Archiv der Kategorie: Um die fuffzich…

Das halbe Jahrhundert hab ich erreicht. Was war, was ist, was wird.

Mit Otto auf Entzug

Diesen Text schreibe ich auf den ausdrücklichen Wunsch eines höchst geschätzten Netzecken-Stammgasts, der – als ich vor ein paar Wochen mein zehnjähriges Nichtraucher-Jubiläum erwähnte – Interesse am Ende meiner Raucherkarriere artikulierte. Ist vielleicht wirklich eine gute Idee, das alles aufzuschreiben, bevor ich’s selber vergesse.

I.
Mir war schon eine ganze Weile klar, dass das mit meiner Raucherei nicht so weitergehen konnte. Ich hatte ca. dreißig Jahre lang geraucht, mit Freude und Genuss und ohne jegliche negative Begleiterscheinungen, doch das hatte sich über die letzten paar Jahre geändert. Gerade so langsam, dass ich es nicht gemerkt hatte und alles für völlig normal hielt: das heftige Abhusten nach dem Aufstehen. Die allmorgendliche miese Laune, die meist von einem gewaltigen Nikotin-Kater herrührte. Und der massiv gestiegene Zigarettenkonsum, unter zwei Päckchen am Tag machte ich’s nicht mehr.
Das alles hatte ich nicht bemerkt, doch dann fingen meine Bronchien an zu rasseln, wenn ich mich hinlegte. Manchmal so heftig, dass ich nachts von dem Krach aufwachte, den die Dinger machten. Das konnte ich nicht mehr ignorieren, ich musste einsehen, dass ich die Raucherei nicht mehr so wegsteckte wie noch vor ein paar Jahren. Tjaja, keiner von uns wird jünger.
Ans Aufhören dachte ich da noch nicht. War ja Quatsch, vollkommen unvorstellbar. Ohne Zigarette? Wie soll das gehen? Ich hatte mein ganzes erwachsenes Leben mit Zigaretten verbracht, ein Leben ohne die Dinger war komplett unvorstellbar. Es musste doch eine Möglichkeit geben, irgendwie weiter zu rauchen und den negativen Begleiterscheinungen aus dem Weg gehen. Musste ich bei Gelegenheit mal googlen, was man da macht…
Im Prinzip wusste ich schon sehr genau, was man da macht, nämlich mit dem Rauchen aufhören, aber das wollte ich nicht wahrhaben. Ich glaubte nämlich nicht, dass ich das überhaupt KÖNNTE, schließlich war ich mit meinen damals 45 Jahren länger Raucher als Nichtraucher gewesen, 30 zu 15 Jahren, wie sollte „nicht mehr Rauchen“ da eine Option sein?
So war das damals, vor zehn Jahren. Es ging mir immer schlechter, aber ich war nicht in der Lage, die Konsequenzen zu ziehen.
Doch dann kam mir Otto Schily zu Hilfe, der damals die sogenannten „Anti-Terror-Pakete“ durch den Bundestag peitschte, Gesetzespakete, die als vollkommen überzogene Reaktionen auf Nine-Eleven bürgerliche Rechte und Freiheiten massiv einschränkten, rechtsstaatliche Prinzipien (die Unschuldsvermutung, beispielsweise) über den Haufen warfen und die Polizei letztlich ermächtigte, die Privatsphäre unbescholtener Bürger nach Belieben zu verletzen. Verdachtsmoment genügt!
Ich hatte dieses Gesetzespaket ausgiebig recherchiert, weil ich es zum Thema eines Kabarettprogramms gemacht hatte, dass ich für das Stuttgarter Renitenz Theater geschrieben hatte, ich hatte mich schwarz über dies dummdreisten, dämlichen Gesetze geärgert, und mein Ärger sollte erst noch anfangen.
Denn im Frühjahr 2002 kam eine Tabaksteuererhöhung, mit der Ottos Quatsch-Gesetze finanziert wurden. Und fortan ärgerte ich mich jedesmal, wenn ich Zigaretten kaufte: „Jetzt bezahlst du wieder für diesen Überwachungs-Scheißdreck. Schämst du dich nicht?“
Ich fing an, darüber nachzudenken, wie ich in Zukunft Zigaretten kaufen konnte, ohne mich zu ärgern, und kam schließlich zu dem Schluss, dass es keine wie auch immer geartete Strategie gab, mit der ich weiter rauchen konnte, ohne mich über Otto Schily zu ärgern. Entweder mit dem Rauchen aufhören oder den Ärger runterschlucken, was anderes gab es nicht. Also, musste ich mich damit abfinden, in Zukunft nicht mehr rauchen zu können, ohne an Otto Schily zu denken. Denn Aufhören war nach wie vor keine Option.
Bis zum Morgen des 9. April. In der Nacht zuvor hatte ich wirklich die ganze Wohnung leergeraucht, nirgendwo war noch eine Zigarette zu finden, also eilte ich noch vor dem Frühstück runter, hatte schon die Klinke von Herrn Üflüflüs Ladentür in der Hand… und sagte mir „Nö. Wir probieren’s mit dem Aufhören jetzt einfach mal. Vielleicht klappt’s ja doch.“
Ich ging zwei Häuser weiter zur Apotheke, kaufte mir eine große Packung Nikotin-Kaugummi und betrat eine Gegend, die ich nur vage vom Hörensagen kannte: das rauchfreie Land.
Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt….

