Justizirrtum

Am Dienstag hatte ich bei Gericht zu tun, und bevor man beim Schöneberger Amtsgericht vorstellig werden kann, muss man erstmal durch die Sicherheitskontrolle. Dass man mir dabei mein völlig ungefährliches Multifunktions-Fahrradwerkzeug für die Dauer meines Gerichtsbesuchs abnahm, will ich mal achselzuckend unter „sinnfreiem Aktionismus, immerhin bemühen sie sich ja“ verbuchen, geschenkt.

Darüber, dass Rechtsanwälte den ganzen Sicherheitszinnober durch Vorzeigen eines Ausweises umgehen können, staune ich aber nicht schlecht: Welcher Denk-Kräppel ist denn auf die gloriose Idee gekommen, dass ausgerechnet Anwälte über keine kriminelle Energie verfügen können?

Der Commander kehrt zurück

Im Februar hatte „Last Commander Standing„, eine Rock-Show, deren Buch ich geschrieben habe, in Berlin Premiere. Die Veranstaltung(en) waren recht erfolgreich, so dass Commander Jack Chickenhunter zurückkehrt, um die Wünsche seines Publikums zu erfüllen. Und diesmal ist auf der Bühne auch ein rundlicher, älterer Herr dabei, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Netzecken-Inhaber hat.

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Vom 13. bis 15. Oktober läuft die Show jeweils um 20 Uhr im Café Schalotte1 in Charlottenburg. Wer straighten Gitarrenrock mag, Rhythmen jenseits der 4/4 mit Misstrauen begegnet und extreme Lautstärken schätzt, sollte einen Besuch in Erwägung ziehen.

  1. Da hab ich vor dreißig Jahren „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ gespielt. Und vor 25 Jahren „Die Kurve“ von Tankred Dorst. Scheiße, bin ich alt.

Splitterbrötchen (CCXVII)

Ungewöhnlich viele Frauen scheinen sich bei der Namenswahl für ihre Kinder total zu verhauen. Und weil sie dann mit den standesamtlich eingetragenen Namen total unzufrieden sind, sagen sie nur noch „Mäuschen“ zu den Kleinen. Ach je.

Der Spam der Woche erfreute mich mit der erhellenden Nachricht: „Sie haben diese Email erhalten, weil Ihre E-Mail-Adresse hat zuvor in dafür entschieden, unsere Updates zu erhalten.“

Scheißtag der Woche war der Donnerstag: Steve Jobs starb und die Stockholmer verweigerten mir erneut den Literaturnobelpreis.

Seit Jobs gestorben ist, weigert sich iTunes, meinen iPod wiederzuerkennen. Ich finde, Apple übertreibt.

 

Splitterbrötchen (CCXVI)

Irgendwann hab ich mir mal geschworen, diesen Alten-Sack-Satz „In meinem Alter muss ich das nicht mehr verstehen!“ nicht bzw. nicht mehr zu sagen. Gestern habe ich den Schwur gebrochen, als ich von den rauschenden Abschiedsparties las, die in der Hamburger U-Bahn gefeiert wurden, bevor Alkoholgenuss dortselbst mit Bußgeld geahndet wird. Kann mir irgendwer erklären, was so toll daran ist, in der U-Bahn lauwarmes Flaschenbier zu trinken?1 Schon als Jugendlicher habe ich Lokale bevorzugt, die sich erst zu bewegen begannen, wenn ich einiges intus hatte.

Apropos alter Sack: An Marcel Reif scheiden sich ja die Geister. Ich hab ihn als Fußballkommentator meistens sehr geschätzt, aber Bayern-ManCity am letzten Dienstag ging gar nicht. Komplett den Wendepunkt der Partie verpasst und mindestens eine halbe Stunde gebraucht, um zu merken, dass das Spiel sich gedreht hatte. Vielleicht doch mal über den Ruhestand anchdenken, Marcel? Fußball gucken ohne ständig mitsprechen zu müssen, wäre doch mal eine schöne Abwechslung.

Die Blogroll um zwei ganz fantastische Links erweitert: Die Retronauten und Pour 15 minutes d’amour. Jeweils eine dicke Empfehlung.

Der schlimmste Holzweg ist der, an dessen Ende man „Und ich hab doch recht gehabt!“ sagen kann.

