Hermsdorf bei Nacht – diesmal aus Podersdorf

Podersdorf bei Nacht
Da die beliebte Netzecken-Serie „Hermsdorf bei Nacht“ auch diese Woche ausfallen muss, weil ich nicht nach Hermsdorf komme, veröffentliche ich – um das Stammpublikum dieser Rubrik bei Laune zu halten – einfach ein bereits mehrere Wochen altes Foto aus Podersdorf am Neusiedler See. Podersdorf ist nicht Hermsdorf, zugegeben, und eine S-Bahn gibt es dort ebenfalls nicht, aber wenigstens Nacht ist dort auch. Von abends bis morgens. Und schön ist es in Podersdorf. Sehr schön.
[tags]Hermsdorf, S-Bahn, Nacht, Podersdorf, Etikettenschwindel[/tags]

Aus dem Stellvertreter-Leben

Eben hat sich die Welt für einen Moment zu drehen aufgehört. Als ich im Supermarkt ein neuartiges Produkt entdeckte. Ein Produkt, das sich „Löffelschaum für Padmaschinen“ nennt.
Ja, Löffelschaum für Padmaschinen. Ich bin erst mal mindestens eine Minute lang wegen zweier abwegiger Lese- und Assoziationsfehler (Parmaschinken statt Padmaschine ging ja noch, aber dass ich dann vermeinte Maraschino-Kirsche statt Padmaschine zu lesen, war ziemlich daneben) vor dem Aufsteller rumgestanden, und dann dämmerte mir langsam, was eine Padmaschine sein könnte: so eine dieser Kaffeemaschinen, die so tut, als wäre sie eine italienische Kaffeemaschine. Toll. Und dann war mir auch klar, was dieser Löffelschaum wohl sein muss: ein ingeniöses Produkt, dass so tut, als wäre es Milchschaum, den man beim Italiener auf die Kaffeespezialitäten gelöffelt bekommt. Dann konnte die Welt sich auch weiter drehen, weil ich verstanden hatte, was Löffelschaum für Padmaschinen ist: die Estrellisierung des Cappuccino. Im Hotel Estrel in Berlin-Neukölln läuft seit Jahren „Stars in Concert“, eine Show, in der Schauspieler so tun, als wären sie Frank Sinatra, Tina Turner oder Michael Jackson. Und dank Löffelschaum für Padmaschinen kann ich jetzt eine Flüssigkeit in meine Tasse füllen, die so tut, als wäre sie Cappuccino. Wir leben in einer großen Zeit!
[tags]Produkt-Unfug, Estrel, gehirnalbern, Ungeheuer![/tags]

Versager!

Mensch, SPIEGEL ONLINE, ihr schreibt ja genauso aktuell, fachlich und kritisch wie sonst nur der kicker:

…hat Scholl alles erreicht, rein sportlich blieb er der Unvollendete. Seine Karriere wirkt wie ein Versprechen, das nie ganz eingelöst wurde. Er kann keine Weltmeisterschafts-Teilnahme vorweisen, und insgesamt 36 Länderspiele klingen nicht nach großer Karriere.

Vollkommen korrekt. Achtmal Deutscher Meister, fünfmal Pokalsieger, Uefa-Cup-Sieger, Champions League-Gewinner, Weltpokalsieger und Fußball-Europameister… merkwürdig unvollendet, dieser Scholl. Hat nix aus seinem Talent gemacht. Danke, Spiegel-Online-Sportredaktion, für diesen Hinweis! Wäre mir sonst nicht aufgefallen, was für ein Versager dieser Scholl ist.