II.
Jetzt kann ich es ja sagen: Ich hatte gar nicht vor, aufzuhören. Ich wollte in Ehren scheitern. Um irgendwie mein Gewissen zu beruhigen und dann fröhlich weiter zu rauchen, ohne mich weiter über Ottos Anti-Terror-Gesetze ärgern zu müssen.
Irgendwie würde ich es mit den Nikotinkaugummis schaffen, drei oder gar vier Tage nicht zu rauchen, dann konnte ich heldenhaft behaupten, ich hätte es immerhin versucht, und dann – im Bewusstsein, jederzeit aufhören zu können (haha!) – mit gutem Gewissen weiter rauchen.
Dummerweise kam meine Gesundheit diesem Plan in die Quere. Nachdem ich zwei rauchfreie Tage überstanden hatte (was überraschend einfach war: für den Kettenraucher hält die Nichtraucherei soviel neues parat, dass man erst mal überhaupt keine Zeit hat, sich über irgendwelche Entzugserscheinungen Gedanken zu machen), ging es mir plötzlich sehr, sehr viel besser. Der Raucherhusten hatte sich fast gelegt, das Rasseln der Bronchien hatte schon nachgelassen und ich fühlte mich einfach rundrum gut. Mein Körper signalisierte mir wohl eine gewissen Dankbarkeit dafür, dass ich aufhörte, ihn mit dem Abbau irgendwelcher Giftstoffe zu belästigen und belohnte mich mit allgemeinem Wohlbefinden.
Das fand ich ganz erstaunlich, kaute fröhlich alle Stunde einen neuen Nikotin-Kaugummi und fragte mich: Kann es wirklich so einfach sein, sich das Rauchen abzugewöhnen? Am dritten Tag suchte ich sogar die Lesung eines Kollegen im radikal-verqualmten Kaffee Burger auf, ohne irgendwelche Probleme zu bekommen. Alles lief super, ich war ein Titan der Willenskraft. Vielleicht schaffte ich es ja doch, ganz aufzuhören, dass es mir dauerhaft besser…
Auf diese Idee hatte das Suchtzentrum meines Gehirns ganz offensichtlich gewartet, denn es signalisierte mir am vierten rauchfreien Tag mit unmissverständlicher Klarheit, dass man nun die Faxen dicke habe und bitteschön endlich wieder ordentlich Nikotin und noch ein paar gemeingefährliche Zusatzstoffe haben wollte.
Gleichzeitig merkte ich, dass es mir körperlich immer besser ging. Insbesondere das Aufwachen am Morgen war eine Offenbarung: das mühsame Sich-durch-die-Watte-eines-Nikotinkaters-in-die-Welt-hinein-Quälen war einem sanften, angenehmen Wachwerden gewichen. Dieses Wachwerden wollte ich noch ein paar Mal genießen, und deshalb schloss ich mit mir selber einen Vertrag: Okay, ich würde wieder rauchen, aber erst am Dienstag. Dann hätte ich eine Woche nicht geraucht, prima Sache, dann könnte ich mir endlich wieder eine anstecken und meine Willenskraft feiern.
Mit ein paar Extra-Nikotin-Kaugummis rettete ich mich über diesen Dienstag hinweg und versprach mir, dann eben am Dienstag drauf wieder mit dem Rauchen anzufangen. Zwei Wochen Nichtrauchen sind besser als eine, und dass ich eine Woche lang nicht rauchen kontne, hatte ich ja jetzt bewiesen. Da war eine weitere Woche Nichtrauchen doch das leichteste der Welt.
Ja, Scheißdreck. Mein Suchtzentrum merkte, dass Gefahr für die Abhängigkeit drohte und schickte stärkere Bataillone ins Feld.
Seit dieser Woche bin ich mir ziemlich sicher, dass die Zigarettenindustrie dem Tabak ziemlich ekelhaftes Zeugs beimischt, um die Raucher wirklich abhängig zu machen. Nikotin bekam ich ja weiterhin reichlich durch die leckeren (ha!) Kaugummis, woher kamen dann bitte die plötzlich einsetzenden Schweißausbrüche? Wieso war mir abwechselnd heiß und kalt? Warum wurde mein Zittern (habe einen leichten Tremor seit Geburt) immer schlimmer? Nee, die zweite bis dritte Woche war nicht schön.
Und ich bekam gelegentlich wirklich miese Laune. Ein reines Wunder, dass die geduldigste Gemahlin von allen mich nicht rausgeworfen hat. Ohne diese wunderbare Frau würde ich heute noch rauchen.

