Splitterbrötchen (DLXXIII)

Herr Spahn von der CDU sprach am Aschermittwoch: „Es ist aber nicht alles bereichernd, Zwangsheirat und Ehrenmord sind es nicht. Und da kann man doch nicht immer sagen, das ist eine andere Kultur, dafür müssen wir Verständnis haben. Das müssen wir nicht. Das ist der Unterschied zwischen Leitkultur und Multikultur.“
Lieber Herr Spahn, auch in unserer „Leitkultur“ war und ist nicht alles bereichernd. Zum Beispiel war mein Vater Mitglied der SS, war wahrscheinlich an schweren Kriegsverbrechen beteiligt und hat mich in dieser Sache mein Leben lang leitkulturell angelogen.  Mit den (vermutlichen) Verbrechen meines Vaters habe ich letztlich genauso wenig zu tun wie die meisten meiner Mitbürger türkischer Herkunft mit Ehrenmord und Zwangsheirat. Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den von Ihnen herbeigeschwurbelten Begriffen Leitkultur und Multikultur kann ich beim besten Willen nicht erkennen.  Spahn, Sie Denkkräppel! Haben Sie vergessen, dass Ihnen in der Grundschule gesagt wurde, dass Verallgemeinerungen meistens Quatsch sind?

Spiritueller Wochenhöhepunkt war die Stunde, die ich mir genommen habe, um in aller Seelenruhe meine Schärfsteine einzuweichen, aufzureihen und dann ein entspanntes Weilchen lang zu überlauter Rockmusik meine Küchenmesser in superscharfen Zustand zu versetzen. Das Schärfen von Messern wirkt auf mich befriedigender und entspannender als jede fernöstliche Meditationstechnik. Andererseits, wenn die Beatles damals ihre Taschenmesser geschärft hätten, anstatt zu Maharishi Mahesh Yogi zu fahren… lassen wir das.

Der Facebook-Fun-Fact der Woche: In Sachsen kamen seit 1945 genauso viel Menschen durch Haiangriffe wie durch islamistische Anschläge ums Leben.

Alexa hat mich vor einigen Tagen davon in Kenntnis gesetzt,, dass „Hab ich gepupst?“-Tag ist. Mr. Bezos sollte vielleicht die Zügel ein wenig anziehen.

Jägerschnitzel

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Kulinarischer Wochenhöhepunkt war ein Jägerschnitzel mit perfekten Bratkartoffeln, genossen in einer Zeitkapsel namens „Floh“ am S-Bahnhof Grunewald. Die geduldigste, beste Gemahlin von allen hatte diesen Ort für unser Valentinstags-Dinner ausgewählt. Erneut neige ich mein Haupt vor ihrer Weisheit und Kenntnis.

TK-Kräuter

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Und diese TK-Kräuter hab ich Montag in der Beckerstraße beim Schrippenholen gesehen. Hoffentlich war’s das mit dem Winter.

Ich fürchte, ich habe mir auf meine alten Tage ein neues Lieblingslied zugelegt. Läuft zurzeit mindestens dreimal täglich, vermutlich öfters.

 

Splitterbrötchen (DLXXII)

Brauchen Sie dringend einen Feind? Dann machen Sie einfach irgendjemanden auf einen Irrtum aufmerksam.

In Bad Belzig haben Sie ein hochinteressantes Finanzierungsmodell für den Karneval gefunden:

Thema Bad Belzig: Dort verbrachten die beste, geduldigste Gemahlin von allen und ich ein wunderbar entspannendes Wohlfühlwohenende in Stein Therme…

…und Burghotel.

Im Restaurant „Wittgenstein“ des Burghotels jagte ein kulinarischer Wochenhöhepunkt den anderen, z. B. dieser perfekte Turm aus Rösti, Rahmspinat und Tafelspitz, umrahmt mit Merrettichschaum-Sauce und zitronigem Popcorn(!)…

…oder diese Crema Catalan mit Calvados-Apfelspalten.

