„Ich empfand seine Gegenwart wie die eines Tomatenhäutchens, dass sich schmerzhaft und unerreichbar zwischen den hintersten Backenzähnen festgesetzt hat.“ Dieser Satz ist mir letzte Woche eingefallen, überraschenderweise, nachdem ich einen Salat verzehrt hatte. Was nun? Soll ich diese Formulierung tatsächlich in einem meiner Projekte verwenden oder mich doch lieber in die Ecke setzen und das Ende des literarischen Anfalls abwarten?
Die Meldung der Woche hat dpa herausgetickert: „Schriftsteller Martin Walser fällt zu der aktuellen Wirtschaftskrise nur ein Wort ein: grotesk.“ In echt? Ein Wort? Einem Schriftsteller?
Das Erstaunen der Woche überfiel mich bei Pilawa: Bemerkenswert, wie defensiv Sigmar Solbach altert!
Boris Beckers jüngste Aktivitäten (Meyer-Wölden, Raab-Poker, Wetten Dass, Schlag den Star) interpretiere ich als ungewöhnlich engagierte Bewerbung für die Teilnahme am nächsten Dschungelcamp. Die Frage ist nur, ob er den Carlo-Thränhardt-Part oder die Werner-Böhm-Rolle anstrebt.
Was schön wäre: Wenn endlich jemand die Lücke füllen würde, die David Niven’s Tod gerissen hat.
Wenn ich zwischen „Bonanza“ und „Big Valley“ wählen müsste, würde ich mich für „High Chaparral“ entscheiden.
Das Wort der Woche kreierte Fa. Facebook. Die wollte mich dazu bringen, ihre „einfachen Einladungswerkzeuge“ zu benutzen.
Idee für ein spektakuläres Moby-Dick-Remake: Ahab ist ein gescheiterter Comedian, dessen Familie von einem weißen Wal getötet wurde, der einen Witz Ahabs nicht verstanden hatte. Ahab hat ein schlechtes Gewissen, weil er die Pointe versaut hatte, und deshalb sucht er jetzt den Wal auf allen Weltmeeren, um ihm den Witz noch einmal zu erzählen. Selbstverständlich versucht der weiße Wal mit allen Mitteln, sich Ahabs Zugriff zu entziehen. Mit Mario Barth als Ahab, Matthias Richling als Ishmael und Dieter Hildebrand als Queequeg.
Meine persönliche Wirtschaftstheorie unterscheidet zwei Sorten von Unternehmern: solche, die Geld verdienen, und solche, die Risiko-Kapital ausgeben.
Griffige Erklärung komplexer Mechanismen der Unterhaltungsindustrie durch eine Headline im Tagesspiegel-Wirtschaftsteil: „Produzenten leben von Kinoerfolgen“
Aus der Werbung: „Rolando Villazón singt die schönsten Arien von Händel. Das neue Album jetzt im Handel.“ Da hätte man mehr daraus machen können. Wo bleibt die Kreativität der Agenturen?
Und als ich am Sonnabend glaubte, die Woche wäre bereits gelaufen, versetzte mich ein Newsletter der SPD in geradezu rauschhafte Verzückung: „Nach der Finanzkrise müssen die Weichen bereits gestellt sein, um das Soziale und das Demokratische zu stärken. Weitgehend ungeregelte Märkte darf es nicht mehr geben. Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen und der Primat der Politik muss gesichertwerden.“ Wo kann ich spenden, um diesem Primaten eine Heimstatt zu sichern?
Immer öfter zu sehen: Menschen, die gleichzeitig mit zwei Mobiltelefonen hantieren.
Ein kleines großes Wunder: Dass der Inhaber des ausgezeichneten Pariser Restaurants „Chez Gladines“, vor dem jeden Abend die Menschen Schlange stehen, die Preise immer noch nicht erhöht hat.
Mittlerweile gibt es sehr viele Dinge, die ich nicht mehr verstehen will. Ist das noch Individualismus oder schon Altersstarrsinn?
Die größte Sehenswürdigkeit des diesjährigen Paris-Besuchs: Ein Buffet für die Serviettenringe der Stammgäste im Traditionsrestaurant Polidor.
Und ein Tipp, der in allen Paris-Reiseführern fehlt: Wenn man auf den Arc de Triomphe steigen will (282) Stufen, dann tue man das am letzten Tag des Aufenthalts. Die unausweichlichen Knallwaden pflegt man lieber zu Hause, anstatt mit ihnen das Pariser Pflaster platt zu treten.
Die Ein-Wort-Alliteration der Woche schuf Restaurant Karl-Albert-Bad, Bad Löbau: „Buschbohnenbündchen“.
Der schwachsinnigste Claim der Woche gelang Fa. Lieken Urkorn: „Außergewöhnlich gutes Brot erkennt man am Geschmack.“ Herzlichen Dank! Wär ich von alleine nicht drauf gekommen.
