Splitterbrötchen (CCXCII)

Kulinarische Leistung der Woche: das Aufbohren des ursprünglich als langweilige Beilage zu Königsberger Klopsen gedachten Rote-Bete-Salats mit gebratenen Speckwürfeln, rohen Champignonscheiben, Apfelwürfelchen. Kommt so ins Repertoire.

Zum ersten Mal Wedels „Gier“ gesehen. Schrecklich, aber exquisit. Ein Gruselkabinett auf luxuriösem Betriebsausflug.

Immer mehr Menschen verwechseln Rezession und Rezension. Bin ich elitär, wenn ich das zum Kotzen finde?

Ich muss mich doch sehr wundern, dass andere Menschen sich über Depardieus russische Eskapaden wundern. Herrschaften, der Mann ist Schauspieler. Der ist aufgeschmissen, wenn ihm niemand den Text schreibt.

Ein paar Berufsempörte haben sich erstaunlich zurückgehalten, deshalb gebührt wohl einem SpOn-Kommentator der Lorbeer, Wolfgang Thierse wegen seines lahmen Schwaben-Schrippen-Weckle-Bashings zuerst als Rassist bezeichnet zu haben.

Die unerträglichen Unregelmäßigkeiten, die seit Wochen bei der Zustellung der „EInkauf aktuell“ auftreten, tragen nun wahrlich nicht zur Stabilisierung meines Nervenkostüms bei. Geht doch nicht, das!

 

Splitterbrötchen (CCXCI)

Den weihnachtlichen Vogel (keine Gans!) schoss Fa. Sim-Buy ab, die mir am Heiligabend um 19 Uhr 44 via Mail preisreduzierte Lichterketten offerierte.

Zu geradezu sensationellen Erkenntnissen kamen Meike Laaf und Johannes Gernert von der taz, als sie superkritisch hinter Fa. amazon herrecherchierten: „ Amazon sammelt automatisch Daten von Wettbewerbern – Preise etwa – und unterbietet sie.“ Unglaublicher Skandal!

Kulinarischer Höhepunkt der Weihnachtswoche war das elsässische Linsenragout nach Petra Hildebrandt. Das gabs an Heiligabend zu Mittag und hat uns so gut geschmeckt, dass wirs jetzt jedes Jahr an Heiligmittag essen wollen.

Und dabei fiel mir ein: viel zu selten elsässisch gekocht im letzten Jahr. Muss ich ändern. Könnte sehr zeitnah endlich mal wieder Coq au Riesling geben.

Die Entdeckung des Jahres kurz vor Jahresende: Trevanian. Keine Ahnung, wie ausgerechnet dieser Autor mir jahrzehntelang entgehen konnte. „Shibumi“ – ein ständig auf der Grenze zur Selbstparodie balancierender Thriller – ist ganz großes Tennis.

Und gleich eine Kostprobe der Trevanian-Weisheit: „Ratschläge nützen am meisten denen, die sie erteilen.“

 

Splitterbrötchen (CCXC)

Diese Woche ist’s passiert: eine CSU-Justizministerin lobte die „objektive“ Berichterstattung des SPIEGEL. Rudolf Augstein hätte daraufhin die halbe Redaktion gefeuert.

Allen Gesundheitsfanatikern ins Stammbuch, die angesichts von 30% Fett im Gänsefleisch cholesterinfreien Schaum vor dem Mund bekommen: schon mal die helle Flüssigkeit unten im Gänsebräter gesehen? Das ist das rausgebratene Fett. Das muss gar nicht auf dem Teller landen.

Zwei Super-Verleser an einem Tag: „Justizbeschädigte“ statt „Justizbeschäftigte“ und „Kulturwürste“ statt „Kulturwüste“. Facebook-Freundin Christina Striewski mutmaßte, ich hätte mich gar nicht verlesen sondern hätte etwas über den Streit um Suhrkamp gelesen.

Apropos Suhrkamp: Eigentlich erstaunlich, wie ein Verlag mit einer derartig bestückten Backlist nicht profitabel arbeiten kann.

Die Anschaffung der Woche tätigte die geduldigste, beste Gemahlin von allen und brachte einen Wasserfilter in die Beckerstraße. Hätte nicht gedacht, dass so ein Ding einen dermaßenen geschmacklichen Unterschied ausmachen kann.