Alles in allem dicke Empfehlung für dieses Hotel. Sehr gutes Restaurant, wunderbar atmosphärische Zimmer, die komfortabel sind aber den Burg-Charakter behalten haben, super-freundlicher, herzlicher Service und an der Rezeption finden sich zwei sympathische Aufkleber: „Refugees welcome“ und „No Nazis“. Hier wohnt man gern!

Zwei Lektüre-Empfehlungen:
Für Freunde der Spannungsliteratur: „Der Meister des Jüngsten Tages“ von Leo Perutz. Schlichtweg grandios, ganz großes Tennis.
Für Freunde des Fußballbuchs: „Helmut Schön“ von Bernd-M. Beyer. Ich dachte, ich wüsste über Schön einigermaßen Bescheid, aber Beyer hat mich alle paar Seiten immer wieder überrascht. Und insbesondere die zahlreichen Zitate aus Fußball-Zeitungen und alten Sportteilen stärken meine These, dass Fußball vor hundert Jahren zur Weltsportart aufzusteigen begann, weil man über diesen Sport so spannend und anschaulich schreiben kann wie über keinen anderen.

Außerdem kam mir in Bad Belzig noch die ein oder andere pittoreske Ansicht vor das Smartphone…

…und ich machte die Bekanntschaft von Hektor, dem freiheitsliebenden Hahn.

Wo wir beim Thema Hahn sind: Das Glaubwürdigkeitsproblem der SPD ist seit den aktuellen Hahnenkämpfen offensichtlich: Wer glaubt denen denn den sozialen Anspruch, wenn sie derart asozial miteinander umgehen? Zur Empathie unfähige Politiker hätte ich bis letzte Woche eher bei der AfD verortet.

Splitterbrötchen (DLXXI)

Zur Zeit gilt Dauertiefstpreisgarantie für Empörungen aller Art.

Das Wort der Woche (entnommen der BILD-Headline „Pöbel-Poet beleidigt Richterin“) wirft Fragen auf:
1. Wie kann ich Pöbel-Poet werden?
2. Gibt es Workshops, in denen ich mich für diese Tätigkeit qualifizieren kann?
3. Welche Kriterien muss ich erfüllen, um mich endlich offiziell „Pöbel-Poet“ nennen zu dürfen?

Am Montag bei „Nah und Gut“ belauscht:
Kassiererin: Na, alles wieder jut?
Kunde: Wat? Wieso fragense?
Kassiererin: Na, wejen jestern.
Kunde: Jestern? Is heute Dienstag?
Kassiererin: Ja.
Kunde: Allet klar. Jestern war ick besoffen.
Damit hab ich’s in den Mittwochs-„Checkpoint“ geschafft!

Die gestern zu Ende gegangene Dschungelcamp-Staffel war eine der schwächsten, letztlich wegen eines peinlichen Casting-Fehlers: Der Troll hat gefehlt. Ein Gutes hatte diese Staffel trotzdem, sie lieferte wertvolles Anschauungsmaterial für den Gemeinschaftskunde-Unterricht1: IBESHMHR demonstrierte eindrucksvoll, dass ein rigides Regelwerk und ein simples Belohnungssystem genügen, um aus einfach gestrickten Menschen begeisterte Blockwarte zu machen. Gruselig.

Aus gegebenem Anlass erinnere ich an ein Zitat Richelieus: „Gebt mit sechs Zeilen von der Hand des ehrlichsten Mannes, so werde ich etwas finden, um ihn an den Galgen zu bringen.“

Und jetzt ist auch der Zacher weg. Der war doch immer da…

Grandioser Schauspieler. Furchtbarer Gastronom.

 

  1. Gibt es Gemeinschaftskunde noch? Oder heißt das jetzt anders?

Splitterbrötchen (DLXX)

Das hätte ich nie für möglich gehalten: Ich scheine Alfred Biolek zu vermissen. Spätestens nach dem zweiten Glas Küchenwein (sic!) fange ich an, ihn zu imitieren, erzähle von seinen dollsten Kochklopsen und bringe seine angefahrensten Zitate („Ich frage mich, wo meine Nüsse sind.“ – „Bordeaux ist so teuer, weil die reichen Japaner ihn aufkaufen und mit Cola trinken!“). Bevor jemand fragt: das mache ich natürlich nur, wenn ich Gesellschaft in der Küche bekomme, vom BeimKochenwirresZeugvormichhinbrabbeln bin ich hoffentlich noch viele Jahre entfernt.

