Was mich immer wieder fasziniert, ist, wie intensiv die Bloggerszene hierzulande der Sonntagsruhe pflegt. Spätestens ab 15 Uhr ist – zumindest in den paar Blogs, die ich abonniert habe, fast komplette Funkstille: keine neuen Beiträge, keine Kommentare. Woran liegt’s? Alles Fans von Zweitligavereinen?
Archiv des Autors: Chris Kurbjuhn
Merkel in 4 Worten
Angela Merkel ein Jahr im Amt – Bild.T-Online.de
Angela Merkel ein Jahr im Amt – Ein Hosenanzug auf Weltreise
Sensationelle Headline, die Leben, Werk und Persönlichkeit unserer Kanzlerin in 4 Worten zusammenfasst, deutet und wertet. Ein mit Lichtgeschwindigkeit auf den Punkt gebrachtes journalistisches Meisterwerk. Absolut Pulitzer-preiswürdig! Leider fällt der nachfolgende Artikel etwas ab. Ansonsten verneige ich mich in Ehrfurcht.
Ist doch Wurscht!
Großbritannien: Kein Drachenfleisch in Drachenwurst – Wurst muss umbenannt werden – Panorama – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten:
In Großbritannien haben sich Bürokraten der Lebensmittelbehörde mit einer Anordnung komplett lächerlich gemacht. Eine Wurst-Spezialität namens „Waliser Drache“ muss umbenannt werden: Die Wurst enthalte kein Drachenfleisch.
Um Himmels willen! Man kann nur hoffen, dass sich unsere Behörden eine derartige Sicht der Dinge nicht zu eigen machen. Ein landesweites Chaos, das letztlich unseren Rechtsstaat aushebeln könnte, wäre die – logische – Folge. Um nur einige bedrohte Wurstsorten zu nennen:
Schlimme-Augen-Wurst (enthält keine schlimmen Augen)
Kinderwurst – (enthält keine Kinder)
Lyoner – (enthält keine Franzosen)!
Quo vadis, Wursttheke?
Das Omelette
Gelegentlich diskutiere ich mit Kochkumpelinen und Kochkumpels sogenannte schwierige Rezepte, also Gerichte, deren Zubereitung ungewöhnlich kompliziert ist oder großes küchentechnisches Geschick erfordert. Meist kommen wir dann auf irgendwelche Fieseligkeiten wie Wachtelpralinen. Oder Wickelgeschichten, wo man ein Stück Fleisch oder Fisch mit Farce und Schinkenscheibe und Aromaten und Zeugs in ein Wirsingblatt einrollen muss. Oder „Saumon Soufflé“, ein Star-Gericht des alten Haeberlin aus Illhaeusern. Da wird eine Lachs-Tranche mit einer Haube aus püriertem Hecht, Eiweiß und Sahne bedeckt, die dann im Ofen wie ein Soufflé aufzugehen hat. Und dann sind da ja noch die ganzen Terrinen und Pasteten mit ihrer ausgefuchsten Optik… die Dessert-Torten mit dreierlei Füllung … und dieser spanische Küchenfreak mit seinen Stickstoffklößchen…
Nun ja, mag ja alles schön schwierig sein. Für mich jedenfalls ist der Mount Everest der Küchentechnik, das Gericht, bei dem am meisten schiefgehen kann, das Omelette.
Das beginnt beim Einkauf (gescheite Freiland-Eier, die nach Ei schmecken, Süßrahmbutter mit Butteraroma… das ist oft nicht einfach zu finden) und geht mit dem Verkleppern der Eier (2 pro Omelette) weiter, für das ich die Gabel dem Schneebesen vorziehe. Hier geht es nämlich darum, den Punkt zu finden, an dem Eigelb und Eiweiß sich innig verbunden haben, dem Eiweiß aber noch nicht die Elastizität ausgeschlagen wurde, die für die typische Omelette-Konsistenz nötig ist. Das ist – finde ich – mit der Gabel leichter abzupassen. Den häufig zu findenden Tipp, einen Schuss Mineralwasser in die Eimasse zu geben, finde ich nicht hilfreich. Irgendwie geht mir die Konsistenz von Omelette mit Mineralwasser zu sehr Richtung Rührei. Ein Omelette macht man aus Eiern, Butter und einer Prise Salz, sonst nix.
Der nächste Stolperstein ist die Temperatur, bei der die verklepperten Eier in die Eisenpfanne gekippt werden. Ja, es muss die Eisenpfanne sein. Ich weiß letztendlich nicht warum, aber in der Eisenpfanne werden die Omelettes am besten (nicht nur die Omelettes, übrigens!). Also, Eisenpfanne auf den Gasherd, auf volle Pulle erhitzen, ein großzügig portioniertes Stück Süßrahmbutter, die wie gesagt noch nach Butter schmeckt, hineingeben, die Hitze etwas reduzieren und die Butter beim Schmelzen beobachten.