III.
Ich rettete mich irgendwie auch über den nächsten Dienstag weg, in der Hoffnung, dass es jetzt etwas leichter werden würde. Nuja… das wurde es tatsächlich, bis zu meinem ersten rauchfreien Kreativ-Meeting. Um Himmelswillen, da merkte ich erst, wie sehr die Dinger Teil meines beruflichen Alltags waren.
Bisher liefen solche Meetings immer so ab: Redakteur (Dramaturg, Produzent) formuliert ein Problem. Autor antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ Autor holt Zigarettenpackung aus der Tasche, sucht nach seinem Feuerzeug, fährt fort: „Wir haben mehrere Möglichkeiten, die Sache anzugehen…“ Zigarette rausholen, in den Mund stecken wollen, innehalten. „Von denen mir die naheliegendste denn auch am sympathischsten ist.“ Zigarette in den Mund, anstecken, Nikotin-Hit, rettende Idee ist da.
Die Zeit, die ich mir früher mit Raucher-Ritualen erkauft hatte, um Ideen zu produzieren, fehlte mir plötzlich. Ebenso wie die Ideen, die sich ohne die Rituale (und ohne den Nikotin-Hit, der uns Autoren wirklich zu Ideen verhelfen kann, weil der angeblich irgendein Kreativ-Dingens im Gehirn aktiviert) nicht einstellen wollten. Ich fürchte, beim ersten zigarettenfreien Meeting habe ich mich den Teilnehmern als stammelnden Vollidioten präsentiert.
Ich bekam Existenzängste und war wirklich kurz davor, das Handtuch zu werfen und statt den Scheiß-Kaugummis wieder Zigaretten zu kaufen, aber ich konnte einfach nicht leugnen, dass es mir von Tag zu Tag besser ging. Das hielt mich bei der Stange,ebenso wie eine verblüffende Erkenntnis aus heiterem Himmel: Ich hockte vor dem Computer, starrte blicklos den Bildschirm an und konnte keinen klaren Gedanken fassen, außer den an Zigaretten. Herrgott, warum konnte ich jetzt nicht eine rauchen? Dann konnte ich endlich aufhören, an Zigaretten zu denken…
Und da ging mir der Seifensieder auf: Ich dachte gar nicht häufiger an Zigaretten als während meiner Zeit als Raucher. Auch als Raucher hatte ich die ganze Zeit an Zigaretten gedacht, der einzige Unterschied war, dass damals immer Zigaretten da waren. Jetzt waren eben keine mehr da. Und die einzige Möglichkeit, endlich nicht mehr dauernd an Zigaretten denken zu müssen, war, nicht mehr zu rauchen. Ein für allemal Schluss zu machen mit der Abhängigkeit.
Das war der Augenblick, wo der Entzug kippte, wo ich endlich begriffen hatte, dass ich auf nichts verzichten musste, weil ich nicht mehr rauchte, sondern dass ich mich tatsächlich von einer Abhängigkeit befreien konnte, wenn ich dabei blieb.

IV.
Es ging bergauf. In der 6. rauchfreien Woche warf mein Suchtzentrum die letzten Reserven in den Kampf, ich hatte drei Tage lang übelste Suchtattacken zu überstehen – trotz kettengekauter Nikotinkaugummis – aber danach war tatsächlich das schlimmste vorbei. Hin und wieder ein kleiner Jieper nach ’ne schönen Zigarette, aber das war dann endgültig beherrschbar. Wenn man sechs Wochen durchgehalten hat, weiß man, das man ganz ohne kann.
Ich fing an, die Nikotinkaugummis rauszuschleichen, gönnte mir nur noch alle zwei Stunden einen frischen, in der darauffolgenden Woche alle vier Stunden, und als ich dann bei einem Kaugummi in acht Stunden angekommen war, war’s soweit: ich konnte ganz ohne Nikotin.
Ich besorgte mir eine schöne Flasche Rotwein, trank ein paar Gläser und kaute meinen letzten Nikotinkaugummi.
Es ist vollkommen lächerlich, aber ich denke heute noch gern an diesen letzten Kaugummi zurück. Ich hab Nikotin wirklich gemocht. Absolut tolles Zeugs, das mir viele schöne Stunden beschert hat. Ein ewiger Jammer, dass ich es am Schluss nicht mehr vertragen hab.