 

  1. Ja, ich weiß, dass viele Jugendliche das tun, um Geld zu sparen.

Splitterbrötchen (CCXV)

In keiner seiner Reden hierzulande hat der Papst etwas gesagt, was bei mir eine Reaktion jenseits des Achselzuckens hervorgerufen hätte. Egal, was Journalisten schreiben oder Exegeten analysieren: hier ist einfach ein nicht sonderlich sympathischer alter Mann vorbeigekommen, um ein paar Allgemeinplätze zu verklappen. Banale Sachen werden nicht plötzlich profund, bloß weil ein Papst sie sagt.

Für Menschen, die sich mit dem Handwerk der Schauspielerei auskennen, ist das Betrachten der Arbeit Matthias Brandts die reine Freude.

Unmöglich gemacht haben sich diese Woche Fa. Groupon (versuchte, mir ein Silikonarmband zu verscheuern, mit dem ich „meinen individuellen Lifestyle prägen“ kann), Fa. Vistaprint (belohnt nach einmaliger Bestellung meine Treue) und – natürlich – die Bahn, die mir eine Postkarte schickt, um mir mitzuteilen, dass sie zwischen Berlin und Hannover 130.000 Schwellen erneuert hat.  Big Deals überall.

Mein Kalauer zündender Wortwitz der Papst-Woche: Die Nacht der langen Messen.

Ich dachte immer, dass es eines gewissen Niveaus bedarf, die ZEIT sinnentnehmend zu lesen. Um ihr Online-Angebot zu kommentieren, scheint allerdings gar keins nötig zu sein, wie der Kommentatorenkrieg rund um ein Günther-Jauch-Interview zeigt. Kann ja nicht wahr sein!

 

Splitterbrötchen (CCXIV)

Diese Woche 70 geworden: Eckhard Henscheid, einer der größten, komischsten Autoren der Gegenwart. Ich les ihn, seit ich ihn zu ersten Mal lesen hörte: Mitte der Siebziger Jahre, im frisch eröffneten Zweitausendeins-Laden in der Schwabinger Türkenstraße. Er las aus „Die Vollidioten“ und „Geht in Ordnung, sowieso, genau“.  Ich wäre beinahe erstickt. Vor Lachen, und weil sich geschätzte hundert Menschen in den winzigen Laden reingedrängelt hatten.

Vor ein paar Tagen bin ich einer nordicwalkenden Seniorengruppe begegnet, die nebeneinander walkend den Weg durch den (für Radfahrer zugelassenen) Parkweg versperrten und sich weigerten, Platz zu machen. Wenn die drauf kommen, dass sie die Stöcke auch als Waffe benutzen können, kann das im Grünen richtig lustig werden.

Heute sind Wahlen in Berlin. Als ich mir Gedanken darüber machte, wenn ich denn diesmal wählen sollte, merkte ich, dass Programme, Überzeugungen und ähnliches Gedöns überhaupt keine Rolle mehr bei meiner Wahlentscheidung spielen. Ich wähle nur noch taktisch: wen kann ich mit meiner Stimme eventuell stärken, wen schwächen (Ja, ich bilde mir tatsächlich ein, dass meine Stimme etwas bewirkt)? War ein weiter Weg von „Willy wählen!“ bis heute.

Das Zitat der Woche stammt vom amerikanischen Astrophysiker Neil deGrasse Tyson:

First of all, let’s clarify what the NASA budget is. Do you realize that the $850 billion dollar bailout, that sum of money is greater than the entire 50-year running budget of NASA?
And so when someone says, „We don’t have enough money for this space probe,“ I’m asking, no, it’s not that you don’t have enough money, it’s that the distribution of money that you’re spending is warped in some way that you are removing the only thing that gives people something to dream about tomorrow.
You remember the 60s and 70s. You didn’t have to go more than a week before there’s an article in Life magazine, „The Home of Tomorrow,“ „The City of Tomorrow,“ „Transportation of Tomorrow“. All of that ended in the 1970s. After we stopped going to the Moon, it all ended. We stopped dreaming.

