandlers Ton perfekt …“, „Bis in die exquisite Tonlage des Meisters hinein hat Banville Chandler gekonnt adaptiert …“, „Das hätte Chandler nicht besser gekonnt.“ Haben die alle nie Chandler gelesen? Chandler hätte den Stil, in dem Banville schreibt und die Stimme, die er Marlowe verliehen hat, abgelehnt und mit einem politisch mittlerweile sehr inkorrekten Wort bezeichnet3. Banvilles Marlowe ist eine Metaphernschleuder, die in Konjunktiven schwelgt und Sätze wie „Vor uns lag der Ozean, als hätte ich ihn in Gedanken heraufbeschworen“ sagt. Für so einen Quatsch hätte ein Profi wie der echte Marlowe allenfalls ein Kopfschütteln übrig gehabt. Banvilles Marlowe ist ein verhinderter Poet, Chandlers Marlowe war ein Killer mit der beschränkten Fähigkeit zu Reflektion und Melancholie. Banvilles Marlowe kommt als aufgeblasener Möchtegern daher, dem das Original mit sardonischer Freude die Luft raus gelassen hätte.

Ganz erstaunlich: Dass bei vielen Menschen immer noch nicht angekommen ist, dass man sich, seit es die Recherchemöglichkeiten des Internets gibt, beim Lügen mehr Mühe geben muss, wenn man nicht auffliegen will.

Was Social Media tatsächlich kaputt zu machen scheint: Mit jemandem stundenlang total zu streiten, und dann zusammen Bier trinken gehen und über was anderes reden.

Heißer Tipp für die Freunde des britischen Regional-Krimis: „Wild Bill“ (6 Folgen, noch bis Ende des Monats in der ZDF-Mediathek): Technokratischer Superbulle aus den USA wird Polizeichef in der englischen Provinz. Spannend, komisch und gelegentlich anrührend. Toller, vielschichtiger Protagonist.

Es will mir immer noch nicht gelingen, mich wirklich auf die EM zu freuen. Merkwürdiger Zustand.

 

 

  1. Wie übrigens auch Menschen, die erst dabei sind, die deutsche Sprache zu lernen.
  2. Das ist das Pseudonym, dass John Banville für Krimis verwendet.
  3. Wenn man mich in den Kommentaren lieb bittet, sag ich es vielleicht.

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