V.
Jetzt rauche ich seit zehn Jahren nicht mehr. Ich bin irrsinnig froh, dass ich mich mit mehr Glück als Verstand und mit der Hilfe meiner lieben Frau (und Otto Schilys natürlich!) von dieser Abhängigkeit befreien konnte. Meine Lebensqualität ist seitdem deutlich gestiegen, nicht nur körperlich geht es mir deutlich besser als als vorher, man merkt erst als Nichtraucher, wie kompliziert das Leben als Raucher ist, welchen Aufwand man treiben muss, um eine Abhängigkeit zu organisieren.
Kleines Beispiel: Heute kann ich einfach mal kurz um die Ecke gehen, wenn mir danach ist. Vor zehn Jahren noch: Zigaretten dabei? Reservepackung? Feuerzeug eingesteckt? Noch genug Saft im Feuerzeug? Sind überhaupt noch genug Zigaretten da, sollte ich nicht beim Händler vorbeigehen und noch welche holen? Entfällt alles, und Geld spart man auch noch ohne Ende.
Natürlich hat die Nichtraucherei auch Nachteile. Ich habe ordentlich zugenommen (seltsamerweise erst ein halbes Jahr nach dem eigentlichen Entzug) und werde das Gewicht nicht wieder los. Ich treibe dreimal soviel Sport wie früher, hab nie Süßkram gegessen, stopfe Obst und Gemüse in mich hinein wie ein Weltmeister, aber die Wampe will nicht weichen.
Dafür hab ich mittlerweile eine Bombenkondition. Wenn ich beim Tennis in einen dritten Satz gerate, dann gewinn ich den zu 99 Prozent, und auf das Belastungs-EKG beim Kardiologen freu ich mich jedes Mal, wenn die mit offenem Mund dastehen und zugucken, wie das Dickerchen stundenlang die Berge raufstrampelt und sich dabei locker mit ihnen unterhält…
Sorry, bin ja bei den Nachteilen. Ganz schräg: ein paar Leute, die weiterhin rauchen, haben den Kontakt zu mir abgebrochen. Dabei bin ich überhaupt kein militanter Nichtraucher geworden. In unserer Wohnung kann jeder rauchen, soviel wie er möchte, man kann ja schließlich lüften. Und ich missionier mit der Nichtraucherei nicht rum, finde ich furchtbar. Trotzdem wollen wohl einige meiner ehemaligen Raucherfreunde mit einem Typen, der vom Glauben abgefallen ist, anscheinend nix mehr zu tun haben. Find ich schade, aber muss ich wohl akzeptieren.
Was andere konvertierte Nichtraucher erlebten, blieb mir versagt: mein Geschmacks- und Geruchssinn haben sich nicht verändert, weder zum positiven noch zum negativen. Ich schmecke und rieche haargenau das gleiche, was ich als Raucher gerochen habe. Vermutlich war ich gesegnet, oder ich hatte mir die Papillen schon dermaßen zerschossen, dass ich jenseits von Gut und Böse bin.
Schließlich: Schreiben ging als Raucher viel leichter als als Nichtraucher. Absatz tippen, Zigarette anzünden, Absatz nochmal lesen, korrigieren, weitertippen, nächste Zigarette, nochmal lesen, überarbeiten, weiter schreiben… ein herrlicher Rhythmus, leider auf die Dauer etwas ungesund.
Auf diese Arbeitsweise verzichten zu müssen (Surrogate funktionieren nicht!) fiel mir sehr schwer, ich hatte ein halbes Jahr lang mit einem massiven Writer’s Block zu kämpfen und musste einen Auftrag für ein Theaterstück zurückgeben, weil ich kurz nach dem Entzug meine Arbeitsweise noch nicht so schnell anpassen konnte, dass ich halbwegs kohärentes Zeugs schreiben konnte. Das ärgert mich heute noch, aber nach einem halben Jahr kam ich langsam wieder in Schwung. Ich denke heute noch manchmal, dass meine Nikotin-Texte einen Tick besser weil entspannter waren, aber vermutlich liegt’s eher an der fortschreitenden Verkalkung.

VI.
Jetzt verspüre ich nur noch sehr gelegentlich ein ganz, ganz leises Verlangen, mal wieder eine zu rauchen. Den Teufel werde ich tun und diesem Verlangen nachgeben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine halb gerauchte, verhustete Zigarette genügen würde, um mich wieder zum Kettenraucher zu machen. Das muss ich nicht mehr haben.
Ich bewundere Menschen, die gelegentlich rauchen können, alle paar Tage mal eine Zigarette, alle paar Wochen mal eine Zigarre… das ist mir nicht gegeben.
Alles in allem bin ich heilfroh, dass ich vor zehn Jahren durch eine blödsinnige Verkettung von Zufällen (und die übergroße Geduld und Zuwendung der besten, geduldigsten Gemahlin von allen) den Absprung geschafft habe.  Ich hab wirklich gern geraucht, aber das ist endgültig vorbei. Alles hat seine Zeit.

Was ist wirklich laut?

Anlässlich eines kleinen Facebook-Austauschs stellte sich mir heute die Frage: „Was ist eigentlich wirklich laut?“ Und bevor die Frage sich mir richtig gestellt hatte, war mir schon die Antwort durch den Kopf gehuscht: The Who. Es gab laute Bands. Es gab sehr laute Bands. Es gab Bands, die die Lautstärke bis zum Anschlag drehten. Und dann waren da The Who.
Pete Townshend Windmill

Das Konzert war – wenn ich mich recht entsinne – 1976. In München, in der Olympiahalle. Ich hatte mich wie immer so weit vorne wie möglich postiert, das Licht ging aus, die Ansage („Ladies and Gentlemen…) kam, das Licht ging an, und die Band stand auf der Bühne. Pete Townsend starrte ins Publikum, wartete ein paar Sekunden, hob den Arm und schlug einen Akkord an.
Das tat beinahe weh. Okay, es tat weh. Es war wirklich sehr, sehr laut. Es war lauter als alles, was ich bisher gehört hatte. Es war so laut, das ich plötzlich begriff, was Schriftsteller mit dem Ausdruck „erschreckt innehalten“ meinten. Denn das tat das Publikum. So laut war Townsends Gitarre..
Er hatte gerade einmal einen Akkord gespielt, und das Publikum hielt erschreckt inne. Das war wohl Weltrekord. Townsend zeigte ein dreckiges, absolut befriedigtes Grinsen und zählte an. Die Band begann zu spielen. Moon, Entwhistle und Daltrey waren so laut, dass man Townsends Gitarre kaum noch hörte. Sie stürmten durch „I can’t explain“.
Dann wurden sie lauter. Von Stück zu Stück. Es war, als wollten die Who ihr Publikum auf die Probe stellen. Ich bin heute noch stolz, dass wir bestanden haben. Nach der letzten Zugabe („Won’t get fooled again“, glaube ich) nickte Townsend uns gnädig zu: „Ihr könnt was ab!“
Ein Wahnsinnskonzert. Und recht laut.