[tags]Scholl, Fußball, Spiegel Online, Gehirnversagen, Recherche-Unlust, Ungeheuer![/tags]

Im Weg

Ich geb ja zu, ich steh manchmal im Weg. Da kann ich nichts gegen machen, weil ich ein Mensch bin, der gelegentlich ein wenig verträumt durchs Leben schliddert, da kommt man des öfteren ein wenig vom eigenen Wege ab und gerät in den Weg anderer Menschen. War bisher kein Problem, die konnten mir bisher ja bescheid sagen, dass ich im Weg steh, dann hab ich Platz gemacht. Aus irgendeinem Grund geht plötzlich „im Weg stehen“ noch, aber „bescheid sagen“ geht nicht mehr.
Gestern Abend war ich bei Kaiser’s (Deppenapostroph von Kaiser’s und nicht von mir) am Theo und stehe an der Fleischtheke an. Und neben der Fleischthekenschlange (Mönsch, wie der Grzimek dieses Wort wohl aussprechen würde?) war so’n Sonderangebotsaufbau mit Irgendwas. Ein junger Mensch wollte an mir vorbei, um sich sein Irgendwas abzugreifen, aber da war nicht genug Platz, und ich hab ihn nicht gesehen, weil er von hinten kam. Aber statt zu sagen „Sie stehen im Weg, können Sie mal Platz machen?“ versucht er, durch mich durch zu gehen mich beiseite zu schieben.
Und dann oben an der Kasse bin ich immer ein bißchen überfordert, mein eingekauftes Zeugs in die Tasche und gleichzeitig meine Heppiditischts-Karte in die Brieftasche zu stecken, und die Oma die ältere Dame hinter mir hatte es wohl eilig oder ich war ihr nicht schnell genug, aber anstatt zu sagen „Machense doch ma Platz, Sie halten den ganzen Betrieb auf!“ haut die ältere Dame die Oma mir den Einkaufswagen in die Hacken und fängt an zu schieben.
Ich dachte, die gute Frau wäre nicht mehr zu toppen, aber dann hocke ich im M19 neben einem Dauertelefonierer, und als der an der Bülowstraße raus muss, sagt der nicht etwa „Ich muss aussteigen, lass mich mal durch!“ sondern hält mir einfach den Zeigefinger unter die Nase und zeigt auf den Ausgang, während er mit irgendwem weitertelefoniert.
Warum redet denn keiner mehr mit mir? Ich bin doch nicht taub. Ich steh doch nur im Weg.
[tags]Alltag, Berlin, Zivilisationskrüppel, Ungeheuer![/tags]

Marketing-Bock

Mediterrane Bockwurst

Es gibt Marketing-Aktionen, die werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. In diesem Falle:
Wer oder was ist eine „Mediterrane Bockwurst“? Ist das Phänomen Bockwurst im Mittelmeerraum überhaupt bekannt?
Wer sitzt in der Jury, die die „Wurst des Monats“ bestimmt? Sind die Juroren wirklich frei in ihrer Entscheidung, oder wird Druck von Verbänden, Institutionen oder gar der Industrie ausgeübt? Gibt es eine Vorauswahl, an der jedermann jede Wurst teilnehmen kann? Kann ich mir irgendwo einen Mediterranen-Bockwurst-Klingelton herunterladen?
Was ist eigentlich bizarrer, die Formulierung „je nur“ oder der Preis? Ich meine, 1,99 Euro für ’ne Bockwurst mit Gedöns…
[tags]Marketingquatsch, Bockwurst, Imbiß, Geistesverwirrung, Schilder, gehirnalbern, Ungeheuer![/tags]

Splitterbrötchen (VIII)

Es wurde 1967 niemand gezwungen, ein Hippie zu werden. Es wurde nach 1967 niemand gezwungen, einer zu bleiben.

„Wenn irgendwo auf der Welt ein Mann einen Satz sagt und es ist keine Frau in der Nähe, die ihm zuhört, hat der Mann dann trotzdem unrecht?“ fragt Herr Impermeabile.

Das Pflegen von Feindschaften zeugt von Charakter. Klein Beigeben ist kein Ruhmesblatt.

Wenn Menschen, die deutlich dümmer sind als man selbst, einem die intellektuellen Fähigkeiten absprechen, kann das sehr komisch werden. Oder sehr schmerzlich.

Man weiß, dass eigentlich nichts passieren kann. Trotzdem macht man sich Sorgen. Das Wort „eigentlich“ kann ein Stahlbad sein.