Die Kleinanzeige der Woche war auf Facebook zu sehen: „Vergleichen Sie Putzfrauen aus Ihre Nähe – absolut kostenlos!“
Den brill-i-an-tes-ten Mail-Betreff der Woche verdanke ich Fa. UCI-Kinowelt: „Hallo Chris Kurbjuhn – Werden Sie Teil der Superhelden-Liga“
Und das Zitat der Woche lieferte Uli Hoeneß:Â „Wenn wir jetzt den Kopf in den Sand stecken, verlieren wir eventuell auch noch unsere anderen Ziele aus dem Blickwinkel.“
Den Relaunch des Bewertungsportals qype habe ich ja bereits in der letzten Woche erwähnt. Die Reaktionen der Stamm-User auf das neue Layout waren beinahe durch die Bank weg ablehnend und heftig. Aber jetzt muss ich sagen: Langsam gewöhne ich mich an die neuen Farben und den ebenfalls neuen spartanischen Stil.
Doch, wenn man das eine Woche lang mehrmals täglich sieht, gewöhnt man sich dran. Dann hat das was.
Es gibt Momente, in denen man sich unsagbar einsam fühlt. So einsam, dass es weh tut. So weh, dass man schreien möchte.
Ich stehe in solchen Augenblicken meist vor einem Problem, dass die geduldigste Gemahlin von allen mit ihren speziellen Talenten in Sekundenschnelle lösen könnte, es aber nicht tut, weil sie nicht da ist. Wie gestern morgen, als sie gerade zur Arbeit geeilt war, und ich den Schuhschrank im Flur unserer Wohnung nicht aufbekam. An und für sich ist das nichts besonderes, ich habe mit dem Öffnen des Schuhschranks Probleme, seit wir hier wohnen, und das sind immerhin paarundzwanzig Jahre. Das Schloß des Schuhschranks klemmt, ich kann den Schlüssel meist nur eine halbe Umdrehung herumdrehen. Was kein Problem sein sollte. Einfach die flache Hand neben das Schloss legen, ein wenig Druck ausüben und der Schlüssel lässt sich problemlos umdrehen. Jedenfalls wenn die geduldigste Gemahlin das tut. Wenn ich probiere, den Schuhschrank zu öffnen, klappt es entweder auf Anhieb, oder ich zerre rotgesichtig am Schlüssel herum, schlage so lange gegen die Tür, bis die Nachbarn sich beschweren, und beschließe meine Aktion meist mit einem wütenden Tritt gegen das infame Behältnis und einem energischen Hilferuf an meine liebe Frau. Gestern hab ich dieses Programm wieder durchgezogen, allein der Hilferuf verhalte natürlich ungehört. Wie ich bereits schrieb, war die Adressatin nicht da. Was meine Verzweiflung vergrößerte, denn binnen einer Stunde musste ich den Schuhschrank öffnen. Dann hatte sich der Gasmann angesagt, um den Gaszähler auszutauschen, der im Schuhschrank angebracht ist. Zwar sind die Angestellten der Berliner Gasag als außergewöhnlich wendig und flexibel bekannt, aber den Austausch eines Gaszählers durch eine geschlossene Schuhschranktür – dazu würde es schon einen zu allem bereiten Gazprom-Aussendienstmitarbeiter mit KGB-Vergangenheit brauchen. Die nächsten 55 Minuten würde ich gern aus meinem Gedächtnis streichen. Die Versuche, ein hartnäckig klemmendes Türschloss zu überwinden, den Wunsch, dem Schlüssel Gewalt anzutun gepaart mit der Angst, ihn dabei abzubrechen, die abseitigen Ideen zu alternativen Öffnungsstrategien, die durch mein verzweifeltes Hirn geisterten … an all das würde ich mich gern nie wieder erinnern. Was mir jedoch nicht gelingen wird. Ich glaube, in den exquisiteren Alpträumen meiner nächsten Jahre wird mich der Augenblick verfolgen, in dem ich mich bei offenem Werkzeugkasten fragte, wie ich welche Säge wo ansetzen müsste, um das Schloss aus der Schuhschranktür heraussägen zu können. Wie dem auch sei, 5 Minuten vor Eintreffen des Gasmanns ereignete sich das Wunder. Ausgepumpt, ratlos und verzweifelt hieb ich ein letztes Mal gegen die Tür, drehte gleichzeitig den Schlüssel… und plötzlich gab das Schloss seinen Widerstand auf, wie durch Butter drehte der Schlüssel rund und die Tür ging auf. Nachgerade orgiastisches Erleichterungsgefühl!
Hastig räumte ich den Schuhschrank aus, um dem Gasag-Spezialisten ungehinderten Zugriff auf den Zähler zu gewähren, stapelte unsere Schuhe im Wohnzimmer und pfiff fröhlich ein Liedchen vor mich hin. Ich hatte dem widerspenstigen Schuhschrankschloss ein Schnippchen geschlagen. Zum ersten Mal! Was für ein schöner Tag! Da klingelte es auch schon. Typisch Gasag, pünktlich auf die Sekunde. Ich eilte zur Wohnungstür, und auf dem Weg dorthin, im Flur, schloss ich im Vorbeigehen eine unordentlich offen stehende Tür und drehte den Schlüssel herum. Als ich den Gasmann herein ließ, wurde mir klar, welche Tür ich gerade geschlossen hatte.