Wenn die Butter schäumt und gerade eben beginnt, braun zu werden, aber noch nicht braun ist, werden die geschlagenen, leicht gesalzenen Eier in die Pfanne gekippt. Man merkt sofort, ob man den richtigen Zeitpunkt erwischt hat. Wenn die Eimasse auf dem Pfannenboden sofort stockt, sich oben aber zu goldgelber, luftiger Leichtigkeit aufplustert, hat man begonnen, ein Omelette zu backen. Ansonsten kann man einen neuen Versuch starten oder muss sich mit einem Rührei begnügen.
Ist das Omelette einmal in der Pfanne, wird nicht mehr gerührt. Punkt. Auch wenn Bocuse in seinem Kochbuch die Eimasse mit dem Spatel durch die Gegend schaufeln möchte, das Rühren unterbleibt, weil es der Konsistenz der des Omelettes schadet. Jetzt arbeitet man nur noch mit dem Anpassen der Temperatur (Besitzer eines konventionellen E-Herdes haben ganz schlechte Karten) und einem möglichen Schwenken der Pfanne, falls sich zuviel Eischleim auf dem Omelette befindet, der nicht stocken würde, bevor das Omelette unten braun wird. Das ist der nächste Knackpunkt: Herauszufinden, wann das Omelette fertig ist. Es muss unten dunkelgoldgelb und ein wenig knusprig sein, oben noch cremig-feucht, aber nicht mehr glibberig.
Das ist gar nicht einfach zu erkennen, besonders, wenn – was bei mir immer vorkommt – noch etwas Butter auf dem Ei herumschwimmt. Wenn man glaubt, dass es gerade richtig ist, dann nimmt man das Omelette vom Feuer und lässt es auf einen vorgewärmten Teller gleiten. Das Vorwärmen des Tellers ist ein absolutes Muss, weil sich die empfindliche Eierspeise auf einem kalten Teller sofort auf das unvorteilhafteste verzieht. Jetzt kann und sollte man das Omelette noch überglänzen: Ein kaltes Stück Butter wird auf eine Gabel gespießt und damit streicht man über das Omelette. Gerade so, dass sich etwas Butter löst und einen glänzenden Film auf dem Omelette hinterläßt. Das funktioniert übrigens nur, wenn man das Omelette zum richtige Zeitpunkt aus der Pfanne genommen hat. War es zu früh, reicht die Oberflächentemperatur nicht aus, um die Butter zu schmelzen. War es zu spät, wird zu viel Butter geschmolzen, was die geschmackliche Harmonie stört.
Wer jetzt das Omelette noch füllen möchte, hat selbstverständlich gleichzeitig á la minute die gewünschte Füllung (Käse? gebratene Pilze? Gemischte Frühlingsgemüse? In der Saison kann gebratener Spargel mit einem Hauch Sesam- oder Kürbiskernöl absolut sensationell sein!) vor- bzw. zubereitet, die jetzt auf die eine Omelettehälfte gegeben wird. Dann klappt man das Ganze Gebilde zusammen, OHNE dass es in der Mitte zerbricht…
Wer jetzt denkt, dass ich das ganze überkompliziere, hat vielleicht recht. Vielleicht hat er aber auch noch nie ein richtiges Omelette gegessen. Denn das kann eine grandiose Delikatesse sein und ist, wenn man es nicht täglich tut, äußerst schwierig zuzubereiten. Rührei ist einfach zuzubereiten und kann ganz lecker sein. Zu einem Omelette verhält es sich wie ein Trabant zu einem Maserati.
Ich backe seit ca. 40 Jahren Omelettes. Nicht täglich. Mittlerweile genügt fast jedes dritte meinen unbescheidenen Ansprüchen.
Karten lesen und das Navi
Ein charmanter Artikel bei Anna über die Kunst des Kartenlesens erinnerte mich an eine der charmantesten Fußballeranekdoten aller Zeiten. Wenn sie erfunden sein sollte, dann ist sie so geschmeidig erfunden, dass sie genauso gut wahr sein könnte. Auf alle Fälle: Als Micha Ballack und Zé Roberto einmal verspätet zum Training an der Säbener Straße erschienen und ihre Verspätung damit entschuldigten, dass das Navigationssystem in Robertos Wagen ausgefallen wäre, wunderten sie sich doch sehr, dass sie eine saftige Geldstrafe aufgebrummt bekamen. Weil die beiden zu dem Zeitpunkt schon eine ganze Weile bei den Bayern spielten…
Bitte wieder grün…
Ja, ich weiß. Rot ist aggressiver, aus farbpsychologischer Sicht jederzeit vorzuziehen und die roten Auswärtstrikots der Nationalmannschaft sehen auch wirklich gut aus… Aber an den ollen grünen Trikots hängen soviele Erinnerungen an absolut grandiose Schlachten… Wirklich. Mir wäre grün lieber. Aber vielleicht bin ich ja nur ein alter Sack, der sich nicht mehr umstellen kann. Oder will. Trotzdem. Oder gerade deshalb. Grün ist besser.