Vox versendet gerade die dritte Staffel von Boston Legal, und da sah ich diese magische Szene, in der Candice Bergen William Shatner vorwirft, dass er sich eine Sex-Gummipuppe hat anfertigen lassen, die genauso aussieht wie sie, und Shatner weiß zuerst nicht, warum sie sich so aufregt, und dann erhellt laaaangsam das Licht der Erkenntnis seine Miene und er fragt: „Eifersüchtig?“ Und ich frage mich, ob es eine Methode gäbe, eine solche Szene an einem deutschen Redakteur vorbei zu schmuggeln. Ich fürchte, nein.

[tags]Pseudoweisheiten, Tiefsinn, Wichtigtuerei[/tags]

Zum Saisonauftakt: Erinnerungen an den Bomber, der keiner war

Unsinnigerweise pflegte und pflegt die Boulevardpresse ihn immer als „Bomber“ zu bezeichnen. Dieser Begriff wird seiner Art, Fußball zu spielen und vor allen Dingen seiner unnachahmlichen Art, Tore zu erzielen, nicht im entferntesten gerecht. Die mit Urgewalt förmlich ins Tor hineingedroschenen Bomben waren seine Sache nun gar nicht. Er war ein Strafraumspieler von unglaublicher Beweglichkeit, der den Ball behaupten konnte, auch wenn er von mehreren Gegenspielern attackiert wurde. Diese engen, unübersichtlichen Situationen suchte er geradezu. Wenn es im Strafraum ein Getümmel gab, war er meist mittendrin, und irgendwann kullerte der Ball aus dem Getümmel heraus über die Tor-Linie. Typisches Müller-Tor!
Bei seinen Aktionen hatte er meist auch gar nicht die Zeit, dem Ball eine größere Wucht mitzugeben. Meist gelang es ihm, im Zweikampf ein paar entscheidende Millimeter zu gewinnen, so dass er gerade noch mit einer Schuh- oder Haarspitze an den Ball kam und ihn so irgendwie über die Torlinie schummelte. Typisches Müller-Tor!
Seine eigentliche Stärke aber war, dass er sich nicht umdrehen musste. Das wird bei seinem berühmtesten, vielleicht seinem wichtigsten Tor deutlich, dem 2:1 im 74er Finale gegen Holland. Er nimmt den Ball mit dem Rücken zum Tor an und schießt ihn eine hunderttausendstel Sekunde später frontal in die Kiste. Auch in der Superzeitlupe sieht man nicht, wie er sich umdreht. Er steht mit dem Rücken zum Tor und plötzlich steht er anders rum da, ohne sich umgedreht zu haben. Man sieht es an der verzögerten (Nicht-) Reaktion des Torhüters Jongbloed, der gar nicht damit gerechnet hat, dass jemand aus dieser Situation heraus einen Torschuss realisieren könnte. Der muss sich doch erst umdrehen… Müller musste dass nicht, er konnte sich umdrehen, ohne sich umzudrehen. Typisches Müller-Tor!
Was man im Stadion deutlicher ausmachen konnte als vor dem Fernseher: Müller hatte einen unglaublichen Spaß am Fußballspielen. Er liebte den Doppelpass und konnte sich über einen gelungenen Spielzug genauso freuen wie über ein Tor. Und er war – was man heutzutage bei Profikickern immer seltener findet – von einem brennenden Ehrgeiz besessen. Er fightete von der ersten bis zur letzten Minute, und wenn die Bayern mal zurücklagen oder gar verloren, dann ärgerte er sich schwarz. Unsinnigerweise hat man ihm zu seiner aktiven Zeit des öfteren Defizite im fußballtechnischen Bereich vorgeworfen. Das war natürlich Quatsch. Unorthodox konnte man sein Spiel, seine Bewegungsabläufe vielleicht nennen. Wäre er technisch limitiert gewesen, hätte er den Catenaccio-Königen im Jahrhundertspiel nicht zwei Tore einschenken können. Dann wäre er nicht der „Bomber“ Müller gewesen. Der er ja auch gar nicht war.

[youtube]ZbUeB20ty_c[/youtube]

[tags]Fußball, Nostalgie, FC Bayern, Müller, Jahrhundertstürmer[/tags]