Splitterbrötchen (CCLXXXIX)

Die römischen Ziffern für „289“ sehen nur beknackt und fehlerhaft aus, sind aber korrekt.

Wochenhöhepunkt war der hochamüsante Jahresrückblick der 11Freunde-Redaktion im Babylon-Kino. Fußball scheint nach wie vor Männersache zu sein, wie die Schlange eindrucksvoll dokumentierte, die sich zur Pause vor dem Herrenklo bildete.

Highlight des Höhepunkts: Koestners Analyse zu Tom Bartels‘ Kommentar des Schwedenspiels. „Beim 4:4 machte man sich ernsthaft Sorgen, dass Bartels sich mit seiner alten Wehrmachtspistole selbst richtet.“

Beim Anblick der Werbung für „esauvermietung.de“ mannhaft der Versuchung widerstanden, dort anzurufen und nachzufragen, ob man denn ein Auto für ein Linsengericht haben könne.

Am Montag wurde die London Bridge geöffnet, um ein fünfzig Fuß großes Gummi-Entchen durchzulassen. Ich bedanke mich erneut für die Gnade, in Zeiten von solcher Größe leben zu dürfen.

Notgedrungen bei einem Touri-Italiener in Mitte eingekehrt. Das Essen war äußerst durchschnittlich, aber der Service war dermaßen herzlich und gutgelaunt, dass wir tatsächlich erwägen, gelegentlich wieder reinzuschauen. Trotz der Küche.

 

Splitterbrötchen (CCLXXVIII)

Letzte Folge House und ich habe sie – wie viele Folgen der letzten Staffeln – nicht geguckt. Ich wollte nicht sehen, wie Wilson stirbt. Ausgerechnet Wilson! Wie dem auch sei, spätestens seit der Dialogperle „Du bist geheilt. Steh auf und wandle.“ – „Sind Sie geisteskrank?“ – „In der Bibel sagen die Leute schlicht ‚Ja, Herr‘ und verfallen dann ins Lobpreisen.“ gehört House zu den Serien, die ich vermissen werde. Die einzige Arztserie in dieser Auswahl, übrigens.

Mal wieder total peinlich: Ich war mir hundertprozentig sicher, Dave Brubeck bereits betrauert zu haben. Um so unerwarteter traf mich sein Ableben.

Meine telekinetischen Fähigkeiten: Ich brauch eine Bruschetta-Scheiba nur anzugucken, schon fallen die Tomatenbröckchen runter (und mir auf die Hose).

Das Ärgernis der Woche (des Monats, des Jahres) ist natürlich die hemmungslose Lügerei & Stimmungsmache der deutschen Verleger zum Thema Leistungsschutzrecht. Ich habe vor ein paar Wochen aufgehört, Tageszeitungen zu kaufen, weil ich mich zu sehr ärgere, wenn ich den Quatsch lese. Vielleicht sollten die Herrschaften bei Springer mal nach „Schneiden eigenes Fleisch“ googlen.

Bedenkenswerter Kommentar zu Siebecks Weihnachtsmenü in ZEIT-Online:
„Ich habe im Bekanntenkreis mehrere Vegetarier. Die sind beleidigt, wenn sie bei zum Essen eingeladen sind, und sie bekommen kein vegetarisches Extragericht, für das ich zusätzliche Arbeit habe. Die würden aber nie auf die Idee kommen, mir bei einer Einladung Zum Essen ein Schnitzel zu braten.“

Splitterbrötchen (CCLXXVII)

Endlich einen Film via Online-Video angeschaut, den ich schon lange sehen wollte: „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis“. Was für eine Riesenenttäuschung! Die  wunderbaren Genies des Algonquin Round Tables, denen wir Meisterwerke des Journalismus, der Literatur, des Films und des Theaters (und letztlich die moderne Komödie an sich) verdanken, sind zu einem Haufen alkoholisierter Knallchargen verkommen. Und Dorothy Parker wird deppenhaft auf ihren Alkoholismus und eine unerfüllte Liebe zu Robert Benchley reduziert. Wer Mrs. Parker über diesen Film kennenlernt, wird sich unwillkürlich fragen, wie einer Frau mit derart begrenztem Horizont diese ganzen tollen Geschichten und Gedichte eingefallen sind.
Vom handwerklichen Standpunkt war es jedenfalls interessant zu sehen, wie Jennifer Jason Leigh an der Titelrolle scheitert. Die Darstellung einer Intellektuellen ist mit den eher kruden Mitteln des Method Acting einfach nicht möglich. Wenn man mit Strassberg-Mitteln einen hochintelligenten Menschen darstellen will, muss man mindestens so intelligent sein wie der darzustellende Mensch. Was spätestens in der Parker-Klasse zum Problem wird. Außerdem: wenn ein Schauspieler über ein Mindestmaß an Intelligenz verfügt, erkennt er die Limitierung der Method-Mittel und bedient sich ihrer (wenigstens bei einer solchen Aufgabenstellung) nicht. Q. e. d.