Es lebe das Internetz!
Zur Zeit finde ich beinahe täglich einen Grund, mich über die Erfindung des Internet zu freuen. Zur Zeit sind es einige Rätselfreunde, die sich auf Spon tummeln. Vor drei Tagen habe ich ja meiner Freude über die Wiederkehr der Spiegel-Rätselwochen bereits Ausdruck gegeben. Doch was den Kollegen jetzt einfällt ist schlichtweg grandios! Jeweils um Mitternacht wird die neue Tagesfrage veröffentlicht, und nur Minuten später beginnt eine Elite konkurrenzlustiger Mitstreiter, lösungsrelevante Einträge der Wikipedia zu editieren, um Konkurrenten in die Irre zu führen und aus dem Felde zu schlagen.
Abseits jeglicher political correctness, jenseits von kleingeistigem „Sportsgeist“- und „Fairness!“-Gebrüll kann ich nicht um hin, die absolute Größe dieser fantastischen Idee zu loben. Ein Lexikon umzuschreiben, um die eigenen Gewinnchancen bei einem Ratespiel zu maximieren: Eine dermaßen entrückte Stufe des Größenwahns haben noch nicht mal die von mir sehr geschätzten Weltbeherrschungs-Fans Ernst Stavro Blofeld oder Dr. Fu Man Chu erreicht. Chapeau!
Und möglich gemacht hat das erst unser fantastisches Internet! Vor zwanzig Jahren hätte es da noch eines hochnotpeinlichen Anrufs bei der Brockhaus-Redaktion bedurft: „Hören Sie, mir ist zu Ohren gekommen, dass ein bekanntes deutsches Nachrichtenmagazin ein kniffliges Rätsel plant. Können wir nicht gemeinsam an Ihrer neuen Auflage ein bißchen was drehen? Wenn ich gewinne, mache ich auch halbe-halbe…“
Wir leben in einer großen Zeit!
Hochkomik vom feinsten!
Heute möchte ich mal einen Kollegen empfehlen, dessen genial hochkomisches Blog-Gesamtkunstwerk „Mein Mittagessen“ seit Wochen zu meiner täglichen Lieblingslektüre zählt. Die letztlich die gesamte deutsche Blogossphäre auf die Schippe nehmende Grundidee ist meiner bescheidenen Meinung nach schlichtweg genial, und wie Matla die Absurditätsschraube langsam, aber sicher immer weiter hochdreht, ist äußerst gekonnt gemacht. Mahlzeit!
Gröspaz
Seit ca. 40 Jahre guck ich mit heißem Herzen Fußball. Wenn irgendwo der Schiri pfeift und die Jungs anfangen, nach der Kugel und ihren Schienbeinen zu treten, bin ich dabei. Wenn ich konservativ schätze, hab ich in der ganzen Zeit mindestens ein Spiel die Woche geguckt. Dann wär ich also bei ca. 2048 Spielen, die ich mir im Stadion, im Fernsehen oder sonstwo angeguckt habe. Da aber diverse WMs und EMs und die Stadionbesuche bei den Bayern oder Blau-Weiß 90 die Statistik gewaltig in die Höhe getrieben haben dürften, muss ich fürchten, dass ich mir deutlich mehr als die doppelte Menge Spiele in voller Länge angeguckt habe, im Stadion oder im TV. Und welches war nun das beste, großartigste, spannendste, aufregendste… schlicht das Gröspaz, das Größte Spiel aller Zeiten? Das „Spiel des Jahrhunderts“, das Halbfinale 70 gegen Italien? Unglaublicher Kampf mit tragischem, ungerechten Ausgang! Finale EM 72 gegen Russland – die letzte Viertelstunde ist nach wie vor das grandioseste, was ich je von einer deutschen Nationalmannschaft gesehen habe, wie sie sich einfach nur die Kugel zugeschoben haben, während die Russen konsterniert zugeguckt haben… eisigste Perfektion für die Ewigkeit! Finale WM 74 – vermutlich Beckenbauers größte kämpferische Leistung, wie er die Bälle auf die Tribüne gedroschen hat, unglaubliche Reaktionen von Maier, das Siegtor von Müller nach wie vor einmalig: selbst in der Superzeitlupe sieht man nicht, wie er sich dreht. Er nimmt den Ball mit dem Rücken zum Tor an, und eine Tausendstelsekunde später schießt er in die andere Richtung. – Die Europapokalschlachten der Bayern in den 70er Jahren… Der HSV, der gegen Juve den Europacup holt… Wieder Bayern, wie sie unbegreiflich gegen Porto versemmeln… Andi Brehme, der in der römischen Nacht anläuft (Immer, wenn ich Gianna Nannini höre, seh ich seit dem den ollen Brehme anlaufen!)… die wunderbare EM 96, trotz Vogts… das 86er Finale, mein Gott, wenn der Toni Normalform gehabt hätte… das 02er Finale, mein Gott, wenn der Olli Normalform gehabt hätte… die 119. 2006 in Dortmund, der Dolchstoß, der vergiftete Pfeil der immer noch in meinem Herzen steckt… Hinter einer Partie müssen sie alle verblassen. Die grandiosesten 90 Minuten – eigentlich 45 Minuten, wenn man pingelig ist – meines langen Lebens als Fußballzuschauer verdanke ich ausgerechnet dem KFC Uerdingen.