Foto by Center of the Universe (Windmill!) [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Django winkt

„Georges! Noch ein trou normande, s’il vous plait! Von irgendwas muss dieses verdammte Sodbrennen doch weggehen.“
Noch ein gieriger Zug aus der Gitanes, und in einem energischen Schwung drückt er sie aus und zündet die nächste an, nimmt einen Schluck des mittlerweile zu warmen Weißweins, ungeduldig auf das „trou normande“ wartend.
„Wenn du wenigstens nicht mehr zwischen den Gängen rauchen würdest…“
Ihre geschwungenen Augenbrauen krümmen sich, als würde sie das Sodbrennen empfinden, das ihm gerade zu schaffen machte.
„Suzanne, sei kein Spielverderber. Heute wird gefeiert! Ah, Georges, endlich, das trou normande! Nur ein trou normande kann mir die Kraft verleihen, den Hauptgang durchzustehen.“
„Selbstverständlich, Monsieur.“
Er stürzt den Calvados herunter, leckt sich die Lippen, dass ihm kein Tropfen des Leib und Seele wärmenden Apfelschnapses entgeht, lehnt sich zurück und zieht an der Zigarette.
„Gibst du mir einen Zug von deiner Zigarette, Cherie?“
„Aber du rauchst doch nicht, Suzanne. Du hast vor Jahren aufgehört…“
„Jeder Zug, den du nicht machst, verlängert dein Leben.“
„Suzanne, ich bitte dich, hör doch wenigstens an diesem Abend mit deinen Predigten auf.“
„Es sind keine Predigten. Nach zwei Herzinfarkten…“
„Suzanne! Wenn ein kleiner, dahergelaufener Jazz-Kritiker es geschafft hat, einen Bestseller über einen mittlerweile ziemlich obskuren Gitarristen zu schreiben, der zu seinen Lebzeiten soviel Schallplatten verkauft hat wie Puff Daddy montags vor dem Frühstück, darf man schon mal ein bißchen über die Stränge schlagen!“
„Cherie, du sollst doch über die Stränge schlagen. Ich will doch, daß du über die Stränge schlägst. Aber du sollst auch morgen noch über die Stänge schlagen. Bei deinem letzten Infarkt warst du klinisch tot, 3 Minuten lang.“
„Der Tod wird überschätzt. Ich spreche aus Erfahrung.“
„Das ist nicht komisch.“
„Doch, das ist sogar sehr komisch. Ich muss das schließlich wissen. Ich war tot, und du nicht.“
Ungeduldig hält er nach Georges Ausschau, sieht ihn am anderen Ende des Saales, will nicht warten, gießt den Rest des Chablis selber ein und kleckert dabei mit Schwung, wie immer, auf die Tischdecke.
„Suzanne, ich will damit sagen, ich war gar nicht tot.“
„Die Ärzte sagen aber etwas ganz anderes. Und die ganzen Bücher, die ich gelesen habe…“
„Die auf deinem Nachtisch liegen? Dieses Zeugs über Nahtod-Erfahrungen?“
„Ich versuche nur, zu verstehen, was dir geschehen ist.“
„Begreif doch endlich, mir ist nichts dergleichen geschehen. Ich habe diese Bücher auch gelesen, und nichts, was da drin steht, diese ganzen Geschichten mit einer Tür, die sich öffnet, die zu einem unglaublich hellen Licht führt, dieses unglaubliche Glücksgefühl… das alles gab es bei mir nicht, ich kann nicht tot gewesen sein.“
„Ach, du negierst nur wieder…“
„Ich negiere nicht, was diese Leute erlebt haben, im Gegenteil, ich glaube daran. Ich glaube nur nicht, dass
mir das widerfahren ist. Oder in naher Zukunft widerfahren wird.“
„Wieso wird dir das nicht widerfahren? Bist du unsterblich geworden, weil du seit heute die Bestseller-Liste anführst?“
„Aber nein. Ich kann nicht sterben, bevor du nicht stirbst.“
„Sei nicht albern.“
„Ich bin nicht albern, ich bin todernst, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann nicht sterben, so lange du lebst.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Alle Menschen mit Nahtod-Erfahrungen berichten, dass sie bei ihrem Tod von einem Menschen sozusagen abgeholt worden sind. Dass sie von dem Menschen über die Schwelle ins Jenseits gebracht wurden, den sie am meisten geliebt haben, der ihnen in ihrem Leben am meisten bedeutet hat.“
„Und?“
„Aber, Suzanne, versteh doch, in meinem Leben bist du dieser Mensch. Niemand bedeutet mir mehr als du, ich liebe niemanden mehr als dich. Niemand anderes als du wird mich jemals über die Schwelle des Todes führen können! Und deshalb habe ich auch nichts gespürt, als ich angeblich tot war. Weil ich nicht sterben konnte, weil niemand da war, um mich über diese Schwelle zu führen.“
„Das ist idiotisch.“
„Solange du lebst, bin ich unsterblich.“
„Das ist morbide.“
„Aber nein, im Gegenteil. In meinem Fall ist das lebensbejahend.“
Endlich, endlich hat er es geschafft. Suzanne kann ein Lächeln nicht mehr unterdrücken, muss lachen, wegen seiner Frechheit, seinem immer noch jungenhaftem Charme, dem piratenhaften Glauben an die eigene Unzerstörbarkeit, mit dem er jeden Tag das Leben angeht. Endlich wirft Suzanne wieder einmal ihr Haar zurück, lässt das Lachen tief aus ihrer Kehle
herausperlen, greift zum Glas, stößt mit ihm an, und schaut ihm tief in die Augen, während sie einen Schluck nimmt.
Und er will etwas sagen, noch einen draufsetzen, doch er verspürt einen Luftzug. Als hätte sich eine Tür geöffnet, und richtig, jemand ist herein gekommen, ein Straßenmusiker steht plötzlich neben ihrem Tisch, ein südländischer Typ, zurückgeklatschte Haare, Menjou-Bart. An einem abgewetzten Ledergurt hängt ihm eine Selmer-Maccaferri über die Schulter, er greift in ihre Saiten und beginnt zu spielen.
„Douce Ambiance“. Das darf nicht sein. Das Lied gehört dem Manouche, das ist ein geschmackloser Zufall, ausgerechnet dieser Abend darf nicht durch einen profanen Stümper entweiht werden, der „Douce Ambiance“ zerstört, und er will ihm Einhalt gebieten, aber die Musik zwingt ihn zuzuhören. Die Musik ist gut, der Stümper ist gut, der Stümper ist besser als gut, der Stümper ist kein Stümper, der Stümper ist fast so gut wie der Manouche, und natürlich ist das kein Zufall, natürlich hat Suzanne das organisiert, der Stümper ist kein Straßenmusiker, der Stümper ist ein Genie, das Suzanne engagiert hat, um diesem Abend die Krone aufzusetzen, oh, wundervolle Suzanne, oh, wundervoller Abend, oh, wundervolles Leben, oh, unglaubliches Glück, oh, „Douce Ambiance!“
Und plötzlich, während einer dieser einmaligen Akkord-Kaskaden, sieht er die Griffhand dieses Gitarristen, und er sieht die verbrannte Haut, die verkrüppelten Finger, der Ringfinger und der kleine Finger, nach innen verdreht, und das kann nicht sein, das ist 1928 passiert, als die brennenden Zelluloid-Blumen den Wohnwagen in ein Inferno verwandelt hatten, und er sieht sich um, und plötzlich sieht er sich selbst auf dem Fußboden des Restaurants liegen, den Mund weit offen, als wolle er alle Luft dieser Welt einsaugen und könnte es doch nicht, und Suzanne sitzt rittlings auf ihm und schlägt immer wieder mit beiden Fäusten auf seine Brust und Georges steht neben ihr und schreit in ein Telefon hinein, aber er hört nicht, was Georges schreit, er hört nur „Douce Ambiance“, dieses einmalige, für die Ewigkeit gespielte „Douce Ambiance“, dieses „Douce Ambiance“, das nur einer so spielen konnte, und da ist plötzlich die große Tür aufgeflogen, die in diesen unglaublich hellen Raum führt, und neben dieser Tür steht Django, der Manouche, mit der Selmer-Maccaferri 704 und spielt „Douce Ambiance“. Und Django lächelt.
Und Django winkt.