Das Küchen-Ärgernis der Woche: Fa. Edeka kann es nicht lassen, hilfloses Gemüse mit sinnfreien Aufklebern zu bepflastern. Warum eigentlich? Halten Edekas Marketing-Trottel mich für so steinsenil, dass ich daran erinnert werden muss, wo ich diesen Zucchino gekauft habe? Wenn ja, warum überhaupt?

Kulinarischer Wochenhöhepunkt: Sen-sa-tio-nelle Tagliata vom Rinderfilet auf Ruccola und unter Parmesan bei unserem Lieblingsitaliener Mare Monte.

Was zu begrüßen ist: Dass durch die Vorwürfe gegen Wedel jetzt Redaktionen und Sendeanstalten in den Focus rücken. Dort sitzen Übeltäter, die – vom Gebührenzahler finanziell üppig gepolstert – gewohnheitsmäßig kreative Menschen demütigen und ausnutzen, weil man’s „mit denen ja machen kann.“ Machen wir uns nix vor: Schauspieler und Autoren sind Suchtkranke, die ihren Beruf so sehr lieben, dass einige sogar bereit sind, ihn gratis auszuüben. Das wissen die Redakteure und Caster und verhalten sich entsprechend. Sie hatten und haben überhaupt nichts gegen Terror am Set einzuwenden, solange die Quote stimmt und der Regisseur im Budget bleibt.

Lyrik interessiert die Menschen nur noch, wenn sie missverstanden werden kann.

Splitterbrötchen (DLXIX)

Seine Art zu kochen – einfach, geradlinig, mit den besten Produkten der Region, bei aller Finesse immer auch bodenständig – hat meine Ansicht über gutes Essen nachhaltig geprägt, ein vergleichbarer Einfluss war nur Wolfram Siebeck. Bocuses „Cuisine du Marché“ ist seit 40 Jahren mein Grundkochbuch, das ich immer aufschlage, wenn ich mich über ein Produkt, ein Gericht oder die Grundlagen einer Zubereitung schlau machen will. Seine Fernsehserie habe ich geliebt, von der ersten Folge an. Da stellte er seinen damaligen Chefkoch – wenn ich mich recht entsinne –  so vor (sinngemäß zitiert): „Das ist Jacques, mein Chefkoch in meinem Restaurant. Schauen Sie auf den Kragen seiner Kochjacke, da sehen Sie die Tricolore. Die dürfen nur Köche tragen, die die Auszeichnung ‚meilleur ouvrier de France‘ erhalten haben, und die bekommen nur absolute Meister ihres Fachs, Spitzenköche, die zur Elite dieses Berufsstands gehören. Und jetzt schneid mir mal die Zwiebeln klein, Jacques!“

In Sachen Bocuse-Nachrufe hat sich Wolfram Siebeck als Hellseher erwiesen: „Paul Bocuse hat große Verdienste, für die Entwicklung der Grande Cuisine im Allgemeinen und für die französische Gastronomie im Besonderen. Bloß mit der Nouvelle Cuisine hatte er nie etwas am Hut.
Zufälligerweise aber wurde er zur selben Zeit berühmt, als vor den Augen der Gourmets die Nouvelle Cuisine erschien…
Diese Entwicklung, welche einer Revolution gleichkam, wurde in Deutschland mit Paul Bocuse verknüpft, weil niemand von den damaligen Journalisten je bei Bocuse gegessen hatte. Und von Stund an schrieben sie alle voneinander ab, und ich bin sicher, dass noch in seinen Nachrufen (mögen sie noch lange auf sich warten lassen!) vom Erfinder der Nouvelle Cuisine die Rede sein wird.“