Menschen, die durch mein vorstehendes Gefasel vielleicht neugierig auf den „wirklichen“ lasterhaften Kreis der Mrs. Parker (also den Algonquin Round Table) geworden sind und sich auf die Suche nach einer Einstiegsdroge begeben wollen, empfehle ich die wunderbare Autobiographie von Harpo Marx: „Harpo speaks“.  Am besten auf englisch, die deutsche Übersetzung ist nur mit sehr viel Glück im Antiquariat zu finden.

Die Demütigung der Woche verabreichte mir ein Nigeria-Spammer, der glaubte, mich zum Discount-Preis von 127.500 Euro ködern zu können. Und mit Sätzen wie „Bitte, ich flehe dich an, um zu versuchen und halten alles über mich absondern wegen meiner Sicherheit!“

Um noch einmal zum misslungenen Dorothy-Parker-Film zurückzukommen: der dort als knalldeppischer Goldfisch-Imitator dargestellte Robert Benchley war ein komisches Genie von höchsten Graden. Kostprobe? Immer gern. Benchley kommentierte die Feststellung, dass Alkohol ein schleichendes Gift sei, mit den Worten „Wer hat’s denn eilig?“. Spiel, Satz und Sieg in vier Worten.

Fazit nach vier Wochen mit einem Tablet-Computer (Kindle Fire HD): Ein vollkommen überflüssiges Gerät, ich könnte jederzeit wieder ohne auskommen. Ich möchte es aber nicht.

 

Splitterbrötchen (CCLXXVI)

Sushi-Lieferant Fa. Sucheese konfrontierte mich mit dem verwirrenden Claim: „Würde unser Essen essen, würde es unser Essen essen.“ Das kann nur bedeuten, dass man bei Sucheese Fischfutter serviert.

Früher kaufte man sich eine schnöde Eintrittskarte, heute erwirbt man ein „Fan-Ticket im individuellen Tour-Design“. Sicherlich wird das Konzert dadurch viel besser.

Letzte Woche stand die erste, wohlgelungene Paulsen-Gans des Jahres und des neuen Backofens auf dem Tisch, ein voller Erfolg! Beim dazugehörigen Rotkohl hatte ich diesmal mit einer marinierten Variante experimentiert. Hätte ich mir schenken können: weil ich mit meiner üblichen – leicht geisteskranken – Menge Johannisbeergelee abgeschmeckt hatte, hat man den Unterschied zu meinem sonstigen Rotkohl nicht geschmeckt. Gottseidank auch nicht, dass mir das Koriander-Pulver ausgerutscht war.

Im Kielwasser dieses Gänsebratens tauchte dann diese Woche ein weiterer kulnarischer Höhepunkt zum ersten Mal in diesem Jahr auf: Schwarzbrot mit Gänseschmalz und Kochkäse.

Zur Unterhaltung der Splitterbrötchen-Leser habe ich dann noch einen kleinen wissenschaftlichen Test ausgearbeitet. Teilnahme und Auswertung nimmt weniger als 1 Minute Ihrer Zeit in Anspruch, los geht’s!
Beim Lesen der Worte „Volume Sensation“ denken Sie an
a) Ihre Haare
b) Verstärker
Auswertung:
Sie haben sich für a) entschieden: Sie sind eine Frau.
Sie haben sich für b) entschieden: Sie sind ein Mann.
Verblüffend, nicht wahr?

