Archiv der Kategorie: Spocht

Fußball, Tennis und andere Torheiten

Keine Erklärung nötig.

Natürlich war Sonnabendabend furchtbar, diese paar Minuten Euphorie, als Müller endlich, endlich den Ball ins Tor gemogelt hatte, der Schock der kalten Drogba-Dusche und die sich langsam ausbreitende Kälte des Entsetzens, als mir klar wurde, dass da vor meinen Augen und in meinem heißen Herzen ein zweites, schlimmeres (ja!) Barcelona ablief.

Und als ob das noch nicht schlimm genug war, prasseln seit Abpfiff zahllose Versuche auf mich ein, zu erklären, warum Chelsea das Match gewonnen hat und nicht die Bayern. Keine Standards trainiert, Robben zu doof, alle Ecken Scheiße getreten, Robben zu arrogant, Heynckes darf Müller nicht wechseln, Robben darf den Elfer nicht schießen, keine Cojones im Elferschießen…

Blablabla.

Da gibt es nichts zu erklären. Das war ganz einfach Fußball. Wir erfreuen uns seit Jahrzehnten an Spielen, in denen unterlegene Mannschaften es mit Kampfkraft, Willen und Hingabe schaffen, gegen überlegene Mannschaften zu bestehen. Finden wir toll und rufen „Das ist eben Fußball“! Und wenn’s einen selber trifft, ist’s kein Fußball mehr und muss erklärt werden? Um Himmelswillen.

Nur ein paar Kilometer von Fröttmaning entfernt hat es vor ein paar Jahrzehnten ein ganz ähnliches Spiel gegeben, in dem eine himmelhoch überlegene Mannschaft von einer besessen die Defensive arbeitenden Elf zermürbt wurde. Ebenfalls mit holländischer Beteiligung.

Ja, das 1974er Finale. Das musste hierzulande niemand erklärt werden. In Holland schreiben sie allerdings heute noch dicke Bücher über die Ursachen für den Ausgang dieses Spiels.

Für Spiele wie 74 München, 99 Barcelona oder eben 2012 München gibt es keine Erklärung. Solche Spiele sind der Grund, warum unsereins zum Fußball geht. Wir gehen zwar immer in der Hoffnung hin, siegestrunken zurückzukehren, aber wir wissen auch, dass uns in solchen Spielen furchtbare seelische Verletzungen drohen können. Wir gehen trotzdem hin. Weil es das „Beautiful Game“ ist. Weil es uns anrührt. Weil wir wissen wollen, wie’s ausgeht, so oder so. Mehr Erklärung braucht kein Mensch.

Ich habe fertig. Ich fürchte, ich werde noch sehr lange brauchen, bis ich mit dem Spiel fertig habe. Vielleicht nie. Scheiß-Spiel.

Revenge is a dish best served cold

Heute ist auf spektaktuläre und gleichzeitig unglaublich zarte, poetische Weise nach 44 endlosen Jahren die Gerechtigkeit in die Welt zurückgekehrt. 44 Jahre, nachdem England uns den verdienten Weltmeistertitel durch ein vollkommen irreguläres Tor entrissen hat (jaja, ich weiß, dass das Spiel 4:2 ausgegangen ist, dazu komme ich noch), haben wir heute die Engländer mit der höchsten Turnierniederlage ihrer WM-Geschichte aus dem laufenden Turnier entfernt. Dabei gab es eine Spielsituation, die in geradezu gespenstischer Weise an Hursts berüchtigley-Tor erinnerte. Mit drei kleinen, feinen Unterschieden.

  1. Es war ein klarer Treffer. Der von Lampard geschossene Ball setzte mindestens einen Meter hinter der Torlinie auf.
  2. Wieder war ein blinder Linienrichter am Werk. Er gab den hundertprozentig korrekten Treffer nicht.
  3. Der Treffer fiel nicht 15 Minuten vor Schluss der Verlängerung, sondern kurz vor Ende der ersten Halbzeit.