Der damals, als dieses Land noch im Geld schwamm und die Pharmakologen aus Legokusen sich zwei Bundesligavereine leisten konnten, als „Bayer Uerdingen“ firmierte. Damals, das war der 19.3.86, und die Uerdinger empfingen Dynamo Dresden zum Rückspiel im Europacup der Pokalsieger. Das Hinspiel hatten sie in Dresden 0:2 vergeigt, und erwartungsfroh versammelten meine Fußballkumpels Patrick, Andi und ich uns vor dem Fernseher. Ein Nullzwo aufzuholen war jederzeit machbar, und deshalb versprachen wir uns ein aufregendes, offensiv geführtes Spiel, zumal Uerdingen seinerzeit von dem gern offensiv agierenden Kalli Feldkamp trainiert wurde und mit dem – meiner Ansicht nach vollkommen zu unrecht in Vergessenheit geratenen – Matthias Herget einen begnadet offensivstarken Libero aufbieten konnte. Also, vor dem Fernseher gemütlich gemacht, Pilsbier geknackt, und die Party konnte losgehen.
Zur Halbzeit diskutierten wir, in welcher Kneipe wir den Abend fortsetzen sollten. Das Spiel war durch, die Dresdner führten 3:1, Uerdingen war ausgeschieden, da konnte man sich doch am Tresen ein frisch Gezapftes gönnen, und von vergangenen Europacup-Schlachten schwadronieren. Gottseidank griff jedoch eine übergeordnete Macht (Assauers ungerechter Fußballgott?) ein und ließ uns „Nur noch 5 Minuten, vielleicht passiert ja doch noch was …“ vor dem Fernseher ausharren.
Ca. 45 Minuten später war mein Couchtisch Kleinholz (Ich hatte beidfäustig auf ihn eingehämmert, während ich ca. 10mal hintereinander „Das gibt’s doch nicht!“ gebrüllt hatte.), Patrick, Andi und ich lagen uns in den Armen und versicherten uns ein ums andere mal, dass wir „so etwas ja überhaupt noch nicht“ gesehen hätten. Die Uerdinger hatten in einem atemberaubend rauschhaften Sturmlauf in den zweiten 45 Minuten 6 Tore geschossen und die Dresdner mit 7:3 aus dem Europacup geworfen. Noch heute fehlen mir die Worte, um dieses unglaubliche Offensiv-Spektakel zu beschreiben, bei dem auf einmal alles, aber auch alles passte, was immer die Uerdinger auch anstellten. Und vor allen Dingen herrschte eine unglaubliche Stimmung. In der Grotenburg-Kampfbahn, in der Sprecher-Kabine des ausrastenden Kommentators und in meinem Wohnzimmer.
Ca. eine Viertelstunde nach Spielende klingelte es bei mir an der Tür. „Das ist Marjam!“ rief Patrick, „Das erledige ich!“ Marjam war seine damalige Freundin, die sich nicht für Fußball interessierte und deshalb die Spielzeit im Kino verbracht hatte. Patrick eilte zur Tür, riss dieselbe auf und rief: „Und das war jetzt das, was ich dir seit Jahren nahe zu bringen versuche: Erlebnis Fußball! Erlebnis Fußball, verstehst du? Aber du warst ja wieder mal nicht da!“ Sprach’s, knallte der vollkommen verdatterten Marjam die Tür vor der Nase zu und kam zurück zu uns ins Wohnzimmer. „Der lange Paß von Herget auf Funkel, unglaublich!“, meinte er. „Sowas hab ich ja überhaupt noch nicht gesehen.“
Ja. So ein Spiel war das.
Sie sind wieder da!
Eben zufällig auf Spon gesehen: Die Rätselwochen feiern ein Comeback! Warum die Leute vom Spiegel das aber erst 4 Stunden, bevor es losgeht, ankündigen, ist mir (haha!) ein Rätsel.


