Splitterbrötchen (CCCLXVII)

Man sollte sehr vorsichtig sein, wenn man nach dem Staat ruft. Er könnte kommen.

Untrügliches Zeichen, dass man alt wird oder schon ist: Wenn man vom Tod eines anderen Menschen erfährt und zuallererst wissen will, wie alt derjenige geworden ist.

Es gibt Sätze von solch klebriger Wucht, dass sie bei mir sofort einen heftigen Anfall von Seekrankheit auslösen. „Ich will mich nicht beschweren, ich sage nur, was ist.“, zum Beispiel.

Küchenweisheiten fürs Leben: Wenn eine Speise unerwartet schmeckt, einfach so lange vor sich hin köcheln lassen, bis der erwartete Geschmack sich einstellt.

 

Gelüftet

„Es gibt im Welt-Fußball keine Geheimnisse mehr“, hat Franz Beckenbauer schon vor 25 Jahren erkannt, und er hat spätestens seit heute recht. Denn heute ist eine der letzten Bastionen sportlichen Geheimniskrämerei gefallen, ein wackerer Kolumnist hat das Geheimnis der fußballerischen Überlegenheit Brasiliens gelüftet:

Die Worte „wacker“ und „Kolumnist“ in einem Satz? Damit kann doch nur Effjott Wagner gemeint sein? Richtig. Heute hat er wacker (sic!) wie immer kolumniert (sic!!):

Brasilien ist ein unglaubliches Land. Regenwälder, Buchten, Fischerboote und irgendwo ist ein Ball. „

Natürlich! Deshalb sind sie so unglaublich heiß aufs Spiel: ein riesiges Land, Millionen Quadratkilometer, Zilliarden Einwohner und nur ein Ball…

Splitterbrötchen (CCCLXVI)

Der Mover und Shaker der Woche war natürlich Bundestrainer Löw. Bloße Sekunden, nachdem er seinen WM-Kader bekanntgegeben hatte, dankte Juan Carlos ab und Uli Hoeneß ging in den Knast. Mehr Wirkung geht nicht.

Der irritierte Blick von Ollie Kahn, als KMH von „Stoßstürmern“ sprach.

Titanischer Kolumnen-Schluss von Effjott Wagner, in dem er ein meisterhaftes Fazit seines journalistischen Schaffens zieht und einen strategischen Claim für die BILD erfindet: „Alles ist unwahr.“

Zeit für ein Küchen-Geständnis: Ich kriege keinen Mürbeteig hin. Weiss der Teufel, wieso nicht. Hat noch nie geklappt. Meide ihn mittlerweile. Mürbeteig-Tipps zwecklos. Das könnte übrigens genetische Ursachen haben. Eine meiner Schwestern (beide küchentechnisch höchst bewandert) kriegt keinen Hefeteig hin. Kann aber Mürbeteig.

Kulinarischer Höhepunkt der Woche war eine Eton Mess mit knapp ankompotttierten Erdbeeren und Mandelkrokant.

Das Zitat der Woche verdanken wir Matthias Kalle vom Tagesspiegel:  „Dass die Fifa eine Ethikkommission hat, die sich Korruptionsvorwürfe und Vergabemodalitäten noch einmal genau anschaut, klingt hingegen irgendwie so, als gäbe es in Bordellen Frauenbeauftrage.“

Im gleichen Artikel zitiert Kalle den nordirischen Spieler Danny Blanchflower, dem eine gültige Zusammenfassung des Fußballsports gelungen ist: „Der große Trugschluss ist, dass es bei diesem Spiel ums Gewinnen geht. Darum geht es nicht. Es geht um Ruhm, und es geht darum, Dinge mit Stil und mit Schwung zu erledigen, darum, raus zu gehen und die anderen zu schlagen und nicht darauf zu warten, dass sie vor Langeweile sterben.“

Splitterbrötchen (CCCLXV)

Recht haben und Rechthaberei liegen beunruhigend nah beieinander.

Diese Meldung steht seit Freitag ganz unschuldig im Online-Angebot der Süddeutschen: Der BND will 300 Mio Euro, um soziale Netzwerke abzuschnorcheln. Ich begreife nicht, warum nicht umgehend ein Sturm der Entrüstung losgebrochen ist. Der BND möchte eine Unsumme, um uns alle ohne Anlass komplett zu überwachen. Rechtsstaat? Unschuldsvermutung? Bürgerliche Freiheit? Interessiert wohl keinen mehr. Wir sind in den Augen der Schlapphüte und der Regierung keine Bürger mehr. deren Grundrechte es zu achten gilt, sondern potenzielle Gangster und Terroristen, die sich in ihren Online-HIdeouts als Katzenbilder getarnte Kassiber zuspielen.
Ich aber sage euch: Am Ende dieser Entwicklung wird etwas stehen, wogegen sich sämtliche Orwell’schen Dystopien wie ein beschauliches Ponyhöfchen mit pausenlos tagendem und abstimmendem Plenum ausmachen. Es ist höchste Zeit, auf die Barrikaden zu gehen.

Sicher ist heftig.co das Gegenteil der Speerspitze des Online-Journalismus, aber… „Die hundert bedeutendsten Katzenbilder aller Zeiten“… doch, das hat was.