Seit letzten Dienstag abend weiß ich, wie ich sterben möchte: In einem Irish Pub sitzend höre ich, wie mein Freund Harry die Bedienung „Haben Sie Guinness auch in Seniorenportionen?“ fragt. Dann kann dunkel werden.
Wie schafft man es eigentlich, 30 Milliarden Dollar zu verlieren, ohne im Knast oder in der Gummizelle zu landen?
Zu Ihrer Suchmaschinenanfrage „tach zurück gedreht wie bekomm ich das mit“: Ein Blick auf die Uhr bzw. in den Kalender könnte helfen. Oder Sie googlen nach Maren Gilzer und kaufen bei ihr ein „O“.
Spontaner Gedanke beim Betrachten der zitty-Headline „Was wirklich zählt“: Addiermaschinen. Was sonst?
So langsam geht’s auf die hundertste Ausgabe der Splitterbrötchen zu. Ich staune und beginne, mich zu fürchten. Zu Jubiläen fällt mir nie etwas ein.
Über den stählernen Überlebenswillen unserer Berliner Senioren habe ich vor einigen Monaten berichtet. Heute wurde mir eine andere herausragende Eigenschaft der rüstigen Rentner unserer Stadt plastisch vor Augen geführt: die außergewöhnliche Flexibilität, mit der sie sich geschmeidig wie ein Schlangenmensch auch auf blitzschnell eintretende Wechselfälle des Lebens einstellen.
Um kurz vor neun suchte ich heute die Ausgabestelle des Bürgeramtes Friedrichshain/Kreuzberg auf, weil ich meinen neuen Personalausweis abholen wollte. Im dritten Stock angekommen stand ich vor einer verschlossenen Tür mit heruntergelassener Jalousie. Ratlos zückte ich meinen Abholzettel und stellte fest, dass die Ausgabestelle donnerstags erst um 11 öffnet.
„Wenn Sie wat abholen wollen, die Ausjabestelle macht um neun Uhr uff!“ dröhnte mir plötzlich die welterfahrene Jovialität von ca. 75 Jahren Kreuzbärch ins Ohr.
„Wirklich?“, wagte ich zu erwidern. „Auf dem Abholschein steht donnerstags ab 11…“
„Det sind die ollen Abholscheine. da steht det noch falsch druff. Die machen um 9 Uhr uff, det können Se mir jlooben.“
„Sind Sie sicher?“
„Wäre ick sonst hier?“
Konnte ja sein, dass er sich wirklich auskannte. Es waren nur noch zwei oder drei Minuten bis neun, die Zeit konnte ich investieren, um zu sehen, ob er recht hatte.
Es wurde neun Uhr. Nebenan wurde die Tür der Wartemarkenausgabestelle geöffnet. Die Tür, vor der wir beide warteten, blieb zu. Ich zog die Augenbrauen hoch und sah den sich auskennenden Senior fragend an. Der schwieg jedoch lastend und starrte angestrengt in eine andere Richtung.
In diesem Moment öffnete sich die Fahrstuhltür, ein junger Mann stürzte heraus und rüttelte an der verschlossenen Tür der Ausgabestelle. Da fand der vermessene Veteran seine Sprache wieder: „Sie sind zu früh, junger Mann! Donnerstags machen die erst um 11 Uhr uff!“
Ja. Doch. Der Mann kennt sich aus.
Allgemein gilt das RTL-Dschungelcamp als der Punkt, an dem die Prominenz aufschlägt, wenn es nicht mehr weiter runter geht. Sätze wie „Wir trafen La Toya Jackson in Weil am Rhein, wo sie einem Europapokalspiel im Rollhockey als Stargast beiwohnte.“ (RTL Weekend vom 15.2.) eröffnen jedoch eine vollkommen neue Dimension.
DFB-Niersbach lobt Dietmar Hopp: „Wir müssen froh sein, dass er sein Geld nicht in Kunsthallen oder Museen steckt.“ Müssen wir nicht auch froh sein, dass der liebe Gott kein Gehirn in Wolfgang Niersbach gesteckt hat?
Wieso glaubt die ARD, Heinz Erhardt dadurch ehren zu können, dass man Ina Müller auf ein Sofa setzt und Olli Geißen nachmachen lässt?
Man merkt, dass man älter wird auch daran, dass man Übung im Kondolieren bekommt.
Als ich im aktuellen Tchibo-Sortiment „Teebeutel-Boxen“ ausmachte, dachte ich spontan „Das ist ja praktisch!“ und lachte anschließend gellend & irre. Ich bin immer noch stolz auf meine adäquate Reaktion.