Die Schlagzeile der Woche hat Peter Glaser auf Facebook gepostet: „Frau in Sumo-Ringer-Kostüm attackiert ihren Ex-Freund in einer Schwulen-Bar, nachdem Sie einem als Snickers-Riegel verkleideten Mann zugewunken hat“

Zum nächsten Toten:

Peter Wyngarde ist ebenfalls gestorben. Anfang der 70er Jahre war er als Hauptdarsteller der Serien „Departement S“ und „Jason King“ ein Superstar, für mich ist er nach wie vor ein außergewöhnlicher Schauspieler. Ich habe ihn – das muss 73 oder 74 gewesen sein – in London auf der Bühne gesehen, als König von Siam in „The King and I“. Wenn ich mich recht entsinne, hat er die Rolle sehr außergewöhnlich interpretiert, im besten Sinne flamboyant. Wie man diesem Nachruf entnehmen kann, war Wyngarde ein außergewöhnlich mutiger Mann. Dass seine Karriere beendet war, als seine Homosexualität öffentlich gemacht wurde, ist eine Schande.

Kulinarischer Wochenhöhepunkt war eine selbstgeklöppelte Fischsuppe mit Aioli nach meinem Standardrezept. So fotogen ist sie mir allerdings vorher noch nie gelungen.

Die Idiotie der Woche las ich im Tagesspiegel: „Nach Belästigungsvorwürfen gegen den US-amerikanischen Modefotografen Bruce Weber haben die Hamburger Deichtorhallen eine für den Herbst geplante Ausstellung abgesagt. ‚Solange die Vorwürfe nicht geklärt sind, kann man so eine Ausstellung nicht machen‘, sagte Pressesprecherin Angelika Leu-Barthel. Intendant Dirk Luckow ergänzte: ‚Jetzt müssen wir abwarten, was an den Vorwürfen dran ist.‘ Weber habe ihm gegenüber seine Unschuld beteuert. ‚An einer Vorverurteilung des Künstlers wollen wir uns nicht beteiligen.'“
Wie meinen? Die Absage einer großen Ausstellung ist KEINE Vorverurteilung?

Was sich all die Menschen auch nicht klar machen, die die Unschuldsvermutung fröhlich in den Wind schlagen und solche Urteile auf bloße Anschuldigungen hin fällen: Wie intrigant und skrupellos Künstler (insbesondere solche mit kleinerer Begabung) sein können.  Wenn das so weitergeht, kommt RICHTIG was auf uns zu. Salieri, anyone?

 

Splitterbrötchen (DLXVIII)

Ich verstehe die Aufregung um die KiKa-Doku „Malvina, Diaa und die Liebe“ nicht. Das Prinzip des Films, die beiden Lebenswelten unkommentiert gegenüber zu stellen, hat doch hervorragend funktioniert. Wer nicht vollkommen bekloppt ist, sieht ein kluges, selbstbewusstes Mädchen, das sich eigene Gedanken macht und sich eben nicht von den Steinzeit-Ansichten ihres Freundes beeinflussen lässt. Wozu braucht es dann noch die fast überall herbeigeforderte „Einordnung“? Von Jugendlichen, die nach dem Anschauen des Beitrags die Türen der Koranschulen einrennen, liest man (natürlich) nichts. Wie so oft: Das Publikum wird für dümmer gehalten als es ist.

Das Schieben von ruhigen Kugeln wird ganz schön anstrengend, wenn man es über einen längeren Zeitraum hin betreibt.

Im Perlentaucher las ich, dass Charlotte Belaich sich in der „Liberation“ zum Aufruf der 100 französischen Frauen, den Männer das „Recht zu belästigen“ (ich würde impuner sinngemäß eher mit „nerven“ oder „zu nahe treten“ übersetzen) äußert und schreibt, dass die „séduction à la française“ in Gefahr sei, und das zurecht:  „Französische Galanterie bestehe darin, die Frau auf ein Podest zu heben und sie zu beschützen, weil man sie als die schwächere ansehe.“ Ach je. Auf die Idee, dass Männer galant sind, weil sie Frauen bewundern, kommt Mme. Belaich anscheinend gar nicht.