Die Vollkornbrötchen-Problematik

Vor einiger Zeit wurde hierzulande der Euro eingeführt. Praktisch zeitgleich gab es damals in großen Teilen der Gastronomie eine rabiate Preiserhöhung längst überfällige Anpassung des Preisniveaus. In der sogenannten „mittleren Gastronomie“ Berlins waren davon zunächst vor allen Dingen die Preise offener Weine und preiswerter Hauptgerichte betroffen. Man saß kopfschüttelnd in gar nicht mal so vornehmen Restaurants und versuchte sich zu erinnern, ob man tatsächlich schon mal 9 DM für ein Viertel Dornfelder oder 16 DM für Sülze mit Bratkartoffeln bezahlt hatte. 4,50 € bzw. 8 € klangen natürlich viel sympathischer…
Als der Boden dergestalt vorbereitet war,  zogen die Preise für die Vorspeisen nach. Ich hörte auf, Kartoffelsuppe zu essen. Weil ich genau wusste, dass ich mir bisher keine Kartoffelsuppe mit 50 Pfennig Wareneinsatz für 13 DM hatte andrehen lassen.
Doch diesmal reagierten die mittleren Gastronomen auf das Gejammer ihrer Gäste, die sich beschwerten, dass z. B. ein gemischter italienischer Vorspeisenteller mit etwas eingelegtem Gemüse, zwei, drei Rädchen Salami und einem Stück Provolone plötzlich 9 € statt 9 DM kosten sollte. Sie senkten aber nicht etwa die Preise, sondern erhöhten die Größe der Portionen. Eine ebenso einfache wie geniale Strategie: Mit einem minimal erhöhten Wareneinsatz konnte man dem Kunden die Preiserhöhung schmackhaft machen erklären den Wind aus den Segeln nehmen.
Seitdem schaff ich – in der „mittleren Gastronomie“ – kein „À-la-Carte“-Essen mehr. Ich bin nun wirklich kein Kind von Traurigkeit, aber Vorspeise UND Hauptgericht (vom Dessert – Eis mit heißen Himbeeren für DM 14 – ganz zu schweigen) sind angesichts der Portionsgrößen wirklich nicht drin bzw. reinzubekommen.
Nu, ist ja nicht wirklich ein Problem. Da die geduldigste, beste Gemahlin von allen und ich einen durchaus ähnlichen Geschmack haben, teilen wir uns einfach eine Vorspeise. Portionsgröße und Kosten sind halbiert, alle glücklich.
Sollte man meinen. Aber warum wärme ich eigentlich diese uralte, längst abgefrühstückte Teuro-Kamelle wieder auf? Frühstück ist das Stichwort. Vor ein paar Wochen hat der Bäcker, bei dem ich morgens meine Brötchen hole, die Preise für Vollkornbrötchen empfindlich erhöht. Und als seine Kunden sich massiv deswegen beschwerten, erinnerte er sich der mittleren Gastronomie…

Size does matter!Hat jemand eine Idee, was ich mit einem täglich anfallenden, überzähligen halben Vollkornbrötchen anfangen kann?

Splitterbrötchen (CCXIII)

In den zehn Jahren seit 9/11 hat sich die Welt deutlich weniger verändert, als ich erwartet hatte. Trotzdem wird mir immer noch schlecht, wenn ich Bilder der Anschläge sehe.

Schon ziemlich erstaunlich: Dass die ZEIT-Online-Krawall-Kommentatoren brav dort bleiben, anstatt Wolfram Siebeck auf sein eigenes Blog zu folgen. Dabei beschweren sie sich doch so gern über ihn… Können die nur bei der ZEIT? Oder haben sie Siebeck noch nicht gefunden?

Die Weisheit der Woche kam aus der 2. Staffel von „Mad Men“: „Hören Sie auf, mit Textern zu texten!“

Dank Internet und immer leistungsfähiger Software verschwinden die sogenannten Berufsgeheimnisse rapide. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das gut oder doch schlecht ist.

 

 

Splitterbrötchen (CCXII)

Bei der ARD ist „Experiment“ endgültig zum Synonym für „stinklangweilig“ geworden.

Den magischen TV-Moment der Woche erlebte ich bei „Anne Will“, als die Namensgeberin dieser Talkshow folgenden erhellenden Dialog mit Sido führte:
Frau Will: „Ist ‚Augen auf‘ schon eine Entwicklung, also etwa im Vergleich zu dem Arschfick-Song, den Sie auch gemacht haben und wo sie inzwischen nicht mehr sagen, dass Sie darauf total stolz sind, oder?“
Sido: „Ich bin stolz auf den Arschfick-Song, natürlich!“

Diese Woche entdeckt: die Wien-Krimis von Martin Mucha.

Mittlerweile ist es praktisch unmöglich, ein Drehbuch mit einem Raucher als Protagonisten zu schreiben. Zu umständlich. Der muss zum Nachdenken immer ins Freie gehen.

Diese Woche erst entdeckt: Julie London. Wie konnte ich diese Dame fuffzich Jahre lang verpassen?