„Django winkt“ ist eine Kurzgeschichte, die ich vor ein paar Jahren für die Anthologie „Wendepunkte“ geschrieben habe. Heute wäre Django Reinhardt 100 Jahre alt geworden.

Herr Mai

Einer der Menschen, die mich am meisten geprägt haben, war einer meiner Lehrer am Eschweger Gymnasium, Herr Mai. Von Sexta bis Quarta (ja, so hießen damals die Klassen an der Friedrich-Wilhelm-Schule noch) gab Herr Mai mir Deutschunterricht, und von der Quarta bis zur Obertertia versuchte er, mir die lateinische Sprache näher zu bringen. Dann wurde er pensioniert.
Vier Jahre später machte ich Abitur. Herr Mai kam zu unserer Abitur-Feier, worüber wir uns sehr freuten. Irgendwann verabschiedete er sich, legte mir dabei den Arm um die Schulter und sagte: „Kurbjuhn, ich weiß ja nicht, was Sie mal beruflich machen wollen, aber… wenn Sie einen Rat wollen: machen Sie was, was Ihnen Spaß macht. Das ist am wichtigsten.“
Warum schreib ich das ausgerechnet heute in die Netzecke rein? Warum hab ich ausgerechnet heute an Herrn Mai denken müssen? Weil ich mir gerade einen Vortrag von Sascha Lobo reingezogen habe. In dem er das Gleiche sagt wie Herr Mai. Und dafür geschlagene 35 Minuten braucht.