Wunderbar, dieser vor Deftigkeit strotzende „Schildkrötenteller“ (Eisbein, Knacker, Boulette, Sauerkohl, Bratkartoffeln), serviert in der „Schildkröte“ (Uhlandstr./Kurfürstendamm), einer unerschütterlich aus dem Zeitstrom herausragenden West-Berliner Gastro-Institution.

Trotzdem, zum kulinarischen Wochenhöhepunkt hat’s nicht gelangt. Das waren…

Mägele in Spätburgunder, nach Meuth/Neuner-Duttenhofer. Boah! Die Brühe, die durch das Kochen der Hähnchenmägen entsteht – und damit die Sauce – hat einen Wumms, der süchtig macht.

Die deutsche Filmkritik ist ziemlich auf den Hund gekommen . Zu dem Schluss muss man kommen, wenn man diese Presseschau zum Golden Globe für Fatih Akin liest.  Aber Akin ist nicht das einzige Opfer fehlgeleiteter Stimmungsmache. Die Kritik, die Andreas Busche zu „Wonder Wheel“, dem neuen Film von Woody Allen, für den Tagesspiegel geschrieben hat, ist schlichtweg infam. Unter anderem heißt es da: „Allen hat in seiner ganzen Karriere noch keine interessante Frauenfigur geschrieben…“>
Herr Busche:
Annie Hall (Der Stadtneurotiker)
Hannah, Holly und Lee (Hannah und ihre Schwestern)
Tina Vitale (Broadway Danny Rose)
Cecilia (The Purple Rose of Cairo)
Marion Post (Eine andere Frau)
Alice Tate (Alice)
Carol LIpton (Manhattan Murder Mystery)
Linda Ash (Geliebte Aphrodite)
Melinda (Melinda und Melinda)
Vicky, Cristina und Maria (Vicky Cristina Barcelona)
Jeanette (Blue Jasmin)
Ich könnte noch ziemlich lange weitermachen. Alle uninteressant? By the way, kennen Sie einen anderen Drehbuchautor/Regisseur, der vergleichbar viele Filme mit weiblichen Hauptrollen geschrieben und gedreht hat?
Und zu den vor 25 Jahren während eines Rosenkriegs aufgetauchten Missbrauchsvorwürfen, mit denen Sie Ihre Kritik beschließen: Warum lassen Sie – und viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen – beharrlich unter den Tisch fallen, dass die Staatsanwaltschaft gegen Allen ermittelt und KEINE Anklage erhoben hat? Warum geben Sie sich für derart plumpe Stimmungsmacherei her?  Und warum tun Sie’s derart dilettantisch?

Im Gegensatz zu Herrn Busche sind in diesem Clip Profis am Werk. Die reine Freude.

 

Splitterbrötchen (DLXVII)

In meiner Filterblase brach sich Freude darüber Bahn, dass Marietta Slomka Alexander Dobrindt im Interview „fertig gemacht“ habe. Ich hab mich zuerst auch gefreut, aber dann hab ich mir das Interview angeschaut.

Irre ich mich oder ist „fertig gemacht“ nicht doch Wunschdenken? Sie stellt die hundertprozentig richtigen Fragen, aber in Verlegenheit bringt sie ihn nicht. Er sieht halt nicht sonderlich intelligent aus, während alles von ihm abperlt.

Der kulinarischen Wochenhöhepunkt war eine unfotografierte Eigenkreaton, Tzaziki-Linsen. Gurke entkernen und fein würfeln, mit griechischem Joghurt, durchgedrücktem Knoblauch, fein gehacktem Dill und gekochten Linsen (Beluga ist optimal, Puy oder einfache Tellerlinsen gehen auch) verrühren. Lauwarm serviert mit einem Stück gebratenem Kabeljau ist das eine sehr feine Vorspeise.