Und Punkt 3 ist der entscheidende. Unsere englischen Sportsfreunde hatten ausreichend Zeit, die ungerechte Entscheidung von Linien- und Schiedsrichter zu korrigieren, aber sie konnten es nicht. Das 4:1 (ich wiederhole gern, dass das die höchste Niederlage Englands bei einem WM-Turnier ist) ist trotz des zu Unrecht nicht gegebenen Treffers ein vollkommen korrektes Ergebnis, denn alle Treffer der deutschen Mannschaft (und natürlich das konzedierte Ehrentor) waren hundertprozentig regelgerecht, nicht so wie Hursts 4:2 in der Schlussminute des 66er Finales, das fiel, als bereits zahlreiche Zuschauer das Spielfeld stürmten und ebenfalls nicht hätte gewertet werden dürfen…
Aber genug davon.  Es ist vorbei. Nach 44 Jahren sind wir endlich und endgültig mit den Engländern quitt, das Wembley-Tor und die von ihm ausgelöste Final-Niederlage ist seit heute (sogar für mich) kein Thema mehr. Es ist jetzt endlich Geschichte.
Finally, we are at peace.

Trainer gefoult

Seit geraumer Zeit lese ich das Fußball-Blog von Trainer Baade, der seit neuestem auch die ebenfalls von mir geschätzte, täglich erscheinende Fußball-Presseschau Indirekter Freistoß betreut. Nun haben der Sportartikelhersteller JAKO und eine Anwaltskanzlei den Trainer in die Zange genommen und wollen ihn aus dem Spiel treten. Eine ausführliche Zusammenfassung dieser unappetitlichen Spielsituation findet sich bei Dogfood. Dringende Leseempfehlung an alle, die demnächst Sportklamotten benötigen. Man will ja wissen, wo man kaufen sollte. Und wo nicht.

Wer wird Funktionär?

Wenn ich das richtig sehe, steht der Rücktritt des offenkundig vom Wahnsinn befallenen Theo Zwanziger als DFB-Chef unmittelbar bevor.
Hier in der Netzecke soll nicht über das Wie oder das Warum gerichtet werden, wir wollen uns darüber Gedanken machen, wer statt Zwanziger das Ruder des DFB in die Hand nehmen soll. Comeback von Mayer-Dornfelder? Jetzt schon Lothar Matthäus? Oder – mein Vorschlag – jemand dessen ungewöhnliche Methoden zum Verband passen und der mit Medien umgehen kann.
Es kann nur einen geben.

Ebby

Mach et, Ebby!

[tags]Zwanziger DFB Gehirnverlust Ungeheuer![/tags]

Am Tiefpunkt

 Länderspielticket

Nun war ich endlich mal bei einem „neuerlichen Tiefpunkt“ live dabei. Muss man auch mal miterlebt haben.

*

Ich hätte es besser wissen müssen. Letztes Länderspiel des Jahres, Freundschaftsspiel um die goldene Ananas, alle Kumpels hatten mich gewarnt: Tu dir das nicht an. Aber Länderspiele sind für mich etwas besonderes, und Länderspiele gegen England etwas ganz besonderes. Schade, dass die Spieler das anders sehen.

*

Der Umbau des Olympiastadions anlässlich der WM 2006 hat ja einen satten, dreistelligen Millionenbeitrag gekostet. Warum kein Geld für ein paar Lautsprecherboxen drin war, entgeht mit. Trotz Grabesstille wg. Scheißstimmung (s.u.) war keine einzige Ansage zu verstehen. Immerhin konnte man sich so während des Spiels die Zeit mit lustigen Ratespielen vertreiben: „Was hat er jetzt gesagt?“ – „Ich glaube Birgit Prinz kommt für Klose.“ – „Hab ich auch so verstanden.“

*

Es reicht jetzt mit Gomez.

*

Stimmung will im Olympiastadion eigentlich nur aufkommen, wenn die Hütte voll ist, dann allerdings richtig. Gestern war die Stimmung trotz voller Hütte nur richtig mau bis gar nicht vorhanden. Was zum Teil sicherlich der Witterung geschuldet war.
Es war wirklich arschkalt, insbesondere im Oberring, wo der Wind durch alle Goretex-Klamotten durchpfiff. Da hätte es schon eines wirklich mitreißenden Spiels bedürft, um die Fans aufzuwecken. So bleibt zu konstatieren: Auch wir waren für die Scheißstimmung verantwortlich.