[tags]Lobo Blafasel Ungeheuer![/tags]

 

Siebeck zum Achtzigsten

Wolfram Siebeck wird heute 80. Auch wenn ich mich in letzter Zeit ein wenig über ihn geärgert habe, ich war, bin und bleibe ich einer der größten Fans dieses Mannes. Das erste Kochbuch, das ich erwarb, war von Siebeck. Nach wie vor habe ich mehr Bücher von Siebeck im Regal als von jedem anderen Autor, der sich mit Essen und Trinken befasst.
Was machst du zu Siebecks Achtzigstem, habe ich mich gefragt. Irgendwas von Siebeck kochen und abfotografieren? Quatsch. Siebeck kocht möglicherweise besser als ich, mit Sicherheit können sie bei ZEIT und Feinschmecker besser fotografieren (die haben die besseren Fotoapparate). Was über Siebeck schreiben? Quatsch. Niemand schreibt über Essen, Trinken und Siebeck so grandios, gallig und gut wie Siebeck. Deshalb heute, zum Achtzigsten, meine Lieblings-Siebeck-Zitate:

Thema Angst:
Ob es sich um muslimische Einwanderer, Schwule oder um gefüllten Saumagen handelt, der deutsche Bürger weiß, wovor er sich fürchtet.Stern Nr. 14/2008

Thema Hausfrau:
Schlecht kochen kann jeder, aber nur die deutsche Hausfrau schafft es, darauf noch stolz zu sein.Playboy

Thema Elite:
Das ist wieder der Hartz-IV-Vorwurf. Ich schreibe doch nicht für diese Leute. Für die bin ich ein Unfall. Wenn ich die Sportseite aufschlage, verstehe ich auch nichts.Zeitmagazin 39/2008

Thema Heston Blumenthal:
Wenn Blumenthal der beste Koch der Welt ist, dann bin ich eine Bratwurst.ARD-Interview, 2005

Thema Ente im Tour d‘Argent:
In meinen kulinarischen Phantasien verliert sie jedenfalls ihre Ähnlichkeit mit einem napoleonischen Adler und ähnelt nun eher Donald Duck.Kochbuch für Anspruchsvolle

Thema Bier:
Im Sommer hier, wenn es glühend heiß ist, dann schütte ich mir schon mal eins gegen den Durst. Wasser ist ja immer so ein bißchen läppisch.Zeitmagazin 39/2008

Thema Genuß:
Bekennen sich Revolutionäre wie Danton offen zum kulinarischen Genuß, wird ihnen dies automatisch um Vorwurf gemacht und gilt beim späteren Prozeß als strafverschärfend. Ist aber ein Massenmörder wie Hitler Vegetarier, so bringt niemand seine Schandtaten mit diesem Umstand in Zusammanhang.Zeitpunkte, Siebecks Sinne

[tags]Siebeck, 80, Kultur, Literatur, größtmögliche Bewunderung[/tags]

Olympische Gänsehaut-Momente V: 100m in 11,9

Da hab ich lange überlegt, ob ich diesen Gänsehaut-Moment in die Netzecke stelle. Schließlich hatte er ja später Nandrolon in der Zahncreme. Ich fiel damals aus allen Wolken, als ausgerechnet Dieter Baumann positiv getestete wurde. Nicht, dass ich naiv bin: Natürlich muss man sich seit einigen Jahrzehnten grundsätzlich bei jeder sportlichen Höchstleistung fragen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber Baumann? Baumann doch nicht! Andererseits: den Quatsch, dass die Stasi (der kenianische Geheimdienst, die Da-Vinci-Bruderschaft, die Söhne Harald Norpoths, you name it) seine Zahncreme manipuliert hätten, den kann er seiner schwäbischen Großmutter erzählen, während sie die Spätzle abseiht.
Wie dem auch sei, 92 in Barcelona war er vielleicht hoffentlich bestimmt sauber, als ihm der größte Gänsehaut-Moment von allen gelang, als er die hundert Meter in 11,9 Sekunden lief. Okay, mögen jetzt manche sagen, 11,9 Sekunden über hundert Meter ist durchaus keine Weltklasseleistung, und diesen Skeptikern gebe ich hundertprozentig recht. Vor seinem Hundert-Meter-Sprint war Baumann allerdings schon 4900 Meter gelaufen, und das sollte ein etwas anderes Licht auf die Sache werfen. Während der letzten Runde hab ich jedenfalls keinen Pfifferling mehr auf Baumann gegeben, gegen die afrikanischen Jungs hatte Dieter doch keine Chance, und dann hat dieser Trottel sich auch noch abdrängen lassen, auf Platz fünf oder wo, jetzt ist nur noch Bronze drin, ach Quatsch, Bronze ist auch weg, Baumann, dummer Versager, kann nur die Alleebäume auf der schwäbischen Alb überholen, hat nix drauf, der Mann. Und dann ging die Lücke auf…

Für Momente wie diesen ist das Wort „unwiderstehlich“ geprägt worden. Ich krieg heute noch Gänsehaut, wenn ich zugucke. Und feuchte Augen.