Sind wir nicht alle ein bisschen Wolowitz?

„Was soll das sein, ein mardischer Panja?“ (Bei Nichtverstehen: laut lesen)

 

Hühnerherzen „Mauerkind“

Es folgt ein Gastbeitrag der geduldigsten, besten Gemahlin von allen, Gaby Sikorski:

Dies ist ein Rezept aus meiner Kindheit im geteilten Berlin. Damals gab es mauer- und transitbedingt wenig frische Ware, die außerdem extrem teuer war, denn es musste ja alles (ich wiederhole: alles!) über die Transitwege nach Berlin gebracht werden. Frisches Geflügel war nahezu unerschwinglich. Da waren Hähnchenherzen eine willkommene und preiswerte Alternative.

Für 4 Personen braucht man:

1000 g frische Hähnchenherzen (gibt’s z. B. beim türkischen Fleischer, Kilopreis ca. 3 Euro), 1000 g Champignons (egal, ob weiß oder braun), 1 mittelgroße Zwiebel, ca. 80-100 g Butter, 125 g saure Sahne, ca. 3 Esslöffel Senf, 1 Bund Schnittlauch, Salz, Pfeffer, Paprikapulver (scharf), evtl. ein bisschen gute Hühnerbrühe
Zubereitungszeit: ca. 45 Minuten.

HH1HH2Und schon geht’s los: Die Herzen putzen – das geht am besten, wenn man mit einem scharfen Messer einfach das obere Viertel abschneidet. Danach Herzen gründlich mit kaltem Wasser waschen und abtropfen lassen. Zwiebel in feine Würfel schneiden. In einer möglichst großen Pfanne Butter auslassen, Zwiebelchen rein und glasig braten. Denn man rin mit die Herzchen! Salzen und pfeffern kann man sie auch gleich. Während die Herzen von allen Seiten anbraten und einen köstlichen Duft verbreiten, kann die gut gelaunte Köchin in aller Seelenruhe die Champignons entweder halbieren oder vierteln, je nach Größe.

CH1In einer zweiten1 Pfanne die gesalzenen und gepfefferten Pilze scharf anbraten und nach ca. 10 Minuten mitsamt der verbliebenen Flüssigkeit zu den Herzen geben. Falls zu wenig Flüssigkeit, Hühnerbrühe angießen. Saure Sahne dazu und einrühren, dito den Senf – abschmecken … nee, Leute, dit is mir zu laff! Da jeht doch noch wat, oda? Also noch ein, zwei Löffel Senf dazu, noch ein bisschen Paprikapulver drüber. Deckel druff und noch 10 Minuten auf kleiner Hitze schmoren lassen. Währenddessen Schnittlauch putzen und in Röllchen schneiden. Vor dem Anrichten den Schnittlauch über die Speise geben – fertich!

HH3Dazu wird Reis oder Brot gereicht.

Die einzige Zutatenveränderung: frische Champignons. Wir hatten Champignons aus dem Glas oder aus der Dose. Bis weit in die 70er Jahre, als sich die Tiefkühlkost langsam durchsetzte, war die Konserve nicht nur üblich, sondern die Norm. Praktisch jedes Gemüse, von der grünen Bohne über den Spargel bis zur Kirsche, kam aus der Büchse oder aus dem Glas. Von diesen Konserven hatten wir riesige Mengen gehortet, so wie es der Senat für alle Haushalte empfahl, und zwar für den Fall einer neuen Berlin-Blockade. Es gab sogar Suppenhühner als Konserve, aus Formosa (heute Taiwan). Sie waren gegart und mit Knochen in hohe Dosen verpackt. Diese Hühner hatten eine unvergleichlich labberige Konsistenz, und zwar inklusive der Knochen, die so weich waren, dass man sie mitessen konnte.

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  1. Natürlich brauchten wir früher keine zweite Pfanne. Meine Mutter hat die Dosenchampignons zu den angebratenen Herzen gegeben. Ganze Champignons – die teuren!

Splitterbrötchen (CCCLXIV)

Die Lakonie der Woche glückte meinem Freund Kurt am Skat-Tisch: „Wir sind geboren, um zu mauern.“

Allen Nicht-Wählern nochmal gesagt: Ihr setzt kein Zeichen. Im Gegenteil. Die Merkel Angela und der Seehofer Horst freuen sich über jeden, der nicht wählen geht. Nichtwähler wählen nämlich doch: Sie zementieren den Status Quo. Ohne die Nichtwähler wäre der Seehofer Horst bei der letzten Landtagswahl bei 30 Prozent statt der absoluten Mehrheit gelandet.

Kulinarisches Highlight der Woche waren Lammrippchen, die die geduldigste Gemahlin von allen vom stets verlässlichen Fleischer bei Öz Gida mitgebracht hatte. Senf, Olivenöl, Knoblauch, HadePe1, Salz, Pfeffer und Paprika zusammengerührt, die Rippchen durchgezogen und bei 180 Grad für 50 Minuten im Ofen auf den Rost über die Saftpfanne gepackt. Hammer!