Nicht nur die sportlichen Leistungen von Mario Gomez sind phänomenal, ebenso einmalig ist die vollkommen idiotische Art und Weise, wie die Sportpresse auf diesem Mann herumhackt. Selbst an seinem sensationellen Comeback-Tor von gestern wird irgendwer von Reif bis BILD wieder was zu meckern finden. Dass er so andauernd ungerechtfertigt in der Kritik steht, hat er übrigens mit Gerd Müller gemeinsam. Dem hat die Journaille während seiner Karriere – man glaubt es heutzutage kaum – ebenfalls ständig mangelnde Laufbereitschaft („steht nur im Strafraum“) und eine fehlerhafte Technik („kann nicht richtig Schießen“) vorgeworfen.

Splitterbrötchen (CCLXXV)

Angesichts der außergewöhnlich hohen Volatilität des Rispentomaten-Preises bei Edeka sollten Anleger wachsam bleiben.

Aus der Rubrik „wunderbar berlinisch“: „Wat hustest’n so?“ – „Ick hab mir verschluckt.“ – „Jib nich so an. Bist ja noch da.“

Das Gänsefett ist ausgelassen: beste Stimmung in der Küche!

Marketing-Idee für ein Restaurant mit Namen „Merlin“: „Wenn es Ihnen gelingt, das Steakmesser aus Ihrem Entrecote zu ziehen, speisen Sie gratis!“

Effjott Wagners Satz der Woche: „Aus seiner Eisernheit öffnet sich eine Tür.“ Mehr Fehlleistung in sieben Wörtern ist wohl nicht machbar.

Im Prinzip ist das Braten einer Gans eine einfache Sache. Es ist die Majestät, die der Vogel ausstrahlt, die für Stress sorgt.

Auf die Tüten mit Reibekäse druckt Fa. Aldi: „Gouda – Gipfel der Finesse“. Über diesen Claim würde ich mit den Verantwortlichen gern einmal ganz sachlich diskutieren.

 

Splitterbrötchen (CCLXXIV)

Wun-der-ba-re Statusmeldung des Libre-Office-Installers: „Migriere Eigenschaftenstatus der verwandten Anwendungen.“ Als wäre man auf einem Familientreffen!

Die traurige Nachricht der Woche: Günter Brombacher, Mitbegründer des stilbildenden Kinder- und Jugendtheaters „Rote Grütze“ ist mit nur 62 Jahren gestorben. Immerhin war dies den Feuilletonredakteuren des Tagesspiegel, die den Tod von Helma Fehrmann noch ignoriert hatten, diesmal eine Meldung wert.

In diesem Zusammenhang möchte ich allerdings ein herzzerreißend komisches (und gelegentlich herzzerreißendes) Buch erwähnen, das skandalöserweise in Vergessenheit geraten ist: „Ohne mich fehlt mir was“ von Rote-Grütze-Gründer Holger Franke. Wer einen reichen Geschichtenschatz u. a. über Fritz Kortner, die 60er Jahre in Westberlin, die damalige linke Szene und die Geburtsstunden der freien Theater in dieser Stadt heben möchte, sollte versuchen, es antiquarisch zu bekommen (auf ZVAB ist es z. B. zu haben, ebenso bei ein paar amazon-Zulieferern). Ein ganz, ganz wunderbares Buch.

Gemeinsam mit Franke habe ich mich übrigens mal abseits eines Theaterautoren-Kongresses an diversen Grappa-Flaschen vergangen. An das wenige, was ich von diesem Abend noch erinnere, denke ich sehr gern zurück.

Als ich die Werbebeilagen aus der Donnerstags-Ausgabe des Tagesspiegel entfernt hatte, hatte ich praktisch nichts mehr in der Hand.

Und schließlich gab es einen Neuzugang in der Blogroll, bitte dringend ein Auge auf den Kiezneurotiker haben. Der Mann ist sehr, sehr gut.

Splitterbrötchen (CCLXXIII)

Trotz des großzügigen Einsatzes sogenannter Party-Tomaten blieb die Stimmung beim Verzehr des Salats merkwürdig gedämpft.

Fa. Groupon bleibt ebenso dämlich wie hartnäckig. Die babylonische Sprachverschluderung „Italian Cuisine“ wurde diese Woche in die nächste Runde geschickt.

Es ist vollkommen idiotisch, ein Gebäckstück „Farmer-Brötchen“ zu nennen. Ich jedenfalls verstehe immer „Pharma-Brötchen“ und denke: „Nee, so’n Chemie-Scheiß will ich nicht.“