[tags]Olympia, Gänsehaut, Baumann, Barcelona[/tags]

Olympische Gänsehaut-Momente III: Mit dem Pornobalken auf Lattenhöhe

Ein bisschen sehr tragisch ist es schon, dass man zuerst an seine monumentalen Fehlleistungen denkt, wenn man sich an Jürgen Hingsen erinnert.
Die drei Fehlstarts über hundert Meter in Seoul, die ihn sofort aus dem Wettbewerb katapultierten… So, als wollte er sich absichtlich und möglichst unelegant aus dem Zehnkampf verabschieden, bevor der eigentlich begonnen hatte. Da hingen wir mit offenen Mündern vor der Glotze und fragten uns: „Kann man wirklich so doof sein wie Jürgen Hingsen?“
Und natürlich das Stabhoch-Drama in Los Angeles. Um Himmelswillen. Der bizarrste Stabhochsprung aller Zeiten. Da hingen wir mit offenen Mündern vor der Glotze und fragten uns: „Kann man wirklich so doof sein wie Jürgen Hingsen?“
Er machte es einem aber auch leicht, ihn doof zu finden. Sein nassforsches Auftreten („Ich bin der größte Athlet aller Zeiten.“) und der dämliche Pornobalken unter der Nase… Jürgen Hingsen wirkte nicht wie ein Ernst zu nehmendes Sportidol, sondern eher wie ein geltungsbedürftiger Krefelder Gebrauchtwagenhändler, der mal ordentlich auf den Putz hauen will.
Aber als ich für diesen kleinen Text ein wenig recherchierte, begann ich, Hingsen mit anderen Augen zu sehen. Um Himmelswillen, der Weltrekord, den er 1984 aufgestellt hat, ist ja noch immer Deutscher Rekord! Seit 24 Jahren war kein deutscher Zehnkämpfer besser als Hingsen. War wohl doch kein ganz schlechter.
Und wenn man sich an den Zehnkampf in Los Angeles vor dem Stabhochspringen erinnert, dann war das eine der spannendsten Sportveranstaltungen, denen ich je zugesehen habe. Daley Thompson (mit ähnlichem Oberlippenzierat wie Hingsen ausgestattet, war damals wohl Mode unter Mehrkämpfern) hat ständig vorgelegt, doch Hingsen hat stoisch gekontert und ist immer näher an ihn heran gerückt. Beim Diskus hatte er ihn beinahe, doch dann hat Thompson im letzten Versuch eine neue persönliche Bestweite aus dem Zylinder gezaubert. Knapp daneben ist auch verfehlt, dachten wir, aber es ist ja noch alles drin, es stehen ja noch drei Disziplinen aus. Was kommt als nächstes? Ach, Stabhochsprung…

Für viele bewegungsbegabte Sportler ist eine Karriere als Schauspieler in körperbetonten Action-Filmen eine logische Konsequenz, und als Hingsen nach den Spielen von Los Angeles eine Hauptrolle in einem neuen Meisterwerk aus der Siggi-Rothemund-Schmiede namens „Drei und eine halbe Portion“ angeboten wurde, griff er beherzt zu. Auch in diesem für ihn ungewohnten Metier verleugnete er sich nicht und drückte dem Wettkampf Film seinen eigenen Stempel auf.

Daley Thompson pflegte seinen Dauerrivalen übrigens gern als „Hollywood Hingsen“ zu bezeichnen. Jetzt wissen wir, warum.

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Olympische Gänsehaut-Momente II: Albatros fliegt

In Zeiten, da ich der Zeitung entnehmen muss (nein, ich gucke immer noch nicht), dass diese Nation sich glücklich preisen darf, wenn ihre Schwimmer den gegenüberliegenden Beckenrand erreichen, ohne zu ertrinken, scheint es unglaublich, dass wir mal einen Mann am Start hatten, der den Amerikanern nicht nur Paroli bieten, sondern sogar davon schwimmen konnte. Der zu den Spielen fuhr, ohne viel Aufhebens sein Ding durchzog und mit ein paar Medaillen zurückkam. Denn das war das eigentlich Sympathische an Michael Groß alias „Der Albatros“: seine Unaufgeregtheit. Während die Reporter am Beckenrand sich ein ums andere Mal überschlugen, peitschte er sich mit seiner enormen Flügelspannweite durchs Wasser, stieg aus dem Becken und ging zur Tagesordnung über. Ein ganz normaler, freundlicher Mensch, der lediglich schneller schwimmen konnte als andere. Mehr war Michael Groß nicht, und mehr wollte er auch nicht sein, auch wenn Jörg Wontorra ihn mit seinem hektisch geröchelten „Flieg, Albatros, flieg!“ in mythische Sphären abzudrängen versuchte. Wie dem auch sei, 84 in Los Angeles sorgte der Albatros für ganz großes Kino:

Eine weitere Goldmedaille hätte Michael Groß für die knochentrockenste Antwort aller Zeiten auf eine dämliche Reporterfrage verdient.
Reporter: „Herr Groß, wie war ihre Taktik über hundert Meter Delphin?“
Groß: „Ich sprang ins Wasser und bin so schnell geschwommen, wie ich konnte.“

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