Thomas de Maizière in einem Interview mit dem MDR-Hörfunk:  „Ich will gerne nochmal unterstreichen, dass unsere [deutsch-amerikanischen] Beziehungen wichtiger sind als das schwierige Thema NSA.“ Ein Innenminister, dem Verfassung und Grundrechte offensichtlich scheißegal sind., solange seine Kumpels ihm auf die Schulter klopfen. Na bravo.

 

 

 

  1. Herbes de Provence

Splitterbrötchen (CCCLXIII)

Die nächste Theaterempfehlung: „The King’s Speech“ im Schlossparktheater. Tolles Ensemble, aus dem Mommsen und Tarrach herausragen. Ganz großes Tennis, was die beiden anbieten. Und sehr, sehr anrührend.

Einen halben Tag damit verbracht, nach dem Lag-Problem der Netzecke zu suchen und es zu beseitigen. Amok-laufendes WordPress-Plugin. Was es nicht alles gibt…

Mittlerweile zum Ritual geworden: unmittelbar nach Eintreffen zum Familientreffen in Rothenburg/Fulda eilen wird zur Imbissbude an der Fuldabrücke, um die erste nordhessische Bratwurst zu inhalieren. Wunderbar!

Im „Kurhessen-Laden“ dortselbst gesichtet: Ein T-Shirt mit dem grandiosen Claim „Last night a Stracke saved my life“ (Für Nicht-Nordhessen: Eine „Stracke“ ist eine gerade Ahle Wurscht .)

Nach Rückkehr lobte die geduldigste Gemahlin von allen meine Körperbeherrschung, die es mir gestattet, das Herausholen einer Stracken aus dem Koffer, das Abschneiden, Pellen und Verzehren eines Wurststücks und das Verstauen des gesamten mitgebrachten Wurstvorrats zu einer einzigen geschmeidigen Bewegung zu verschmelzen.

 

 

 

 

Splitterbrötchen (CCCLXII)

Diesjähriger Spargelzubereitungsvarianten-Favorit: Aufm Blech im Ofen.

Schöne neue Welt: Wenn Menschen etwas fotografieren wollen, kaufen sie sich heutzutage ein Telefon.

Spargelsaucen-Favorit (seit mehreren Jahren): die Avocado-Pampe (reife Avocado zermusen, mit zwei, drei Esslöffeln Hühnerbrühe, gehackten Frühlingszwiebeln, Zitronensaft und reichlich Kürbiskernöl verrühren. Das Drüberstreuen gehackter Kresse schadet nicht).

Zum Vergleich:
„Ihre Karte steht zur Entnahme bereit.“ (Schwurbeliges Bankautomaten-Deutsch)
„Ömür, machst du Backshop?“ (einfaches, klares Edeka-Deutsch)

Auf youtube findet man ein Video, in dem ein Octopus ein Schraubglas aufschraubt. Von innen. Nu stellen Sie sich mal vor, das Glas stünde in Ihrer Speisekammer…

Wer einen grandiosen Höchstkomik-Theaterabend erleben möchte, der eile ins Renaissance-Theater und sehe sich „Der nackte Wahnsinn“ an. Großmeisterlich. Und saukomisch.

Und ein Berliner Spargeltipp für heute: Mai- und Spargelfest im Rudolph-Wilde-Park am Rathaus Schöneberg. U. a. kann man frischesten Spargel kaufen und den gratis von einer ganz faszinierenden Maschine schälen lassen. Ja, und Spargelwein gibt’s auch.

Splitterbrötchen (CCCLXI)

Den Satz der Woche verdanken wir Altmeister Effjott Wagner: „Es ist so irritierend, unseren Altkanzler in den Armen Putins zu sehen.“

Um bei Putin zu bleiben: Laut SpOn haben Frau Merkel und Herr Obama ihn aufgefordert, für Stabilität in der Ukraine zu sorgen. Haben die beiden sich diese Forderung gut überlegt? Was tun sie, wenn er das wörtlich nimmt?

Absolutes Wochenhighlight: die geduldigste Gemahlin gibt eines ihrer (zu) seltenen Gastspiele in der Küche und haut Hühnerherzen in sahniger Senfcreme raus. Zum Niederknien!

Sekundenlanger, verstörender Realitätsverlust, als ich den neben den angeketteten Fahrrädern liegenden Außenbordmotor bemerkte.

Dass die Masse Mensch sich gern am Sturz großer Männer labt, ist bekannt. Mit welcher Vehemenz jedoch die Qualitätsmedien diese Woche versuchten, den Sturz Guardiolas herbeizuschreiben, war dennoch überraschend.

Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet dieser Film kein Kult-Film geworden ist. Warum ausgerechnet dieser Film komplett aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein scheint. Obwohl ausgerechnet dieser Film alles hat, was ein Klassiker haben muss und noch etwas mehr: Er zerreißt einem das Herz. Ich meine „Die fabelhaften Baker Boys„.

Zurück zu Putin und der Ukraine. Wer über die diesbezügliche Berichterstattung verärgert ist und 25 Minuten Zeit hat, sollte Gabriele Krone-Schmalz zuhören. Es lohnt. Sehr.