Wenn man sich an Machtmissbrauch im Kulturbereich vor 20+ Jahren abarbeiten möchte, gibt es wesentlich lohnendere Anhriffsziele als einen Exoten wie Wedel, der alle paar Jahre einen Mehrteiler gedreht hat. Wenn man seinen Blick zum Beispiel auf die West-Berliner ZBF richtet, findet man zahllose Beispiele von willkürlich gebrauchter Macht. Hier wurden beinahe täglich fröhlich Karrieren zerstört und verhindert, einfach weil man es konnte. Gottseidank ist diese Zeit vorbei, mich schüttelt’s heute noch, wenn ich mich dran erinnere.

Totale Ratlosigkeit angesichts der zunehmenden Angriffe auf Sanitäter und Feuerwehrleute. Die verquere Logik, Helfer als Repräsentanten einer ungeliebten Staatsmacht zu sehen, erschließt sich mir auch nach langem Nachdenken nicht.

Nu isser achtzig. Nicht zu fassen-

Paolo hat am gleichen Tag Geburtstag, aber ein Jahr mehr als Adriano.

Splitterbrötchen (DLXVI)

„Das war’s mit 2017, da kommt nix mehr“, hatten wir gedacht. Und dann haben die Jungs von der BILD auf den letzten Drücker die Headline des Jahres kreiert. „Bizarrster Sex-Unfall des Jahres: Elektriker erwürgt sich in selbstgebautem Porno-Raumschiff“ ist ein Meisterwerk, das Jahrhunderte überdauern und Historikern zukünftiger Generationen Rätsel aufgeben wird.

Am 28.12. hörte ich ein Kind im Hausflur „Bald ist Nikolausabend da“ singen. Wenn Weihnachtssucht zum Problem wird.

Apropos Weihnachten:

Ernsthaft über die Gründung einer Musikzeitschrift für rückwärts gewandte alte Säcke nachgedacht.

Nichtraucherschutz, Fahrradfahrer und pflanzliche Ernährung – mit diesen drei Themen bringt man beim Tagesspiegel kommentierende Wutbürger verlässlich auf die Palme. Effektiver ist nur die Nennung der Herkunft eines Gewalttäters: damit werden sowohl die reaktionären wie auch die scheinliberalen Teile des Kommentariats aktiviert und die Wiederholung der bereits hunderte Male geschlagenen Schlacht „muss man!“ vs.  „darf man auf keinen Fall!“ initiiert.

Zweitausendeins bietet eine Dave-Brubeck-Sammlung unter dem Titel „Take Five“ auf zehn CDs an. Finde den Fehler.

Noch eine Sensationsheadline, diesmal bei SpOn: „Deutsche Banken horten Milliarden in Tresoren“ Geld in einer Bank – wer hätte das für möglich gehalten?

Auf Auszieh-Tische gehören Wachstuchdecken oder Striptease-Tänzerinnen, je nach Anlass.

Beim Betrachten des Slogans „Fitness First“ total idiotisch einen zum Sportstudio ausgebauten Dachboden assoziiert.

Flibbertigibbet

In den sechziger Jahren verbrachte meine Familie den Sommerurlaub meistens in Bournemouth. Schönes Seebad, toller Park (die „Lower Pleasure Gardens“), herrlicher Strand und zum Hotel musste man nur über die Straße gehen. Und die Eltern kauften mir englische Comics, damit ich Ruhe gab die Sprache lernte. Ich war gern in Bournemouth.

diego_torres / Pixabay

Doch dann kam 1965. In Bournemouth regnete es Strippen, und so beschlossen meine Eltern, mit mir ins Kino zu gehen. In Bournemouth gingen sie gern mit mir ins Kino. In England durte man damals nämlich im Kino rauchen. Welcher Film gezeigt wurde, war ihnen einigermaßen wurscht. Hauptsache, der Film war jugendfrei, so dass ich mit rein durfte und sie eine Weile lang in Ruhe rauchen konnten. Der einzig jugendfreie Film, der 1965 in Bournemouth lief, war „The Sound of Music“.

Ich war damals acht Jahre alt. Ich interessierte mich für Batman und Fußball. Ich interessierte mich definitiv NICHT für singende Nonnen, österreichische Barone, ihre schwer erziehbaren Blagen  etc. pp. Spätestens als diese komischen Nonnen etwas von einer Maria sangen, die ein Flibbertigibbet sei, drehte ich augenrollend ab. Furchtbar. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich in diesem endlose drei Stunden langen Schinken gelangweilt habe.