[tags]Fußball Länderspiel Kälte Olympiastadio[/tags]

Tischordnung

Äußerst Bedenkliches gibt es heute von der deutschen Fußballnationalmannschaft zu berichten. Eine „Führungskrise“ rauscht durch den Blätterwald, die Sportbild sieht einen „isolierten Kapitän“, und auch der Tagesspiegel vermeldet „Zweifel an der Position Ballacks innerhalb der Mannschaft“. Wie immer versucht der DFB, den Deckel auf dem skandalträchtigen Topf zu halten und schiebt Marcel Jansen zum Abwiegeln vor, der in der Rheinischen Post bekannt gibt: „Bei uns gibt es überhaupt keine Reibungspunkte. Michael sitzt auch nicht alleine am Tisch, er wird von allen anerkannt und ist ein wichtiger Führungsspieler.“
Die Wahrheit ist – wie immer – wesentlich schlimmer. Der Netzecke ist ein hochbrisantes Tonbandprotokoll zugespielt worden, dass ebenso eindrucksvoll wie erschütternd dokumentiert, welche Klimmzüge mannschaftsintern mittlerweile unternommen werden müssen, damit Michael Ballack nicht alleine am Tisch sitzen muss.

„Eyh, Leute, alle Mal herkommen, wir müssen noch ein taktisches Detail klären. Wer sitzt beim Mittagessen an Michas Tisch?“
„Vergiss es, Lutscher. Heute gibt‘s Spaghetti Bolo, das tu ich mir nicht an. Die schlürft er einzeln in sich rein und will sich totlachen über die Geräusche, die das macht. Nee, muss ich nicht haben.“
„Nu sei mal nicht so zimperlich, Basti…“
„Torsten! Bei dem Geschlürfe vergeht mir total der Appetit, da krieg ich keinen Bissen runter…“
„Ist doch prima. Hast doch eben selber noch dem ZDF gesagt, dass wir in der Quali hungrige Spieler brauchen. Also, du sitzt an Michas Tisch…“
„Hähä, Eigentor, Basti…“
„Du willst dich dazusetzen, Miro?“
„Zu Micha? Nääääh…“
„Komm, Miro, gerade du als Stürmer, du musst doch dahin gehen, wo‘s wehtut.“
„Ich werd lieber von Gattuso weggegrätscht als dass ich mich zu Micha an den Tisch setze. Die ganze Zeit ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ spielen, das hältst du doch nicht aus…“
„Und dabei muss man Micha immer noch gewinnen lassen, sonst tickt der total aus…“
„War das eine freiwillige Meldung, Kevin?“
„Nein! Nein! Ich hab heute schon mit ihm gefrühstückt. Da hat er mir gezeigt, was man aus Nutella alles modellieren kann, unter anderem einen total lebensechten…“
„Ich will‘s gar nicht wissen. Okay, du bist entschuldigt. Also, wir haben Basti, Miro, wir brauchen noch einen vierten Mann für Michas Tisch… Marko!“
„Och, Menno… warum setzt du dich eigentlich nicht selbst zu Micha, Torsten?“
„Ich hab beim Bankett nach Ollis Abschiedsspiel neben ihm gesessen. Er hat von allen Tischen die Zahnstocher geklaut, kleine Käfige gebastelt und Tiere reingesetzt, die er aus Brotklumpen geknetet hat. Das war dann sein Streichelzoo. Verstehst du jetzt, warum meine Leidensfähigkeit erschöpft ist? Und warum gerade du als junger Spieler hier Erfahrungen sammeln solltest?“
„Ja, klar. Gut. Setz ich mich eben zu Micha… aber sag mal, warum macht ihr wegen dem eigentlich so einen Aufriß? Lasst ihn doch einfach mal alleine hocken.“
„Das haben wir schon zweimal versucht. Dann hat Micha wieder angefangen zu flennen, der Trainer hat Mitleid bekommen und sich zu ihm gesetzt. Und dann hat Micha ihm die Taktik fürs nächste Spiel gesagt. Das eine Mal war das vorm Halbfinale 06, das andere Mal vor dem Finale 08.“
„Oh.“
„Merk dir’s: Der Capitano darf nicht alleine essen. Egal, was passiert, der Capitano darf nicht allein am Tisch sitzen!“

[tags]Nationalmannschaft, Tischordnung, Capitano[/tags]