Ein paar Tage später traf die damals über 70jährige Mrs. S. ein. Meine Eltern hatten Mrs. S. ein paar Jahre zuvor am Strand kennengelernt. Daraus war eine echte Freundschaft entstanden. Mrs. S. war eine stolze, mit knorrigem Humor gesegnete Walliserin, für die das Adjektiv „resolut“ erfunden worden war.

Mrs. S. erzählte nun, dass sie letzte Woche in ihrer Heimatstadt Cardiff mit ihrer Freundin im Kino gewesen sei, und einen ganz fantastischen, herzergreifenden Film gesehen habe, „The Sound of Music“. Der wäre auch was für kleine Jungs wie mich, viele Kinder auf der Leinwand, jede Menge Song and Dance, da hätte ich Spaß. Deshalb würde sie mich und meine Eltern gern ins Kino einladen. „Du sagst nicht, dass wir schon drin waren!“; zischte mein Vater mir zu, der es unhöflich fand, die Einladung auszuschlagen. Und so durfte ich mir die sterbenslangweiligen Umtriebe der trällernden Trapp-Famile ein zweites Mal anschauen. Immerhin wusste ich jetzt, dass die Tortur nach der Stelle mit dem Flibbertigibbet nur noch knapp zweieinhalb Stunden lang dauerte. Immerhin, als das Licht im Kino anging, meine Eltern ihre ZIgaretten ausmachten und Mrs. S. Ihr Taschentuch einpackte, war ich froh, diesen Film nie wieder anschauen zu müssen.

Ich Idiot. Ein paar Tage später kam Mrs. S.s Sohn Lance und seine Frau Margaret nach Bournemouth, um ein paar Tage mit ihr zu verbringen. Und – unglaublich, aber wahr – die kannten „The Sound of Music“ noch nicht. „You MUST see this movie!“, rief Mrs. S. „We‘ll go straight away. The boy will accompany us, he adores Julie Andrews…“ Wie? Was? „Ernest?1 Did Christopher just throw me a dirty look?“ – „No! No! He… he always looks a little peculiar when he‘s looking forward to something… Benimm dich, um Himmelswillen!“

Zu meinem eigenen Erstaunen hätte ich das Lied mit dem Flibberdigibbet tatsächlich mitsingen könne. Was ich natürlich nicht tat, sonst wäre Mrs. S. vielleicht auf die Idee gekommen, mit mir täglich in diesen schrecklichen Film zu gehen. Aber das Sound-of-Music-Maß war nach dem dritten Durchgang noch nicht voll. Als nämlich meine Schwester nachkam, um die letzte Urlaubswoche mit uns zu verbringen, erzählte sie Mrs. S. arglos, dass sie „Sound of Music noch nicht kannte. Noch bevor ich sie ein „dummes Flibbertigibbet“ nennen konnte, saß ich mit ihr und Mrs. S. schon wieder im Kino… Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, als die Ferien zu Ende gingen.

12 Stunden Sound of Music können den stärksten Mann aus den Socken hauen, und einen kleinen Jungen erst recht. Trotzdem habe ich diesen Sommer ohne weitere Nachwirkungen überstanden. Ein paar Jahre später habe ich sogar die Kraft gefunden, einmal nachzuschlagen, was „Flibbertigibbet“ eigentlich heißt. Man hat die Wahl zwischen dem freundlichen „Irrwisch“ und dem ehrlichen „alberne Person, die zuviel redet“. Tja, da fällt die Wahl nicht schwer. Übrigens hat dieses Wort sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Mittlerweile habe ich nichts mehr gegen den Film. Im Gegenteil, ich besitze sogar eine DVD, die ich anschaue, wenn ich betrunken oder sentimental oder beides bin. Dann geht die Post ab. »The Hiiiiiiiiiills are alive…«

Am 3. Januar 2018 um 14 Uhr läuft der Film wieder auf arte.

  1. Mein Vater hieß Ernst.

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